Was ist Lesbianismus?
Joseph Nicolosi, Ph.D. und Linda Ames Nicolosi
Solange sie denken kann, hat „Jessica“ ihr intensives Schwärmen für ihre Lehrerinnen hinter äußerer Härte und Sarkasmus versteckt. Mittags, wenn sie aus der Grundschule kam und nicht gerade mit den Jungen draußen spielte, zog sie sich gewöhnlich in ihr Zimmer zurück und flüchtete in eine Phantasiewelt, in der sie der starke heldenhafte Beschützer ihrer jeweiligen Lieblingslehrerin oder eines kleinen Nachbarmädchens war. Manchmal machte sie aus den Phantasien dramatische Geschichten, die sie aufschrieb und in einer Schublade in ihrem Schlafzimmer versteckte.
Als Jessica ins Gymnasium kam, ließ sie sich nur noch Jess nennen und trug Jungenhosen, Flanellhemden und Sportschuhe. Ihren sich entwickelnden weiblichen Körper versteckte sie sorgfältig unter dicken Schichten dunkler Kleidung. Jessica war eine ausgezeichnete Sportlerin und so fanden es alle ganz natürlich, daß sie leidenschaftlich gern Softball und Lacrosse spielte. Nicht natürlich war allerdings ihre wütende Ablehnung von Röcken und Kleidern und die Art und Weise, in der sie es verhinderte, daß ihre Haare auch nur über die Ohren wachsen konnten. Mit Make-up, Parfüm oder weiblicher Unterwäsche konnte sie überhaupt nichts anfangen. Stattdessen identifizierte sie sich mit Etiketten wie „lesbisch“ und „Lesbe“ - Begriffe, die sie aus der Schule als Schimpfworte kannte.
Jessica verachtete ihre Mutter und empfand sie als schwach. Eine wirkliche Beziehung zwischen ihnen gab es nicht. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, war ihr gegenseitiges Mißtrauen. Die Mutter war mit dem Haushalt völlig überfordert und lag oft mit Depressionen im Bett. Sie hatte fast keine Zeit für ihre Tochter, die bezüglich ihrer weiblichen Identität sehr verunsichert war. Die Mutter selbst war eine zarte, feminine Frau, die oft kränklich war und überzeugt, daß Jessica nur ein „rebellisches, hoffnungslos jungenhaftes Mädchen“ sei. Den oft abwesenden Vater hingegen vergötterte Jessica.
Als Jessica eine Therapie bei mir begann, lernte ich sie als eine aufrichtige, junge Frau kennen. Sie hatte den Wunsch, ihre widerstreitenden Gefühle und ihre Ablehnung bezüglich ihrer weiblichen Identität zu verstehen. Diese verbarg sie hinter einem äußeren Abwehrverhalten. Nach einiger Zeit erzählte sie mir, daß sie über viele Jahre von ihrem Onkel sexuell belästigt worden war. Die Mutter leugnete beharrlich den wiederholten sexuellen Mißbrauch, den ihr eigener Bruder verübt hatte, noch bevor das Mädchen fünf Jahre alt war. „So etwas würde er nie tun!“ behauptete sie hartnäckig. „Jessica denkt sich nur Geschichten aus, um sich interessant zu machen. Das sind doch alles Lügen.“
Die unbewußte Ablehnung der eigenen weiblichen Identität ist meiner Erfahrung nach die Hauptursache in der Entstehung lesbischer Gefühle. Frauen, die lesbisch empfinden oder leben, haben sich fast immer unbewußt entschieden, daß Weiblichkeit entweder nicht wünschenswert ist oder daß sie bedeutet, ungeschützt zu sein. Manchmal hängt dies damit zusammen, daß das Mädchen schon früh sexuellen Mißbrauch erlebt hat. In den meisten Fällen jedoch war die Mutter für das Mädchen ein negatives oder schwaches Identifikationsobjekt. Wenn man sich die Mütter lesbisch empfindender Frauen ansieht, trifft man sehr häufig auf eine narzißtische, kontrollierende Mutter, die ihre Tochter in ein starres, stereo-types Verhalten zwingen will (und damit ein negatives Identifikationsobjekt für die Tochter darstellt) oder auf eine depressive, selbst mißbrauchte oder völlig unzulängliche Mutter, die zu schwach erscheint, und deren Tochter sich deshalb nicht mit ihr identifizieren kann. Bei einer kleinen Minderheit lesbisch empfindender Frauen spielen auch biologische Faktoren mit und bereiten den Boden dafür, daß eine Frau in einen inneren Konflikt mit der eigenen weiblichen Identität kommt.
Eine ehemalige Klientin von mir, die früher homosexuell empfand und lebte, ist heute Ehefrau und Mutter. Sie beschreibt die ungleiche und ungerechte Machtverteilung in ihrer Familie, die der Hauptgrund dafür war, daß sie unbewußt eine Identifizierung mit dem Weiblichen verweigert hatte:
„Meine Mutter habe ich immer nur als schwach angesehen, mein Vater dagegen war stark und eine charismatische Persönlichkeit. Ich erinnere mich noch daran, daß ich schon als ganz junges Mädchen dachte: ‘Wenn ich erwachsen bin, will ich nie wie Mama sein.‘ Ich weiß auch noch, daß ich mich entschied, mich wie meine Brüder und mein Vater zu verhalten und sogar wie sie auszusehen. Meine Brüder hatten viele Freunde und machten gerne Sport. Mein Vater hatte das Sagen, er hatte eine Arbeit und lebte sein Leben. Er war clever und in bestimmter Weise sarkastisch, er schien immer eine Antwort auf alles zu haben. Meine Mutter war nur zu Hause und vergötterte ihn.
Meine Mutter und ich hatten uns nie viel zu sagen. Sie hat mich nie wirklich verstanden und heute denke ich, ich habe auch nie versucht, sie zu verstehen.“
Auch Jane Boyer, ebenfalls früher lesbisch lebend, erinnert sich an ihre Kindheit und besonders wie diese von ihrem gewalttätigen Vater dominiert wurde. Als Älteste von vier Kindern hatte sie nicht nur für die jüngeren Geschwister zu sorgen, sondern auch für die depressive, in sich gekehrte Mutter. Jane entwickelte eine starke Abneigung gegen die passive Opferrolle ihrer Mutter:
„Wir erlebten, wie unsere Mutter vom Vater häufig geschlagen wurde. Es gab viel Gewalt in der Familie. Weil ich die Älteste von vier Kindern war, übernahm ich die Rolle, mich um meine Mutter zu kümmern, denn sie war nicht nur alkoholkrank, sondern auch sehr hilflos.
Meine Mutter war außerordentlich passiv. Manchmal sah ich sie betrunken und weinend mit einem Eisbeutel auf dem Gesicht. Ihr Gesicht war blutig und die Augen blau geschlagen, und sie sagte immer: ‘Ich weiß nicht, ob ich ihn verlassen soll‘.“
Schon als fünfjähriges Mädchen bewunderte Jane starke, männlich wirkende Frauen - das genaue Gegenteil der mißbrauchten Frauen in ihrer Familie, die sie niemals als Vorbild nehmen wollte. Erst später erkannte Jane, daß ihre Mutter - angesichts ihrer riesigen Probleme - wohl ihr Bestes versucht hatte.
Trotzdem sagt Jane: „Ich weiß, daß ich sehr, sehr oft einfach nur gehaßt habe, was ich in ihr sah. Und Mutters Schwestern waren fast genauso. Auch sie waren passiv, schwach und hatten wenig Rückgrat.“
Unbewußt hatte Jane deshalb schon als Kind beschlossen: „Wenn das Frausein heißt, dann will ich keine sein.“ Sie erklärte mir: „Frauen symbolisierten für mich Schwäche... Als ich älter wurde und Beziehungen mit Frauen hatte, waren das nur Frauen, die sehr maskulin, unweiblich und hart waren.“
Wenn die Eltern miteinander stritten, stellte sie sich immer auf die Seite ihres Vaters. Freud nennt das die „Identifikation mit dem Aggressor“. Es ist ein einfacher, psychologischer Überlebensmechanismus, der bedeutet: „Wenn mich jemand verletzt, werde ich so wie er, dann verletzt er mich nicht mehr. Dann habe ich das Kommando.“ Jane erklärt weiter: „Mein Vater redete immer sehr abschätzig über Frauen. Zutiefst haßte er sie. Für ihn waren sie Sexobjekte. Er redete beleidigend über sie. Er hatte Macht, und alles war unter seiner Kontrolle. Meine Mutter dagegen war schwach, machtlos. Ich wollte nichts mit ihr zu tun haben.“
Später heiratete Jane und adoptierte ein Kind, merkte aber, daß sie sich immer noch in männlich wirkende Frauen verliebte und schnell in eine starke emotionale Abhängigkeit von ihnen geriet. Eines Abends ging sie mit einer Freundin nur so zum Spaß in eine Lesben-Bar und wurde plötzlich in einen Lebensstil verwickelt, der beinahe ihre Ehe zerstört hätte. Immer wieder wurde sie von „ganz starken, knallharten“ Frauen angezogen, die das völlige Gegenteil ihrer Mutter waren. „Wenn wir zusammen waren“, sagt sie über sich und ihre Liebhaberinnen, „sahen uns die Leute immer an, als wären wir Mann und Frau.“
Als Jane schließlich alkoholkrank wurde und unter schweren Depressionen litt, suchte sie eine Psychotherapeutin auf. Jane wollte wissen, ob es einen Weg gäbe, ihr Familienleben, ihren Glauben, ihre Ehe und ihre homoerotische Anziehung miteinander zu vereinbaren. „Man hatte mir gesagt, ich sei so geboren, und so dachte ich, wenn das so ist, dann muß ich meinen Mann verlassen und meinen Kindern weh tun. ... Denn man hatte mir gesagt, ich würde niemals Frieden finden, wenn ich zu meinem Mann zurückginge.“
Die Therapeutin, selbst lesbisch lebend, sagte Jane, wenn sie ehrlich zu sich selbst sein wolle, müsse sie ihre homosexuellen Gefühle ausleben. Jane erzählt weiter:
„Als ich sie verließ, war mir klar, daß sie selbst keinen Frieden hatte. Sie redete über Männer und sagte Sachen wie: ‘Bloß weil die einen Penis haben...!‘ Das ging immer weiter so, lauter ungeklärte Probleme mit Männern... Sie war sehr wütend auf Männer und hatte auch eine Menge ungelöster Probleme mit ihrer Mutter. Viele Verletzungen... Ich brach die Therapie ab und sagte mir: Sie hat keinen Frieden. Sie lebt aus ihrer Verletztheit heraus. Sie hat nichts verstanden.“
Letztlich war es Janes Glaube, der ihr Leben veränderte, weil sie zu der Überzeugung kam, daß „lesbische Liebe eine Täuschung ist und man viel zu leicht Gefallen an der Täuschung findet.“1
Sie entschloß sich, nicht weiter „aus ihrer Verletztheit heraus zu leben“, sondern ihre Liebhaberin zu verlassen, sich auf den Weg der Veränderung ihrer homosexuellen Orientierung zu begeben und sich wieder neu auf ihre Ehe einzulassen.
Die verletzte weibliche Psyche
Die Entwicklung zur männlichen Homosexualität folgt einem relativ voraussagbaren Entwicklungsweg. Weibliche Homosexualität hingegen ist weniger vorhersehbar. Häufig wechselt sie auch mit heterosexuellen Lebensperioden ab. Viele lesbisch lebende Frauen glauben, daß sie ihre homosexuelle Sexualität aufgrund ihrer politisch-feministischen Einstellung gewählt haben. Meine Überzeugung ist allerdings, daß Lesbianismus ein Ergebnis einer ganz bestimmten Lebensbiografie ist. Durch die Biografie wurde vermittelt: „Eine Frau zu sein, ist nicht wünschenswert, und als Frau ist man außerdem schutzlos.“
Die verletzte weibliche Psyche ist also der Grund dafür, daß so viele lesbisch empfindende und lebende Frauen sich feministisch-politischen Zielen verschrieben haben.
Die Psychotherapeutin Diane Eller-Boyko2 schreibt:
„Unsere Kultur bewundert das Männliche: Stärke, Dominanz, Leistung, Etwas-Anstreben. Das führt bei vielen Frauen zu einer neurotischen Abspaltung von ihrem eigentlichen, weiblichen Wesen. Frauen unterdrücken den inneren Schmerz [ihre Weiblichkeit nicht leben zu können. Anm. d. Hrsg.] und fangen an, sich mit dem Männlichen zu identifizieren. Wenn eine Frau aber beginnt, aus der Verletzung ihrer weiblichen Seele heraus zu leben, wird sie aggressiv und laut. Viele Frauen sind heute außerdem depressiv, verschlossen und ‘funktionieren‘ hauptsächlich.
Lesbianismus und Feminismus sind deshalb natürliche Verbündete. In der lesbischen Subkultur heißt es: ‘Wir brauchen keinen Mann, wir können es alleine.‘ Und: ‘Wozu sind Männer gut? Sie wollen doch nur das Eine. Wer braucht sie überhaupt?‘ Diese Haltung und eine rebellische Einstellung gegenüber jeglichem Empfangen, gegenüber der Aufnahmebereitschaft als solcher sind Teil des Lesbianismus.
Die Fähigkeit zum Empfangen ist aber gerade das Wesen der Weiblichkeit. Statt einen Krieg gegen die Männer zu führen, müssen wir als Frauen den lebensspendenden Geist der Weiblichkeit zurückbringen.“
Ohne es zu wissen, vermitteln viele Mütter ihren Töchtern ein unattraktives Bild von Weiblichkeit. Eller-Boyko erklärt das so:
„Mütter, die ihre eigene Weiblichkeit nicht annehmen können, verschließen sich innerlich, werden lustlos, depressiv, wütend und zwanghaft. Sie versuchen, ihre innere Leere durch neurotische Rituale zu füllen. Das aber verletzt ihre Töchter. Und die Töchter geben die verletzte Weiblichkeit an die nächste Generation weiter.
Eine auf diese Weise verletzte Tochter wird möglicherweise versuchen, durch eine intensive gleichgeschlechtliche Beziehung in tiefere Verbindung mit ihrer eigenen Weiblichkeit zu kommen. Von ihrem Wesen her suchen Frauen Kreativität, Ruhe und ein Gefühl für die eigene Mitte. Aber, so Eller-Boyko, wenn eine Frau, die keine sichere weibliche Identität hat, einer anderen Frau sehr nahe kommt, „können lesbische Gefühle auftreten, weil eine Frau den Eindruck hat, daß es sich irgendwie sexuell anfühlt. Die Erfahrung ist emotional so stark, daß sie sexualisiert wird, obwohl sie eigentlich nichts mit Sexualität zu tun hat.“
Eine lesbische Beziehung fühlt sich so gut an, weil die Frau „aufgefüllt“ wird und in Verbindung mit ihrer verlorengegangenen, eigenen Weiblichkeit kommt:
„Sich mit einer anderen Frau zu verbinden, bringt sie in Verbindung mit sich selbst, mit dem Teil in ihr, der sie ihre eigene Weiblichkeit erleben läßt... Wenn eine Frau ihre Weiblichkeit abgelehnt hat, zahlt sie einen Preis. Der Wunsch, sich mit einer anderen Frau zu vereinigen, bedeutet im Grunde, daß sie mit sich selbst in Verbindung kommen will; doch eine Vereinigung mit einer anderen kann letztlich ihre Psyche nicht heil werden lassen. Mit einer anderen Frau kann sie nämlich nur die Illusion von Ganzheitlichkeit erleben. Ihr ‘Schatten‘, also ihre eigentlichen Bedürfnisse, die im Verlauf ihrer Entwicklung nie gestillt wurden, wird sie weiter verfolgen.“3
Eine Familiendynamik bei lesbisch empfindenden Frauen: Das narzißtische Familiensystem
Die Psychoanalytikerin Dr. Elaine Siegel, ehemals leitende Analytikerin am New Yorker Zentrum für psychoanalytische Weiterbildung, beschreibt in ihrem Buch „Weibliche Homosexualität“4, daß die Familiengeschichten ihrer lesbisch empfindenden Klientinnen einem erstaunlich genau voraussagbaren Muster folgten: Es waren narzißtische Familiensysteme, in denen man versuchte, die Mädchen und „ihre sich entwickelnden Identitäten in starre, ideale Verhaltensweisen zu pressen, die den Mädchen innerlich aber gar nicht entsprachen.“
Durch die Erwartungen der Eltern in ein Verhaltensschema gepreßt und in ihrem Verhalten manipuliert, ist es bei diesen Frauen „zu einem völligen Stillstand in ihrer Ich-Entwicklung gekommen.“ Indem diese Mädchen ihre Mütter als Identifikationsobjekte ablehnten, lehnten sie auch die Weiblichkeit ab, für die ihre Mütter standen. Siegel schreibt, daß ihre lesbisch orientierten Klientinnen nicht in der Lage waren, die Ablösungs- und Individuationsphase erfolgreich abzuschließen, jene Phase also, in der ein Kind normalerweise ein unabhängiges, sicheres und individuelles Gefühl für die eigene Person entwickelt.
Obwohl betroffene Frauen nach außen manchmal den Eindruck erwecken, eine angemessen angepaßte Persönlichkeit zu haben, „konnten sie sich nie mit Mutter oder Vater identifizieren.“ Psychodynamisch gesprochen konnten sie sich nie ihre eigene weibliche Anatomie „zu eigen“ machen. Nicht alle Klientinnen waren dabei als Kinder sehr jungenhaft, aber alle hatten wenigstens einige Anzeichen eines Identitätskonfliktes in bezug auf ihre weibliche Identität.
Im aufgeladenen Spannungsfeld des narzißtischen Familiensystems muß das Kind die Erwartungen der Eltern erfüllen und lernt nicht, wer es selbst als eigenständige, individuelle Person ist. Viele dieser Mädchen und Frauen waren deshalb lange Zeit voller Unsicherheit und Verwirrung, was ihre eigene persönliche Identität angeht.5
Auch wenn Elaine Siegel sich bewußt ist, daß nicht alle Formen von Lesbianismus mit diesem Familienmodell erklärt werden können, war sie doch betroffen, wie stark die Gemeinsamkeiten in den Lebensgeschichten ihrer Klientinnen waren. Die Mütter der lesbisch empfindenden Frauen, die sie in ihrer Praxis sah, beschreibt sie sehr direkt:
„Das kleine Mädchen, das homosexuell empfinden wird, hatte nie die Möglichkeit, sein eigenes Selbst zu entwickeln. Es ist das Geschöpf seiner Mutter, deren Selbstliebe es steigern sollte...
Manchmal scheinen Mütter ihre Kinder entweder als zutiefst ersehnte oder zutiefst abgelehnte Erweiterungen ihres eigenen Selbst anzusehen...
Versuchten die kleinen Mädchen nun, sich dem Vater zuzuwenden, erging es ihnen nicht viel besser. Total von der eigenen Arbeit in Anspruch genommen, wandten die Väter sich nur gelegentlich ihren Töchtern zu, spornten sie dann übermäßig an - und schienen wieder zu vergessen, daß sie da waren...
Wenn Väter sich die Zeit nahmen, auf ihre Töchter einzugehen, behandelten sie sie als Personen, die ihrem eigenen, männlichen Bild entsprechen sollten.“
Siegel beschreibt die Mütter ihrer lesbisch orientierten Klientinnen als insgesamt unreif und emotional instabil. Von den Bedürfnissen ihrer Töchter hatten sie keine Ahnung. Sie sahen ihre Töchter nicht als eigenständige, ganze Personen, sondern als narzißtische Erweiterungen ihres eigenen Selbst an. Die Töchter sollten die Bedürfnisse der Mütter stillen. Aus diesem Grund konnten die Mädchen nie ein sicheres Gefühl für das eigene Selbst und die eigene weibliche Identität entwickeln.
Siegel beschreibt die Symptome, die ihre Klientinnen schon in der Kindheit zeigten und die auf einen inneren Konflikt bezüglich der eigenen weiblichen Identität hinweisen:
„Keine einzige wollte als kleines Mädchen mit Puppen spielen oder ‘Mama, Papa, Kind‘ spielen. Alle hatten eine ausgeprägte Abneigung gegen typische Mädchenkleidung.
Wenn ein Mädchen sich weigert, im Sitzen Urin zu lassen oder darauf besteht, das im Stehen zu tun, ist das ein sehr deutlicher Hinweis auf einen Identitätskonflikt.
Wenn ein Mädchen beteuert, daß es einen Penis hat oder ihm einer wächst oder wenn ältere Mädchen nicht wollen, daß ihnen die Brüste wachsen und die Menstruation eintritt, so sind das sehr ernstzunehmende, besorgniserregende Zeichen.“6
Als Erwachsene, so Siegel weiter, versuchen diese Frauen, die sich nie mit ihren Müttern identifizieren konnten, ihr eigenes, gestörtes Körperbild zu „heilen“, indem sie sich einen Intimpartner suchen, der ihnen gleich ist. Weil sie ihre Geschlechtsorgane nie wirklich in ihr Körperbild integrieren konnten, lehnen sie zutiefst alle Unterschiede zwischen Mann und Frau ab, leugnen sie. („Frauen können alles, was Männer können.“ „Wer braucht schon einen Mann?“). Diese Haltung findet ihren politischen Ausdruck im radikalen Feminismus und in einer Feindschaft gegenüber Männern in Machtpositionen.
In meiner eigenen therapeutischen Arbeit habe ich bei vielen homosexuell orientierten Männern das Entsprechende beobachtet: auch sie lehnen ihren männlichen Körper ab. Tatsächlich stimme ich mit Siegel darin überein: Eine der ersten therapeutischen Aufgaben für Frauen und Männer mit homosexueller Orientierung besteht darin, daß sie sich ihren weiblichen oder männlichen Körper, zu dem sie keine emotionale Verbindung haben, zu eigen machen. Er muß Teil ihres Grundgefühls für das eigene Selbst werden.
Die Folgen: Narzißtische Weiblichkeit und Männlichkeit
Der Psychoanalytiker Gerald Schoenewolf definiert: „Narzißmus in bezug auf die eigene Weiblichkeit oder Männlichkeit“ ist ein Zustand, in dem eine Person „den eigenen Körper zum Objekt ihrer erotischen Sehnsucht macht“. Schoenewolf sieht darin das Hauptsymptom der Homosexualität: „Narzißtische Weiblichkeit oder Männlichkeit entwickelt sich als Reaktion auf Minderwertigkeitsgefühle in bezug auf das eigene Geschlecht. Man kann sie als übertriebene Liebe oder Interesse am eigenen Geschlecht, den eigenen Geschlechtsorganen und der eigenen Weiblichkeit oder Männlichkeit definieren. Sie beinhaltet eine Aversion gegen das andere Geschlecht.“7
Oft sieht man, daß „Schwule“ und „Lesben“ sich im politischen Kampf gegen das „Patriarchat“ verbünden. Die homosexuell empfindende Frau, die in ihrer Weiblichkeit verletzt ist und ihre Weiblichkeit nicht leben kann, wird sich intensiv von einer politischen Bewegung angezogen fühlen, die „Frauenpower“ unterstützt und das Patriarchat verurteilt. Sie verbündet sich mit dem homosexuellen Mann, der den gleichen Zorn in sich fühlt wie sie, weil er von seinen männlichen Altersgenossen verletzt wurde und sich schon lange als Außenseiter in der männlichen Welt fühlt, besonders in seiner Beziehung zu heterosexuellen Männern in Machtpositionen. Die schwul-lesbische politische Allianz zur Unterstützung feministischer Ziele ist deshalb nicht verwunderlich:
„Einige homosexuell lebende Frauen und Männer [Klienten] haben ihre Gefühle bezüglich ihrer Homosexualität politisiert. Sie haben nicht nur ihr eigenes Geschlecht idealisiert, sondern auch die Homosexualität. Homosexuelle, sagen sie, seien sensibler, menschlicher, kultivierter und ethisch höherstehender als Heterosexuelle. ‘Wären Heteros so friedliebend wie Schwule, hätten wir eine bessere Welt‘, ist eine häufig geäußerte Ansicht.“8
Weiteres zu Familien- dynamiken
Wie Elaine Siegel dargestellt hat, kann eine narzißtische Mutter, die den Ablösungs- und Individuationsprozeß ihrer Tochter behindert, diese unbewußt in Richtung Lesbianismus treiben. Eine weitere Ursache für die Entstehung lesbischer Gefühle kann aber auch eine tiefe Verletzung durch einen Mann sein. Eine solche Verletzung vermittelt dieselbe Botschaft: „Als Frau ist man ungeschützt, ausgeliefert.“ Der Therapeut Richard Fitzgibbons9 erklärt das so:
„Einige Frauen, die in homosexuellen Beziehungen leben, hatten Väter, die gefühllos, alkoholkrank oder gewalttätig waren. Aufgrund solch schmerzhafter Kindheitserfahrungen ist es nur verständlich, daß diese Frauen Angst haben, sich Männern gegenüber verletzlich zu zeigen. ...
Für Frauen, die als Kind oder Teenager sexuell mißbraucht oder vergewaltigt wurden, ist es schwer oder fast unmöglich, Männern zu vertrauen. Das kann ein Grund sein, warum sich eine Frau einer Frau zuwendet, um dort Zuneigung zu erhalten und ihr sexuelles Verlangen zu stillen.“10
Dr. Charles Socarides vertritt die Auffassung, daß Mädchen mit homosexuellen Neigungen den tiefen Eindruck haben, daß ihr eigenes Geschlecht nicht gut genug ist: „Meine Erfahrung ist, daß lesbisch empfindende Frauen schon als kleine Mädchen tiefe Minderwertigkeitsgefühle hatten. Alles, was Eltern tun können, um ihren Kindern zu vermitteln, daß sie stolz auf ihre Identität als junge Frau oder junger Mann sein können, wird den Genesungsprozeß unterstützen.“11
Die Ablehnung des eigenen Geschlechts
Da Mädchen deutlich seltener als Jungen an einer Verunsicherung ihrer geschlechtlichen Identität leiden, hat man sich in der Therapie viel weniger mit dem Phänomen des „jungenhaften“ Mädchens beschäftigt. Und über „jungenhafte“ Mädchen macht man sich auch generell weniger Gedanken als über „mädchenhafte“ Jungen. Unsere Kultur gesteht Mädchen hinsichtlich jungenhaften Verhaltens viel mehr Freiheiten zu; effeminierte Jungen dagegen werden (immer noch) schnell abgelehnt und ausgegrenzt. Bei einem Mädchen müssen deshalb deutlich extremere, „jungenhafte“ Verhaltensweisen auftreten als entsprechendes bei einem Jungen, bevor die Eltern therapeutische Hilfe suchen.
Außerdem ist wildes, jungenhaftes Verhalten bei Mädchen oft nur eine vorübergehende Phase, während effeminiertes Verhalten bei Jungen meist bestehen bleibt.12 Viele Mädchen wählen oder bevorzugen als Kind männliche Aktivitäten, und behalten doch ihre weibliche Identität. In Pubertät und Adoleszenz gehen die Mädchen dann stärker weiblichen Interessen nach.13 Dr. Selma Fraiberg schreibt in ihrem Klassiker über die Entwicklung des Kindes: „Nur wenn die Persönlichkeit des Mädchens von männlichen Neigungen dominiert und die eigene Weiblichkeit dabei gleichzeitig abgelehnt wird, muß man sich Sorgen über die weitere Entwicklung machen.“14
Einige Mädchen behalten auch während der Adoleszenz ihr jungenhaftes Verhalten und die Ablehnung ihrer Weiblichkeit bei. Bei diesen Mädchen besteht die Wahrscheinlichkeit, daß sie transsexuell oder lesbisch empfinden werden.15 Starke Rivalität gegenüber Brüdern und anderen Jungen, vor allem im sportlichen Bereich, können ein weiteres Anzeichen für dauerhafte Probleme bezüglich der eigenen Weiblichkeit sein.
Dr. George Rekers schreibt über ein „jungenhaftes“ Mädchen, das ihm zur Therapie geschickt wurde:
„Becky kam im Alter von sieben Jahren und elf Monaten in psychologische Behandlung. Eine psychiatrisch ausgebildete Krankenschwester hatte sie auf Bitten ihrer Mutter untersucht und zu mir geschickt.
Becky hatte zwei jüngere Schwestern im Alter von zwei und sechs Jahren. Da die Eltern geschieden waren, wuchs das Mädchen ohne Vater auf.
Ihre Mutter konnte sich nicht erinnern, daß Becky jemals etwas anderes als Jungenhosen angezogen hätte. Oft trug sie Cowboystiefel. Weibliche Kleidung und Schmuck lehnte sie ab. Der einzige weibliche Kosmetikartikel, den sie nach Aussage ihrer Mutter jemals benutzt hatte, war ein Stift, mit dem sie sich mehrere Male einen Schnurrbart oder Bart angemalt hatte. Beckys Art, sich zu bewegen, ihre Gestik und Angewohnheiten wirkten ‘maskulin‘. Es hieß, sie habe ab und zu in der Öffentlichkeit masturbiert und ihren Körper an dem anderer, gleichaltriger Mädchen gerieben. Oft sprach sie mit tiefer Stimme, um wie ein ‘Mann‘ zu klingen.
Immer wieder sagte sie, sie wäre lieber ein Junge. Beim Spielen übernahm sie männliche Rollen. Sie spielte lieber mit Jungen, mit Mädchen kam sie nicht gut zurecht. Ihr Verhalten war sehr aggressiv. Die Beziehung zu ihrer sechsjährigen Schwester, die eindeutig weibliche Spiele bevorzugte, war sehr schlecht.“16
Elaine Siegel schreibt, daß ihre lesbischen Klientinnen sich nie für übliche Mädchenspiele wie Puppenanziehen und Hausfrau spielen interessiert hätten, sondern für aktive Spiel- und Sportarten, die typisch für Jungen sind. In ihrem Buch beschreibt sie auch die Therapie dreier Frauen, die an einer Geschlechtsidentitätsstörung litten. Diese kannten als Kinder zwar ihr biologisches Geschlecht, wußten also verstandesmäßig, daß sie ein Mädchen (oder in einem anderen Fall ein Junge) waren. Sie hatten aber keinerlei Vorstellung, was das für ihr eigenes, persönliches Leben bedeuten könnte. Im Gegenteil, so Siegel, viele wandten sich entschieden von der eigenen Weiblichkeit ab und lehnten diese in einer Haltung „omnipotenten Triumphes“ direkt ab.
Die Rolle von Mutter und Vater
Dr. Robert Stoller, Experte auf dem Gebiet der Erforschung von Geschlechtsidentitätsstörungen bei Mädchen und Jungen, vertritt folgende Auffassung: Damit ein Mädchen eine sichere Geschlechtsidentität entwickelt, muß es eine warmherzige, von Nähe geprägte Beziehung zur Mutter haben und einen Vater, der das Seine dazu beiträgt, daß sich die Tochter nicht mit ihm identifiziert. Eine gute Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist die wichtigste Grundlage für die Entwicklung von Weiblichkeit und Heterosexualität.
In seiner Studie mit sehr maskulinen Frauen stellte Stoller fest, daß diese fast nie eine ausreichende emotionale Nähe zur Mutter gehabt hatten, dagegen oft eine zu enge Beziehung zum Vater.17 In einigen Fällen war der Vater enttäuscht, eine Tochter zu haben und behandelte sie wie einen Sohn. Die Tochter war deshalb „zu der Wahl gezwungen“, ihre weiblichen Ziele aufzugeben, um die Liebe ihres Vaters zu behalten.
Schwere Depressionen bei der Mutter
Untersuchungen an Mädchen mit schwerer Geschlechtsidentitätsverwirrung haben in vielen Fällen eine traumatische Unterbrechung der frühen Mutter-Tochter-Bindung nachgewiesen.
In den meisten Fällen war die Ursache eine schwere Depression der Mutter. Der Vater, der dann die Rolle der abwesenden Mutter übernahm, sah in seiner Tochter einen „Kumpel“ und ermutigte sie, sich wie er zu verhalten und seine männlichen Interessen zu teilen. Da die Mutter nur geringen Einfluß ausübte, wirkten die Mädchen oft schon mit drei oder vier Jahren vermännlicht.
In den Familiengeschichten von sechsundzwanzig Mädchen mit der Diagnose Geschlechtsidentitätsstörung, die von Zucker und Bradley untersucht wurden, fand man in allen Fällen eine an schweren Depressionen leidende Mutter. Fast 17 Prozent der Mütter hatten vorher schon Depressionen gehabt. Und alle Mütter litten an Depressionen, während ihre Töchter im Säuglings- oder Kleinkindalter waren, in jener Zeit also, die für die Entwicklung der Geschlechtsidentität am wichtigsten ist. Hier wird das Phänomen der Mutter als schwaches oder negatives Identifikationsobjekt deutlich. Die Forscher beschreiben im Einzelnen:
„Die Mädchen waren kaum in der Lage, sich emotional mit der Mutter zu verbinden. Bei manchen hatten wir den Eindruck, daß sie sich nie mit der Mutter identifiziert hatten, bei anderen, daß sie sich aktiv von der Mutter abgekoppelt hatten, weil sie die Mutter als schwach, unfähig oder hilflos ansahen. Viele der Mütter werteten ihre eigene Leistung ab und sahen die weibliche Geschlechtsrolle mit Verachtung an...
In einigen anderen Fällen schien es so zu sein, daß eine „schwere Krankheit“ des Kindes oder sein schwieriger Charakter als Kleinkind die Beziehung zur Mutter beeinträchtigt hatte.“18
Eine Mutter, die als Frau selbst von Männern mißbraucht wurde, wird wahrscheinlich die Botschaft weitergeben, daß es gefährlich ist, eine Frau zu sein:
„Sechs der Mütter waren in inzestuösen Beziehungen schwer und wiederholt sexuell mißbraucht worden. Ihre ganze Weiblichkeit war davon überschattet. Auf Männer und Männlichkeit reagierten sie mit wachsamer Vorsicht, ihre Sexualität war sehr dysfunktional.
In der psychosozialen Übertragung erhielten die Töchter die Botschaft, daß eine Frau zu sein bedeute, keinen Schutzraum zu haben. Ein Gefühl des Stolzseins und der Zuversicht bezüglich der Tatsache, daß sie Frauen waren, konnten ihnen die Mütter fast nicht vermitteln.“19
Die Aufgabe des Vaters
Die Aufgabe des Vaters in der Entwicklung der weiblichen Identität seiner Tochter ist es, ihrem weiblichen Anderssein mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen und dieses Anderssein zu spiegeln. Gleichzeitig soll er ihr Liebe und positive Aufmerksamkeit schenken, so daß sie spürt, daß sie der Liebe eines anderen Mannes wert ist. Ein abwesender oder unnahbarer Vater dagegen nimmt ihr die Fähigkeit, Männer richtig wahrzunehmen. Sie hat dann eine verzerrte Vorstellung davon, was sie von einem Mann in einer Beziehung verlangen und rechtmäßigerweise erwarten kann.
Bisweilen begegnet man auch dem oben erwähnten bekannten psychologischen Phänomen der „Identifizierung mit dem Aggressor“.
Wenn der Vater oder ein älterer Bruder die Familie tyrannisiert und die Mutter sich von ihrem Mann schlechtgemacht fühlt und sich nicht wehren kann, hat das Auswirkungen auf die Tochter. Sie wird möglicherweise unbewußt den Schluß ziehen, es sei nicht gut, eine weibliche Identität zu haben, das bringe sie nur in eine Position, in der sie verletzt wird. Um Ängste [vor einem gewalttätigen Vater, Anm. d. Hrsg.], die sie sonst überfluten würden, zu vermeiden, weigert sich das Mädchen, sich mit der Hilflosigkeit der Mutter zu identifizieren. Stattdessen identifiziert sie sich mit genau der Männlichkeit, vor der sie sich fürchtet. Es ist dies eine Abwehrhaltung [eben zur Abwehr von Gefühlen der Angst und des Schreckens. Anm. d. Hrsg.].
Es überrascht nicht, wenn Zucker und Bradley schreiben, daß viele Mädchen mit ausgesprochener Geschlechtsidentitätsstörung „stark mit Macht, Aggressionen und Phantasien, wie sie sich schützen können, beschäftigt sind.“20 Als Erwachsene können diese Frauen eine Vorliebe für Sadomaso-, Dominanz- oder Leder-Sexualpraktiken entwickeln. Diese sind Zeichen eines unbewußten Nähe-Distanzkonfliktes in bezug auf das eigene Geschlecht. Ein Mädchen, das sich nicht ausreichend mit einem gleichgeschlechtlichen Liebesobjekt (der Mutter) identifizieren konnte, hat in sich einen unterdrückten Zorn gegenüber der geliebten Person. Sie sehnt sich nach ihrer Liebe und trägt doch gleichzeitig die Erfahrung vergangener Verletzung in sich.
Sadomasochistische Sexualpraktiken (S/M) sind in der lesbischen Subkultur eher häufig. Eine Psychotherapeutin und gleichzeitig lesbisch lebende politische Aktivistin beschreibt: „Ich weiß nicht mehr genau, wann ich entdeckte, daß in vielen unserer lesbischen Zeitschriften, Erotik-Anthologien, in Büchern und auf Konferenzen auf Sadomasochismus in zustimmender oder erotisch positiver Weise hingewiesen wird.
Plötzlich, so schien es, war S/M Allgemeingut geworden, wurde richtig gefeiert, besonders unter den jüngeren lesbisch lebenden Frauen. Die Peitschen, Ketten und Herr-und-Sklave-Rollenspiele scheinen uns heute nicht mehr wie früher zu schockieren... Statt S/M in Frage zu stellen, akzeptieren ihn heute viele lesbisch empfindende Frauen, er gilt als ‘geil‘, betörend und glanzvoll, als ‘sex-positiv‘ und ‘absolut queer‘.“21
Die Autorin dieses Zitats ist über die wachsende Beliebtheit von S/M unter lesbisch lebenden Frauen besorgt. Sie schreibt aber ausdrücklich, daß sie nicht wegen ethisch-moralischer Normen beunruhigt ist, sondern weil S/M die politischen Ziele der lesbischen Subkultur gefährdet. Sie ist besorgt, weil diese Sexualpraktiken „unterdrückerische Einstellungen gegenüber Frauen, Minderheiten und wirtschaftlich benachteiligten Menschen in unserer Gesellschaft widerspiegeln und verfestigen.“22
Sexueller Mißbrauch
Eine schlechte oder nicht vorhandene Beziehung zwischen Mutter und Tochter sowie eine ungute Beziehung zum Vater sind die Hauptursachen für eine Geschlechtsidentitätsverwirrung beim Mädchen. Aber die Berichte von erfahrenen Therapeuten, von Leitern und Seelsorgern der „Ex-Homosexuellen-Gruppen“23 stimmen darin überein, daß diese Mädchen auch überdurchschnittlich häufig Opfer sexuellen Mißbrauchs durch einen Mann wurden.
Die Seelsorge-Leiter Anita Worthen24 und Bob Davies25 z. B. stellten fest, daß in der Vorgeschichte lesbisch orientierter Frauen, die zu ihnen in die Beratung kamen, auffallend oft sexueller Mißbrauch vorgekommen war:
„Bei Frauen kann Mißbrauch durch einen Mann zu großer Angst vor Männern und zu Haß auf Männer führen. Bei Männern kann man sich nicht „sicher“ fühlen. Das tiefe Bedürfnis der Frau, in einer Verbindung mit einem anderen Menschen zu leben, veranlaßt sie dann, enge Beziehungen mit anderen Frauen einzugehen. Oft sind diese anderen Frauen in ähnlicher Weise verletzt. So entstehen lesbische Bindungen.“26
Das Trauma einer sexuellen Verletzung kann im Leben einer jungen Frau sehr große Auswirkungen haben. Das Mädchen glaubt, seine Weiblichkeit habe irgendwie den sexuellen Mißbrauch provoziert, und deshalb müsse es zur Selbstverteidigung jetzt diesen verletzlichen, weiblichen Teil aufgeben. Eine solche Ablehnung der eigenen weiblichen Identität geschieht fast immer unbewußt.
Lesbische Beziehungen und emotionale Abhängigkeit
Lesbische Partnerschaften, sagen einige Experten, können die Qualität einer „Vergötterung“ der anderen Person annehmen. Im Gegensatz zu den fast immer offenen Beziehungen homosexuell lebender Männer führt die Beziehung zwischen zwei Frauen meist zu einer intensiven emotionalen Verstrickung. Die Psychotherapeutin Andria Sigler-Smalz, früher lesbisch lebend und heute mit einem Mann verheiratet, beschreibt diese Beziehungen so:
„Weibliche Beziehungen neigen zu sozialer Exklusivität, zum Ausschließen statt Einbeziehen anderer. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich für ein lesbisches Paar, daß sie den Kontakt zu Familienmitgliedern und früheren Freunden immer weiter abbauen. Dieser allmähliche, immer größere Rückzug dient dazu, die Kontrolle innerhalb der Beziehung zu sichern, sie gegen Störungen von außen zu schützen und die Bindung vor dem Zerbrechen zu bewahren. ...
Die Antriebskraft für eine lesbische Beziehung liegt in einem gefühlsmäßigen Mangel der Frau, einem Mangel in Bezug auf empfangene weiblich-mütterliche Fürsorge und Geborgenheit. Diese Mängel und die dadurch empfundene gefühlsmäßige Leere sind im Allgemeinen nicht in der gleichen Weise sexualisiert wie beim homosexuell empfindenden Mann. In der weiblichen Homosexualität spielt „emotionale Anziehung“ eine wichtigere Rolle als die sexuelle Anziehung. ...
Innerhalb der Beziehungen scheint es eine Fähigkeit zu besonders starker Bindung aneinander zu geben. Wenn man jedoch näher hinsieht, erkennt man ein Verhalten, das in Wirklichkeit auf eine fragile Bindung hinweist, in der Ängste und Sorgen vorherrschen. ...
Wir sehen zum Beispiel die Angst vor dem Verlassenwerden und/oder vor dem Verschlungenwerden; Kämpfe, bei denen es um Macht (oder Ohnmacht) und um Kontrolle geht. Es geht um das Verlangen, mit einer anderen Person zu verschmelzen, um dadurch zu einem Gefühl der Sicherheit und zu Selbstwert zu gelangen.
Während lesbische Partnerschaften im Allgemeinen länger als männliche homosexuelle Beziehungen halten, neigen sie dazu, mit einer großen emotionalen Intensität aufgeladen zu sein.
Der „Klebstoff“, der sie zusammenhält, besteht aus Eifersucht, übermäßigem Besitzanspruch und verschiedenen manipulierenden Verhaltensweisen. Während der Dauer der Beziehung sind die Höhen („highs“) sehr high und die Konflikte extrem. Übermäßig gemeinsam verbrachte Zeit, sehr häufige Telefonate, übertriebene Geschenke, übereiltes Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung und Zusammenwerfen der Finanzen - das sind einige der Wege, die gegangen werden, damit die Beziehung nur durch nichts gestört wird. Wir sehen darin das Gegenstück zu einer gesunden Bindung. Es ist emotionale Abhängigkeit und übermäßige emotionale Verstrickung. ...
Die emotionale Anziehung, die lesbisch orientierte Frauen spüren, hat oft etwas Verzweifeltes an sich.“27
Im Allgemeinen entdecken Frauen ihre homosexuelle Orientierung später im Leben als Männer. Dabei spielen vermutlich verschiedene Faktoren eine Rolle: Einmal sind Mädchen nicht so früh sexuell aktiv wie Jungen. Außerdem entwickelt sich eine „lesbische Identität“ erst allmählich als Ergebnis tiefer emotionaler Bindungen, nicht so sehr durch sexuelles Ausprobieren. Bei homosexuell empfindenden Jungen dagegen spielen kurze sexuelle Kontakte und sexuelles Ausprobieren eine größere Rolle.28
Transsexualität
Probleme und Konflikte bezüglich der eigenen weiblichen Identität sind nicht immer am Aussehen oder „männlichen“ Verhalten erkennbar. Einige lesbisch empfindende Frauen wirken sehr feminin. Bei anderen kann die „Vermännlichung“ extreme Formen annehmen.
Ein Beispiel für ein heranwachsendes Mädchen mit besonders schwerer Geschlechtsidentitätsstörung ist „Cindy“. Cindys Ablehnung ihrer weiblichen Identität führte bei ihr nicht nur zum Lesbianismus, sondern zu einer noch tieferen Ablehnung: der des ganzen eigenen Körpers.
Cindy war vierzehn und lebte mit ihrer Mutter auf dem Land. Ihre Mutter war nie verheiratet gewesen, sondern hatte verschiedene Liebhaber über die Jahre gehabt. Cindy konnte sich an ihren Vater nicht erinnern und hatte von erwachsenen Männern nie wirklich Zuwendung erlebt.
Als Cindy zum ersten Mal in meine Praxis kam, trug sie ein übergroßes Männerhemd, ausgewaschene Jeans und Stiefel. Sie saß breitbeinig da, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Ihre Stimmlage und die Art und Weise, wie sie kommunizierte, waren ziemlich maskulin, ebenso ihre Gesten und Verhalten. Von Zeit zu Zeit mußte ich mich selbst daran erinnern, daß sie ein Mädchen war.
Ganz stolz erzählte sie mir, daß es noch niemand geschafft habe, sie zu einem Kleid zu überreden. Ihr ganzes Leben lang habe sie sich als Junge gefühlt und wollte auch immer einer sein. Eine kürzlich ausgestrahlte Fernsehsendung über eine Geschlechtsumwandlungsoperation habe sie so fasziniert, daß sie nur noch darauf wartete, von zu Hause ausziehen zu können, um sich operieren zu lassen.
Cindy erzählte mir, daß sie eine tiefe emotionale und sexuelle Beziehung zu einem anderen Mädchen gehabt habe. Sie, Cindy, sei nicht lesbisch, sie sei nur ein Junge und wolle eine Freundin wie alle anderen Jungen auch. In dem, was Cindy mir sagte, lag keine Rebellion oder der Wunsch, mich zu schockieren. Es war eher der klare und kompromißlose Ausdruck ihrer persönlichen Überzeugung.
Cindy war intelligent, hatte aber schlechte Schulnoten. Und sie hatte ein Problem in der Schule, weil sie unbedingt die Jungentoilette benutzen wollte. Ihre sozialen Kontakte beschränkten sich größtenteils auf andere Jungen in der Schule. Bei jeder Gelegenheit erinnerte sie daran, daß sie nicht Cindy, sondern Rick heiße. Den Namen hatte sie sich aus Verehrung für einen männlichen Rockstar ausgesucht. Sie verabscheute alles Weibliche, auch ihre eigene körperliche Entwicklung zur Frau und trug Holzfällerhemden, um ihre Brüste zu verstecken, die sie haßte.
Die meisten Schulkameraden lehnten Cindy ab. Die wenigen männlichen Freunde, die sie hatte, waren Rebellen, radikale Außenseiter, Schulversager oder Drogensüchtige. Cindy litt oft an Depressionen und hatte Selbstmordgedanken. Immer wieder erklärte sie, wenn sie nicht als Mann leben könne, würde sie sich umbringen.
Cindys Geschichte ist bemerkenswert und lehrreich, wenngleich schon sehr extrem. In solch einem Fall ist es die Aufgabe des Therapeuten, biologische und psychologische Faktoren, die hinter den Problemen der Klientin stehen, voneinander zu unterscheiden. Außerdem muß er herausfinden, ob die Klientin ihre Weiblichkeit entwickeln möchte. Wenn ja, kann er eine „Re-Orientierungstherapie“29 anbieten. Viele Frauen mit ähnlich tiefliegenden Konflikten bezüglich ihrer weiblichen Identität suchen sich Therapeutinnen, die ihnen zu einer Geschlechtsumwandlungsoperation raten, was wir [z.B. die Therapeuten, die NARTH angeschlossen sind, Anm. d. Hrsg.] aber nicht befürworten können. Eine Operation, die im Grunde eine Verstümmelung des eigenen Körpers ist, kann keine langfristige Lösung sein.
Ungestillte Bedürfnisse nach mütterlicher Fürsorge
Einige lesbisch empfindende Frauen leiden weniger unter dem ungestillten Bedürfnis nach einer Identifikation mit der Mutter und dem Weiblichen, als vielmehr an einer ungestillten Sehnsucht nach mütterlich-fürsorglicher Zuwendung. Diese Frauen tragen das unbewußte Bedürfnis in sich, ihre fragile Mutter-Tochter-Bindung irgendwie zu festigen. Ihr Hauptproblem ist, daß sie einen Mangel an weiblicher Fürsorge erlebt haben. Die Therapeutin Diane Eller-Boyko erklärt dieses ungestillte Verlangen, das sie selbst auch erlebt hat, so:
„Eine Klientin wird mir in etwa sagen: ‘Mich mit einer anderen Frau zu verbinden, fühlte sich wie die Erfüllung einer uralten Sehnsucht an. Es war wie ein Nachhausekommen.‘ - Wenn sie mir das sagt, weiß ich, daß etwas Weibliches in ihr nicht entwickelt ist. Das weibliche Ideal, kreativ, ausdrucksstark, intuitiv, empfangend, mitfühlend, in Berührung mit Geist und Materie, das ist irgendwie verlorengegangen.
Wenn sich eine Frau in eine andere Frau verliebt, versucht sie in Wirklichkeit, sich mit sich selbst zu verbinden.
Wenn wir Lesbianismus entwicklungsgeschichtlich ansehen, würde ich sagen, sie sucht das Urbild der ‘guten Mutter‘.“30
Diane Eller-Boyko schreibt, daß viele lesbisch orientierte Frauen, die Veränderung suchen, die Therapie nicht durchhalten. Die emotionale Bindung einer lesbischen Beziehung aufzugeben, scheint zu bedrohlich zu sein - fast so etwas wie ein Sterben. Eller-Boyko dazu:
„Einem Jungen im Teenageralter kann man sagen: ‘Okay, du kannst deine emotionalen Bedürfnisse beantwortet bekommen, es muß nicht sexuell werden.‘ Das Mädchen dagegen mag empfinden, daß die Therapeutin sie bitten könne, eine Beziehung aufzugeben, die sie zutiefst braucht und von der sie zutiefst abhängig ist. In den meisten Fällen hat sie das Gefühl, daß sie ohne die Andere, die ihr so viel bedeutet, nicht leben kann.
Eine lesbisch orientierte Frau sagt vielleicht: ‘Nur in der sexuellen Beziehung mit der anderen Frau habe ich das Gefühl, geliebt und umsorgt zu sein.‘ Insbesondere denjenigen, die als Mädchen sexuellen Mißbrauch erlebt haben, erlaubt die homosexuelle Beziehung das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Für sie ist die lesbische Sexualität eine Möglichkeit, in einer bedrohlichen Situation die Oberhand zu behalten. Es ist für sie die einzige Art, sich in ihrer Sexualität ‘sicher‘ zu fühlen.“
Eine Checkliste für Eltern, die Töchter haben
Das Folgende ist eine Liste mit Fragen für Eltern, die vermuten, daß ihre Tochter an einer Geschlechtsidentitätsverwirrung leidet. Denken Sie über die Fragen nach, sprechen Sie mit ihrem Ehepartner darüber und wenn möglich, sprechen Sie mit einem geeigneten Therapeuten. Mit dieser Liste kann man nicht in jedem Fall erkennen, ob ein Mädchen nun lesbische Neigungen entwickeln wird. Die Ursachen weiblicher Homosexualität sind komplexer als die der männlichen Homosexualität. Aber die Liste ist ein wichtiger Ausgangspunkt:
1. Verhält sich Ihre Tochter ausgesprochen „unmädchenhaft“?
2. Lehnt sie ihre weibliche Anatomie ab?
3. Wenn sie Fragen hat, geht sie damit zu ihrer Mutter? Bittet sie ihre Mutter, mit ihr zusammen etwas zu tun? Zeigt sie ihrer Mutter ihre Spielsachen, Spiele und erzählt ihr, was sie tut, oder geht sie immer nur zum Vater? Hat sie eine warmherzige, lockere Beziehung zur Mutter? Macht sie gerne „Mädchensachen“ mit der Mutter zusammen?
4. Hat Ihre Tochter gute Beziehungen zu anderen Mädchen?
5. Lehnt es Ihre Tochter kategorisch ab, jemals zu heiraten und Kinder zu bekommen?
6. Wie früh und wie oft haben Sie eine der folgenden Verhaltensweisen bei Ihrer Tochter beobachtet?
a) Zieht sich wie ein Junge an und lehnt jede Mädchenkleidung ab.
b) Männliche Gestik und Verhalten, auch männliche Stimmlage.
c) Bevorzugt Jungenspielsachen und Jungenaktivitäten.
d) Lehnt Mädchen und ihre Spiele ab, bzw. hat kein Interesse daran.
e) Besteht darauf, mit einem Jungennamen gerufen zu werden.
7. Ermutigt der Vater seine Tochter, ihre Weiblichkeit zu entwickeln?
Die Autobiographie von Chastity Bono
Die Entertainer Sonny und Cher ließen sich scheiden, als ihre Tochter Chastity vier Jahre alt war. In ihrer Autobiographie „Family Outing“ schreibt Chastity, daß sie sich emotional zwischen einer distanzierten, ablehnenden Mutter, die eine Neigung zu unvorhersehbaren Wutausbrüchen hatte und einem Vater, der meist abwesend war, gefangen fühlte.
Zu gleichaltrigen Mädchen hatte sie keine Beziehungen. Chastity, die sich heute als lesbische Frau bezeichnet, beschreibt, wie ihre Eltern sie in ihrem Ehestreit benutzten, um es einander heimzuzahlen:
„In gewisser Weise war ich der Sohn, den mein Vater nie hatte. ... Wenn mein Vater mein jungenhaftes Verhalten ermutigte, wurde meine Mutter ärgerlich. Ich denke, sie haben ihre Frustration übereinander auf meinem Rücken ausagiert: Mein Vater provozierte meine Mutter, indem er mich zu einem jungenhaften Verhalten ermutigte; und meine Mutter hatte Probleme mit mir, weil sie sah, daß ich in meinem Verhalten wie mein Vater war.“31
Die Mutter Cher regte sich darüber auf, daß ihre Tochter nur Männerkleidung trug und keine Freundinnen hatte. Erfolglos versuchte sie, Chastity dazu zu überreden, in der Schule Kleider zu tragen. Das Gegenteil trat ein - irgendwann schwor sich Chastity, „niemals irgendwelche Mädchenkleider zu tragen“. Die Weichen zur Entwicklung homosexueller Gefühle waren gestellt.
Wenn ein Mädchen zur Therapie kommt
Wenn Eltern entdecken, daß ihre Tochter eine homosexuelle Beziehung hat, werden sie meist versuchen, sie zum Aufgeben des sexuellen Verhaltens zu bringen. Die Tochter dagegen ist vor allem mit ihren Gefühlen der Einsamkeit, Entfremdung, Ablehnung und dem geringen Selbstwertgefühl beschäftigt. Eine gute Therapeutin oder ein guter Therapeut vermitteln ihr, daß sie die Bedeutung ihrer Gefühle verstehen.
Einer der wichtigsten Gründe, unglücklich zu sein, hat mit der Tatsache zu tun, daß man sich in der Familie nicht verstanden fühlt. Der Vater z. B. muß überlegen, wieviel Anteil er am Leben seiner Tochter nimmt. In den meisten Fällen muß er seine Tochter stärker unterstützen und weniger auf sie eindringen. Die Mutter muß lernen, ihrer Tochter ihre Gefühle mitzuteilen, sich verletzlich zu machen und eine Beziehung zu ihr aufzubauen, die auf größerer Gegenseitigkeit beruht.
Die Entwicklung zur weiblichen Homosexualität ist nicht immer schon im Kindesalter erkennbar. Ein Anfang ist aber gemacht, wenn die Mutter über folgende Fragen nachdenkt:
• Wie ist die Beziehung zu meinem Mann?
• Welche Gefühle habe ich bezüglich der Weiblichkeit meiner Tochter?
• Wie ermutige, unterstütze und spiegele ich die sich entwickelnde Weiblichkeit meiner Tochter?
• Welche Einstellung habe ich zur Beziehung meiner Tochter zu ihrem Vater?
• Fühle ich mich durch die Aufmerksamkeit, die mein Mann meiner Tochter gibt, bedroht?
• Bin ich eifersüchtig oder empfinde meine Tochter als Konkurrentin, was ihre Beziehung zu ihrem Vater angeht?
• Geben mir mein Mann und meine Tochter das Gefühl, ausgeschlossen zu sein?
• Würde es mir helfen, über diese Fragen und über unsere Familienbeziehungen allgemein mit einem geeigneten Psychotherapeuten zu reden?
Eltern, die ein Mädchen mit Geschlechtsidentitätsverwirrung haben und die für ihr Kind gut sorgen möchten, sollten unmittelbar eine gründliche Einschätzung der Beziehung zwischen Tochter und Mutter vornehmen. Das ist nicht nur wichtig, wenn das Mädchen deutliche Zeichen einer Identitätsstörung zeigt, sondern auch, wenn die Identitätsstörung nicht so offensichtlich ist, die Beziehung zur Mutter aber konflikthaft oder feindselig.
Lesbianismus „als Mangel“
Einige Frauen scheinen sich als Mädchen unkompliziert zu entwickeln, empfinden heterosexuell und heiraten - und geraten dann zur Überraschung der ganzen Familie in eine homosexuelle Beziehung. Dr. Richard Fitzgibbons ist der Auffassung, daß eine emotional instabile Frau, die ungestillte Bedürfnisse nach weiblich-mütterlicher Fürsorge in sich trägt, aus Enttäuschung, Einsamkeit oder Desillusionierung heraus eine lesbische Beziehung eingehen kann. Das kann während einer emotional leeren Ehe oder nach einer Scheidung geschehen.32 Solche Frauen können mehrfach in ihrem Leben zwischen lesbischen und heterosexuellen Beziehungen hin und her schwanken.
Die öffentlichen Verliebtheiten der lesbisch lebenden Entertainerin Ellen DeGeneres mit ihrer Partnerin sowie der Sängerin Melissa Etheridge mit deren Partnerin zeigen das „Fließende“, das manche Frauen in bezug auf ihre Sexualität erleben. Beide hatten eine Partnerin, die zuvor heterosexuell, dann einige Jahre lesbisch und später wieder heterosexuell lebte. Solches Hin- und Herschwanken kommt bei Frauen häufiger als bei Männern vor.
Die Aufgaben im Heilungs- und Veränderungsprozeß
Die Psychotherapeutin Diane Eller-Boyko beschreibt in einem Interview, wie eine Therapie bei einer erwachsenen Frau abläuft. Dabei beschreibt sie gleichzeitig ihren eigenen Weg, wie sie selbst Heilung und einen Weg heraus aus einer lesbischen Orientierung gefunden hat. Dieser Weg, so Eller-Boyko, ist eine allmähliche Wiederverbindung mit der eigenen Weiblichkeit. Klientin und Therapeutin suchen dabei gemeinsam die Entwicklungsblockaden, die zur „Erosion und Entwertung der Weiblichkeit“ geführt haben. „Statt sich nach einer anderen Frau umzusehen,“ so Eller-Boyko, „versuche ich, sie an ihr eigenes, verborgenes Reservoir anzuschließen. ... Nur wenn sie durch diese tiefe Verbindung mit ihrer eigenen Weiblichkeit „aufgefüllt“ ist, kann sie sich auch auf den Weg machen, um sich mit dem Männlichen zu verbinden.“33
Wie oben gesagt, gibt es viele Faktoren, die zur Entstehung von lesbischen Empfindungen bei Frauen führen. Eltern sollten deshalb nicht alle Verantwortung auf sich nehmen. Homosexuelle Neigungen und eine daraus gewählte „Identität“ hängen auch vom Einfluß der Gleichaltrigen-Gruppe ab, von persönlichen Eigenschaften, von eigenen Entscheidungen, möglicherweise sexuellem Mißbrauch und manchmal auch von biologischen Faktoren, die Einfluß auf „jungenhaftes“ Verhalten nehmen.
Auch gesellschaftliche Einflüsse verstärken bestimmte Haltungen unserer Töchter. Unsere gegenwärtige Kultur hat kein Verständnis für die Bedeutung eines guten, tieferen Hineinwachsens in die eigene Weiblichkeit oder Männlichkeit.
Im nächsten Kapitel [im Buch von J. und L. Nicolosi, Anm. d. Hrsg.] geht es deshalb um die Politik der Homosexuellen-Bewegung und auf welche Weise diese dazu beiträgt, daß sich weibliche und männliche Identitätskonflikte heute möglicherweise verschärfen.
Linda Ames Nicolosi
Kalifornien, Journalistin, Chefredakteurin der Fachzeitschrift „NARTH-Bulletin“.
Joseph Nicolosi
Ph.D., Kalifornien, hat als Psychotherapeut mehr als 400 Männer, die ihre Homosexualität konflikthaft erlebten, begleitet. Präsident der Therapeutenvereinigung „NARTH“, Autor mehrerer Bücher, deutsch: „Homosexualität muß kein Schicksal sein“, Neukirchen-Vluyn 1995.
Anmerkungen
1 Boyer, Jane, in: Linda Ames Nicolosi, Der Kampf einer Frau: Interview mit Jane Boyer, NARTH Bulletin, August 1999, S.3.
2 Diane Eller-Boyko hat früher selbst homosexuell gelebt, ist heute verheiratet und hat zwei Kinder. Ein kurzer Ausschnitt aus ihrer Lebensgeschichte findet sich in dem deutschsprachigen Video: „Homosexualität und die Chance zur Veränderung“, 2. Auflage 2002, Bezug über Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft, Pf. 1220, D-64382 Reichelsheim, E-mail: institute@ojc.de, Anm. d. Hrsg.
3 Nicolosi, Linda Ames, Interview: Diane Eller-Boyko, NARTH Bulletin, April 1998, S.3.