Welche wissenschaftliche Grundlage haben die Forderungen nach einem Verbot von Reorientierungstherapien für Minderjährige?

Hintergrundinformationen zum Gesetzentwurf von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 20.03.2013

Christl R. Vonholdt

Abstract

Anders als im Gesetzentwurf dargestellt, besagt das Statement des Amerikanischen Psychologenverbandes (APA) nicht, dass Reorientierungstherapien „erhebliche Nebenwirkungen“ zeigen, schon gar nicht, wie der Vorwurf im Gesetzentwurf lautet „bei der Mehrzahl der so therapierten Personen.“
Der Amerikanische Psychologenverband kommt zu dem Schluss, dass er aufgrund zu dürftiger Datenlage keine definitiven Aussagen über mögliche Schädlichkeit und mögliche Wirksamkeit von Reorientierungstherapien machen kann.

Im APA-Statement heißt es in den Summaries:
“Es gibt keine wissenschaftlich gründlichen Studien, die es erlauben würden, eine definitive Aussage darüber zu machen, ob aktuelle Reorientierungstherapien unschädlich oder schädlich sind und für wen.“ “Keine der aktuellen Studien (1999-2007) besitzt die methodischen Standards, die es erlauben würden, Schlüsse bezüglich Wirksamkeit (efficacy) oder Unschädlichkeit (safety) zu ziehen.“ „Die Forschung bezüglich Reorientierungstherapien hat die Fragen von Wirksamkeit und Unschädlichkeit nicht angemessen erforscht.“

Die Verfasser des Gesetzentwurfes befürworten gay-affirmative Therapien. Doch auch für diese Therapien, so das APA-Statement, fehlt bisher der Nachweis der Wirksamkeit, die Frage der Schädlichkeit wurde noch nicht untersucht.

Wenn der Gesetzentwurf moderne Reorientierungstherapien für Jugendliche verbieten will, obwohl diese heute übliche Therapiemethoden anwenden – die nicht verboten werden können –, will er in Wirklichkeit das Therapieziel verbieten. Das Suchen nach konstruktiven Wegen zur Abnahme homosexueller Empfindungen soll nicht mehr erlaubt sein. Es kann aber nicht Aufgabe des Gesetzgebers sein, Menschen vorzuschreiben, welche persönlichen Lebensziele sie verfolgen dürfen und welche nicht.

Einführung

Im Gesetzentwurf von BÜNDNIS 90/Die GRÜNEN wird ein Verbot von Reorientierungstherapien für Minderjährige gefordert.1 Als Grund wird angegeben, dass Reorientierungstherapien nachweislich schädlich seien. Reorientierungstherapien hätten „erhebliche Nebenwirkungen“, und zwar „bei der Mehrzahl der so therapierten Personen“; diese reichten „von Ängsten über Depression bis hin zu selbstzerstörerischem Verhalten und Selbstmorden.“ Zusätzlich heißt es, dass die Wirksamkeit von Reorientierungstherapien „nicht bewiesen werden könne, eine Änderung der sexuellen Orientierung sehr unwahrscheinlich sei.“

Für diese gravierenden Vorwürfe werden nur zwei Quellen angeführt: Ein kurzes Policy-Statement des Amerikanischen Psychiaterverbandes aus dem Jahr 2000.

www.dayagainsthomophobia.org/IMG/pdf/2000COPPStatement.pdf

und ein ausführliches Statement des Amerikanischen Psychologenverbandes aus dem Jahr 2009, das von sechs Aktivisten der LGBT-Bewegung verfasst wurde.

www.apa.org/about/policy/sexual-orientation.aspx

Im Gesetzentwurf werden allerdings die beiden Verbände und damit auch die Quellen verwechselt, zudem stammt das Statement des Amerikanischen Psychologenverbandes aus dem Jahr 2009, nicht wie im Gesetzentwurf angegeben von 2007.

Was sagen die angegebenen Quellen wirklich?

Der Amerikanische Psychiaterverband

Der Amerikanische Psychiaterverband gab im Jahr 2000 ein knapp zweiseitiges Policy-Statement heraus. Darin positioniert er sich zunächst mit ethisch-moralischen Aussagen. Er wendet sich gegen eine „moralische Abwertung homosexueller Beziehungen in der Gesellschaft“ und vertritt die Auffassung, dass Homosexualität „eine normale Variante menschlicher Sexualität“ sei. Zur wissenschaftlichen Datenlage heißt es:

„To date, there are no scientific rigorous outcome studies to determine either the actual efficacy or harm of ’reparative’ treatments. (…) APA encourages and supports research in the NIMH and the academic research community to further determine ’reparative’ therapy’s risks versus its benefits.”
www.dayagainsthomophobia.org/IMG/pdf/2000COPPStatement.pdf

„Es gibt bis heute keine wissenschaftlich gründlichen Ergebnisstudien, um die tatsächliche Wirksamkeit oder Schädlichkeit von Reparativtherapien festzustellen. (…) Die APA unterstützt und ermutigt zu Forschungen in der NIMH und in der akademischen Forschungsgemeinde, um Risiken versus Nutzen von Reparativtherapien weiter zu ermitteln.“

Anders als der Gesetzentwurf suggeriert, kommen die Begriffe „Ängste, Depression bis hin zu selbstzerstörerischem Verhalten und Selbstmorden“ im Statement nicht vor.

Der Amerikanische Psychologenverband

Im Jahr 2009 gab der Amerikanische Psychologenverband (APA) ein 130 Seiten umfassendes Statement „Appropriate Therapeutic Responses to Sexual Orientation“ heraus.

www.apa.org/about/policy/sexual-orientation.aspx

Es wurde von einer sechsköpfigen Arbeitsgruppe verfasst, der Task Force, die aus fünf Psychologen und einem Psychiater bestand. Alle sind Aktivisten der LGBT-Bewegung und bekannt für ihre prinzipiell ablehnende Haltung gegenüber Reorientierungstherapien.
Sämtliche APA-Psychologen, die langjährige Erfahrungen im Bereich der Reorientierungstherapien haben und sich für eine Mitarbeit in der Task Force beworben hatten, wurden ausgeschlossen. Eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema Reorientierungstherapien war so von vornherein verunmöglicht.

Eine der Aufgaben der Task Force war es, Reorientierungstherapien, genannt SOCE (sexual orientation change efforts, wörtlich: „Reorientierungsbemühungen“), bezüglich ihrer Wirksamkeit und möglichen Gefahren zu untersuchen.

Auch dieses Statement stellt moralisch-ethische Wertungen an den Anfang. So heißt es in der Summary (S. 2), dass Homosexualität „normal und eine positive Variante menschlicher Sexualität“ sei und dass „Schwule, Lesben und bisexuelle Individuen stabile, verpflichtete Beziehungen und Familien bilden, die in wesentlicher Hinsicht gleichwertig mit heterosexuellen Beziehungen und Familien sind“ – ohne dass dafür empirisch-wissenschaftliche Belege angeführt werden.

Das 130-Seiten Statement ist in weiten Teilen widersprüchlich und verwirrend, weil

a) nicht wirklich klar wird, warum die große Mehrzahl der qualitativen Fallstudien zu Reorientierungstherapien von der Auswertung ausgeschlossen wurde;
b) einerseits behauptet wird, die Forschung zu Reorientierungstherapien sei nicht so weit gediehen, um allgemeine und verlässliche Aussagen über Schädlichkeit oder Wirksamkeit von Reorientierungstherapien zu machen; im Summary (und im kurzen Abstract) dann aber doch einseitig verallgemeinernde Aussagen genau darüber gemacht werden;
c) in Summary und Abstract einseitige, verallgemeinernde Aussagen gemacht werden, die durch den Inhalt der 130 Seiten nicht abgedeckt sind. Das ist irreführend, da viele Leser sich möglicherweise nicht die Mühe machen, den gesamten Text zu lesen, sondern sich mit den kurzen Zusammenfassungen begnügen.

Qualitätskriterien für die Auswahl der Studien

Um die Fragen nach Schädlichkeit und Wirksamkeit von Reorientierungstherapien zu beantworten, stellte die Task Force – wie es üblich ist – zunächst ihre Qualitätskriterien auf, nach denen sie entschied, welche der vielen Hundert Studien über Reorientierungstherapien in die Auswertung aufgenommen wurde und welche nicht.
Als Qualitätskriterien legte sie heutige „best practice standards for experimental design“ fest. Diese eher soziologisch als psychologisch ausgerichteten Standards fordern experimentelle Studiendesigns:

  • Es sollen prospektive Langzeitstudien sein, keine retrospektiven Studien.
  • Die Studien sollen möglichst repräsentativ sein (in diesem Fall für die Gruppe der homosexuell Empfindenden).
  • Jeder Proband für die Studie wird nach dem Zufallsprinzip entweder in die Gruppe derjenigen verwiesen, die eine Therapie erhält, oder in eine Kontrollgruppe, die über mehrere Jahre keine Therapie erhält.

Diese und weitere Maßnahmen sollen sicherstellen, dass beispielsweise eine während der Therapie erfolgte Abnahme homosexueller Gefühle auch tatsächlich auf die Therapie zurückzuführen ist und nicht auch ohne Therapie erfolgt wäre.

Es liegt auf der Hand, dass diese Maximal-Kriterien unrealistisch sind und bei mehrjährigen Psychotherapien in der Regel nicht erfüllt werden können. Klienten mit ichdystoner Homosexualität leiden unter innerem Stress oder haben andere Probleme (Depressivität, Ängste). Es wäre unverantwortlich, sie für mehrere Jahre in eine Kontrollgruppe zu verbannen.

Aus den mehreren Hundert Studien über Reorientierungstherapien wählte die Task Force dann 83 aus, die sie in die Auswertung einbezog. Die große Mehrzahl der vorhandenen qualitativen (Einzelfall-)Studien, wie sie etwa in den traditionellen Reorientierungstherapien der psychoanalytischen Schule üblich sind, sowie andere aktuelle qualitative Studien lehnte die Task Force als methodisch nicht exakt genug ab. Aus unerfindlichen Gründen lehnte sie auch die methodisch gründliche, prospektive Langzeitstudie der renommierten Forscher Jones/Yarhouse (2007)2 ab. Ebenso unverständlich ist, warum die qualitative und methodisch zahlreiche Mängel aufweisende Studie von Shidlo/Schroeder (2002)3 in die Auswertung einbezogen wurde.

Die 83 Studien teilte die Task Force dann ein in frühe Studien, die zwischen 1960 und 1978 veröffentlicht wurden, und in wenige aktuelle Studien aus den letzten zehn Jahren und beurteilte sie auch getrennt in diesen beiden Gruppen.

Allerdings fand die Task Force auch unter den 83 Studien keine einzige, die den „best practice standards“ entspricht. Nur eine einzige Studie hatte eine Kontrollgruppe. Neun Studien gab es insgesamt, die von der Task Force als methodisch „gründlich“ („rigorous“) eingestuft wurden, alle gehören zu den frühen Studien (1960 bis 1978) und betreffen im wesentlichen die seit langem zu Recht nicht mehr angewandten Aversionstherapien.

Von den wenigen in die Auswertung einbezogenen aktuellen Studien war die Task Force überzeugt, dass keine von ihnen methodisch gründlich genug sei, um generelle Aussagen über mögliche Schädlichkeit oder mögliche Wirksamkeit von Reorientierungstherapien zu machen.

In der Summary am Ende des Textes (S. 81 ff) heißt es:
„We found few scientifically rigorous studies that could be used to answer the questions regarding safety, efficacy, benefit and harm. Few studies could be considered true experiments or quasi-experiments that would isolate and control the factors that might effect change. These studies were all conducted in the period from 1969 to 1978 and used aversive or other behavioral methods. Recent SOCE differ from those interventions explored in the early research studies. (…) The few high quality studies of SOCE conducted from 1999 to 2004 are qualitative and… do not provide the kind of information needed for definitive answers to questions of safety and efficacy of SOCE. (…) There are no scientifically rigorous studies of recent SOCE that would enable us to make a definitive statement about whether recent SOCE is safe or harmful and for whom.“

„Wir fanden wenige wissenschaftlich gründliche Studien, die geeignet wären, die Fragen nach Sicherheit, Wirksamkeit, Nutzen und Schädlichkeit zu beantworten. Nur wenige Studien können als wirklich experimentell oder quasi-experimentell angesehen werden. Diese wurden alle in der Zeit zwischen 1969 und 1978 durchgeführt und betreffen aversive Methoden oder andere Verhaltensmethoden.
Die aktuellen Studien über SOCE unterscheiden sich in ihren Interventionsmethoden von den frühen Studien. Die wenigen hochwertigen Studien, die zwischen 1999 und 2004 durchgeführt wurden, sind qualitativ und… geben nicht die nötigen Informationen, um endgültige Antworten über Sicherheit oder Wirksamkeit zu machen. (…)
Es gibt keine wissenschaftlich gründlichen Studien über aktuelle Reorientierungstherapien, die es erlauben würden, eine definitive Aussage darüber zu machen, ob die aktuellen SOCE-Therapien ungefährlich oder schädlich sind und für wen.“

In der Summary (S. 2) heißt es über die aktuellen Studien:
„None of the recent research (1999-2007) meets methodological standards that permit conclusions regarding efficacy or safety.”

„Keine der aktuellen Studien (1999-2007) besitzt die methodischen Standards, die es erlauben würden, Schlüsse bezüglich Wirksamkeit oder Unschädlichkeit zu ziehen.“

Über alle 83 untersuchten Studien heißt es am Ende der Summary (S. 6):
„The research on SOCE has not adequately assessed efficacy and safety. Any future research should conform to best-practice standards for the design of efficacy research… and include measures capable of assessing harm.”

„Die Forschung bezüglich SOCE hat die Fragen von Wirksamkeit und Unschädlichkeit nicht angemessen erforscht. Zukünftige Forschung sollte sich bezüglich des Studiendesigns an die best-practice standards halten, um die Wirksamkeit zu erforschen… und sollte Parameter zur Beurteilung von Schädlichkeit enthalten.“

Damit erklären die Verfasser des APA-Statements, dass – nach ihren hohen Qualitätskriterien – die heutige Datenlage nicht ausreicht, um verlässliche Aussagen über Wirksamkeit oder negative Auswirkungen von Reorientierungstherapien zu machen.

Die Behauptung im Gesetzentwurf, die sich auf das APA-Statement beruft, wonach Reorientierungstherapien nachweislich schädlich sind, wird durch das APA-Statement nicht gestützt. Die Begründung, die die Verfasser des Gesetzentwurfes zum Verbot von Reorientierungstherapien bei Jugendlichen heranziehen, ist damit hinfällig.

Analyse der Studien im Text versus Summary

Es lohnt sich, das APA-Statement noch etwas intensiver zu beleuchten, denn an bestimmten Stellen in den Summaries und im Abstract werden einseitig verallgemeinernde Aussagen gemacht, die durch den Inhalt von Kapitel 4 – in dem es um Schädlichkeit und Wirksamkeit geht – nicht abgedeckt sind.

Schädlichkeit für einige bewiesen?

Im Summary heißt es (S. 2-3):
„We found that there was some evidence to indicate that individuals experienced harm from SOCE. Early studies documented iatrogenic effects of aversive forms of SOCE. These negative side effects included loss of sexual feeling, depression, suicidality, and anxiety.”

„Es gab einige wissenschaftliche Belege, die darauf hinweisen, dass Individuen schädliche Auswirkungen durch SOCE erlebten. In den frühen Studien sind iatrogene Auswirkungen von SOCE-Aversionsmethoden dokumentiert. Zu den negativen Auswirkungen gehörten der Verlust sexueller Empfindungen, Depression, Suizidalität und Ängste.“

Wie ist das zu bewerten?

In Kapitel 4 sind die Aussagen vorsichtiger. Dort heißt es, dass in der großen Mehrzahl der frühen Studien keine Aussagen über mögliche Schädlichkeit gemacht wurden.
Von den weit über 40 frühen Studien (die genaue Zahl ist nicht ersichtlich) werden sechs genannt, in denen negative Auswirkungen der Therapie beschrieben sind:
Drei davon sind Studien, die nur aus einem einzigen Probanden bestehen und in denen Methoden wie Flüssigkeitsentzug oder die Gabe von Apomorphin angewandt wurden. Dies sind längst überholte und seit langem nicht mehr angewandte Therapiemethoden.
In einer weiteren Studie mit 46 Probanden berichtet einer, dass er seine sexuellen Gefühle verloren habe und die Therapie deshalb abbrach. Zwei berichten von schweren Depressionen und vier von leichten Depressionen während der Therapie.
In den beiden anderen Studien über klassische Aversionstherapien (eine mit 8, die andere mit 16 Teilnehmern) werden negative Auswirkungen beschrieben: Ängste, Selbstmordgedanken, Depression, Impotenz, Beziehungsschwierigkeiten, schwere Depression, Magenschmerzen, Alpträume (kein „Selbstmord“, wie im Gesetzentwurf behauptet wird).

„Overall, although most early research provides little information on how research participants fared over the long term…, negative effects of treatment are reported to have occurred for some people during and immediately following treatment.“ (S. 42)

„Obwohl insgesamt die meisten frühen Studien kaum Informationen enthalten, wie es den Studienteilnehmern langfristig geht…, wird über negative Auswirkungen bei einigen Personen während und unmittelbar nach der Therapie berichtet.“

Die Mehrzahl der in die Auswertung einbezogenen Studien gehört zu den frühen Studien und betrifft die Aversionsmethoden und verwandte Methoden der 1960er und 1970er Jahre. Diese Therapiemethoden werden seit langem nicht mehr angewandt. Moderne Reorientierungstherapien und Reparativtherapie gehen von einem völlig anderen Ansatz aus, mit Aversionsmethoden sind sie nicht zu vergleichen. Für eine Beurteilung heutiger Reorientierungstherapien – worum es im Gesetzentwurf geht – sind die Ergebnisse dieser Studien letztlich irrelevant.

Über die wenigen, in die Auswertung einbezogenen aktuellen Studien, heißt es in Kapitel 4 (S. 42):
„Although the recent studies do not provide valid causal evidence of the efficacy of SOCE or of its harm, some recent studies document that there are people who perceive that they have been harmed through SOCE, just as other recent studies document that there are people who perceive that they have benefited from it.”

„Obwohl die aktuellen Studien keinen validen kausalen Zusammenhang zwischen Wirksamkeit oder Schädlichkeit und Reorientierungstherapien belegen, wird in einigen aktuellen Studien von Menschen berichtet, die sich als geschädigt durch SOCE empfinden, ebenso wie in anderen aktuellen Studien von Menschen berichtet wird, die empfinden, dass sie davon profitiert haben.“

In der Zusammenfassung von Kapitel 4 über alle Studien heißt es (S. 42):
„Early and recent research studies provide no clear indication of the prevalence of harmful outcomes among people who have undergone efforts to change their sexual orientation.”

„Die frühe und aktuelle Forschung bietet keinen klaren Hinweis für die Häufigkeit schädlicher Auswirkungen bei Personen, die Versuche zur Veränderung ihrer sexuellen Orientierung unternommen haben.“

Negative Auswirkungen von Therapien allgemein

Wenn Personen den Eindruck haben, eine Therapie habe ihnen geschadet, ist das sehr ernst zu nehmen. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass dies bei Reorientierungstherapien häufiger der Fall wäre als bei Psychotherapien allgemein. In einer neuen, umfangreichen Meta-Analyse über die Auswirkungen von allgemeinen Psychotherapien (2004) heißt es: „Wissenschaftliche Belege deuten darauf hin, dass eine Psychotherapie bei einem Teil der Personen, denen sie helfen möchte, schädliche Auswirkungen haben kann und tatsächlich hat. Bei einem relativ konstanten Teil derjenigen in Therapie – 5 bis 10 Prozent – kommt es in der Therapie zu einer Verschlechterung des Befindens.“4 Eine angemessene, sachorientierte Aufklärung über mögliche Risiken sowie über realistische und unrealistische Therapieziele ist deshalb bei jeder Therapie erforderlich.

Unwirksamkeit bewiesen?

In Kapitel 4 werden einige frühe Studien genannt (S. 36), in denen Probanden über eine Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle berichten. In einer Studie beispielsweise mit 46 Probanden von 1973 berichtet die Hälfte der Männer, dass sie durch die Therapie eine Abnahme ihrer homosexuellen Empfindungen erlebten. Anders als bei den negativen Auswirkungen sortiert die Task Force die wissenschaftlichen Belege über Wirksamkeit aber aus mit dem Hinweis, dass es keine Kontrollgruppe gab und man deshalb nicht wissen könne, ob die Abnahme der homosexuellen Gefühle nicht auch ohne Therapie eingetreten wäre.

Hier wird mit zweierlei Maß gemessen: Der Einzelfall, in dem ein Mann seine sexuellen Gefühle durch die Therapie verlor, findet Eingang in die Summary. Die Studien, in denen in mehreren Fällen eine Wirksamkeit beschrieben wird, finden keinen Eingang in die Summary, weil sie den „best practice standards“ nicht entsprechen.

In der Summary heißt es widersprüchlich (S. 2-3):
„Compelling evidence of decreased same-sex sexual behavior and of engagement with the other sex was rare. (…) Thus the results of scientifically valid research indicate that it is unlikely that individuals will be able to reduce same-sex attractions or increase other-sex attractions through SOCE.“

„Überzeugende Beweise für eine Abnahme von homosexuellem Verhalten und Beziehungen mit dem anderen Geschlecht waren selten. (…) So weisen die Ergebnisse wissenschaftlich valider Forschung darauf hin, dass es unwahrscheinlich ist, dass Personen eine Abnahme ihrer homosexuellen Empfindungen oder eine Zunahme ihrer heterosexuellen Empfindungen erreichen können.“

Die Annahme, dass die Daten nicht gründlich genug sind, um valide Aussagen über die Wirksamkeit von Reorientierungstherapien zu machen, ist eine Sache. Doch in der Summary auf einmal zu folgern, die „wissenschaftlich valide Forschung“ weise darauf hin, dass es „unwahrscheinlich“ sei, dass Menschen durch Reorientierungstherapien eine Abnahme ihrer homosexuellen Empfindungen erfahren, ist eine unzulässige Schlussfolgerung. Sie ist wissenschaftlich unredlich. Fehlt aufgrund zu dürftiger Datenlage der Beweis für die Wirksamkeit, heißt das nicht, dass damit die Unwirksamkeit bewiesen wäre.5

Zusammenfassung des APA-Statements

  1. „There are no scientifically rigorous studies of recent SOCE that would enable us to make a definitive statement about whether recent SOCE is safe or harmful and for whom.” (Summary S. 83)
    „Es gibt keine wissenschaftlich gründlichen Studien, die es erlauben würden, eine definitive Aussage darüber zu machen, ob aktuelle Reorientierungstherapien unschädlich oder schädlich sind und für wen.“
    „The research on SOCE has not adequately assessed efficacy and safety. Any future research should conform to best-practice standards for the design of efficacy research… and include measures capable of assessing harm.” (Summary S. 6)
    „Die Forschung bezüglich Reorientierungstherapien hat die Fragen von Wirksamkeit und Unschädlichkeit nicht angemessen erforscht. Zukünftige Forschung sollte sich bezüglich des Studiendesigns an die best-practice standards halten, um die Wirksamkeit zu erforschen… und sollte Parameter zur Beurteilung von Schädlichkeit enthalten.“
  2. Die Verfasser des APA-Statements geben zu, dass auch für den gay-affirmativen Ansatz der Nachweis der Wirksamkeit bisher fehlt und die Frage der Schädlichkeit noch nicht untersucht wurde: „it has not been evaluated for safety and efficacy.“ (S. 91)

Warum das Angebot von Reorientierungstherapien sinnvoll ist

An keiner Stelle nennt die Task Force die gut belegten, wissenschaftlichen Daten, die zeigen, dass homosexuelle Lebensformen mit deutlich höheren Risiken für die seelische und körperliche Gesundheit verbunden sind. Möglicherweise liegt hier einer der Gründe, warum nach wie vor Erwachsene und Jugendliche nach Alternativen zu gay-affirmativen Therapien suchen und sich eine Reorientierungstherapie wünschen. Diese Menschen möchten nicht homosexuell leben, sie wünschen sich konstruktive Wege zur Abstinenz von homosexuellem Verhalten sowie zur Abnahme ihrer homosexuellen Empfindungen und – soweit möglich – zur Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials.

Nach den vorliegenden Studien haben homosexuell Lebende eine deutlich höhere Rate an Depressionen und Angststörungen verglichen mit der Allgemeinbevölkerung.6 Die Suizidalität bei homosexuell Lebenden ist erheblich höher.7 In einer repräsentativen Studie aus Dänemark war die Suizidrate bei homosexuellen Männern in eingetragener Lebenspartnerschaft achtmal höher als bei heterosexuell verheirateten Männern.8 Die gesellschaftliche Anerkennung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft konnte die hohe Suizidalität bei homosexuell lebenden Männern nicht senken. In männlichen homosexuellen Beziehungen ist die Partnerschaftsgewalt höher als in heterosexuellen Beziehungen.9

Jugendliche, die sich als homosexuell oder bisexuell bezeichnen, zeigen häufiger gewaltbereites Verhalten und sind häufiger Opfer oder Täter bei sexuellen Verabredungen.10
Sie konsumieren häufiger und früher Alkohol und Drogen als heterosexuell empfindende Jugendliche.11 Eine Studie des homosexuell lebenden Forschers Remafedi weist auf einen statistischen Zusammenhang zwischen frühem Coming-out und höherer Suizidrate bei Jugendlichen hin.12 Zu den körperlichen Risiken homosexuellen Lebens gehört bei Männern eine erhöhte Gefährdung für sexuell übertragbare Krankheiten. 68% der HIV-Neuinfektionen in Deutschland betreffen Männer, die Sex mit Männern haben.13 Laut einer niederländischen Studie sind Männer in festen homosexuellen Beziehungen davon nicht weniger betroffen.14

Reorientierungstherapien

Reorientierungstherapien sind ein Angebot für homosexuell empfindende Menschen, die sich mit einem homosexuellen Lebensstil nicht identifizieren können oder wollen. Diese Männer und Frauen erleben ihre Homosexualität als „ichdyston“, als nicht passend und nicht stimmig für sie.
Reorientierungstherapien beschreiben ein Therapieziel, keine Methode. Das Ziel ist eine Abnahme homosexueller Gefühle, ein Beenden homosexuellen Verhaltens und – soweit möglich – die Entwicklung des heterosexuellen Potentials. Als Reorientierungstherapien werden verschiedene übliche moderne verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische, psychoanalytische oder psychodynamisch orientierte Therapien eingesetzt sowie zunehmend moderne Traumatherapien wie EMDR. Die Reparativtherapie ist eine der Methoden und zählt zu den kurzen psychodynamischen Therapien.

Auch bei den gay-affirmativen Therapien geht es nicht um eine Methode, sondern um ein Therapieziel: die homosexuellen Gefühle zu festigen und in den meisten Fällen auch betroffene Menschen dabei zu unterstützen, homosexuell zu leben.

Der Gesetzentwurf

Wenn der Gesetzentwurf moderne Reorientierungstherapien für Jugendliche verbieten will, obwohl diese heute übliche Therapiemethoden anwenden – die nicht verboten werden können –, will er in Wirklichkeit das Therapieziel verbieten. Das Suchen nach konstruktiven Wegen zur Abnahme homosexueller Empfindungen soll nicht mehr erlaubt sein. Es kann aber nicht Aufgabe des Gesetzgebers sein, Menschen vorzuschreiben, wie sie leben sollen, welche persönlichen Lebensziele sie verfolgen dürfen und welche nicht.

Anders als es die Verfasser des Gesetzentwurfs darstellen, besagt das Statement des Amerikanischen Psychologenverbandes nicht, dass Reorientierungstherapien „erhebliche Nebenwirkungen“ zeigen, schon gar nicht, wie der Vorwurf im Gesetzentwurf lautet „bei der Mehrzahl der so therapierten Personen.“ Mit möglichen Nebenwirkungen ist bei jeder Therapie zu rechnen.
Der Amerikanische Psychologenverband kommt zu dem Schluss, dass er aufgrund zu dürftiger Datenlage keine endgültigen Aussagen über die Wirksamkeit von Reorientierungstherapien machen kann. Das bedeutet nicht, dass die Unwirksamkeit dieser Therapien bewiesen wäre, wie im Gesetzentwurf suggeriert wird.

Der Inhalt des 130 Seiten APA-Statements ist angemessen widergegeben in dem Satz aus der Summary: „The research on SOCE has not adequately assessed efficacy and safety.“
„Die Forschung bezüglich Reorientierungstherapien hat die Fragen von Wirksamkeit und Unschädlichkeit nicht angemessen erforscht.“

Es gibt zwei neuere Studien zu Reorientierungstherapien, die erst 200915 und 201016 erschienen sind. Beide kommen zu dem Schluss, dass Reorientierungstherapien wirksam sein können. Beide können keine grundsätzliche Schädlichkeit finden. Es wäre wissenschaftlich redlich gewesen, wenn die Verfasser des Gesetzentwurfes diese Studien in ihre Überlegungen mit einbezogen hätten.

02.05.2013


Copyright: Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft | DIJG

Anmerkungen

1 Drucksache 17/12849 dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/128/1712849.pdf

2 Jones, S. L., Yarhouse, M. A., Ex-Gays? Downers Grove 2007.

3 Shidlo, A., Schroeder, M., Changing Sexual orientation: A Consumers’ Report. Professional Psychology, 33, 3, 2002, S. 249-259.

4 Lambert, M. J., et al., The Efficacy and Effectiveness of Psychotherapy, in: M. J. Lambert (Ed.), Bergin and Garfield’s Handbook of psychotherapy and behavior change, New York 2004, S. 157-158.

5 Siehe dazu auch: Goddard, A., Harrison, G., Changing sexual orientation and identity? The APA Report. www.fulcrum-anglican.org.uk/page.cfm?ID=475 Zugriff 02.05.2013 Altmann, D. G. et al., Absence of evidence is not evidence of absence. Brit. Med. Journal 19 Aug. 1999, S. 485.

6 Sandfort, T. et al., Same-Sex Sexual Behavior and Psychiatric Disorders: Findings from the Netherlands Mental Health Survey and Incidence Study. In: Arch. Gen. Psych. 58, 2001, S. 85-91. - Whitehead, N., Homosexuality and Co-Morbidities: Research and Therapeutic Implications., In: Sutton, P. et al. (Ed.), Journal of Human Sexuality, 2, 2010, S. 124-175, siehe S. 130-131.

7 Eine Übersicht über die Studien dazu (Erwachsene und Jugendliche) findet sich in: Phelan, J. E., What Research Shows: NARTH’s Response to the APA Claims on Homosexuality. In: Sutton, P., et al. (Ed.), Journal of Human Sexuality, 1, 2009, S. 68-70. de.scribd.com/doc/115507777/Journal-of-Human-Sexuality-Vol-1 Zugriff 02. 05. 2013

8 Mathy, R. M. et al.: The association between relationship markers of sexual orientation and suicide: Denmark, 1990-2001. In: Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 46, 2, 2011, S. 111-117. - Die Einführung einer eingetragenen Partnerschaft für homosexuell Lebende stellt eine gay-affirmative Maßnahme dar, die die gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Lebensweisen erhöht. Gleichwohl kann diese Maßnahme offensichtlich die hohe Suizidalität der homosexuellen Männer nicht positiv beeinflussen, im Gegenteil: sie ist bei den Männern in eingetragener Lebenspartnerschaft besonders hoch. Das unterstützt die Ergebnisse anderer Studien, wonach gesellschaftliche Diskriminierung kein Hauptfaktor in der Entstehung der hohen Suizidalität bei homosexuell lebenden Männern ist.

9 Whitehead, N., Homosexuality and Co-Morbidities: Research and Therapeutic Implications., In: Sutton, P. et al. (Ed.), Journal of Human Sexuality, 2, 2010, S. 124-175, siehe S. 133-134. de.scribd.com/doc/115506183/Journal-of-Human-Sexuality-Vol-2 Zugriff 02. 05. 2013

10 CDC: Sexual identity, sex of contacts, and health-risk behaviors among students in grades 9-12, 10.06.2011 www.cdc.gov/mmwr/pdf/ss/ss6007.pdf Zugriff 02. 05. 2013

11 Garofalo, R. et al., The association between health risk behaviors and sexual orientation among a school-based sample of adolescents. In: Pediatrics 101, 5, 1998, S. 895-903

12 Remafedi G. et al., Risk factors for Attempted Suicide in Gay and Bisexual Youth. In: Pediatrics 87, 6, 1991, S. 869-874.

13 Epidemiologisches Bulletin 21/2011, Robert Koch Institut Berlin, 30.05.2011, Seite 1.

14 Xiridou, M., The contribution of steady and casual partnerships to the incidence of HIV infection among homosexual men in Amsterdam. In: AIDS 17, 2003, S. 1029-1038.

15 Jones, S. L., Yarhouse, M. A., Ex-Gays? – An extended longitudinal study of attempted religiously mediated change. - Fortführung der prospektiven Langzeitstudie, die zuerst 2007 veröffentlicht wurde. Vorgestellt auf der Jahrestagung des Amerikanischen Psychologenverbands APA 2009. wthrockmorton.com/wp-content/uploads/2009/08/Jones-and-Yarhouse-Final.pdf

16 Karten, E. Y. Wade, J. C., Sexual orientation change efforts in men: A client perspective. In: Journal of Men’s Studies. 18, 2010, S.93.

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

    Alle Artikel von Christl Ruth Vonholdt

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