Editorial über Geschlechterdifferenz und Gerechtigkeit

Sehr geehrte, liebe Freunde

Im Jahr 2000 hat sich die Bundes­regierung auf „Gender Mainstreaming“ als „durchgängiges Leitprinzip“ ihrer „politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen“1 festgelegt. Bei aller Vielschichtigkeit des Begriffs: Gender Mainstreaming ist letztlich als politisches Instrument zur Umsetzung der Gender-Theorien in unserer Gesellschaft implementiert worden.2

Einige zentrale Thesen und Ziele der Gender-Theorien seien hier deshalb kurz zusammengefasst:3

  • Biologisches und soziales Geschlecht (Gender) sind nicht gegeben, sondern sozial konstruiert und können jederzeit dekonstruiert werden.
  • Geschlecht als einmalige Verwiesenheit von Mann und Frau aufeinander muss bedeutungslos gemacht werden. Nur so kann Gleichheit von Mann und Frau sowie der Gleichheit verschiedener sexueller Lebensformen erreicht werden.
  • Geschlechtsabhängige Verhaltensweisen sind lediglich erlernt. Speziell weibliche oder männliche Begabungen müssen als „Geschlechterstereotype“ bekämpft4 und möglichst abgeschafft werden.
  • Mutterschaft als besondere Aufgabe ist ein Hindernis auf dem Weg zur Selbstverwirk­lichung der Frau. Die Bedeutung von Mutterschaft muss deshalb minimiert werden.
  • Der Ehe zwischen Frau und Mann sollte nicht länger ein rechtlicher oder sonstiger Vorzug vor anderen sexuellen Lebensformen (Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität, Polyamory5) gegeben werden.
  • Geschlecht ist eine einzwängende Ord­­nungskategorie und muss abgeschafft werden. Nur so kann von einigen Menschen der „Druck, sich auf ein bestimmtes Geschlecht festlegen zu müssen“6, genommen werden. Damit Menschen frei und autonom leben und sich verwirklichen können, muss es ihnen ermöglicht werden, ihr Geschlecht frei wählen7 und sich auch eine Identität jenseits festgelegter Geschlechter suchen zu können. Verschiedene, wandelbare sexuelle Lebensformen sollten dabei wie eigene Geschlechter behandelt werden.


Auf diese Thesen brauchen wir Antworten. Das vorliegende Heft kann dabei nur einige Thesen aufgreifen und eine andere Richtung aufzeigen; es will zum Nachdenken und zu neuen Fragen anregen.

 

Die Artikel

1. In den Gender-Theorien heißt es: Um Gleichheit und Gerechtigkeit  zwischen Mann und Frau zu erreichen, gilt es, die „duale Geschlechterordnung... zu überwinden.“8 Doch wozu? Ist die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen sinnlos?


Auf diese Frage antwortet der erste Artikel Meta-Anthropologie der Geschlechter des Philosophen und Theologen Peter Henrici. Wenn wir versuchen, die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen abzuschaffen, so Henrici, setzen wir das Wissen des Menschen um seinen Transzendenzbezug aufs Spiel. Gerade durch die Begrenzung, die jede Person durch ihr Geschlecht erlebt, erfährt sie sich als unabdingbar auf den anderen, das andere Geschlecht verwiesen. In diesem unbedingten Verwiesensein erlebt der Mensch eine Doppelspannung, in der er erst seine eigene Identität erkennen kann: unbedingte Bezogenheit zum anderen Geschlecht bei gleichzeitiger Unerreichbarkeit des anderen. Genau das aber, so Henrici, ist für den Menschen die Urerfahrung seiner Transzendenzbezogenheit. Einfach ausgedrückt: Wer dem Menschen seine gegebene Geschlechtlichkeit als Frau oder Mann nehmen will, nimmt ihm einen einzigartigen „natürlichen“ Zugang zu seiner Transzendenzbezogenheit.


2. Die Gleichstellung von Frau und Mann gehört zu den höchsten gesellschaftlichen Zielen unserer Zeit. Gender Mainstreaming versteht darunter Unterschiedslosigkeit und verpflichtende Quotengleichheit für alle Arbeits- und Lebensbereiche. Wenn Frauen nach der Geburt eines Kindes länger zuhause bleiben möchten, um für Familie und Kinder zu sorgen, wird das im aktuellen EU-Fahrplan als „Geschlechter­stereotype“ abgestraft und mit der abschätzi­gen Bemerkung versehen: „Diese Verschwendung von Humankapital kann sich die EU nicht leisten“.9  

In den Gender-Theorien heißt es: Würden Frauen nicht diskriminiert, würden sie dasselbe tun und denken wie die Männer. Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht.10


Der Anthropologe und Psychoanalytiker Melford E. Spiro führte die Langzeitstudie Gender and Culture über Entwicklungen in der israelischen Kibbuzbewegung durch. Zu Anfang seiner Studie, so Spiro, sei er selbst von einigen Thesen der Gender-Theorien ausgegangen, doch seine langjährigen Beobachtungen hätten eine „kopernikanische Wende“ in seinem Denken bewirkt.

Spiro beschreibt die feministische Ideologie der Kibbuzgründer, ihr absolutes Gleichheitsideal von Frau und Mann und warum die nächste Generation, die im Kibbuz geborenen Sabra-Frauen, dieses Gleichheitsideal ablehnten. Die Kibbuzgründer bestanden auf Quotengleichheit, doch die nächste Generation kehrte zu einer auf Geschlecht basierenden „ungleichen“ Arbeitsteilung zurück. Spiro geht der Frage nach, warum für viele Sabra-Frauen Mutterschaft so sinnstiftend war.


In seinem Artikel Gender und Gesellschaft kritisiert Spiro, dass zentrale Thesen der Gender-Theorien nie empirisch überprüft oder verifiziert worden seien und begründet ausführlich, warum seine Studie diese Thesen in Frage stellt. Er setzt sich mit Aussagen von Gender-Feminis­tinnen auseinander, wonach Mutterschaft nur ein kulturell konstruiertes Bedürfnis zur Unterdrückung der Frau ist. Doch die Sabra-Frauen, so Spiros Beobachtungen im Kibbuz, wollten Mutter sein und sich mütterlich-fürsorglich verhalten, nicht weil eine Gesellschaft ihnen das aufzwang, sondern weil sie darin eine „Quelle tiefer Selbsterfüllung“ fanden.


Im anschließenden Artikel Die radikale Reformbewegung der Kibbuzfrauen fasse ich Spiros Studie zusammen. Spiros Beobachtungen und Ergebnisse sind von hoher Bedeutung für unsere heutigen Gesellschaftskonzepte von Ehe und Familie sowie zu der Frage, ob eine Gesellschaft für Geschlechtsrollenunterschiede Raum lassen soll oder nicht. Seine Studie kann nicht alle Fragen beantworten, aber sie fordert heraus.11  

War der Wunsch der Sabra-Frauen, sich wieder intensiv und fürsorglich um Familie und Kinder zu kümmern und dies als vorrangiger zu sehen als ihr Engagement im Beruf nur Ausdruck von „geschlechterstereotypem“ Verhalten? War die Überzeugung der Sabra-Frauen, dass Frauen und Männer zwar unbedingt gleichwertig aber wesensmäßig eben doch verschieden sind, nur Ausdruck eines „falschen Bewussteins“? Welche Auswirkungen kann es für Frauen haben, wenn eine Gesellschaft ihnen einreden will, Gleichheit könne nur verwirklicht werden, wenn alle Geschlechtsrollenunterschiede verschwunden sind?

Die Psychologin Susan Pinker, die in ihrem 2008 erschienenen lesenswerten Buch das geschlechterparadox zu ähnlichen Einsichten wie Spiro kommt, äußerte sich in einem SPIEGEL-Interview: „Die Biologie muss, wenn nicht das Schicksal, so doch zumindest der Ausgangspunkt sein für eine Diskussion über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern“.12


3. Im letzten Artikel Jungen sind anders – Mädchen auch beleuchtet Konstantin Mascher, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im DIJG, die Auswirkungen von genderorientierter Pädagogik auf Kinder und Jugendliche. Er belegt, wie die Gender-Theoretiker eine „Vielgeschlechtlichkeit“ des Menschen im Bewusstsein von Jugendlichen verankern möchten und warum dies die Identitätsentwicklung empfindlich stören kann. Anschließend stellt Mascher ein in der Praxis erprobtes Konzept geschlechter­gerechter Pädagogik vor. Er geht dabei auch auf die Schlüsselfunktion ein, die die konkrete Leiblichkeit für Jugendliche und ihre Identitätsfindung hat.

 

Ausblick

Zwei Begriffe sind zentral für die Gender-Theorien: frei und autonom. Frei kann der Mensch danach nur sein, wenn er sich aller „Zwänge“ von Geschlecht, Biologie und geschlechtsabhängigem Verhalten entledigt. Autonomie bedeutet für die Gender-Theoretiker, unabhängig von allen anderen sich selbst und seine Geschlechtsidentität immer wieder neu erfinden zu können.

Doch in Wirklichkeit ist der Mensch in seiner ihm gegebenen Leiblichkeit verankert. „Unsere Freiheit stützt sich auf die Tatsache, dass wir immer schon in unserem Leib verwurzelt sind, noch bevor wir das Bewusstsein entwickeln, ein freies Subjekt zu sein.“13 Diese Leiblichkeit ermöglicht Beziehung, gibt dem Menschen Sinn und eröffnet Zukunft.

Und in Wirklichkeit ist unsere Gesellschaft auch nicht auf autonomen Individuen aufgebaut, die ihre Geschlechtsidentität jederzeit wechseln können, sondern auf dem sozialen Knoten der Elternschaft, d.h. auf dem gegebenen geschlechtlichen Unterschied von Frau und Mann. Mutterschaft und Vaterschaft sind keine kulturell konstruierten Bedürfnisse, wie die Gender-Theoretiker meinen, sondern panhumane, unabdingbar zum Menschlichen gehörende Dispositionen. In Mutterschaft und Vaterschaft erfährt der Mensch, ähnlich wie es die Sabra-Frauen berichten, dass die Unterscheidung zwischen Mann und Frau unauflöslich ist. Nur wenn der Mensch das respektiert und sich in diese „symbolische Ordnung“14 einfügt, kann er Zukunft haben.


Mit herzlichen Grüßen

Ihre

 

Dr. Christl Ruth Vonholdt


(abgeschlossen am 12.06.2009)

 

Dr. med. Christl Ruth Vonholdt

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien, christliche Anthropologie.

Anmerkungen

1 www.bmfsfj.de/gm/Hintergrund/herkunft.html.

2 Die Gender-Theoretikerin Nina Degele, Professorin für Gender Studies an der Universität Freiburg, bringt es auf den Punkt: Die Gender-Theorien seien zum „durchblicken“ da, Gender Mainstreaming zum politischen „durchsetzen“. Degele, N., Anpassen oder unterminieren: Zum Verhältnis von Gender Mainstreaming und Gender Studies, in: Lüdke, D. et al., Kompetenz und/oder Zuständigkeit, Wiesbaden 2005, S. 81-98. Siehe auch: Zastrow, V., Gender-Mainstreaming - Politische Geschlechtsumwandlung. Leipzig 2006; O‘Leary, D., The Gender Agenda, Vital Issues Press, Lafayette, 1997.

3 Siehe u.a.: Butler, J., Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt 1991, Degele, N., Gender / Queer Studies, Paderborn 2008; Kraß, A., Queer Denken, Frankfurt 2003; Mörth, A., Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit, 2005, repeating.net/texts/da_anitamoerth.pdf; Genderbüro Berlin und GenderForum Berlin, Gender Manifest, 2006 www.gender.de/mainstreaming/GenderManifest01_2006.pdf.

4 Siehe BMFSFJ-Newsletter 30.05.2007.

5 Polyamory: Formen von „Gruppenehe“, siehe: wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument-druck.html. Der Bundesvorstand Grüne Jugend setzt sich u.a. für die Einführung polygamer Lebensgemeinschaften und für eine  „Geschwisterehe“ ein. www.gruene-jugend.de/aktuelles/beschluesse/395818.html.

6 www.transmann.de/informationen/transfaq.shtml#1.

7 Ein Schritt in diese Richtung: Die Partei Die Linke hat am 14.05.2009 im Bundestag ein neues Transsexuellen­gesetz gefordert, wonach (transsexuell empfindende) Menschen nicht nur ihre Geschlechtszugehörigkeit auch ohne vorangegangene Operation frei wählen können, sondern auch die Möglichkeit haben sollen, gleichzeitig männliche und weibliche Vornamen zu haben. www.bundestag.de/aktuell/hib/2009/2009_144/05.html.

8 Gender Manifest, a.a.O., S. 1.

9 Bericht der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäischen Wirtschafts- und Sozial­ausschuss und den Ausschuss der Regionen. Ein Fahr­plan für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2006-2010, siehe: ec.europa.eu/employment_social/news/2006/mar/com06092_roadmap_de.pdf.

10 De Beauvoir, S., Das andere Geschlecht, Berlin 1989.

11 Spiro geht z.B. nur oberflächlich auf die Frage ein, ob die in den Kinderhäusern aufgewachsenen Kinder Bindungsstörungen als Folge der Mutterentbehrung zeigten. Sein Schwerpunkt liegt auf den Müttern und ihrer Entbehrung der Kinder.

12 Die Natur der Macht, SPIEGEL 39/2008,S. 52-60, 54.

13 Boulnois, O., Haben wir eine geschlechtliche Identität?, Communio, Freiburg i.Br. Juli-Aug. 2006, S. 336-353.

14 Wichtige Einsichten hierzu siehe Boulnois, ebd.