Editorial über Leib, Geschlecht, Identität

Sehr geehrte, liebe Freunde,

Leib, Geschlecht, Identität – um diese Themen geht es im aktuellen Heft.
Eine Geschlechtsidentitätsstörung (Transsexualität, Geschlechtsdysphorie) gilt als psychische Störung.1 Die betroffenen Menschen haben ein biologisch gesundes Geschlecht mit gesunden Geschlechtsmerkmalen, erleben subjektiv aber ein „anhaltendes und starkes Unbehagen“ über ihr Geschlecht, haben ein „Gefühl der Nichtzugehörigkeit“ zu ihrem Geschlecht und äußern häufig den Wunsch oder beteuern, zum anderen Geschlecht zu gehören. Eine Geschlechtsidentitätsstörung zeigt sich häufig sehr früh, lange vor der Pubertät.2

Im Zuge der Verbreitung und Akzeptanz der Gender-Ideologie wird nun mehr und mehr in Frage gestellt, ob Transsexualität eine Störung sei oder lediglich Ausdruck einer normalen, grundsätzlichen „Geschlechtsfluidität“3 des Menschen, die das allgemeine „Recht“, sein Geschlecht selbst zu wählen, nach sich ziehe.

Dazu aktuelle Nachrichten:
Seit Juni 2016 dürfen in Norwegen Jugendliche ab 16 Jahren ihr Geschlecht selbst bestimmen – ob sie ein Mädchen oder ein Junge sein wollen – und entsprechende Änderungen in ihren amtlichen Papieren veranlassen. Kinder, die zwischen 6 und 15 Jahren alt sind, können das tun, wenn ihre Eltern dem zustimmen. Die Aktivistengruppe ILGA Europa meinte, das Gesetz sei ein wichtiger Schritt zu mehr „Selbstbestimmung“ für jeden. Es gehe aber nicht weit genug, da es noch Altersgrenzen festlege und keine Möglichkeiten für diejenigen einräume, die „zwischen den Geschlechtern“ und jenseits der Kategorien Mädchen / Junge oder Frau / Mann leben möchten.4

2015 verabschiedete der Europarat eine Resolution, in der das „Recht aller Personen“, ihr Geschlecht selbst zu wählen, betont wird. Es sei diskriminierend, bei Transsexualität und Transgender noch von Krankheit zu sprechen. Unabhängig vom Alter müsse jeder „schnell“ und „einfach“ seinen Namen und seine Geschlechtszugehörigkeit in seinen Papieren, auch in der Geburtsurkunde, ändern können. Zudem müsse eine Möglichkeit für den Eintrag eines „dritten Geschlechts“ geschaffen werden. Über „transphobe Intoleranz“ müsse gewacht werden.5

In Kanada wurde einem Vater, der sich weigerte, seine 11-jährige Tochter mit Jungennamen anzureden, dies per Gerichtsbeschluss auferlegt. Mit Erlaubnis des Gerichts darf das Kind den Pubertäts-blocker Lupron 6 weiter bekommen, der die Pubertätsentwicklung stoppt und den Körper auf die Gabe von gegengeschlechtlichen Hormonen vorbereitet.7

Auch in Deutschland gibt es Vorschläge, die Hürden für eine Geschlechtsänderung in den Ausweispapieren (männlich oder weiblich) deutlich zu senken. Das Recht, seine Geschlechtszugehörigkeit selbst zu wählen, gehöre zu den „Bürgerrechten“ und „Selbstbestimmungsrechten“ betroffener Menschen und stehe zudem im Einklang mit „gender-theoretischen Argumenten“. Mit bestimmten Einschränkungen könne die vorgeschlagene neue Regelung auch für Kinder unter 14 Jahren gelten.8

Gibt es ein „Recht“, sein Geschlecht selbst zu wählen? Kann das von der Empfängnis an gegebene und in jede einzelne Körperzelle des Menschen eingravierte Geschlecht, männlich oder weiblich, überhaupt „geändert“ werden? Dieses Geschlecht ist ja nicht nur ein „biologisches“ Geschlecht, das vom „sozialen Geschlecht“ überschrieben werden könnte. Vielmehr ist der Mensch vom allerersten Anfang an eine bio-psycho-soziale und spirituelle Einheit, die allerdings tief verletzt werden kann.

Paul McHugh, Professor für Psychiatrie und früherer Leiter der Gender-Klinik an der Johns Hopkins Universität / USA, ist der Auffassung: „Eine ‚Geschlechtsänderung‘ ist biologisch unmöglich. Zu behaupten, dass es dabei um ein Bürgerrecht geht, und chirurgische Interventionen zu unterstützen, bedeutet in Wirklichkeit, mit einer psychischen Störung zu kollaborieren und sie zu fördern.“ 9

Was bedeutet es für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsidentitätsstörung (Geschlechtsdysphorie), ihr Geschlecht „ändern“ zu lassen? Michelle A. Cretella, MD, FCP, Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Präsidentin des „American College of Pediatricians“, geht dem in ihrem Artikel Geschlechtsdysphorie bei Kindern und die Unterdrückung einer Debatte nach. Sie setzt sich mit einem neuen medizinischen Behandlungsprotokoll auseinander, das mehr und mehr – auch in Deutschland – zur Standardbehandlung bei Geschlechtsidentitätsstörung im Kindesalter zu werden scheint: Medikamen-töse Pubertätsblocker (Spritzen) ab 11 Jahren und gegengeschlechtliche Hormone ab 16 Jahren. In unserer Einführung zum Artikel geht es auch um die Frage, ob eine Geschlechtsidentitätsstörung angeboren ist.

Im zweiten Artikel Transsexualität gibt der selbst betroffene Autor Walt Heyer einen Einblick in den aktuellen Stand der Forschung zu Depressivität und Selbstmordraten transsexuell empfindender Menschen nach ihren „geschlechtsumwandelnden“ Operationen. Eine umfangreiche Langzeitstudie aus Schweden zeigt, dass – ab etwa dem zehnten Jahr nach den Operationen – die Selbstmordrate von operierten transsexuellen Personen auf das Zwanzigfache im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung steigt! Dem Artikel haben wir einen kurzen Überblick über das bewegte Leben von Walt Heyer vorangestellt.

Die Forscher und Geschlechtsidentitäts-Experten Kenneth Zucker und Susan Bradley (Toronto) sind aufgrund ihrer langjährigen klinisch-therapeutischen Erfahrung der Auffassung, dass eine Wurzel für das Entstehen einer Geschlechtsidentitätsstörung in einer frühen, tiefen Bindungs-Störung zwischen Mutter und Kind liegen kann.10 Mit ihren psychotherapeu-tischen Maßnahmen bei präpubertären Kindern hatten sie Erfolg: „Unsere Erfahrung zeigt, dass zahlreiche Kinder und ihre Familien sich erheblich verändern können. In diesen Fällen ist die Geschlechtsidentitätsstörung vollständig verschwunden.“ 11

In der ersten Beziehung und Bindung an seine Mutter (auch schon vorgeburtlich) entsteht beim Kind das grundlegende Gefühl für sein Selbst. Selbstentwicklung geschieht immer auch in Beziehung. Der führende Bindungs- und Hirnforscher Allan N. Schore meint, dass „Bindungsdynamiken zwischen Mutter und Baby“ ein Grund dafür sein können, dass ein Kind sein Geschlecht nicht annehmen kann.12 Noch 2008 wurden im „Deutschen Ärzteblatt“ auf verschiedene, frühe traumatische Erfahrungen des Kindes, insbesondere auch auf eine „tiefgreifende Störung der Mutter-Kind-Beziehung“ als mögliche Faktoren für die Entstehung einer Geschlechtsidentitätsstörung hingewiesen.13

Immer weniger, so sieht es aber aus, wird in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation zu möglichen verborgenen psychischen Ursachen für das Entstehen einer Geschlechtsidentitätsstörung
geforscht. Die unerbittlichen Forderungen Betroffener und die Tatsache, dass es medizinische Möglichkeiten zur ersehnten „Geschlechtsumwandlung“ gibt, kommen dem Primat der „Machbarkeit“ in unserer Gesellschaft entgegen.

Und noch etwas, die Macht der Political Correctness: Kenneth Zucker, ein liberaler Denker, ist überzeugt, dass es für ein Kind das Beste ist, wenn man es darin unterstützt, sein biologisches Geschlecht anzunehmen. Weil seine Auffassung und sein therapeutischer Ansatz aber heute in der „Transgender Community“ „umstritten“ sind, wurde seine Arbeit „überprüft“ – und Zucker verlor Ende 2015 seinen Posten als Direktor der „Child Youth and Family Gender Identity Clinic“ in Toronto.14

Um das Thema frühe Bindung geht es im dritten Beitrag Das fehlende „Zuhause“ – Bindung und Selbst. Er ist ein Auszug aus dem Buch „The Heart of Female Same-Sex Attraction“.15 Die Autorin und Therapeutin Janelle Hallman, PhD, LPC, berichtet darin fundiert und differenziert über ihre langjährigen Erfahrungen mit Frauen, die an ungewünschter gleichgeschlechtlicher Anziehung leiden. Im hier abgedruckten Ausschnitt geht es um Bindungsproblematiken des kleinen Mädchens in seiner
ersten Beziehung zur Mutter – Themen, die in der Arbeit von Janelle Hallman mit ihren Klientinnen durchweg eine zentrale Rolle spielten. Über das spezielle Thema hinaus gibt der Text einen sehr guten Einblick in allgemeine Aspekte der frühen psychischen Entwicklung des Mädchens.

Die beiden letzten Artikel Gender Revolution – Eine kritische Analyse und Praktische Überlegungen und Perspektiven der Hoffnung stammen aus der Feder der belgischen Journalistin, Philosophin und  Kulturforscherin Marguerite A. Peeters. Sie sind ihrem Buch „Le Gender, une norme mondiale?“16 entnommen, in dem sich die Autorin aus historischer, politischer und nicht zuletzt anthropologisch-philosophischer Perspektive engagiert und tiefgründig mit der Gender-Ideologie auseinandersetzt. Auch diesen Texten geht eine editorische Einführung voraus.

Mit herzlichen Grüßen
  
Dr. Christl Ruth Vonholdt
(abgeschlossen am 12.8.2016)

Anmerkungen

1    Diagnoseliste psychischer Störungen ICD 10 F64: „Störungen der Geschlechtsidentität“. www.icd-code.de/icd/code/F64.2.html

2    Die „Geschlechtsidentitätsstörung im Kindesalter“ laut ICD 10: „Diese Störung zeigt sich während der frühen Kindheit, immer lange vor der Pubertät. Sie ist durch ein anhaltendes und starkes Unbehagen über das zugefallene Geschlecht gekennzeichnet, zusammen mit dem Wunsch oder der ständigen Beteuerung, zum anderen Geschlecht zu gehören. Es besteht eine andauernde Beschäftigung mit der Kleidung oder den Aktivitäten des anderen Geschlechtes und eine Ablehnung des eigenen Geschlechtes. Die Diagnose erfordert eine tief greifende Störung der normalen Geschlechtsidentität; eine bloße Knabenhaftigkeit bei Mädchen und ein mädchenhaftes Verhalten bei Jungen sind nicht ausreichend. Geschlechtsidentitätsstörungen bei Personen, welche die Pubertät erreicht haben oder gerade erreichen, sind nicht hier, sondern unter F66 zu klassifizieren.“
www.icd-code.de/icd/code/F64.2.html

3    „Gender Fluidität ist die Fähigkeit, frei und bewusst ein Geschlecht (Gender) oder eine grenzenlose Anzahl von Geschlechtern für sich zu wählen … Die Fluidität von Gender erkennt weder Grenzen noch Regeln an.“ Kate Bornstein, 1994.

4    Siehe: www.ilga-europe.org/resources/news/latest-news/norway-introduces-self-determination.  Zugriff 1.8.2016

5    “Discrimination against transgender people in Europe”, Zugriff 1.8.2016. Als „transphob“ gilt laut LGBT-Aktivisten die Auffassung, Transsexualität sei eine psychische Krankheit, ebenso wie die Auffassung, Kinder und Jugendliche könnten noch nicht selbst über ihr Geschlecht und ihre Geschlechtszugehörigkeit entscheiden.

6    Lupron: Leuprorelin.

7    “Court orders dad to start treating his 11-year-old daughter as boy.” 6.5.2016, Zugriff 1.8.2016

8    Siehe: Meyenburg, B. et al., „Begutachtung nach dem Transsexuellengesetz“. Zeitschrift für Sexualforschung, 2015, 28, S. 107-120.

9    McHugh, P., “Transgender Surgery Isn’t the Solution.” Zugriff 1.8.2016
    Paul McHugh leitete das erste medizinische Zentrum in den USA, in dem „geschlechtsumwandelnde“ Operationen angeboten wurden. Aufgrund der Ergebnisse einer von ihm veranlassten Nachsorgestudie wurden die Operationen gestoppt.

10    Zucker, K., Bradley, S., Gender Identity Disorders in Children and Adolescents. New York 1995.
    Siehe auch das DIJG-Supplement „Transsexualität“, Herbst 2013, zu bestellen über Publikation auf dieser Website.

11    Zucker, K., et al., ebd., S. 282.

12    Schore, A. N., “We understand failure at gender acquisition to be rooted in the attachment dynamic between the mother and baby.” Zitiert nach Nicolosi, J., Shame and Attachment Loss, 2008, S. 63. Deutsche Übersetzung: Scham und Bindungsverlust. Reparativtherapie in der Praxis, S. 48 [pdf]

13    Korte, A. et al., Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindes- und Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt 105, 48, 2008, S. 834-841. In dem Artikel wird auch auf andere frühe psychodynamische Prozesse als mögliche Einflussfaktoren für die Entwicklung einer Geschlechtsdysphorie hingewiesen.

14    https://en.wikipedia.org/wiki/Kenneth_Zucker. Zugriff 1.8.2016

15    Hallman, J., The Heart of female Same-sex Attraction. Downers Grove 2008.

16    Peeters, M., Le Gender, une norme mondiale? (engl.: The Gender Revolution, a global agenda) Hrsg. vom Institute for Intercultural Dialogue Dynamics, Brüssel, 2013. www.dialoguedynamics.com

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

    Alle Artikel von Christl Ruth Vonholdt

Kostenfreies Abonnement

Die Texte dieser Website sind fast alle in unserer Zeitschrift: „Bulletin. Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“ erschienen. Das Magazin schicken wir Ihnen gerne im kostenfreien Abonnement zu. Das Bulletin erscheint in der Regel ein- bis zweimal im Jahr.

Hier können Sie das Bulletin abonnieren »

Kostenloses E-Book

E-Book über trauma-therapeutisch orientieren Ansatz: Frühe, das Kern- und das männliche Selbst betreffende, emotionale Wunden führen zu Bindungsverletzungen und bahnen den Weg für eine homosexuelle Entwicklung.
E-Book: Scham & Bindungsverlust

Scham und Bindungsverlust. Die Reparativtherapie in der Praxis

Spenden

Unsere Dienste finanzieren sich fast ausschließlich durch Spenden. Mit Ihrem Beitrag helfen Sie uns, unseren Auftrag in Kirche und Gesellschaft auch weiterhin wahrzunehmen. Herzlichen Dank, dass Sie mit uns teilen!

Mit PayPal spenden »
Zur Bankverbindung »