Editorial über Jugendliche und Homosexualität und Zeitgeist

Sehr geehrte, liebe Freunde,

Gerade wurde der aktuelle Halbjahresbericht des Robert Koch Instituts in Berlin zur Entwicklung der HIV-Neuinfektionen in der Bundesrepubik vorgelegt.1 Die Zahlen sind steigend und nach wie vor haben Männer, die Sex mit Männern haben, das größte Risiko, sich mit dem tödlichen HIV-Virus anzustecken. Die öffentliche Antwort heißt: Mehr Aids-Aufklärung und mehr Forderungen an den Einzelnen, die Safer-Sex-Regeln genau einzuhalten.
Als Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft bedauern wir, daß es in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland nicht gelungen ist, Betroffenen daneben auch Alternativen zum Umgang mit der eigenen Homosexualität anzubieten. Zumindest auf breiterer Basis ist dies nicht gelungen – obwohl es durchaus langjährige Erfahrungen mit Alternativen gibt. In den USA  z.B. gibt es wachsende Selbsthilfegruppen wie die christliche Organisation „Exodus“ und die jüdische Organisation „Jonah“ sowie andere Organisationen (siehe www.pathinfo.org). Auch in der Bundesrepublik gibt es die wachsende Selbsthilfearbeit „wuestenstrom e.V.“. Aber in den USA gibt es daneben auch eine wachsende Therapeutengruppe, die NARTH-Vereinigung. Allen gemeinsam ist das Ziel, betroffene Menschen, die Wege aus der Homosexualität heraus suchen, zu begleiten und ihnen beizustehen.
Nach wie vor erhalten wir im Institut zahlreiche Anrufe und Briefe etwa folgenden Inhalts:
Ich habe homosexuelle Neigungen, möchte aber nicht so leben. Mein Ideal ist eine monogame Ehe mit einem gegengeschlechtlichen Partner oder ein befriedetes abstinentes Leben. Gibt es gezielt Möglichkeiten der Verringerung meiner homosexuellen Empfindungen, unter denen ich leide? Verschiedene Therapeuten haben mir gesagt, daß ich die Homosexualität als mein Schicksal annehmen muß. Das möchte ich aber nicht.

Wie helfen wir diesen Menschen?
Die wissenschaftliche Forschung zeigt: Homosexualität ist nicht einfach angeboren. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, daß eine homosexuelle Neigung in einem komplizierten Entwicklungsprozeß erworben wird und daß frühkindliche emotionale Verwundungen, die zu einer Verunsicherung des Kindes in seiner geschlechtlichen Identität führen, eine entscheidende Rolle dabei spielen. Homosexuelle Gefühle zu haben, heißt noch nicht, daß man eine „homosexuelle Identität“ annehmen und homosexuell leben muß. Eine „homosexuelle Identität“ für sich anzunehmen ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, mit homosexuellen Gefühlen umzugehen. Es gibt ganz andere Möglichkeiten, die denjenigen, die das anstreben, oft die Chance für eine heterosexuelle Weiterentwicklung und das Eingehen einer Ehe ermöglichen.

Im Aufsatz von Joseph Nicolosi, Ph.D. und seiner Frau Linda Ames Nicolosi: Herausforderung Adoleszenz geht es um die Frage, wie ein solcher Weg der Veränderung für Jugendliche aussehen kann. Anschaulich zeigen die Autoren auf, welche Schritte Jugendliche gehen können, um ihre homosexuellen Sehnsüchte möglichst zu verringern. Der Therapeut Joseph Nicolosi, Präsident der Therapeutenvereinigung NARTH, hat sich seit vielen Jahren auf das Thema männliche Homosexualität spezialisiert. In seiner Praxis in Los Angeles sieht er mit seinem Therapeutenteam wöchentlich etwa 150 Männer, die sich eine Verringerung ihrer homosexuellen Neigungen und Entwicklung heterosexueller Potentiale wünschen. Zunehmend, so schreibt Nicolosi, kommen zu ihm auch immer jüngere Teenager in die Beratung.

Wenn es in öffentlichen Diskussionen um das Thema Jugendliche und Homosexualität geht, wird zur Zeit fast immer auf die höhere Rate an Suizidversuchen bei Jugendlichen, die sich als homosexuell oder bisexuell bezeichnen, verwiesen. Schuld daran, so heißt es dann meist, sei die „Diskriminerung“ durch die Gesellschaft und nur ein Ende der „Diskriminierung“ könne Abhilfe schaffen.
Daß in Wirklichkeit die Datenlage der vorliegenden Forschung auf wesentlich komplexere Zusammenhänge und auf andere, tiefere Ursachen weist, zeigt die kurze Analyse zweier neuer Studien, die in dem Aufsatz Homosexuell empfindende Jugendliche und die Frage nach den Suizidversuchen zusammengefaßt sind.

Im letzten Aufsatz dieses Heftes Die paganistische Revolution geht es um die zentrale Frage: „Wie konnte es kommen, daß unsere Kultur die von uns allen so lange geteilte Überzeugung, homosexuelles Verhalten sei nicht erstrebenswert, aufgegeben hat?“ Der jüdische Autor, Arzt und Psychotherapeut Jeffrey Satinover M.D. sieht die Ursachen in geistigen und geistlichen Entwicklungen: in einer zunehmenden Abkehr unserer Kultur vom „jüdisch-christlichen Monotheismus“ mit seiner Forderung nach einer absoluten Ethik und hin – oder vielmehr zurück – zum moralischen Relativismus des alten Paganismus2 mit seinen gnostischen Lehren. Satinover’s Aufsatz ist eine scharfsinnige und tiefgehende Analyse unserer Zeit.

Wie immer freuen wir uns auf Ihre Rückmeldungen!

Mit herzlichen Grüßen
Ihre

Dr. Christl Ruth Vonholdt
(abgeschlossen am 14.10.2005)

 

Anmerkungen:

1 Halbjahresbericht zum 1.9.2005, www.rki.de.
Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT faßt die neuen Daten folgendermaßen zusammen: „Demnach haben sich in den ersten sechs Monaten dieses Jahres zwanzig Prozent mehr Menschen mit HIV angesteckt als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. In absoluten Zahlen sind das 1164 Neuinfektionen, von denen knapp 80 Prozent Männer, und nahezu 60 Prozent Schwule sind. Das Infektionsrisiko für homosexuelle Männer ist damit doppelt so groß wie vor vier Jahren und so hoch, wie seit zwölf Jahren nicht mehr.“ Auch bei heterosexuell lebenden Menschen steigen die HIV-Infektionsraten. Allerdings spielt hier auch die Ansteckung in den sog. Hochprävalenzgebieten (Afrika südlich der Sahara und Südostasien) eine Rolle. Ein Teil der durch heterosexuellen Kontakt entstandenen Infektionen bei Frauen geht auch auf das Verhalten bisexuell lebender Männer zurück. DIE ZEIT schreibt mit Bezugnahme auf den Experten Ulrich Marcus aus dem Robert Koch Institut dazu: „Die Zunahme der HIV-Infektionen bei Heterosexuellen sei aber vielleicht auch durch ein ’Überschwappen’ aus der Gruppe der Schwulen zu erklären, und zwar über Männer, die bisexuell sind und das Virus dann an ihre weiblichen Partner weitergeben.“ Zinkant, K., et al., Verdrängen geht nicht mehr, DIE ZEIT, 8.10.2005 www.zeit.de/online/2005/41/aids_zahlen.
In der Pressemeldung einer Homosexuellenorganisation heißt es zum selben Thema: „Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum kann von einer Zunahme der HIV-Erstdiagnosen von 20% ausgegangen werden. Am stärksten steigen die Zahlen bei Männern, die Sex mit Männern haben (…). Vergleicht man die aktuellen Zahlen mit dem Halbjahresbericht von 2001, so läßt sich in dieser Teilgruppe sogar ein Anstieg von 80% feststellen. Auch andere sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis sind deutlich auf dem Vormarsch.“ Pressemitteilung der „Berliner Schwusos“, Müllerstr. 163, 13353 Berlin, vom 6.Oktober 2005. 

2 Paganismus: Heidentum, heidnische Anschauungen.

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

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