Die Gender-Revolution - eine kritische Analyse

Marguerite A. Peeters

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Anmerkung zum Artikel von Marguerite A. Peeters

DIJG

In ihrem neuen Buch „Le Gender, une norme mondiale?“ (2013) 1 setzt sich die belgische Politik- und Kulturforscherin Marguerite A. Peeters mit der Gender-Ideologie auseinander. Sie beschreibt ihre Geschichte, ihr Entstehen im westlichen Kulturkreis und ihre Tendenz, zur einzigen globalen kulturellen und politischen Norm zu werden.

Die Gender-Ideologie, so M. Peeters, ist Teil der Postmoderne, und das beinhaltet schon eine charakteristische Schwierigkeit: Der Begriff Gender wird in der Gender-Ideologie nie definiert. Anders als die früheren Ideologien, die klar umrissene Ideen verkörperten, mit denen man sich auseinandersetzen konnte, entzieht sich der revolutionäre Gender-Prozess bewusst jeder Definition und Festlegung. Sein Ziel ist die beständige „Dekonstruktion“, das beständige Auseinandernehmen dessen, was ist und was in Anlehnung an Karl Marx die „permanente Revolution“ genannt werden kann. Es gibt daher auch kein Ankommen, nur ein immer erneutes Dekonstruieren.2

Auf der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 beispielsweise konnte sich die Gender-Ideologie gerade deshalb durchsetzen, weil der Begriff Gender nicht definiert wurde und viele Frauen-Delegierte aus der Dritten Welt annahmen, dass mit Gender einfach „Mann und Frau“ gemeint sei. Kurz nach der Konferenz legte sich die UNO aber auf den ideologischen Gender-Begriff fest und forderte alle Mitgliedsstaaten auf, sich an die Gender Perspective zu halten.3

Erstes Werkzeug zur Durchsetzung der Gender-Ideologie ist die Sprache: eine bewusst ambivalente, unklare, verschleiernde und verwirrende Sprache. Zahllose Worte wie Freiheit, Gleichheit, Empowerment 4, Ehe, Familie, Geschlecht, die allesamt positive Assoziationen wecken, wurden in der Gender-Ideologie klammheimlich und radikal umgedeutet. Viele Menschen in der Dritten Welt, für die M. Peeters ihr Buch vorrangig geschrieben hat, wissen davon aber nichts. Und wüssten sie es, würden sie vielem wohl nicht zustimmen.5

Ein Beispiel: Heute spricht man häufig von „Empowerment von Kindern“. Das meint nicht nur das Recht auf bessere Bildung, bessere medizinische Versorgung und Ähnliches, sehr Erstrebenswertes
für Kinder weltweit. Es meint in der Gender-Ideologie ebenso das Recht von Kindern und Jugendlichen, ihre sexuelle und geschlechtliche Identität autonom bestimmen und leben zu können. Sollte es dadurch zu Konflikten mit den Eltern kommen, soll der Staat eingreifen, um die Rechte des Kindes durchzusetzen und die Elternrechte einzuschränken.6

Ein zweites Beispiel: Zentraler Begriff in der Gender-Ideologie ist gender equality (Gender-Gleichheit): Damit ist aber nicht die Gleichberechtigung von Mann und Frau gemeint, auch nicht einfach eine rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann.7

Gemeint ist ein Doppeltes: Erstens: eine verpflichtende 50 / 50 Quotengleichheit von Mann und Frau in allen Lebens- und Arbeitsbereichen. Mit anderen Worten: Eine völlige Austauschbarkeit von Mann und Frau.8

Zweitens: Gender equality meint die Gleichheit und Gleichstellung aller Gender, d.h. aller „sozialen Geschlechter“. In der Gender-Ideologie gelten die Lebensstile von u.a. lesbisch, schwul (gay), bisexuell, transsexuell / transgender und queer (LGBTQ) lebenden Menschen als eigene „soziale Geschlechter“. Gender equality meint also die Gleichheit und Gleichstellung aller LGBTQ-Lebensstile, auch das „Recht“, in sämtlichen dieser Lebensstile eine „Ehe für alle“ einzugehen und eine „Familie in allen Formen“ zu gründen. Bei facebook gibt es derzeit 60 verschiedene Gender oder „soziale Geschlechter“.

Marguerite Peeters schreibt dazu: In der Gender-Ideologie wird die grundlegende Identität von Mann und Frau als Personen ebenso dekonstruiert wie ihre Identität, die ihnen erst durch ihr Einander-Gegenüber-Sein zuwächst; ihre Komplementarität; ihre Liebeseinheit; ihre Berufung zu Mutter- und Vaterschaft, zu Ehe und Familie; kurz: die anthropologische Struktur jedes Menschen, der geschaffen ist, „um Liebe zu empfangen, Liebe zu geben und Liebe zu teilen,“ wird dekonstruiert.9 Stattdessen wird ein Avatar konstruiert, eine Kunst-figur, die „befreit“ ist von allem von Natur aus Gegebenem, „radikal unbestimmt, mit dem Recht zu wählen: seine geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung“.10

Deshalb geht es M. Peeters darum, die Begrifflichkeiten unterscheiden zu lernen und sie so auch zu durchschauen: Was ist jeweils mit Gleichheit gemeint? Was ist mit Empowerment gemeint? Was ist mit Familie gemeint? Wo ist die Ausübung von Macht angemessen, wo ist sie zerstörerisch? Wo ist Autonomie legitim, wo verletzt sie die Rechte anderer 11 und vorrangige Verbundenheiten?

Dabei zielt die Autorin auf eine positiv konstruktive Perspektive: „Wir glauben an die Freiheit und die Fähigkeit jeder menschlichen Person, unterscheiden zu können. (…) Wir möchten denjenigen, die aus der ungesunden Ambivalenz der neuen Kultur [der Gender-Ideologie] aussteigen möchten, ein Werkzeug zur Unterscheidung an die Hand geben – um ihre Selbstbestimmung zu fördern. Unser Wunsch ist, dass solche Unterscheidung zu einer konkreten und mutigen Entscheidung führt: jeden Kompromiss aufzugeben und sich in einer Weise zu engagieren, die das Wohl von Mann und Frau gänzlich respektiert, die die menschliche, geistliche und soziale Fruchtbarkeit von Mann und Frau, ihre Entwicklung, ihr Wachstum und ihr Glück voranbringt ebenso wie die Entwicklung ihrer Kulturen mitsamt dem Besten, das darin enthalten ist.” 12

Im Folgenden sind die beiden letzten Kapitel ihres Buches, geringfügig gekürzt, abgedruckt. Sie geben einen Einblick in das reiche Denken von Marguerite A. Peeters und regen an, selber weiterzudenken, wer der Mensch ist, und wie er seine Zukunft menschlicher gestalten kann.

Anmerkungen

1    Peeters, M. A., Le Gender, une norme mondiale? Paris 2013. Englische Ausgabe: The Gender Revolution. 2013.

2    Siehe Peeters, M., ebd. S. 14f.  

3    Siehe O’Leary, D., The Gender Agenda – Redefining Equality. 1997. Gender Perspective: meint die Gender-
Ideologie.

4    Empowerment: Ermächtigung.

5    So ist mit „Empowerment der Frau“ in der Gender-Ideologie immer auch ein autonomes Recht der Frau auf Abtreibung eingeschlossen.

6    Tozzi, P., Six Problems with the Yogyakarta Principles; unter: papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm. Siehe auch das Editorial in diesem Heft, Seite 3.

7    Bei Wikipedia heißt es: „Statt der älteren Bezeichnung Gleichstellung von Frau und Mann wird in jüngerer Zeit der neutralere Ausdruck Gleichstellung der Geschlechter bevorzugt. Damit soll auf den gleichberechtigten Anspruch auf Gleichheit von Mann und Frau und möglichen dritten Geschlechtern (Transgendern) verwiesen werden.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichstellung_der_Geschlechter

8    Dies stellt eine Benachteiligung für Frauen dar, die einige Jahre Vollzeit-Mütter sein möchten. In der Gender-Ideologie gilt eine „natürliche Arbeitsteilung“ zwischen Mann und Frau grundsätzlich als Ausdruck der Unterdrückung der Frau.

9    Peeters, M. a.a.O., S. 9.

10    Peeters, M., a.a.O., S. 9. – Peeters meint, dass es in der Gender-Ideologie bei dem „Recht zu wählen” nicht darum gehe, sich nach der Wahl festzulegen; vielmehr gehe es um die „Freiheit“, das Wählen endlos fortzusetzen, alles andere sei eine unzumutbare Einschränkung der Freiheit. Peeters betont, dass dies Folgen haben kann für die Übernahme von Verantwortung.

11    Beim „Recht“ der Frau auf Abtreibung z.B. wird das Recht des ungeborenen Kindes auf Leben missachtet.

12    Peeters M., a.a.O. S. 8.

Die Gender-Revolution – Eine kritische Analyse

Marguerite A. Peeters

Die Gender-Revolution hat nichts Neues erfunden. Sie steht im Zusammenhang mit dem Leugnungsprozess, der zum Geheimnis des Bösen gehört, das der Menschheit seit den Anfängen ihrer Geschichte mit einem dreifachen Abgleiten feindlich gegenübertrat: mit dem ungeordneten Streben nach Macht und nach Vergnügen sowie mit dem Besitz von Wissen als Selbstzweck. Die Gender-Revolution erinnert an die uralte Versuchung des Übermenschen, des Mannes und der Frau, die „sein wollten wie Gott“, und sich selbst bestimmten, unabhängig von Gottes Entwurf, indem sie die Wahrheit über ihr Wesen leugneten und die Liebe zurückwiesen. Doch die Gender-Revolution führt die Revolte gegen Gott auf eine kulturelle Spitze, wie sie bisher noch nie erreicht wurde. Stellt sie nicht die geschlechtliche Identität von Mann und Frau, wie sie der Uroffenbarung Gottes an die Menschheit entspricht, in Frage? 1 Dieses Kapitel bietet eine einleitende Analyse verschiedener Aspekte der Gender-Revolution als Mysterium der Leugnung.

Das ungeordnete Verlangen nach Macht, Genuss und Besitz

Das Motiv der Macht, und insbesondere das ihrer Selbstaneignung und ihres individuellen Genusses, spielt in der gegenwärtigen Kultur eine maßgebliche Rolle. Es taucht in Konzepten auf wie diesen: Kon-trolle über das eigene Leben oder das eigene Schicksal, Autonomie, Empowerment von Kindern 2, Unabhängigkeit der Frau, Verwirklichung der eigenen Möglichkeiten, Selbstverwirklichung, Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten, Kapazitätsaufbau, Entscheidungsrecht / -macht, Empowerment
von Frauen, universaler Zugang (zu Information, Gesundheit, Entscheidungsmacht, zu Rechten usw.).

Das wiederholte Auftreten dieses Motivs fordert uns zu einer Unterscheidung heraus: Unter welchen Bedingungen ist die Förderung von Macht als einem kulturellen Wert legitim und gut? Und wann weicht sie von der Norm ab und wird zur Perversion?

Um zu gedeihen und glücklich zu sein, macht jedes menschliche Wesen die Erfahrung, dass es ein eigenes Bedürfnis nach Freiheit und einer angemessenen Autonomie hat, die es ihm ermöglichen, persönliche und verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Die Herrschaft über die Erde, die sozioökonomische Entwicklung, die Durchführung einer Arbeit, die Ordnung, die in einer Familie walten sollte, die Regierung menschlicher Gesellschaften: All dies erfordert die Ausübung und Anerkennung einer Macht und eines Maßes an Autorität, die der jeweiligen Aufgabe entsprechen. Die Ausübung von Macht dient dem Frieden, der Gerechtigkeit und dem Wohl, das allen Menschen gemein ist. Sie ist nicht in sich schlecht.3 Dennoch muss sie als Dienst aufgefasst und ausgeübt werden. Sie korrumpiert tatsächlich, sobald sie als Selbstzweck angestrebt wird, um ein egoistisches und hochmütiges Verlangen nach Besitz, Kontrolle und Beherrschung anderer zu stillen.4

Die Aneignung von Macht als Selbstzweck ist das Ziel aller Revolutionen gewesen. Verbunden mit dem subversiven Streben nach Besitz einerseits und egoistischem Genuss andererseits, ist sie seit dem Garten Eden verantwortlich für menschliche, soziale, politische und spirituelle Verwirrung. Wie zeigt sich das in der postmodernen Kultur und in der Gender-Revolution im Besonderen?

Merkwürdigerweise entstand die Postmoderne aus einer Reaktion gegen die Macht – gegen die Macht, wie sie unter der Moderne ausgeübt wurde: die sogenannte (pouvoir de domination) Macht „als Herrschaftsausübung“ oder die Macht „über“ etwas, die „männliche Vorherrschaft“ und ihr „patriarchalisches Regime“, gegen elterliche, klerikale oder institutionelle Autorität, dogmatische Lasten, gegen das Bündnis von Macht und Vernunft der Politik im Hobbes‘schen Sinn und der Realpolitik, gegen menschliche und gesellschaftliche Hierarchien. Das postmoderne Ziel ist es, die „binären Relationen“ zu dekon-struieren, die die Natur, die menschlichen Beziehungen, wie sie „konstruiert“ sind, und die politische Realität der modernen Regimes kennzeichnen: Regierung-Regierter, Herrscher-Beherrschter, Vorgesetzter-Untergebener, Mann-Frau, männlich-weiblich, schwarz-weiß, Lehrer-Schüler, Kolonisator-Kolonisierter, Westen-Rest der Welt, reich-arm, Mehrheit-Minderheit, heterosexuell-homosexuell, Ältere-Jüngere, wir-ihr, Gläubige-Ungläubige, zivilisiert-wild, Mensch-Umwelt, Eltern-Kinder, einheimisch-fremd, Kleriker-Laie und so weiter. Die Postmoderne ist neomarxistisch und sagt von diesen „binären Relationen“, dass sie sehr viele Unterdrückungsmechanismen des Schwächsten durch den Stärksten verkörperten. Sie geht sogar so weit zu verkünden, dass jegliche Identitätsgrenze unterdrückend sei.

Bei dem Versuch der Postmodernen, die „binären Relationen“ – das ist ihr Zugang zur Realität der Welt – zu dekonstruieren, greifen die Postmodernen den Plan dessen an, der das Universum nach einer vorgegebenen Ordnung und aus Liebe erschaffen hat. Sie beabsichtigen nicht, die Macht abzuschaffen, sondern sie umzuverteilen, indem sie sie vom „Unterdrücker“ auf den „Unterdrückten“ verschieben und sie damit angeblich zu einer gleichen oder gleichgeteilten Macht machen. Daher spricht man heute von der Macht für alle, von Win-Win, von der Macht aus dem Inneren und der horizontalen Macht. Die neue Vorstellung von Macht sollte weder mit Herrschaft noch mit Zwang verbunden sein. Dennoch verführt sie die Bevölkerung sowohl im Westen als auch in der nicht-westlichen Welt: Viele Menschen glauben, dass die postmodernen Paradigmen nach Jahrhunderten sozialer Ungerechtigkeiten endlich den Weg zur Gleichheit freimachen.

An dieser Stelle sind zwei analytische Bemerkungen erforderlich. Die erste besteht darin – entgegen allem Anschein –, die ideologische Kontinuität zwischen Moderne und Postmoderne zu betonen. Die Macht hat im Ethos beider nicht nur einen dominierenden Stellenwert, sondern ist ein als Selbstzweck verfolgtes Ziel. Man könnte zweitens sogar sagen, dass die Postmoderne den modernen Irrtum noch weiter treibt – dass sie vor allem eine Kultur des Kampfes um die Macht ist. Ein Anzeichen dafür ist die Tendenz, dass das Wort „Dienst“, das in der Sprache der modernen Kultur noch vorhanden ist, in der neuen postmodernen Weltsprache allmählich verschwindet. Ein weiteres Indiz ist die Verdunkelung des Begriffs der demokratischen Repräsentation in der postmodernen politischen Kultur. In der Moderne war sie als demokratisches Prinzip geachtet: Die Repräsentation, die eine Dienstgesinnung derjenigen impliziert, die beauftragt wurden, andere zu repräsentieren und von denen sie auch die Autorität und Legitimität zur Macht, die sie über sie ausüben, erhalten haben. Die postmoderne politische Kultur dagegen unterstreicht die „partizipatorische Demokratie“, doch in der Praxis erleichtert die postmoderne Interpretation der Partizipation die Übernahme der Macht durch „Pressure-Groups“ und „partizipierende“ Minderheiten. Wie das Beispiel der Gender-Politik zeigt, hat ein solcher Macht-Transfer bereits globale Ausmaße angenommen.

Da die Macht nicht als ein Dienen begriffen wird, wird sie zum Selbstzweck. Das Fehlen einer Vorstellung von Dienstbereitschaft weist auf das Fehlen von Liebe hin. Die unweigerliche Folge ist, dass man der Dialektik verfällt: Indem man nach Macht für sich strebt, übt man sie jenen gegenüber aus, die abweichende Ideen oder Interessen vertreten. Die postmoderne „win-win-Situation“ und die postmoderne „gemeinsame“ Macht, die ohne Dienst auskommen, sind ein Täuschungsmanöver – wie es der Leninismus war: ein Gleichgewicht der individuellen Interessen, ein Vertrag ohne Liebe, eine gegenseitige egoistische Selbstverwirklichung. Das von der Global Governance5 geförderte feministische und homosexuelle Empowerment ist eine Machtübernahme, nicht im Sinne des Teilens oder Umverteilens, sondern zur Durchsetzung der Weltanschauung bestimmter Lobbygruppen in der ganzen Welt. Die Durchsetzung dieser Weltanschauung ist die Bedingung zur Befreiung, zum Heil, zur Beendigung der Unterdrückung und zur Gleichheit für alle. Da die Sichtweise dieser Gruppen unvereinbar mit der Auffassung derjenigen ist, die für das Wohl der Familie, der Ehe und der Menschheit eintreten, sollte es nicht überraschen, dass sie die Macht nur für sich allein ergreifen wollen. Bereits weit
gehend im Besitz globaler, normativer Macht, stecken sie ideologisch den Rahmen für diejenigen, die die neue Sprache verwenden, und üben so direkt eine übermäßige und beispiellose Macht über den einzelnen Menschen aus.

Der moderne und postmoderne Kult der Macht verdankt vieles der Ideologie des Marxismus:6 Das Proletariat muss die Macht und die Kontrolle über die Produktionsmittel ergreifen, um die Macht der Bourgeoisie zu Fall zu bringen (der Klassenkampf). Radikale Feministen sollten die politische Macht und Kontrolle über die „Reproduktions“-Mittel (Verhütung, Abtreibung) ergreifen, um die patriarchalische, männliche und tyrannische Macht zu Fall zu bringen (der Kampf der Geschlechter und der Gender). Die LGBT7-Lobbygruppen müssen die politische und kulturelle Macht ergreifen, um „heterosexuelle Privilegien“ abzuschaffen und Gesellschaften und Gesetze zu verändern (der Kampf der Gender). Behauptete nicht der Stalinismus, dass eine Welt ohne unterdrückte Klasse, in der jedermann
angeblich gleich wäre, auf die perfekte Demokratie hinausliefe? Trotzdem verwandelte sich seine Vision der Demokratie in den Gulag. Im Namen des „Prinzips der Nicht-Diskriminierung“ riskieren wir, bei einer neuen Form tyrannischer Macht globalen Ausmaßes zu landen, die neo-modern und postmodern zugleich ist, in der radikale Minderheiten über die Mehrheiten herrschen.

Betrachten wir nun die Verbindung zwischen dem Inhalt des Gender-Konzepts und dem Begriff der Macht. Die Gender-Theoretiker behaupten, dass sie dem Individuum die Einflussnahme bieten, sich durch den Diskurs ihre eigene geschlechtliche Identität zu erschaffen (durch die performative Sprache): Wie Gott, dessen Wort schöpferisch ist („Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.“), wird das Individuum durch das Sagen und das Tun fähig, seine Identität aus dem Nichts heraus zu schaffen – das Nichts, das das Individuum durch die selbst herbeigeführte Dekonstruktion der Realität und der Wahrheit über sein Sein und seine Bestimmung selbst hervorgebracht hat. Das Individuum, so heißt es, würde sich selbst dekonstruieren und dadurch seine Entscheidungen, seinen Körper, seine Identität, sein Leben und sein selbstbestimmtes Schicksal kontrollieren und frei darüber verfügen können. Das Individuum hätte die Macht erworben, sich selbst „frei“ zu bestimmen, als ob es der absolute Herrscher über seine Existenz wäre. Die Gender-Philosophie stellt einen Willen zur Selbst-Erschaffung, zur Selbstbestimmung, zur Selbstverwirklichung und zur Selbsterlösung im Sinne des Übermenschen Nietzsches dar. Sie ist eine trügerische Illusion, da die im Verlauf des Prozesses der Dekonstruktion die sich selbst zugeschriebene Identität nie mehr als eine gespenstische, entleiblichte „Identität ohne Wesenskern“ / Essenz sein wird. Doch gerade dieser Zugang zu Entscheidungen „ohne Sein“, die „vergeistigt“, „potenziell“ und angeblich „grenzenlos“ sind, vermittelt dem Individuum ein Gefühl von Allmacht. Es ähnelt der komplexen postmodernen Thematik des Virtuellen8 und des Potenziellen, der Virtualisierung des Wirklichen, der Dematerialisation und dem Satanismus9. Der postmoderne Kampf um die Macht endet niemals bei der Übernahme eines endgültigen Status: Der Zugang zu dem kompletten Umfang aller Möglichkeiten ist ein endloser Prozess der Erweiterung, der „Öffnung“ und der Wandlung.

Ein Erzeugnis der Soziologie – Säkularismus und Szientismus

Die Verselbstständigung der Vernunft in Bezug auf den Glauben hat die wissenschaftliche Forschung dazu geführt, sich nicht mehr der Suche nach der Wahrheit verpflichtet zu fühlen und sich zunehmend auch nicht mehr auf die Wirklichkeit, die in ihrem Geheimnis durch den Glauben offenbart wird, zu stützen, sondern auf säkularistische ideologische Annahmen, die die Kulturrevolution des Westens von Anbeginn an inspiriert haben. Am Ende dieses Prozesses wird mit dem Aufkommen der Postmoderne die Fähigkeit der Vernunft, Erkenntnis der Realität zu erlangen, in Frage gestellt. Doch welchen Gebrauch werden die postmodernen säkularisierten Gesellschaften von Wissenschaft und Technik machen – ohne Glauben und ohne Vernunft? Besteht nicht die Gefahr, dass sie noch schlimmeren ideologischen Entfremdungen ausgeliefert sind als denen in der Vergangenheit?

Die Soziologie, die zur jungen Generation der Wissenschaften gehört, erreichte ihre Reife in dem Moment, in dem das Gender-Konzept aufkam – in einem kulturellen Kontext, der bereits postmodern war. Wenn die Soziologie sich der Transzendenz verschließt, zieht sie sich – wie jede Wissenschaft – auf sich selbst zurück: Sie beobachtet die gesellschaftlichen Entwicklungen aus einer säkularistischen Perspektive heraus mit dem Ziel, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, die dieser Perspek-
tive entsprechen. Eine säkularistische Ethik ihrerseits neigt dazu, aus der Wissenschaft einen absoluten Bezugspunkt zu machen: sie ist szientistisch. Säkularismus und Szientismus gehen Hand in Hand. Ihr gemeinsames Voranschreiten läuft in der Politik auf die Substitution des Willens des Volkes durch die Diktate der Wissenschaft hinaus und gefährdet damit die Prinzipien der Demokratie. Der Szientismus ist imperialistisch.

Das Gender-Konzept hat seine Reife über die intellektuellen Ausarbeitungen soziologischer Gender-Studies erreicht. Diese hatten nicht die Person in ihrer Ganzheit zum Gegenstand: ihr Mysterium, ihre Berufung, ihr Glück, ihre kulturelle und religiöse Verwurzelung, das mütterliche Sein der Frau und das väterliche Sein des Mannes, die konstitutiven ontologischen Unterschiede ihrer jeweiligen Identitäten, ihre spezifische anthropologische Struktur und die Offenbarung, nach der Gott uns zu seinem Bild als Mann und Frau geschaffen hat. Die Gender-Studies stützten sich einzig auf die Ungleichheiten gesellschaftlicher Macht zwischen den Geschlechtern, auf die sozialen und geschlechtlichen „Rollen“ der Individuen, auf säkulare Werte und auf ihre, auf die staatsbürgerliche Dimension reduzierte, anthropologische Sicht.

Bei der Interpretation und Umsetzung von Gender durch Global Governance wird davon ausgegangen, dass der Staat, zivilgesellschaftliche Werte und die soziale Rolle von Männern und Frauen einen höheren Stellenwert einnehmen als deren privates, familiäres und religiöses Leben. Im besten Fall würdigt die Gender-Perspektive10 Mutter- und Vaterschaft zu sozialen Rollen herab – die darüber hinaus als untergeordnet gegenüber den Machtpositionen angesehen werden, die Männer und Frauen in der Gesellschaft einnehmen können – und versucht, Familien- und Berufsleben miteinander zu vereinbaren, sie im Gleichgewicht zu halten. Halten wir kurz inne, um den Begriff „Gleichgewicht“ zu betrachten. Jeder Mensch, gleich welcher Kultur er entstammt, wird anerkennen, dass die Bedeutung von Mutterschaft, Vaterschaft, Familienleben und Religion den Wert von sozialen und zivilgesellschaftlichen Funktionen von Individuen übersteigt. Wenn Mutter und Vater Kinder zur Welt bringen und sie großziehen, dann erfüllen sie damit zweifelsohne eine gesellschaftliche Rolle – diese ist jedoch von geringerem Wert als die personalen Dimensionen von Vaterschaft, Mutterschaft, Familie und Liebe. Wenn es eine hierarchische Beziehung zwischen diesen beiden Rollen gibt – ist es dann nicht unangemessen, davon zu sprechen, sie in ein „Gleichgewicht“ bringen zu wollen? Staat und Global Governance sollten diese Hierarchie respektieren; doch die Gender-Revolution stellt eine neue – umgekehrte – Hierarchie auf und verletzt damit das Prinzip der Subsidiarität.

Die Absicht der Gender-Perspektive, keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau zu machen, entspringt der westlichen säkularistischen Ethik und ihrem utopischen Konzept von Neutralität, das auf ihre Vorstellung von Staatsbürgerschaft abgefärbt hat: Der Bürger ist eine Art abstrakte, anthropologisch „neutrale“, das heißt unter anderem auch, asexuelle [geschlechtslose] Größe. Diese Ethik hat sich als unfähig erwiesen, sich zu überschreiten und sich einer anthropologischen Sichtweise der Frau zu öffnen, die über die „bürgerliche“ Dimension hinausgeht. Die Gender-Revolution beweist, dass eine „rein zivilgesellschaftliche“ Logik zu einer Vorstellung von Mann und Frau führt, die sowohl unvereinbar mit dem gesunden Menschenverstand als auch mit einer geoffenbarten Anthropologie ist.

Im Rahmen des Prozesses eines weltweiten gesellschaftlichen Wandels, der in Gang gesetzt wurde, um Gender-Gleichheit (gender equality11) zu erreichen, gleiten die Gesellschaften, ohne es zu bemerken, in eine säkulare staatsbürgerliche Anthropologie. Die Folge ist eine fortschreitende Verarmung derjenigen Kulturen, denen der westliche Säkularismus fremd ist. (…)

Das Ereignis der Gender-Ideologie zeigt die moralische Autorität, die die westlichen Gesellschaften den Human- und Sozialwissenschaften zugestanden haben, nachdem sie diese dem Gewissen und der Religion entzogen hatten. Die Macht zum soziokulturellen Wandel, die diese wissenschaftlichen Perspektiven haben, zusammen mit der Glaubwürdigkeit, die dem Dogmatismus ihrer Statistiken eingeräumt wird, lassen eine gewisse Resignation der Nationen im Hinblick auf ihre kulturelle Verantwortung erkennen. Der Soziologie ist es gelungen, an die Stelle der Völker als Gestalter ihrer eigenen Kultur zu treten, soweit diese es hingenommen haben, zu Marionetten von Sozialingenieuren zu werden, die auf der Ebene von Global Governance agieren.

Eine verzerrte Auffassung von Gleichheit

Nec Pluribus Impar12: „Auch einer Mehrzahl überlegen.“ Dieses Motto des Sonnenkönigs Ludwigs XIV., des absolutistischen Monarchen, der über sämtliche Rechte verfügte, war kein Allheilmittel! Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 hatte weltweit einen erheblichen kulturellen und politischen Einfluss. Ihr erster Artikel stellt fest: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Die Kultur der Rechte und der Gleichheit, die sich in der Moderne seit dem 18. Jahrhundert entwickelt hat und sich fortsetzt, um in der postmodernen Ära explosionsartig auszubrechen, hat ihren Einfluss in allen Bereichen ausgeübt. Dieser Einfluss ist positiv gewesen, als er beispielsweise dazu beitrug, auf die unveräußerliche Würde aller Menschen aufmerksam zu machen, willkürliche soziale Hierarchien abzuschaffen, die Menschen einander näherzubringen, Rassismus zu bekämpfen, den Geist des Kolonialismus zu überwinden, Solidarität zu fördern, ebenso wie Bildung und Gesundheit einer größeren Anzahl von Menschen zu bringen, die Verantwortung des Einzelnen sowie die legitime Autonomie und Würde von Frauen und Kindern zu fördern. Die Gleichheit an Würde und Rechten wird fortan als ein wesentlicher demokratischer Grundsatz verstanden. Eine Rückkehr zu früheren „Privilegien“ und zu stark hierarchisierten Gesellschaften ist nicht mehr möglich. Sie wird weder gewünscht noch ist sie erstrebenswert.

Zu bestätigen, dass alle Menschen gleich an Würde geboren sind, wie es die Allgemeine Erklärung tut, bedeutet implizit anzuerkennen, dass gleiche Würde nicht etwas selbst Zugeschriebenes ist, sondern gegeben ist – anders ausgedrückt, dass die Würde einen transzendenten Ursprung hat. Auch wenn die Erklärung unter verschiedenen Einflüssen ausgearbeitet wurde, so war doch der jüdisch-christliche Beitrag von besonderer Bedeutung. Wenn man bei einigen ihrer Artikel zwischen den Zeilen liest, ist es möglich, den Glauben an die Schöpfung aller Menschen nach der Ähnlichkeit und Ebenbildlichkeit Gottes zu erkennen – das wahre und einzigartige, allgemeingültige Fundament. Aus dieser Perspektive heraus müssen Politik und Gesetze sich auf das beziehen, was die Vernunft, das Gewissen und das Herz aller Menschen als wirklich und wahr anerkennen. Sie sollten sicherstellen, dass Gesellschaften eine solche gegebene, transzendente Ordnung achten.

Doch die Lesarten der Gleichheit sind weit davon entfernt, stets dem Geist dessen zu entsprechen, was wirklich wahr und universal ist. Gleichheit hat seit dem 18. Jahrhundert, als im Westen die Menschenrechte geboren wurden, tatsächlich eine ambivalente Bedeutung. Die Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1793 weicht in ihrer Formulierung von der Allgemeinen Erklärung ab: „Alle Menschen sind von Natur aus und vor dem Gesetz gleich.“ Die Natur war ein Pfeiler des modernen Ethos, das stark durch den Deismus des 18. Jahrhunderts geprägt war: Gott hat die Natur nach einer Ordnung erschaffen, die die menschliche Vernunft ohne seine Hilfe entdecken kann, „unabhängig“ von Gott, der kein Vater mehr ist. Der sich aus dem Deismus ergebende Bruch zwischen Glaube und Vernunft, Gnade und Natur hatte für die westliche Interpretation von Gleichheit, Menschenwürde, Menschenrechten und Staatsbürgerschaft seit der Aufklärung erhebliche Konsequenzen. Diese Begriffe verwiesen tatsächlich nicht auf Mann und Frau als Person, sondern auf das Individuum als Bürger. Sie sind kalt, streng säkular und juristisch geworden. Die wahrhaft menschliche und kindliche Bedeutung der Brüderlichkeit ist ihnen fremd geworden. Es hat sich eine Vertragskultur entwickelt, die so weit geht, dass der gute Ruf der vorleistungsfreien [grundlosen] Liebe allmählich beseitigt wurde.

Die Kulturrevolution des Westens geriet nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 außer Kontrolle und brachte eine Revolution der Rechte sowie eine zunehmend subversive Auslegung der Gleichheit hervor: eine individualistische und egalitäre13 Interpretation, die eine anthropologische Konfiguration der Person verschmähte, natürliche und gesetzliche Hierarchien (zwischen Eltern und Kind, Lehrer und Schüler, Chef und Angestelltem, zwischen Arzt und Patient, Regierungen und NGOs und zwischen dem Menschen und der Natur …) abschaffte und neue Kategorien individueller Rechtsinhaber, wie etwa Homosexuelle, schuf. So hat es die Kulturrevolution des Westens vom Naturalismus ausgehend erreicht, mit dem Begriff der Natur zu brechen. Für die Postmodernen kann die Gleichheit – da die Menschen ja nicht mehr von Natur aus gleich sind und auch nicht mehr gleich an Würde durch ihre Gottähnlichkeit – fortan nur noch mit dem Begriff der Macht und der willkürlichen „Entscheidungsfreiheit“ verbunden werden. Sie verwandelt sich künftig in ein ethisches und juristisches Diktat.

Gender-Gleichheit (gender equality) – ein ethischer Imperativ der Global Governance – ist ein gewaltiger Motor für die kulturelle Dekonstruktion der Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Heterosexuellen und LGBTs14, zwischen der traditionellen Familie und der „Fami-lie in all ihren Formen“ usw. Natürlich führt die radikalfeministische und homosexuelle Eroberung der Gleichheit nicht zu einer wirklichen Feier der faszinierenden Vielfalt der Menschen, ihrer einzigartigen und unersetzlichen Persönlichkeiten und insbesondere der Komplementarität von Mann und Frau. Vielmehr erleidet sie Schiffbruch in einer kulturellen und anthropologischen Leere, einer Art Nirvana, die als gender balance, als gleiche Teilhabe der Geschlechter und der Gender bezeichnet wird, in einer Welt angeblich ohne unterdrückte Individuen, in der alle „gleich“ sind, und es eine angeblich gleiche Umverteilung der Macht unter allen gibt – unter Kindern und Erwachsenen, Frauen und Männern, LGBTs und Heterosexuellen. Dieses statistische Gleichgewicht, auf das die Quoten abzielen, ist dekonstruktivistisch. In der Realität wird es nur sehr selten erreicht.15

Ein radikaler Trend einer Minderheit, der dennoch aufschlussreich ist, geht heute so weit, sämtliche Lebensformen16 (menschlich, tierisch, pflanzlich) als gleichberechtigt oder gleich anzusehen. Bisweilen werden Tiere personifiziert (wie beispielsweise in der Tierrechtsbewegung) oder der Mensch wird zum Tier reduziert, wie man es in manchen aktuellen Filmen wie auch in neuheidnischen spirituellen Trends sehen kann.

Zusammenfassung:

Universale Interpretation der GleichheitModerne und postmoderne Interpretation
Gleich in WürdeGleich in Rechten
Gleichheit in der Ordnung der LiebeGleichheit in der Macht
Gleichheit in der Komplementarität: Feiern der ontologischen UnterschiedeEgalitarismus:
die Abschaffung der Unterschiede
Gleichheit in der Würde, die als gegeben anerkannt wirdGleichheit, die auf Kosten eines
Klassenkampfes, eines Geschlechter- und Gender-Kampfes erworben wird
Gleichheit der PersonenGleichheit der Individuen als Bürger
Empfangene GleichheitSelbst konstruierte Gleichheit

Ein Prozess der Leugnung

Gender ist keine intellektuelle Kuriosität, die wir unsererseits allein durch stichhaltige Argumente und eine voluntaristische Vorgehensweise wieder dekonstruieren könnten. Die politische und kulturelle Durchsetzung des Gender-Prozesses konfrontiert uns mit Entscheidungen, die das Herz und das Gewissen der Menschen und Nationen in ihrer konkreten Lebenswirklichkeit mit einbeziehen: Es ist eine Entscheidung zwischen Leben und Tod, Gut und Böse, zwischen der Realität und ihrer Leugnung, der Wahrheit über Mann und Frau und den Lügen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Hass. Regierungen, Gesellschaften, Eltern, Erzieher, die Jugend der ganzen Welt – wir alle müssen eine Entscheidung treffen: Entweder uns dem Geist der neuen Weltkultur anpassen und passiv oder mit vollem Einverständnis den neuen säkularistischen Normen folgen, oder aber uns kindlich mit unserer Berufung zur Liebe und zum Glück identifizieren. Diese Entscheidung ist jedem frei überlassen. Sich für die Gender-Ideologie zu entscheiden, bedeutet einen Prozess der Leugnung, der wie jeder menschliche Vorgang über die Vernunft, das Gewissen und das Herz der Menschen verläuft.

Leugnung der Vernunft. Wenn die Vernunft willkürlich und dogmatisch behauptet, dass alles ein soziales Konstrukt, ein reines Produkt des Diskurses, eine Konstruktion repressiver Grenzen sei, dann weigert sie sich zu erkennen, was wahr, wirklich, gut, liebevoll und liebenswert ist.

Weigerung des Gewissens. Die Leugnung der Realität durch den Diskurs zielt darauf ab, dem Individuum zu ermöglichen, persönlichen Verpflichtungen auszuweichen, „seine Existenz aufs Spiel zu setzen“, ewig vor sich selbst und den Anforderungen der Realität und der Liebe davonzulaufen, „Grenzen zu überschreiten“ und ad infinitum „Identitäten ohne Essenz“ zu erkunden – anders ausgedrückt, sein Gewissen der Leugnung in den Dienst zu stellen. Persönlicher Einsatz wird dadurch selbstzerstörerisch. (…)

Weigerung des Herzens. Schließlich ist es offenkundig, dass der negative Einsatz für die Subversion durch die Gender-Revolution der Liebe widerspricht. Indem die Gender-Revolution die Rahmenbedingungen für Selbsthingabe, insbesondere die Weiblichkeit und die Männlichkeit, dekonstruiert, indem sie aus allen Menschen „egalitäre Bürger“ machen will, die Mutterschaft angreift, als ob diese eine soziale Ungerechtigkeit sei, indem sie die Berufung von Mann und Frau auf ihre Funktion in der Gesellschaft reduziert und Mann und Frau zu „Partnern“ macht, die durch einen „Vertrag“ miteinander verbunden sind, macht sie personale Liebe unmöglich und tötet darüber hinaus die Liebe in der Kultur.

Die Leugnung der Wirklichkeit und der Liebe hat die westliche Zivilisation in eine Talsohle geführt: in eine Welt der Unvereinbarkeiten, in der sich niemand zu Hause fühlen kann.

Anmerkungen

1    Siehe Genesis 1, 27. Es ist bemerkenswert, dass im biblischen Schöpfungsbericht nur beim Menschen der Unterschied zwischen den Geschlechtern betont wird.

2    Empowerment: Ermächtigung. „Empowerment von Kindern“ meint einerseits die allgemeine Förderung von Kindern, Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung  und Entwicklung für alle Kinder der Welt. In der Gender-Ideologie bedeutet es aber auch, dass Kinder (!) und Jugendliche das Recht haben, autonom eine homo-sexuelle oder transsexuelle Identität anzunehmen. Sollten die Eltern das nicht unterstützen, muss der Staat eingreifen und durch verschiedene Maßnahmen das Recht des Kindes stärken und die Elternechte einschränken. Siehe dazu: Tozzi, P., Six Problems with the Yogyakarta Principles unter papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm. Zugriff 1.8.2016.
    Ebenso gehört in der Gender-Ideologie zum Empowerment von Kindern und Jugendlichen das Recht des Mädchens, autonom seine „sexuellen Rechte“ (Einnahme von Verhütungsmitteln, Abtreibung) wahrzunehmen. Ganz in diesem Sinn schreibt pro familia, dass in Deutschland Mädchen über 16 Jahre eine Abtreibung ohne Einwilligung der Eltern durchführen lassen können. Ist das Mädchen zwischen 14-16 Jahre alt, kann der Gynäkologe entscheiden, ob die Eltern zu fragen sind, oder ob das Mädchen „reif genug“ ist, die Entscheidung allein zu treffen. Siehe: www.profamilia.de/?id=2644. Zugriff 1.8.2016. Anm. DIJG.

3    In der Bibel wird die Macht allein Gott zugeschrieben, nur ihm ist sie vorbehalten. Dennoch hat Gott vom Mann und von der Frau verlangt, sich die Erde untertan zu machen, über die Schöpfung zu herrschen und an ihrer Vollendung teilzuhaben. Diese Aufgabe, die der Würde von Mann und Frau als nach dem Bilde Gottes geschaffenen menschlichen Wesen entspricht, bezieht die Ausübung einer gewissen Macht mit ein.

4    Diese Neigung geht auf die Worte der Schlange an Eva im Garten Eden zurück: „Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ (Gen 3,5. Lutherbibel)

5    Global Governance: Laut Wikipedia: „Als politisches Programm meint [es] die kooperative, multilaterale Gestaltung der Globalisierung. (…) In Abgrenzung zu Government betont der Begriff Governance die Abwesenheit einer formalen Hierarchie und hebt im weitesten Sinne auf die kollektive Regulierung von gesellschaftlichen Aktivitäten ab. (…) Kritisch gesehen wird der Steuerungs- und Problemlösungsgedanke, der dem Projekt Global Governance innewohnt. (…) Problematisch wird ebenfalls das Auftauchen neuer, insbesondere privater, Akteure gesehen. NGOs, Privatunternehmen, Think Tanks oder Expertengruppen sind in der Regel nicht konstitutio-nell verankert und daher mit einem Legitimationsdefizit behaftet. Problematisch bleibt auch die Zurechenbarkeit von Verantwortung bei Multi-Stakeholder-Ansätzen unter Einbeziehung solcher neuartigen Akteure.“
J. R. Bolton schreibt: “… the civil society idea actually suggests a ‘corporativist’ approach to international decision-making that is dramatically troubling for democracy because it posits ‘interests’ (whether NGOs or businesses) as legitimate actors along with popularly elected governments.” Auszüge aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Global_Governance. Zugriff 1.8.2016.
    Zur Global Governance zählen: UNO, Weltbank, IMF, WTO, zahlreiche Nicht-Regierungsorganisation (NGOs) und andere.
    M. Peeters befindet: Global Governance besteht aus einem einflussreichen Netzwerk ideologisch gleichgesinnter Partner und international operierender Akteure, wozu einflussreiche Organisationen wie die UN, NGOs, west-liche Staaten und andere gehören, die die Gender Sprache reden und der neuen Ethik der Gender-Ideologie folgen. Leise und heimlich wurde so die Macht verlagert: Weg von den gewählten Volks-Vertretern der Regierungen und demokratisch gewählten Parlamenten hin zu internationalen Akteuren, die die Gender-Ideologie vorantreiben. (Siehe S. 41) Anm. DIJG.

6    Und darüber hinaus, weit vor Marx, Thomas Hobbes (1588-1679).

7    LGBT = Lesben, Gays, Bisexuelle, Transsexuelle / Transgender (eigentlich Lebensstile; in der Gender-Ideologie werden sie als eigene „soziale Gender“ oder „soziale Geschlechter“ angesehen, die das gleiche Recht auf „Ehe und Familie“ beanspruchen, wie es traditionell der Beziehung zwischen Mann und Frau vorbehalten ist.) Anm. DIJG.

8    Die Postmodernen definieren das Virtuelle als „das der Möglichkeit nach Vorhandene“, das fähig ist zu Wirkungen, aber nicht im Konkreten, Materiellen aktualisiert ist.

9    Satan, der reiner Geist ist, hasst die Materie.

10    Gender Perspective: feststehender englischer Begriff, u.a. aus dem Abschlussdokument der Weltfrauen-
konferenz 1995; meint die Gender-Ideologie. Anm. DIJG.

11    Der Begriff gender equality ist ein Zentralbegriff der Gender-Ideologie. Zur Begriffserklärung » Anm. DIJG.

12    Die Übersetzung dieses Mottos ist nicht ohne weiteres verständlich. Ludwig XIV., der sich seit 1662 die Sonnensymbolik angeeignet hatte, gibt ihr in seinen Memoiren die folgende Bedeutung: „Ich würde mich sehr wohl eignen, noch andere Reiche zu erleuchten.“ Es wird verschiedentlich übersetzt als: „Keinem anderen gleich“, „Ich reiche für mehrere Welten“, „Alles ist möglich für ihn“, „Allein gegen alle“ oder „Über allen und allem“, was die wahrscheinlichste aller Interpretationen ist.

13    Die Gleichheit in Bezug auf Macht muss jeder selbst mit eigenen Kräften erwerben, und zwar durch den beständigen Kampf gegen die gesellschaftlichen und politischen Strukturen sowie gegen die kulturellen und religiösen Traditionen, die der Gleichheit zuwiderlaufen scheinen.

14    LGBT: Lesben, Gays, Bisexuelle, Transgender / Transsexuelle. Anm. DIJG.

15    Wie beispielsweise im Kabinett von F. Hollande.

16    Manche Philosophen wie etwa der Australier Peter Singer (geb. 1945), Verfasser von Die Befreiung der Tiere (1975), setzen sich für eine eindeutige Ablehnung der Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ein.

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