Warum die Vorstellung von Mann und Frau infrage gestellt wird
Rheinischer Merkur- Interview mit Dr. Christl R. Vonholdt:
Geht es nach der schwul-lesbischen Anthropologie, dann kann jeder sein Geschlecht selber wählen. Und der Staat soll alle Formen gleich behandeln.
RHEINISCHER MERKUR: Frau Dr. Vonholdt, was ist Homosexualität? Ist sie angeboren, kann da jemand nicht aus seiner Haut heraus?
CHRISTL R. VONHOLDT: Homosexualität ist nicht angeboren. Obwohl die Hirn-, Gen- und Hormonforschung versucht hat, Angeborenheit zu beweisen, ist das bisher nicht gelungen. Etwas so Komplexes wie Sexualität und sexuelles Verhalten, das mit Phantasien, Vorstellungen, mit Wünschen, Erwartungen und Erfahrungen zu tun hat, kann nicht einfach angeboren sein. Martin Dannecker – er ist Professor für Sexualwissenschaft in Frankfurt und zählt sich selbst zur Homosexuellenbewegung – hat in seinem Gutachten für die Bundesregierung festgestellt, dass alle Versuche, die Homosexualität biologisch zu verankern, als gescheitert zu bezeichnen sind.
Was bedeutet es, wenn jetzt mit dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften diese noch enger an die Ehe heranrücken?
Zunächst: Immer wieder wird behauptet, es gäbe Studien, die könnten nachweisen, dass Kinder in homosexuellen Partnerschaften genauso gut aufwachsen könnten wie bei Vater und Mutter. In Wirklichkeit gibt es keine einzige Studie, die das nachweisen kann. Es gibt viele methodisch völlig unzureichende Studien. Und es gibt Hinweise in Studien, dass Kinder, die in homosexuellen Partnerschaften leben, häufiger als andere Kinder in ihrer geschlechtlichen Identität verunsichert sind und häufiger homosexuelle Erfahrungen machen. Ehe und Familie sind die tragenden Kräfte der Gesellschaft. Sie verbinden die Generationen. Die Umdeutung von Ehe und Familie mit dem Ziel, homosexuellen Beziehungen ein „Eherecht“ und über die Adoption ein „Recht auf Familie“ zu geben, greift tief in die menschheitsgeschichtlich tradierte Vorstellung von Ehe und Familie ein. Auf unsere Kinder und die nächste Generation wird sich das zerstörerisch auswirken. Wenn wir die grundsätzliche Komplementarität der Geschlechter, Mann und Frau zu sein, aufgeben, dann landen wir bei dem, was man die schwul-lesbische Anthropologie nennen kann. Diese stammt aus dem 19. Jahrhundert und behauptet, neben Mann und Frau als den einander ergänzend zugeordneten Geschlechtern gäbe es noch andere „Geschlechter“: Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender und so weiter.
Warum spielt der Gesetzgeber mit?
In der Anhörung zum Lebenspartnerschaftsgesetz im Jahr 2000 wurde von einem Mitglied des Bundestages gesagt: „Es wird heute hetero-, homo- oder bisexuell, als Paar, zu mehreren oder auch allein gelebt . . . Der Staat hat alle Lebensformen Erwachsener rechtlich und finanziell gleich zu behandeln.“ Es hört nicht bei der Homosexualität auf. Es ist ein Trend, der immer weitergeht. Dahinter stehen einflussreiche Lobbygruppen, sonst wäre das Lebenspartnerschaftsgesetz nicht durchsetzbar gewesen.
Von welchen Gruppen sprechen Sie?
Die Organisation ILGA (International Lesbian and Gay Association) ist wahrscheinlich eine der einflussreichsten Organisationen in Europa. Sie hat 2003 ein Papier zum Thema Familie veröffentlicht. Da heißt es: „Die EU-Vorschriften sollen keine neuen Hindernisse für die rechtliche Anerkennung von Familien von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen schaffen.“ Transgender-Personen (transsexuelle Personen) sind Männer oder Frauen, die das Gefühl haben, dass sie im falschen Körper geboren sind und deswegen lieber dem anderen Geschlecht angehören möchten. Wenn es nach den Vorstellungen der Homosexuellenbewegung geht, soll es bald viel leichter möglich sein, zum Beispiel einen männlichen Vornamen gegen einen weiblichen auszutauschen. Dahinter steht das Konzept, dass nicht nur die sexuelle Orientierung, sondern auch die Geschlechtszugehörigkeit frei zu wählen sei.
Wie tief sind solche Vorstellungen bereits in die Gesellschaft eingedrungen?
Es gibt neue Schulrichtlinien, die sagen, man müsse den Kindern und Jugendlichen beibringen, Homosexualität als normal anzunehmen. Homosexualität, Bisexualität, Heterosexualität seien alle normale Ausdrucksformen menschlicher Sexualität und seien auch entsprechend auszuleben. Es gibt Kinderbücher – und zwar ab dem Kindergartenalter –, die die „Homo-Ehe“ als gleichberechtigt und gleich erstrebenswert wie die Ehe zwischen Mann und Frau darstellen. Und zwar in netten, kindgemäßen Bildern. „Schwul sein ist nur eine andere Art zu lieben“, heißt es in einem der Bücher, die vom Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie in Schleswig-Holstein empfohlen werden und in öffentlichen Bibliotheken dieses Bundeslandes auszuleihen sind.
Welche Folgen hat eine solche Relativierung von Ehe und Familie?
Den Jugendlichen wird eine neue Landkarte in den Kopf gesetzt. Sie heißt: Die Ehe zwischen Mann und Frau ist nichts Besonderes mehr. Sie ist nur noch eine von vielen möglichen, gleichwertigen und gleich erstrebenswerten Lebensweisen. Jugendliche, so ist zu vermuten, werden deshalb experimentieren, um herauszufinden, was sie nun „eigentlich“ sind: heterosexuell, homosexuell, bisexuell, transsexuell. Aber auf diese Fragen gibt es ja keine Antwort, außer der einen, dass alle Identitäten und alle Lebensweisen gleich erstrebenswert seien. Das Ergebnis einer solchen Sicht wird tiefe Verunsicherung sein, eine Identitätsverwirrung und in vielen Fällen zerstörtes Leben.
Was steckt hinter der radikalen Verweigerung, nach den psychologischen Ursachen für homosexuelle Neigung zu forschen?
Man will nicht hinschauen, weil die Ursachen für homosexuelle Empfindungen mit frühkindlichen, tiefen emotionalen Verwundungen zu tun haben, mit chronischen Traumata. Es ist sehr schmerzhaft, sich diesen tiefen Gefühlen zu stellen. Wer sich ihnen aber stellt, kann auch den Weg zur Veränderung finden, denn mit Gefühlen und Vorstellungen kann man therapeutisch umgehen. Menschen, die Veränderung suchen, brauchen aber ein Ziel. Deswegen ist es so wichtig, dass wir eine klare Vorstellung vom Menschen als Mann und Frau haben.
Was erwarten homosexuell empfindende Männer und Frauen eigentlich von einer homosexuellen Beziehung?
Sie suchen zutiefst eine Stillung emotionaler Bedürfnisse, die in der Kindheit ungestillt blieben. Wenn man es aus tiefenpsychologischer Sicht zusammenfasst, kann man sagen: Es geht um das ungestillte Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung durch den gleichgeschlechtlichen Elternteil. Es geht um Annahme, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Bestätigung, um das Bedürfnis, sich als ganzen Mann oder ganze Frau fühlen zu können. Es geht um das tiefe Bedürfnis nach ganzheitlicher Identität. Es geht auch um Angst vor Nähe und Intimität mit einer Person des anderen Geschlechts. Der Mensch ist ein Beziehungswesen, und Sexualität hat etwas mit Beziehungen zu tun. Deshalb spielen die frühkindlichen Beziehungserfahrungen eine ganz wesentliche Rolle für die Art und Weise, wie ein Mensch später sexuell empfindet. Homosexuell empfindende Männer etwa sind in ihren frühen männlichen Beziehungen (meist zum Vater) verletzt worden. Sie tragen dieses tiefe Gefühl in sich, dass da eine Kluft ist zwischen ihnen und dem Vater, dass sie zur Männergemeinschaft nicht dazugehören. Dieses tiefe Verlangen nach Zugehörigkeit, nach emotionaler Verbundenheit mit der Männlichkeit und nach Anschluss wird erotisiert und sexualisiert.
Verteidiger der „Homo-Ehe“ sagen, homosexuelle Partnerschaften seien heute nicht weniger stabil als Ehe und Familie. Entspricht das der Wirklichkeit?
Das häufige Wechseln von Partnern ist in der männlichen Homosexualität, selbst wenn sie jahrelang mit einem Partner zusammenleben, sehr weit verbreitet. Wir sehen es als Zeichen von Unreife. Homosexuelle aber bezeichnen es als besondere Gabe, einen Partner zu haben und gleichzeitig noch mehrere Nebenbeziehungen zu haben. Eine umfangreiche, repräsentative Studie aus Holland aus dem Jahr 2001 zeigt, dass Personen, die sich homosexuell oder bisexuell verhalten, deutlich häufiger an psychischen Erkrankungen leiden. Bei den Männern sind es vor allem Angststörungen und schwere Depressionen, bei den Frauen vor allem Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit. Mehrere Untersuchungen aus den USA befassten sich mit der sexuellen Treue während einer bestehenden Beziehung. 85 Prozent der verheirateten Frauen sagten, sie seien seit dem Eheversprechen nicht untreu geworden; von den verheirateten Männern sagten 75,5 Prozent, sie seien treu geblieben. Von den homosexuell lebenden Männern sagten nur 4,5 Prozent, sie seien treu geblieben.
Auch die Frage der Gewalt wird tabuisiert. Was sagt die Forschung dazu?
Studien aus den USA dazu ergeben Folgendes: Bei homosexuell lebenden Männern und Frauen ist die Gewaltrate innerhalb ihrer Beziehungen mindestens doppelt so hoch wie die Gewaltrate in heterosexuellen Beziehungen. Am höchsten scheint sie bei lesbisch lebenden Frauen zu sein.
Gibt es Therapien, um eine homosexuelle Orientierung zu überwinden?
Ich kenne viele Menschen, die den Weg der Veränderung hin zu einer heterosexuellen Orientierung geschafft haben. Auf ihrem langen Weg der Überwindung haben sie viel über menschliche Reifung reflektiert, darüber, was es heißt, Mann und Frau in komplementärem Gegenüber zu sein; was es bedeutet, sich selbst anzunehmen und mit Gefühlen der Einsamkeit und inneren Leere anders umgehen zu lernen. Viele von ihnen helfen heute anderen auf ihrem Weg aus der Homosexualität. Veränderung einer homosexuellen Orientierung ist grundsätzlich möglich, wenn man sich den tiefen, schmerzhaften Konflikten stellt.
Dr. med. Christl Ruth Vonholdt
Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien, christliche Anthropologie.
Die Fragen stellte Rudolf Zewell. © Rheinischer Merkur Nr. 29, 15.07.2004