Kultur, Kindeswohl und homosexuelle Fortpflanzung

Gerhard Amendt

Die Frage nach einem "Adoptionsrecht" für homosexuelle Partnerschaften ist hoch aktuell. Im vorliegenden Text geht Prof. Dr. Gerhard Amendt, Leiter des Instituts für Geschlechter- und Generationsforschung der Universität Bremen, der zentralen Frage nach, wie und warum homosexuelle Fortpflanzung bei Kindern Identitätsverwirrungen auslöst.

I.

Vor gut dreißig Jahren war die Frage nach der Entstehung von Homosexualität durchaus noch eine Frage der politisch-neugierigen Selbstaufklärung. Es gab eine Neugier, die zumindest so selbstverständlich war wie der Wunsch zu wissen, warum jemand zum Neurotiker wird, zum Fetischisten, oder warum Frauen die Männlichkeit überbewertend und Männer die Weiblichkeit abwertend idealisieren. Oder warum Menschen beziehungsgestört sind und ihre anfängliche Liebe oftmals unter gegenseitigen Kränkungen zerfällt.

Zur Entstehung von Homosexualität gab es im Wesentlichen zwei wissenschaftliche Erklärungsströmungen, die auch heute noch Geltung haben, inzwischen aber durch eine subkulturelle Selbstbedeutung ergänzt werden. Die eine Strömung gab sich eher naturwissenschaftlich, die andere stützte sich auf die Erkenntnisse von Familientherapie und Psychoanalyse oder machte Anleihen bei ihnen.

Die naturwissenschaftliche Erklärung sah in der Homosexualität unter anderem ein „Entgleisungsmodell“. Ein hormoneller Mangel während der Schwangerschaft galt als Weiche zur Homosexualität. In dieser Tradition (Goy 1988; Friedmann 1976) würde man sich heute – wie etwa Bailey (1991) und Pillard (1998) dies tun – eher nach DNA-Besonderheiten umsehen oder wie Simon LeVay (1991) die Hirne von Toten zu Vergleichszwecken sezieren. Damals entstand auch der Plan, alle Schwangeren gegen das vermutete Hormondefizit zu impfen (Dörner 1975). Diese Interpretation war für viele Homosexuelle kränkend, denn ihr sexuelles Begehren wurde damit einer pathologischen endokrinologischen Entwicklung zugeschrieben. Was ihnen angeboten wurde, war die Akzeptanz als Kranke.

Als jedoch Dekonstruktivismus und homosexuelle Lobbygruppen im Jahre 1973 die American Psychiatric Association (APA) heimsuchten, wurde dort per Abstimmung förmlich entschieden, dass Homosexualität ab sofort keine psychische Störung mehr darstelle und deshalb aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DMS) zu streichen sei (Socarides 1992). Wer sich dieser politischen Entscheidung widersetzte, wurde per Strafe mit der Diagnose „Homophobie“ belegt. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Fortan war es sozusagen berufspolitisch verboten, Homosexualität als Krankheit zu diagnostizieren und sie unter diesem Aspekt zu erforschen, während umgekehrt Homosexuelle als pathologisch galten, wenn sie das Ergebnis ihrer psychosexuellen Entwicklung als ich-dyston erlebten. Als therapiebedürftig gilt jetzt der Homosexuelle, der über seine Homosexualität unglücklich ist (Margolies/Becker/Jackson-Brewer 1987; Moss 1997).

Der im vorliegenden Text zentralen Frage nachzugehen, wie und warum homosexuelle Fortpflanzung bei Kindern Identitätsverwirrungen auslöst, ist demnach aus berufspolitischer Perspektive streng genommen politically incorrect und DSM-widrig. Es sind zwar Wissenschaftler, die hier engagiert sind. Doch ihre Suche nach der Wahrheit ist de facto eingebettet in einen stark politisierten unterschwelligen Streit über die Frage, ob Homosexualität ein eigener Lebensstil bzw. nur eine Variante von unterschiedlichen Sexualitäten sei – und ihre Beurteilung in den Kategorien von Psychiatrie und Psychoanalyse nicht gar eine Menschenrechtsverletzung darstelle.

Das andere Prinzip, das Erklärungen für die Entstehung homosexueller Geschlechtsidentität liefern sollte, konzentriert sich auf den Nachweis von Besonderheiten in der Familienstruktur und speziell in gewissen Formen einer psychisch dominanten und wenig abgegrenzten Mütterlichkeit sowie, parallel dazu, einem schwachen, submissiven Vater. Dabei steht die Konfliktanalyse im Mittelpunkt, die Geschlechteridentität aus den Besonderheiten familiärer Psychodynamiken (Friedmann 1991, S. 103) und Beziehungsstrukturen ableitet. Darauf hinzuweisen bedeutet allerdings heute, wie vor 20 Jahren, ein heißes Eisen anzufassen; ein Eisen, das zwar nicht in der Hölle geschmiedet ist, wohl aber aus dem zeitgenössischen Hexenkessel der political correctness stammt. So werden Forscher, die die Veränderbarkeit des homosexuellen Begehrens durch Psychotherapie dokumentierten – wie z. B. Robert L. Spitzer (1973), Levine (1991), Nicolosi (1991, 1993) oder auch C. W. Socarides, die als einflussreiche Figuren in der American Psychiatric Association für die Streichung der Homosexualität aus dem DSM eintraten bzw. gegen deren Diskriminierung angingen – heute von der vielgestaltigen Lobby der Homosexuellen als Handlanger des rechten Politikspektrums angegriffen. So wie Otto Kernberg 1995 undemokratisches Verhalten vorgeworfen wurde, weil er die APA-Entscheidung nicht respektierte und weiterhin psychoanalytische Erfahrungen zur Genese von Homosexualität publizierte (Kupers 1995). Diejenigen wiederum, die jede Veränderbarkeit von Homosexuellen bestreiten, gelten dem religiösen Fundamentalismus als Handlanger der homosexuellen Lobby.

Die familienorientierte Erklärung weist insofern noch eine bemerkenswerte Besonderheit auf, als sie die Mutter als Zentralfigur bei der Entstehung von Homosexualität ausmacht. Eine Sicht, die unausweichlich mit jener neueren Ideologie kollidiert, derzufolge Frauen grundsätzlich nicht mit den destruktiven Seiten des Zivilisationsprozesses in Verbindung gebracht werden sollen. Also auch nicht mit der Entstehung von Homosexualität.

Dass nach meinen Erfahrungen die meisten Männer diesen kollektiven Freispruch der Frauen von Geschichtsmächtigkeit und Machtausübung kommentarlos akzeptieren, einen Freispruch, der ihnen als Kollektiv die volle und ausschließlich Verantwortung für die moderne Geschichte aufbürdet, scheint mir auf die bereits angedeutete männliche Selbstidealisierung und die idealisierende Unterschätzung der Frauen hinzuweisen und entsprechend erklärungsbedürftig zu sein. Es könnte sich hier um eine männliche Selbstidealisierung handeln, die durch die Frauen mitgetragen wird. Denn wenn Frauen an den destruktiven Seiten der Geschichte keinen Anteil haben sollen, dann bleiben als bewegendes Moment von Geschichte nur die Männer. Sie würden dann zu Recht die Elendsursachen dieser Welt verkörpern. Ein Verständnis von Geschichte, das von den Frauen meist „seitenverkehrt“ ausgedrückt wird: Das Negativ der kritisierten männlichen Allmacht spiegelt sich im Mythos vom universellen weiblichen Opferstatus. Die männliche Selbstidealisierung besteht darin, dass der Mann sich mit der vermeintlich unbeschränkten Macht identifiziert, die ihm nachgesagt wird und die die Voraussetzung dafür bietet, dass Männer Frauen universell unterwerfen können. Nun ist das eine ebenso verführerische wie wirklichkeitsferne Illusion.

Trotzdem scheint der noch weitgehend als negatives Privileg gedachte „Täterstatus“ den meisten Männern nachhaltig zu schmeicheln. Dies ist der Grund, weshalb übersehen werden konnte, dass die psychisch dominante Mutter vom passiv duldenden Vater im alltäglichen Familienarrangement aktiv unterstützt wurde. Männer sind aber nicht nur als Sexualpartner der Frauen oder als Brotverdiener Teil der Familie, sondern auch als Väter. Nur weil der gender discourse die Beziehungen von Männern und Frauen erst ganz allmählich und äußerst schleppend als gemeinsam geschaffenes und deshalb auch gemeinsam zu verantwortendes Arrangement begreift, statt sie wie bisher als dichotomes Verhältnis von gewalttätigen Mächtigen und gewaltfreien Ohnmächtigen zu deuten, konnte der Hinweis auf die Familienstruktur als eine einseitig verfehlte Verantwortung von Müttern missverstanden werden, wiewohl beide Eltern in der Dynamik von engendered power miteinander verbunden sind.

II.

Die Erklärung der Homosexualität aus einer bestimmten Familiendynamik, quasi als Kindheitsschicksal, war und ist noch schwerer zu akzeptieren als der „hormonelle Anomieverdacht“. Die unbewusste enttäuscht-aggressive Identifizierung mit dem Weiblichen stand dem so sehr im Wege, dass Homosexuelle, aber nicht nur sie, einen familienpsychologischen Hintergrund der Homosexualitätsgenese nicht anerkennen konnten!

Nicht wenige Homosexuelle scheinen heute ein drittes Modell der Homosexualitätsgenese zu bevorzugen, ein Modell, das ohne eine psychogenetische oder andere Vorgeschichte auskommt. Ihr Theorem reicht bis in die queer theory (siehe Villa 2001) hinein und hat zum Beispiel für die Pädagogik zur Folge, dass eine „nicht-identitäre“ Sozialisation gerade für Jungen angestrebt wird, die gezielt die Herausbildung von Identität vermeidet, damit in der Pubertät die Option von vielen Identitäten verfügbar ist. Solche trivialisierten Vorstellungen vom Prozess der Subjektwerdung finden sich unter anderem bei Anita Heiliger und C. Engelfried (1995) vom Deutschen Jugendinstitut in Veröffentlichungen der dem Bündnis90/Die Grünen nahestehenden Heinrich Böll Stiftung (siehe Krabel/Schädler 2001).

Die anfängliche Neugier am Psychischen erschöpfte sich in den 70er Jahren nicht zuletzt deshalb, weil Antworten auf die Frage nach der Entstehung und Entwicklung von Sexualität generell nicht in jener scheinbaren Widerspruchslosigkeit zu haben sind, mit der es der Werbung gelingt, Müllentsorgung wie auch alles andere mit sexuellem Begehren in einen mild getönten reizvollen Zusammenhang zu bringen. Die anfängliche Neugier ist an den (bösen) Überraschungen gescheitert, die aufzudecken sie ausgezogen war. Das Resultat: sie hat einem Laissez faire des subkulturellen Alltagshandelns Platz gemacht. Die unmerklich eingeübten Praktiken kulminieren derzeit in einigen homosexuellen Milieus in der Forderung nach homosexueller Fortpflanzung als einer Form von alternativer Elternschaft.

Für die Frage, ob Homosexualität als ein subkultureller Lebensstil zu betrachten ist, sind die beiden genannten Theorien von der Entstehung von Homosexualität weitgehend ohne Belang. Auch andere Gruppen organisieren ihren life style, ohne Fragen nach seiner Psychogenese beantworten zu müssen. Das Recht auf Privatheit und ihr Schutz vor Diskriminierung gilt auch für homosexuelle Subkulturen. Daran ist selbst dann noch festzuhalten, wenn dadurch der Blick auf die kindliche, von sanfter – pervasiver – Gewalt durchsetzte leidvolle Psychogenese von Homosexualität getrübt wird oder sie gänzlich aus dem Blick gerät. Das ist im Bereich normaler Beziehungsformen nicht viel anders. Für die Anerkennung dieses Lebensstils in einer pluralistischen Gesellschaft ist es deshalb unerheblich, ob – wie bei Sigmund Freud, Louise Kaplan, Fritz Morgenthaler oder Otto Kernberg – sehr unterschiedliche Perversionen in einem Fall als Ausdruck erotisierten Hasses, in einem anderen als später Sieg über die Drangsalierer der Kindheit beschrieben oder als der Pfropf gesehen werden, der die Lücke schließt, die eine pathologische Entwicklung des Narzissmus erzeugt hat.

Allerdings gibt es einen Kulturstandard, der für alle Menschen gilt und der verletzt werden kann. So sind die Grenzen der Liberalisierung dann errreicht, wenn die Schranken zwischen den Generationen durch Überschreitung aufgehoben, Kinder beschädigt und die Essentials der Generationenfolge in Frage gestellt werden. Das von einigen Homosexuellen leidenschaftlich beanspruchte Recht auf homosexuelle Fortpflanzung und Elternschaft ist mithin legitimationsbedürftig und keineswegs ein disponsibles Element einer spaßgesellschaftlich orientierten Kultur. Zumal sich in den vergangenen Jahrzehnten ein intensiver Diskurs über Missbrauch an Kindern entwickelt hat und die neuen Techniken der Menschenproduktion und die Eugenik heute einer ethischen Begründungspflicht unterliegen, in deren Zentrum die moralische Verantwortung für die tiefgreifenden intergenerationellen Konsequenzen jeder Modifikation von Zeugung und Elternschaft steht.

Gemeint sind die Konsequenzen aus neuen Elternarrangements – wie Leihmutterschaft, heterologe Besamung, Mutter- und Vaterschaftswechsel zwischen homosexuellen Frauen, Geschlechterselektion und genetische Kindesoptimierung – für die Kinder, die aus solchen Arrangements versehrt, weil irreversibel ursprungsmanipuliert, hervorgehen (Amendt 1988). Dass es angesichts der neuen technischen Möglichkeiten in der Reproduktionstechnik und Eugenik sowie der teilweise entgrenzten Phantasien von homo- wie heterosexuellen Männern und Frauen viele Punkte gibt, die noch längst nicht ausdiskutiert sind, kann nicht verwundern; einige Dinge sind in ihren Auswirkungen jedoch bereits normativ bewertet oder an bestehende Wertvorstellungen gekoppelt worden. Auf jeden Fall hat eine generelle Legitimationspflicht entsprechender Vorstellungen und Forderungen eingesetzt.

Es stimmt bedenktlich, wenn Homosexuelle sich dieser ethischen Pflicht entziehen und lediglich vermerken, dass die Mehrheit den Kindesschutz imnmer dann entdecke, wenn es darum gehe, Minderheiten die Lebensqualitäten zu beschneiden. Wer sich der ethischen Begründungspflicht entzieht, verkennt entweder die Tragweite des stattfindenden Diskurses oder formuliert politisch folgenreiche technische Visionen auf der Basis eines pathologischen Narzissmus, der nur sich selbst und niemanden sonst kennt – und der deshalb unfähig ist, über Kindeswohl und Kultur zu reden.

Was eine Gesellschaft mit ihrem Verständis von Elternschaft und Kindeswohl für vereinbar hält, regeln Traditionen und die jeweils geltenden Gesetze. Zum Beispiel widerspricht es unserem Verständnis und unserer Tradition von Mutterschaft und Kindeswohl, dass Frauen sich als Leimütter verkaufen oder als Gebärmaschinen eingekauft werden und vertragsgemäß die Neugeborenen nach der Geburt aussetzen. Leihmutterschaft ist deshalb nicht nur verboten, sie wird allgemein als abartig und unethisch empfunden.

Niemand spricht in modernen Gesellschaften anderen die Wahl individualiserter Lebensformen ab. Sie werden täglich neu geschaffen und verschwinden ebenso schnell – ähnlich den wechselnden Moden in den Kaufhäusern. Wer sich einen Big Mac kaufen will, der kann das tun. Aber ob wir homosexuelle Fortpflanzung und daraus resultierende Elternschaftshybride für moralisch legitimierbar halten, ist etwas gänzlich anderes als die Einverleibung und Ausscheidung eines Big Mac oder irgendwelche Formen subkultureller Freizeitgestaltung. Es wird dabei nämlich eine Festlegung mit lebenslangen intergenerationellen Auswirkungen getroffen, die von den Kindern der Folgegenerationen zu tragen sind und nicht von denen, die die Entscheidung treffen, sie vermeiden oder duldend hinnehmen.

Man könnte im Hinblick auf die Selbstinstrumentalisierung der Gattung mit Jürgen Habermas argumentieren und von forcierten homosexuellen Elternschaften sagen, sie „beeinträchtigen die Freiheit insoweit, wie sie die betroffene Person an abgelehnte, aber irreversible Absichten Dritter fixieren und ihr damit verwehren, sich unbefangen als der ungeteilte Autor des eigenen Lebens zu verstehen“ (Habermas 2001, S. 109). Basale Garantien der Demokratie und damit auch des Wohles von Kindern und der Identitätsbildung werden damit willkürlich verletzt. Auf dem Weg der bornierten Selbstermächtigung wird eine Facette des kulturellen Generationenvertrages zur Disposition gestellt, Das zwingt uns künftig mehr denn je – ähnlich wie die Technikfolgenabschätzung bei der Einführung neuer Technologien – zu einer Kulturfolgenabschätzung bei der Einführung reproduktionsmedizinischer Neuerungen (Amendt 1988), und zwar deshalb, weil wir damit konfrontiert werden, dass in die menschheitsgeschichtlich tradierten Eltern-Kind-Beziehungen umwälzend eingegriffen wird. Auch das homosexuelle Fortpflanzungsbegehren stellt eine solche Neuerung dar, die einerseits von der Entwicklung der Reproduktionstechnologie gefördert wird und anderereits eine langfristige Kulturfolgenabschätzung jenseits spontan getroffener individueller Lifestyle-Präferenzen erzwingt.

Lifestyle-Freiheit kann mancherlei heißen; schwerlich aber heißt es, dass jede aus sexueller Neigung abgeleitete Elternschaftsphantasie zu akzeptieren ist. So wird zum Beispiel niemand auf den Gedanken kommen, im Namen von Lifestyle-Freiheiten anderen strafbare und schädliche Übergriffe nachzusehen, nur weil sie neurotischen Neigungen nachgehen möchten. Niemand zeigt Nachsicht gegenüber dem Vater, der seine Tochter in die Geheimnisse des Sexuallebens einführt, weil er ihr schlechte Erfahrungen mit anderen Männern ersparen will. Auch räumt niemand Pädophilen den Zugriff auf Kinder ein, weil sie ihre Sexualpathologie der elterlichen Aufklärung pädagogisch für überlegen halten. Schwulenorganisationen haben sich deshalb von dem Pädophilieforscher Rüdiger Lautmann distanziert, als er Pädophile an Stelle von Eltern für die Sexualerziehung empfahl. Nicht weniger problematisch ist die politische Strategie von Volker Beck (MdB Bündnis90/Die Grünen), der die Liberalisierung der Homosexualität als einen ersten Schritt zur Durchsetzung von pädophilen Wünschen nach einem herabgesetzten Kindesschutzalter betrachtet (Beck 1988). Und ebenso wenig wird Müttern nachgesehen, dass sie aus partnerschaftlicher Enttäuschung bei ihren Söhnen Trost suchen um den Preis einer sexualierten Beziehung (Amendt 1994).

Wer sich dem Diskurs über das Kindeswohl entzieht, läuft Gefahr, sich vom ethischen Diskurs über die Generationenbeziehungen insgesamt auszuschließen. Wer es trotzdem tut, muss auch die Folgen seiner Verweigerung gegenwärtigen. Nur lässt sich daraus nicht ableiten, dass derjenige, der seinen Lifestyle bzw. seinen Willen nicht bekommt, wegen seines Geschlechts diskriminiert wird und ihm oder ihr Unrecht geschieht. Auch für homosexuelle Männer und Frauen gibt es kein natürliches Recht auf ein Kind, auf Adoption, Insemination, Leihmutterschaft etc.

III.

Dem vernachlässigten Aspekt des Kindeswohls lässt sich auch nicht mit dem naiven und oft vorgetragenen Bekenntnis begegnen, dass Homosexuelle so viel Liebe zu verschenken haben. Ginge es nach naiven Zuordnungen, dann müsste man auch Pädophilen den Wunsch nach sexuellen Handlungen mit Kindern erfüllen. Denn auch sie führen ihre überreiche Liebe zu Kindern ins Feld (Lautmann 1994)! Doch der wissenschaftliche Diskurs über Kindswohlabträglichkeit hat gezeigt, dass viele Formen erwachsener Liebe für Kinder schädlich sind. Und vor allem haben mehr als 20 Jahre Diskussion über sexuellen Missbrauch das allgemeine Bewusstsein dafür geschärft, dass es (um auf einen berühmen Aufsatz von Sandor Fenrenczi zu verweisen), nur allzu oft Sprachverwirrungen zwischen Kindern und Erwachsenen in Fragen der sexuellen Grenzen gibt, die die kindliche Entwicklung zur Autonomie und Glücksfähigkeit einschränken.

Wie verwirrt und begrenzt das Einfühlvermögen von jenen Homosexuellen ist, die homosexuelle Fortpflanzung anstreben, zeigt sich an ihrer Unfähigkeit, die Verwirrungen vorauszusehen, die sie Kindern zumuten, wenn sie zum Beispiel den weiblichen Vater als Momdad und eine männliche Mutter als Dadmom beschreiben und die Identifizierung gleichgeschlechtlicher Eltern mit Doppelväter- und Doppelmütterschaft vorführen.

Die absehbaren Verwirrungen habe ich in allgemeiner Form bereits 1988 in Der Neue Klapperstorch als soziale und psychische Folge der Reproduktionsmedizin beschrieben. Ihre eigene Verwirrung zeigt sich besonders darin, dass diejenigen homosexuellen Männer und Frauen, die sich mit ihrer schicksalhaften Kinderlosigkeit nicht abfinden wollen, im Prinzip für alle Ersatzzeugungen offen sind. Das schließt alle Reproduktionstechniken, die Eugenik und die Leihmutterschaft ein.

Bevor ich – beispielhaft – einige der Verwirrungen beschreibe, will ich den tradierten Hintergrund der Debatte in Erinnerung rufen. Traditionell ist Elternschaft eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau, die in einem essenzialistisch polarisierten sexuellen Spannungsverhältnis zu einander stehen. Nur das ermöglicht es ihnen,eine sexuelle und kulturelle Identität zu entwickeln, die sie wiederum dazu befühigt, die Kultur einer potenziell kultivierten Beziehungsfähigkeit und gesicherten Geschlechtsidentität über die eigene Generation hinaus weiterzugeben und die Kontinuität der Gattung als eine an den Einzelnen gebundene Kultur weiterzuvermitteln. Damit wird die Generationenfolge gesichert und werden die psychischen Fähigkeiten zur Reproduktion der Gattung als Ganzer und nicht nur des Einzelnen hervorgebracht. Dass diese Fähigkeiten in modernen Gesellschaften immer weniger genutzt werden, stellt nicht die kultivierende Beziehungsfähigkeit als solche in Frage. Daran ändert sich auch nichts angesichts der Mängel, der destruktiven Potenziale und der hohen psychischen Ambivalenzen von Eltern, die diese Leistung nur begrenzt erbringen. Das homosexuelle Fortpflanzungsbegehren lässt sich nicht mit der politischen Logik des kleineren Übels legitimieren, da es Kindeswohlinteressen kompromittiert. Mich erinnert dies an jenen Sexualpädagogen, der in den 70er Jahren haftentlassene Jugendliche in die Obhut von Pädaphilen entließ. Er wusste von deren Missbrauchspraxis, nahm sie aber hin und rechtfertigte sie mit der materiellen Sicherheit der Pädophilen und dem Fehlen besserer Unterbringungsmöglichkeiten (siehe auch Kentler 1989, 1994).

Um einen der Aspekte im ethischen Diskurs über homosexuelle Fortpflanzung zu veranschaulichen, sei grob skizziert, was eine homosexuelle Frau, die durch Besamung schwanger wird, von einer Frau unterscheidet, die von einem Mann schwanger wird.

Der folgenreichste Unterschied besteht darin, dass die heterosexuelle Frau schwanger wird, weil sie mit einem Mann Sexualität hatte. Sie ist fähig, Männer zu begehren und sich ambivalenzfähig auf sie zu beziehen. Dass die psychische Genussfähigkeit sich mitunter nur in guten Zeiten einstellt, ist Ausdruck der konflikthaften Kultur zwischen den Geschlechtern. Es stellt die innere Grundlage zumeist nicht in Frage.

Die homosexuelle Frau hingegen wurde schwanger, wel sie besamt wurde. Dem ging voraus, dass sie einem Mann das Sperma weggenommen hat, weil sie es sich nicht schenken lassen konnte. Der Anlass zu dieser Zelltransplantation kommt nicht von außen, sondern spiegelt einen inneren Konflikt, dessen vielfältige Schicksalsaspekte hier hinter die vordringlichen sozialpsychologischen und soziologischen Aspekte zurücktreten müssen.

Welche Auswirkungen hat die besondere Geschlechtsidentität der homosexuellen Mutter für einen Jungen, der aus einer besamend verlaufenen homosexuellen Fortpflanzung hervorgeht? Er wird jenseits aller individuellen Besonderheiten grundsätzlich mit einer Frau aufwachsen, deren Weiblichkeit von unbewusster Angst und von der Abwendung vom Männlichen – also dem Körper, dem Penis und seinen Symbolisierungen – beherrscht wird. Der Sohn wird zwangsläufig in ihr all das auslösen, was sie am Männlichen schwer erträgt, was sie verleugnet, abwertet etc. und was auf der Beziehungsebene als diffuses Unbehagen auftaucht. Der Sohn verkörpert – je älter er wird – all das, was sie mit der Besamung umgehen wollte. Ganz zu schweigen von der Verleugnung des Samens als dem Repräsentanten des Vaters ihres Sohnes.

Wie geht sie später damit um, wenn ihr Sohn Erektionen hat, wenn er sich in seine Mutter verliebt und seine Zärtlichkeit und seine sexuellen Phantasien sich auf sie richten, wenn er nach dem Vater fragt und wenn er vor allem den Weg zum Vater als dem Repräsentanten des Männlichen sucht? Auch der kleine Sohn hat den Penis, der für sie das Angst machende Männliche symbolisiert  und zugleich ist. Den Glanz im Auge der Mutter, den seine Männlichkeit weckt, wird er wohl nie sehen. Seine Kindheit könnte deshalb eher eine alltägliche Konfrontation mit angstbesetzter Ablehnung des Männlichen sein, welche die Mutter in endlosen Wiederholungen an ihn heranträgt. Was an ihm männlich ist, kann sie bedrohen. Empathie für den Sohn kann deshalb hier nur schwerlich entstehen.

Nun gibt es in der Zwischenzeit Untersuchungen, die nachweisen sollen, dass diese Kindesbelastungen nicht eintreten und dass homosexuell fortpflanzende Elternschaft nicht nur gleich „gut“, sondern mitunter sogar „besser“ ist als tradierte Elternschaft. Die Frage ist, was wird hier wie gemessen? Als exemplarisch für dieses methodologische Problem kann eine Untersuchung über die Auswirkungen pädophiler Erfahrungen von Jugendlichen gelten, die im Sinne von advocacy research nachweisen sollte, dass diese Erfahrungen unschädlich seien. Der holländische Autor P. Brongersma hat von Pädophilen missbrauchte Kinder gefragt, ob sie an diesen Erfahrungen leiden würden. Weil sie „nein“ sagten, schloss er auf die Kindeswohlverträglichkeit der Pädophilie. Nun wissen wir aber aus der Therapie mit sexuell Missbrauchten, dass die Identifikation mit dem Angreifer ein häufiges Symptom unter Geschädigten ist. Die Geschädigten verteidigen und beschützen ihre Schädiger, was für den Außenstehenden erst einmal ziemlich unverständlich ist. Sie leiden zwar, aber sie weigern sich, ihr Leid mit Handlungen des geliebten Schädigers in Verbindung zu bringen. Lieber erklären sie sich selber, das hat Ferenczi trefflich gezeigt, für schuldig und zuständig für die Tat.

Nun könnte man dem Argument von der eingeschränkten Empathiefähigkeit der homosexuellen Frau gegenüber ihrem Sohn als Repräsentanten des Männlichen mit der Feststellung begegnen, dass auch heterosexuelle Frauen Probleme mit ihren Söhnen und deren Männlichkeit haben. Das ist richtig; aber der Unterschied besteht darin, das Letztere fähig sind, ihre problematischen Beziehungsaspekte zu bearbeiten, und zwar deshalb, weil sie auf Probleme, die sie mit ihrem Sohn haben, ihrerseits selber stoßen oder von anderen darauf hingewiesen werden oder weil sein Leid sie bekümmert. Diese Frauen können handeln und sich ändern, weil sie mit den männlichen Konflikten ihres Sohnes und seiner Männlichkeit positiv, wenn auch höchst widersprüchlich, identifiziert sind, und weil ihre Fähigkeit, Männer zu begehren, sie eben dazu befähigt. Anders als homosexuelle Frauen fürchten sie gerade nicht, auf männliche Welten und Phantasien in ihrem Sohn zu stoßen. Sie ertragen die Andersartigkeit, die das Männliche verkörpert und die ein Teil der ebenso fruchtbaren wie kritischen Spannung zwischen den Geschlechtern ist (Kernberg 1998).

Die homosexuelle Frau hingegen wird dadurch in Verwirrung gesetzt. Wohlgemerkt, hier geht es um einfühlendes Verstehen, nicht um Reinlichkeitsstandards, Versorgung, Schulaufgabenüberwachung oder Ähnliches. Das leisten homosexuelle Frauen auch. Aber das ist nicht das  Wesentliche der weiblichen psychosexuellen Identität, die der Sohn erfahren muss, um zum Mann zu werden. Und ohne dieses Wesentliche muss der Sohn einer homosexuellen Frau ihr jenseits des Vordergründigen ewig fremd bleiben. Andererseits wissen wir, dass mangelnde elterliche Einfühlsamkeit gerade bei der Entstehung von psychischen Störungen und sozialer Verwahrlosung eine maßgebliche Rolle spielt.

Natürlich leiden auch Töchter unter der homosexuellen Mutter, denn auch sie dürfen den Wunsch nach dem Vater nicht kennen, sondern sollen die Mutter als autark erleben. Auch sie dürfen über die Art ihrer Entstehung nicht nachdenken, denn das würde die irdische Beschränktheit der narzisstischen Omnipotenzphantasien ihrer Mütter sichtbar machen. Die Kinder würden sich den Aggressionen ausliefern, die durch enttäuschte narzisstische Allmachtsphantasien freigesetzt werden. So sind auch Töchter dazu verdammt, die Männerangst ihrer homosexuellen Mütter nicht anzutasten.

IV.

Von Introspektion in das Schicksal der Homosexualität könnte hingegen zeugen, wenn homosexuelle Frauen und Männer akzeptierten, dass der Preis für ihre Homosexualität hoch und leidvoll ist und Kinderlosigkeit zur Folge hat. Ethisches Verhalten hat immer mit Verzicht zu tun. Bei den meisten Homosexuellen scheint das auch akzeptiert zu sein, zumindest verfolgen sie nicht den Wunsch nach Fortpflanzung. Denn der Gang in die Samenhandlung, sei’s zur Leihmutterschaft oder einer anderen Variante der Reproduktionsmedizin, hat vor diesem schicksalhaften Hintergrund nicht nur etwas höchst Illusionäres, sondern gegenüber den Kindern etwas sehr Destruktives.

Es ist ein wesentliches und herausragendes Element der Schwulen-, Lesben und Frauenbewegung in der Vergangenheit gewesen, dass sie sich gegen alle Formen der reproduktiven Manipulation von Frauen – weniger allerdings der von Männern – gewandt haben, Präimplantationsdiagnose und Geschlechtsbestimmung eingeschlossen. Es scheint heute indes, dass zumindest ein Teil der homosexuellen Frauen und Männer mit dieser Tradition brechen will, und dass sich stattdessen eine Tendenz zum Kind in jeder möglichen Vatiante von Menschenprodukten durchsetzt.

Die amerikanische Starjournalistin, Barbara Walters, hat am 3. August 2001 in der Sendung 20/20 von ABC homosexuelle Eltern vorgestellt und ihr Fortpflanzungsverhalten folgendermaßen dokumentiert:

‚Zwei homosexuelle Männer lassen ihr Sperma zu einem Samencocktail mixen, eine Leihmutter damit besamen, die die Schwangerschaft austrägt, das Kind aussetzt, damit die beiden Männer über ein eigenes Kind und eine eigene Familie verfügen. Joe and Laurent haben absichtlich ihr Sperma gemischt, damit sie nicht wissen, wer der Vater ist. Den Mix begründen sie damit, dass dadurch die zukünftige Familieneintracht gestärkt werden solle. Die Eltern sollen nicht identifizierbar sein! Der Vorgang selber zeigt, dass klare Identitäten und damit Verantwortungen vermieden werden sollen. Offensichtlich wird dem Kind die Identitätsverwirrung zugemutet, damit die Identitätskonfusion der Eltern nicht aufgelöst werden muss.

Die eigene wie die auf die Kinder übertragene Identitätsverwirrung wird in der genannten ABC-Show ein zweites Mal im Verhalten von zwei homosexuellen Frauen erkennbar. Beide Frauen wollten gebären. Nacheinander haben sie Kinder zur Welt gebracht. Der dazu nötige anonyme Samen verkörpert auch bei ihnen die verleugnete Vergangenheit und den tot gedachten wie zu Tode geschwiegenen Vater. Alles andere hätte ihre Elterlichkeitsillusion gefährdet. Aber was bedeutet das für die Kinder?

Sie haben es in der anderen Frau jeweils als dem gegengeschlechtlichen Partner ihrer Mutter zu tun, während die Gebärenden jeweils eine fast biologische Mutter und zugleich eine Vaterfigur für das Kind der anderen Frau sind. Auf der Ebene der ehelichen Begegnung sind sie sich wechselweise und abwechselnd Ehemann und dann wieder Ehefrau. Für die Kinder sind sie allenfalls ein Kosmos pervertierter Elternimagines, die keinerlei Konstanz und inhaltliche Beständigkeit haben. Den Kindern sind Halt und Boden entzogen, an dem und auf dem sie das andere, das sie selber nicht sind, festmachen könnten, um zu wissen, was sie selber sind und was nicht.

Wenn es schon Erwachsenen schwer fällt, diese agierten Perversionen im Sinne der kulturellen Regel- und Strukturlosigkeit intellektuell zu verstehen – immerhin wird hier nebenbei auch das Verwandtschaftssystem abgeschafft – dann kann man sich vage vorstellen, welche Konfusionen das in Kindern auslösen wird. Es ist eine Welt der externalisierten Perversion, die – wie Robert Stoller sagt – eine Rache der Perversen ist. Diese Welt ist vor allem gegen die eigenen Eltern gerichtet. Augenscheinlich sind es aber die eigenen Kinder, die von dieser Rache zuerst eingeholt werden. Man könnte das als Instrumentalisierung von Kindern für fremde Zwecke beschreiben, quasi eine närrisch-perverse Leichtsinnigkeit mit schweren Folgen. Die Frage, wer ist meine Mutter und wer ist mein Vater?, lässt sich nicht mehr beantworten. Zumindest nicht mehr mit der sinnlichen Eindeutigkeit, die Kinder brauchen, um als Individuen mit eigenen Grenzen die Grenzen der anderen und die Strukturen der sie umgebenden Kultur zu erfahren.‘

Soweit die Dokumentation von B. Walters. Das geschilderte Verhalten legt die Vermutung nahe, dass homosexuelles Fortpflanzungsbegehren Ausdruck von Verwundungen und Verwirrungen in der eigenen Kindheit ist. Und es spricht einiges dafür, dass die Rache für die Wunden ihren Ausdruck in der aggressiven Persiflage der elterlichen Geschlechterbilder findet. Die Forderung nach homosexueller Fortpflanzung und Elternschaft könnte durchaus eine solche Form der Aggressivität sein. Schließlich wertet sie die Erfahrungen mit den eigenen Eltern zum Beliebigen ab, zu etwas, was einfach jeder kann, was nichts Besonderes ist und vor allem keine Identität verkörpert! Neben der Wut auf die Eltern schlummert hier das Motiv der Rache. Was ist schon Elternschaft! Nichts, was mit dem eigenen Vater und der eigenen Mutter zu tun hätte, nichts was sich lohnte übernommen und bewahrend als Tradition weitergegeben zu werden.

So mag das mehr oder weniger stark ausgeprägte effeminierte Gehabe mancher Homosexueller als eigentümlich komisch oder peinlich erscheinen. In ihrem Unbewussten machen sie sich aber über das Weibliche lustig, sie persiflieren es boshaft und aggressiv. So verwandelt sich das Feminine, als das den Frauen gehörige, in das Effeminierte. Es verzerrt das Weibliche ins Weibische und fügt dabei Abschätzigkeit und Lächerliches hinzu. Das Effeminierte, die parodistische Verzerrung des Weiblichen, stellt gewissermaßen die Herauslösung des weiblichen Narzissmus aus seinen individuellen wie gesellschaftlichen Fundierungen dar. Das Feminine mutiert in dieser Karikatur zu einfaltloser weiblicher Selbstverliebtheit, die gesellschaftsuntauglich erscheint und als Lebenszweck nur die Aufsehen erregende Selbstverzückung zu kennen scheint. Dieses Bild ist konservativen Frauenbildern verblüffend ähnlich. An Stelle der Kritik an der eigenen Mutter tritt die Karikierung aller Frauen; in analoger Weise gilt das auch für die Väter.

Um ein Fazit zu ziehen: Liberales Gewährenlassen gegenüber dem homosexuellen Fortpflanzungsbegehren erscheint aufs Erste großzügig. Aber ein Ausdruck von liberaler Solidarität und Professionalität wäre das Gewähren nur dann, wenn man den homosexuellen Kinderwunsch mit seine Folgen konfrontierte und zur diskursiven Legitimation nötigte. Der dann einsetzende Diskurs wäre tatsächlich Ausdruck einer solidarischen Beziehung. Kriterienlose liberale Großmütigkeit dagegen ist genau so beziehungsverweigernd wie die konservative Verdammung der Homosexuellen.

Doch es geht nicht um abstrakte Duldung, um voraussetzungslose Toleranz oder ein diskriminierungsfreies Leben. Es geht hier darum, ob eine Gesellschaft das Fortpflanzungsbegehren einer Minorität von Homosexuellen unterstützt oder ob sie sie auffordert, Leid und Verzicht zu akzeptieren, die ihrem Lebensschicksal innewohnen, und die Parodie der Papa-Mama-Familie sein zu lassen. Es geht um das gattungsethische Selbstverständnis und nicht um eine kurzsichtige Bereitschaft, basale Beziehungsstrukturen der Kultur wie das Verwandtschaftssystem und die Eltern-Kind-Beziehung narzisstisch in Frage stellen zu lassen. Eben weil die Kinder begehrenden Homosexuellen die Welt nach ihren Wünschen technisch modellieren wollen, ja weil sie Schöpfer spielen wollen, statt am Diskurs über das gattungsethische Selbstverständnis teilzunehmen, muss die Gesellschaft diesen Ethikdiskurs führen. Es muss einen daraus entspringenden normativen Imperativ geben, der homosexuelle Fortpflanzung aus Interesse am Wohl der Kinder und der Kultur ablehnt und die technische Phantasie homosexueller Fortpflanzung als aggressive Parodie kritisiert und bändigt.

Literatur

Amendt, Gerhard, 1988: Der Neue Klapperstorch, Bremen: Ikaru Verlag.

Amendt, Gerhard, 1994: Wie Mütter ihre Söhne sehen, Frankfurt a. M.: Fischer Verlag.
Bailey, J. und R. Pillard, 1991: A genetic study of male sexual orientation, in: Archives of General Psychiatry, 48, S. 1089 – 1096.
Beck, Volker, 1988: Das Strafrecht ändern?, in: A. Leopardi, Der pädosexuelle Komplex, Berlin: Foerster, S. 268.
Dörner, G., 1975: A neuroendocrine predisposition for homosexuality in men, in: Archive Of Sexual Behaviour, S. 1 – 8.
DSM, 1994: Diagnostische Kriterien und Differentialdiagnosen des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen DSM-IV (engl. Ausgabe).
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Erschienen in:

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in: Leviathan - Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 30. Jahrgang – 2002, Heft 2, Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2002. Eine gekürzte Fassung erschien am 08. November 2002 in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Nr. 260, S.8), “Aggressive Persiflage. Kultur, Kindeswohl und homosexuelle Fortpflanzung”.

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