Die sechs Phasen der GenesungPatrick Carnes
1. Sarah hatte im ersten Jahr Sex mit vier Männern aus ihrer AA-Gruppe1, die alle miteinander befreundet waren und sich öfter unterhielten. Eines Abends kam es schließlich dazu, dass sie mit allen vieren in einer alkoholfreien Bar an einem Tisch zusammensaß. Einer von ihnen fragte sie, wen sie sich denn für diese Nacht auserkoren habe. Sie schämte sich sehr, und es tat ihr weh, diese Beziehungen zu verlieren. Am nächsten Tag beschlossen die Männer im AA-Club, nachmittags an den Strand zu fahren. Sie wäre auch gern mitgekommen, aber sie gingen ohne sie. Als sie losfuhren, brach Sarah zusammen. Eine Frau, die sie kaum kannte, fragte sie, ob sie mit ihr Essen gehen würde. Sie schüttete dieser Fremden ihr Herz aus. Sie erzählte uns: „Ich kehrte mein Innerstes nach außen, und sie machte mich mit der Botschaft der Anonymen Sexsüchtigen bekannt. Bereits in der nächsten Woche besuchte ich mit dem verzweifelten Wunsch nach Genesung ein Treffen.“
2. Johanns Frau war es leid, dass ihr Mann überhaupt kein Interesse mehr an Sex hatte, und sie bestand darauf, dass er einen Arzt aufsuchte. Er ging hin, obwohl er bereits wusste, wo sein Problem lag. Er masturbierte so häufig und beschäftigte sich so exzessiv mit Pornographie, dass er für seine Frau keine sexueIle Energie mehr hatte. Während der Untersuchung gab Johann zu, dass er völlig abhängig von Pornos war. Da er keine körperlichen Gründe für seine Impotenz fand, drängte sein Arzt ihn freundlich, einen Therapeuten aufzusuchen und einer Gruppe für Anonyme Sexsüchtige beizutreten. In der folgenden Woche ging er zu seinem ersten Treffen.
3. Fred saß im Wohnzimmer des kleinen Appartements, das er gemietet hatte, nachdem er seine Frau verlassen hatte. Seine Sexualität, vor allem sein Besuch bei Prostituierten, war völlig außer Kontrolle geraten. Er betrachtete ein modernes Kunstwerk an der Wand, schwarz-weiße Formen, die auf die Mitte zustrudelten. Er erzählte uns: „Mein Leben war wie dieses Gemälde, alles strebte auf die schwarze Mitte zu. Ich kann mich erinnern, dass ich sagte, wenn ich mich nicht verändere, werde ich umkommen.“ Er suchte eine Beratungsstelle auf. Einer der Berater dort half ihm, sich klar zu machen, welche allgemeinen Gefahren mit seiner Art Sexualität verbunden waren und empfahl ihn weiter an die Anonymen Sex- und Liebessüchtigen. Er erinnert sich, wie er bei seinem ersten Treffen den Raum betrat und die Herzlichkeit, das freundliche Gelächter und die Anteilnahme spürte. Er sagte: „Da wusste ich, dass ich zu Hause war.“
4. Michael verlor durch sein sexueIles Verhalten am Arbeitsplatz Kunden, geschäftliche Chancen und letzten Endes sehr viel Geld. Was ihm aber wirklich wehtat, war, dass er sich seinen Töchtern sexueIl näherte. Selbst Inzestopfer, musste er feststellen, dass er seinen Kindern das gleiche antat, was seine Eltern ihm angetan hatten. Sein Augenblick der Wahrheit kam, als ein Polizist ihn anrief, um ihm zu sagen, dass er wegen sexueIler Belästigung angeklagt würde, dass er mit einem Rechtsanwalt sprechen müsse und seine Tochter nicht eher zurückkommen könne, bis er aus dem Haus war. Er erzählte uns: „Ich verspürte fast so etwas wie Erleichterung, als er Anruf kam. Er nahm mir die Verantwortung ab, wegen meiner Belästigungen und meiner Sucht selbst aktiv zu werden.“
5. Für einen Süchtigen sah die Stunde der Wahrheit so aus, dass er eines Tages einfach nur im Bett lag und erkannte, dass er so nicht weitermachen wollte. Der andere wurde morgens um halb sieben von seiner Frau geweckt und gebeten, ins Wohnzimmer zu kommen. Dort traf er auf seinen Chef, den Pfarrer, zwei Freunde, seine erwachsenen Kinder und einen Sozialarbeiter. Zuerst war er wütend, dass sie über sein sexuelles Verhalten sprachen. Gegen acht Uhr wurde ihm klar, wie viel Wahrheit und Anteilnahme ihre Worte enthielten. Um zehn Uhr befand er sich bereits im Krankenhaus, um an einem Behandlungsprogramm teilzunehmen.
Jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen, aber alle kommen an den Punkt, wo sie aufgeben. Ihr Problem hat solche Ausmaße angenommen, dass sie es nicht bewältigen können. Sie haben keinen Einfluss darauf, sondern sind machtlos. Und trotzdem haben Süchtige den Mythos, die Kontrolle zu haben und mit der Situation umgehen zu können, sehr tief verinnerlicht. Süchtige haben ein Gefühl von Unverletzlichkeit; sie glauben, ihnen könne nichts passieren. In ihrer Sucht gehen sie über Grenzen hinweg, die andere Menschen beachten müssen, gehen Risiken ein, die andere nicht eingehen können, und leben so auf Messers Schneide. Eine bezeichnende Metapher dafür findet sich in Tom Wolfes Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Sherman McCoy, eine der Hauptfiguren, betrachtet sich als „Master of the Universe“:
„Die Welt stand kopf. Was machte er, ein Master of the Universe, hier unten auf dem Fußboden, dazu gezwungen, sein Hirn nach Notlügen zu durchwühlen, um der sanften Logik seiner Frau auszuweichen? Die Masters of the Universe waren finstere, raubgierige Plastikpuppen, mit denen seine ansonsten vollkommen untadelige Tochter so gern spielte. Sie sahen aus wie nordische Götter, die Gewichte stemmen, und sie hatten Namen wie Drakon, Ahor, Mangelred und Blutong. Sie waren ungewöhnlich vulgär, selbst für Plastikspielzeug. Doch eines schönen Tages, nachdem er zum Telefon gegriffen und eine Order über Zero-Bonds angenommen hatte, die ihm eine Provision von 50.000 Dollar einbrachte, war ihm in einem Anfall von Euphorie, einfach so, eben diese Bezeichnung in den Sinn gekommen. In der Wall Street waren er und noch ein paar andere – wie viele? dreihundert, vierhundert, fünfhundert? – genau das geworden: Masters of the Universe, Herren des Universums. Sie kannten... keine wie auch immer gearteten Beschränkungen. Natürlich hatte er diesen Ausdruck nie einer lebenden Seele auch nur zugeflüstert. Er war doch kein Narr! Dennoch bekam er ihn nicht aus dem Kopf. Und hier lag nun der Master of the Universe mit einem Hund auf dem Fußboden und war durch Sanftheit, Schuldgefühle und Logik gelähmt... Warum konnte er (da er doch Master of the Universe war) ihr das nicht einfach erklären? Sieh mal, Judy, ich liebe dich noch immer, ich liebe unsere Tochter, und unser Heim, und ich liebe unser Leben, und ich will an nichts etwas ändern – es ist nur, dass ich, ein Master of the Universe, ein junger Mann, noch in den Jahren sich steigernder Lebenskraft, ab und zu mehr als das verdiene, wenn es mich überkommt.“2
Text als PDF-Datei.
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