Weibliche Homosexualität – ein tiefenpsychologischer Zugang
Christl R. Vonholdt
Weibliche Homosexualität ist ein vielschichtiges Phänomen. Niemand wird lesbisch geboren. Für betroffene Frauen ist homosexuelles Verlangen oft etwas, das bis in die Tiefe ihrer Seele zu reichen scheint. Doch was steckt dahinter? Der folgende Artikel will wesentliche Schneisen zu einem inneren Verständnis lesbischer Empfindungen schlagen. Die dargelegten Sachverhalte werden nicht für alle homosexuell empfindenden Frauen zutreffen, aber doch für viele.
Erfahrungen einer Therapeutin
Elaine V. Siegel, Psychotherapeutin mit großer Erfahrung in der Behandlung weiblicher Homosexualität, zieht in ihrem Buch Weibliche Homosexualität Bilanz.1
Das lesbische Zentrum einer amerikanischen Universität hatte Frau Siegel gebeten, Therapien anzubieten für Frauen, die in Kontakt mit dem Zentrum standen. Schnell meldete sich eine Reihe lesbisch lebender Frauen bei ihr. Ihnen ging es um Ängste und Beziehungsprobleme, nicht darum, den lesbischen Lebensstil an sich in Frage zu stellen. In der offenen Begegnung mit den Frauen stieß Frau Siegel auf Unerwartetes: auf große Gemeinsamkeiten in ihren Lebensgeschichten, auf eine innere Notwendigkeit, die lesbische Lebensweise gegenüber der heterosexuellen zu idealisieren, und auf eine Schwere des inneren Leidens, das nur oberflächlich durch die Umwelt verursacht schien, tatsächlich jedoch auf tiefe, ungelöste innerpsychische Konflikte hinwies.
Mehr als die Hälfte der von Siegel therapierten Frauen wurde heterosexuell. Die Leitung des Lesbenzentrums warf Frau Siegel daraufhin „Verrat an den Schwestern“ vor und verwies keine Klientinnen mehr an sie.
Siegel schreibt über die Frauen: „Wie bei allen anderen Klientinnen ging es mir nicht primär darum, sie zu ’heilen’ oder ihnen von ihrem Lebensstil abzuraten; meine Arbeit bestand eher darin, zuzuhören und emotional anwesend zu sein. Obwohl ich Homosexualität nie als Krankheit interpretierte, wurde mehr als die Hälfte der Frauen völlig heterosexuell. (…)
Im Lauf der Zeit begriff ich ihre Schwierigkeiten als Entwicklungsstörung, die eine heterosexuelle Objektwahl ausschloss. (…) Ich war doch eine liberale und freie Frau; musste es da nicht Verrat sein an allem, was ich damals glaubte, wenn ich Homosexualität als das Resultat einer nicht-normalen Entwicklung definierte? Aber als ich meine Klientinnen auf dem Hintergrund der psychoanalytischen Theorie und Praxis betrachtete, erkannte ich bald, dass ich der Verführung, weibliche Homosexualität als normalen Lebensstil anzusehen, nicht erliegen durfte. Diese Sichtweise hätte sich sonst bei meinen Patientinnen und mir in einer solch rigiden Form festgesetzt, dass eine Veränderung jeder Art ausgeschlossen gewesen wäre. (…)
Manche behaupten, dass Homosexualität ’normalisiert’ werden soll, eine Auffassung, die ich auch einige Jahre hatte, bis die hier [in ihrem Buch] dargestellten Klientinnen mich eines besseren belehrten.“2
Elaine Siegel schrieb ihr Buch in den 1980er Jahren. Heute übt eine political correctness weitaus stärkeren Druck auf Therapeuten, Therapeutinnen und Betroffene aus als damals. Frauen und Männer, die nach Ursachen für ihre homosexuellen Gefühle suchen und sich Veränderung hin zur Heterosexualität wünschen, haben es schwerer. Was aber die Sachdiskussion angeht: Die im Folgenden zusammengetragenen Informationen konnten bisher nicht widerlegt werden.3
Homosexualität – ein Symptom
Zahlreiche Forschungen und therapeutische Erfahrungen weisen darauf hin, dass homosexuelle Empfindungen ein Symptom sind, deren Wurzeln in der Kindheit liegen. Aus tiefenpsychologischer Sicht hat weibliche Homosexualität zu tun mit einem ungestillten Bedürfnis nach Verbindung mit der Mutter, mit der Suche nach der eigenen weiblichen Identität und mit Angst vor Nähe zum anderen Geschlecht.
In der Entwicklung spielen ein frühkindlicher Verlust der Bindung4 an die Mutter und andere, unterschiedliche Beziehungsverletzungen eine zentrale Rolle. Biologische Faktoren wie eine angeborene hohe Sensibilität des Kindes kommen oft dazu. Auch sexueller Missbrauch kann eine Rolle spielen. Im Ergebnis kommt es zu einer tiefreichenden Unsicherheit und inneren Verwirrung des Mädchens über das, was sein Selbst, seine Kernidentität und seine weibliche Identität ausmachen. Im homosexuellen Begehren – beispielsweise als Versuch, mit einer anderen Frau möglichst zu verschmelzen – kommt unbewusst eine Abwehr gegen die Schmerzen zum Ausdruck, die aus solcher tiefreichenden Selbst-Unsicherheit resultieren.
Da homosexuell empfindende Frauen sich in ihrer Kindheit nicht mit der Mutter identifizieren konnten und auch danach keine positive Spiegelung ihrer Weiblichkeit erfuhren, konnten sie ihre weibliche Identität nicht voll entwickeln. Sie empfinden deshalb unbewusst eine „klaffende Wunde“ in ihrem Selbst. Als Erwachsene suchen sie in der Partnerin ein „Ebenbild“, um diese Wunde möglichst zu kitten: Homosexuell empfindende Frauen haben das Bedürfnis, ihre eigene, als unvollständig empfundene Identität zu „heilen“, indem sie eine Verschmelzung mit anderen Frauen suchen.5 Homosexualität ist ein vergeblicher „Ersatzweg“, um „durch die Weiblichkeit anderer Frauen eigenes Frausein zu erfahren.“6 Die Weiblichkeit anderer Frauen wird dabei oft idealisiert.
Ein Beispiel
Eine Frau erzählt: „Ich wuchs auf einem kleinen Bauernhof auf. Meine Mutter hatte immer viel Arbeit auf dem Hof. Als ich klein war, ließ sie mich gewöhnlich für längere Zeit allein im Laufställchen. Es schien, als hätte ich mich an das Alleinsein gewöhnt.
Ich hatte einen älteren Bruder und eine ältere Schwester, aber ich war Vaters Liebling. Allerdings war ich für meinen Vater diejenige, die seine emotionalen Bedürfnisse erfüllen sollte. Meine Mutter war eifersüchtig auf die ’besondere’ Beziehung, die ich zu Vater hatte.
Ich wuchs als halber Junge auf, und meine Mutter schien das zu fördern. Sie war nicht wirklich fürsorglich. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich je in ihren Armen gehalten oder getröstet hätte. Meine Mutter wirkte auch nicht weiblich, und ich vermute, dass sie selbst nicht gerne Frau war. Sie war der Auffassung, Frauen seien schwach.
Inmitten dieser inneren Leere, dieses inneren schwarzen Lochs wurde ich von einem älteren Jungen sexuell belästigt. Ich war damals sieben Jahre. Zunächst fühlte es sich gut an, doch danach machte mich der Junge klein und lehnte mich ab. Ich schwor mir, mich niemals wieder auf jemanden einzulassen, hasste mein Mädchensein und hielt Weiblichkeit für Schwäche.
Im College später traf ich eine Freundin, die mich umsorgte. Sie weinte, als sie von meinem sexuellen Missbrauch hörte. Die nächste enge Freundin, die ich hatte, hielt mich in ihren Armen und tröstete mich, wenn es mir schlecht ging. Sie lebte lesbisch. Und ich? War ich auch lesbisch? Alles, was ich wusste, war, dass ich mich nach solch einer Beziehung schon mein Leben lang gesehnt hatte.“7
Wie in einer Nussschale benennt diese kurze Biografie die innerfamiliären Beziehungsdynamiken und -verletzungen, die eine zentrale Rolle in der Entwicklung homosexueller Empfindungen bei vielen Frauen spielen. Dabei sind der frühe Verlust einer sicheren Bindung zur Mutter durch das häufige Alleingelassensein, das fehlende feinfühlige Eingehen der Mutter auf die Bedürfnisse des Kindes und die daraus erwachsende tiefe Selbstunsicherheit im Kind und seine Gefühle von Nicht-Sein nur angedeutet. Der Bindungsverlust in der Beziehung zur Mutter scheint in vielen Fällen subtil und äußerlich unauffällig zu sein und ist doch insgesamt die stärkste Weichenstellung in Richtung späterer homosexueller Sehnsüchte. Möglicherweise wäre auch ohne den sexuellen Missbrauch die Geschichte so weitergegangen, wie diese Frau sie geschildert hat. Der sexuelle Missbrauch war ein zusätzlicher Angriff auf die Integrität eines in seinem Selbstwert und seiner Identität schon sehr verletzten Mädchens.
Die entwicklungspsychologischen Faktoren
Die im Folgenden zusammengefassten Forschungsergebnisse beruhen in den meisten Fällen auf Berichten erwachsener Frauen. Oft, nicht immer, wurden sie im Rahmen therapeutischer Begleitung gewonnen. Diese Frauen sagen: Das hat mein Leben maßgeblich geprägt. Das sind die zentralen Erfahrungen meines Lebens. Darunter habe ich am meisten gelitten.
Daraus kann aber umgekehrt noch nicht geschlossen werden, dass jedes Kind, das ähnliche Kindheitserfahrungen macht, später homosexuell wird. Dazu ist die Entwicklung zur Homosexualität zu komplex. Sie ist ein Beziehungsgeschehen, in dem auch das Kind eine aktive Rolle spielt.
Wenn man beispielsweise Geschwister befragt, haben diese dieselbe Familiensituation oft ganz unterschiedlich erlebt. Dem einen Kind hat eine bestimmte Situation Angst eingeflößt, einem anderen nicht. Ein Kind mit einer robusteren Natur wird manches leichter verarbeiten als ein hochsensibles, für Beziehungsirritationen empfängliches Kind.
Es kommt also auch darauf an, wie ein Kind bestimmte Situationen wahrnimmt, verarbeitet, verinnerlicht, Schlüsse daraus zieht und möglicherweise Entscheidungen trifft.
Wenn ein Kind Bindungsverlust und andere Beziehungsverletzungen erlebt, heißt das nicht, dass die Eltern ihr Kind nicht geliebt hätten. In den meisten Fällen lieben Eltern ihre Kinder – so gut sie es können. Aber aus komplexen Gründen haben Eltern und Kind einander emotional „verpasst“ und zwar so, dass sich das Mädchen schon sehr früh einer tiefen inneren Verlassenheit ausgesetzt erlebte.
Nicht alle ungelösten Beziehungsprobleme aus der frühen Kindheit führen zur Homosexualität, aber oft haben sie Folgen: chronische Depressionen, Ängste, Anfälligkeit für Süchte, mangelndes Selbstwertgefühl, allgemeine Beziehungsprobleme, Promiskuität und anderes. Diese Folgen sind bei homosexuell Lebenden häufiger zu finden als in der Allgemeinbevölkerung. Homosexuelle Sehnsüchte und Verhalten sind nur noch eine weitere mögliche Folge.
Die wichtigsten entwicklungspsychologischen Faktoren können wie folgt zusammengefasst werden.
1. Bindungsverlust in der frühkindlichen Beziehung zur Mutter (Kern-Identität):
Mutter hat mir nicht gezeigt, wer ich bin.
2. Keine Identifikation mit der Mutter (Geschlechtsidentität): Mutter und das, wofür sie steht, ist unwichtig.
3. Die Beziehung zum Vater: Vaters kleiner Helfer.
4. Keine Mädchenfreundschaften: Ich gehöre nicht dazu.
5. Sexueller Missbrauch: Mädchensein ist nicht gut.
Diese in Lebensgeschichten homosexuell empfindender Frauen immer wiederkehrenden Faktoren setzen sich aus zahlreichen Einzelkomponenten zusammen, die bei jeder Frau anders aussehen und sich auch gegenseitig beeinflussen.
Die Faktoren im Detail
1. Bindungsverlust in der frühkindlichen Beziehung zur Mutter (Kern-Identität): Mutter hat mir nicht gezeigt, wer ich bin.
Für die spätere seelische Gesundheit eines Menschen ist es entscheidend, „dass sowohl Säugling wie Kleinkind die Erfahrung einer warmherzigen, intimen und beständigen Beziehung zur Mutter machen (oder einer gleichbleibenden Mutter-Ersatz-Person), einer Beziehung, die für beide Befriedigung und Genuss bedeutet.“8 In einer beständigen geborgenen Anbindung an eine andere Person kann das Selbst des Kindes, sein Kern-Selbst und somit seine Identität wachsen: Das Ich entsteht am Du. Das Selbst des Kindes ist immer Selbst-in-Beziehung. Sein ist immer Bezogen-Sein. Es gibt wohl keine intimere Verbindung zwischen zwei Menschen als die zwischen Mutter und Kind – vor der Geburt und dann noch lange Zeit nach der Geburt. Was der Säugling an Erfahrungen in dieser Zeit aufnimmt, nimmt er mit seinem ganzen Leib in sich auf.
Aufgabe der Mutter ist es, dem Kind ein Zuhause zu geben: Geborgenheit, Berührung, Sicherheit, Zugehörigkeit. Wenn sich das Mädchen in diesem Zuhause entspannen kann, kann es sein weibliches Selbst in der Beziehung entfalten: „Ich werde berührt – ich bin da.“ Für solche Entfaltung braucht es den harmonischen Tanz gegenseitiger Entspannung zwischen Mutter und Kind. Insbesondere zur Entfaltung der Weiblichkeit gehören Ruhe und Entspannung dazu. In der Verbundenheit mit der Mutter empfängt das Kind sein grundlegendes „Ja des Seindürfens“9, sein Wohl-Sein: „Meine Mutter ist mir gut. Ich bin geliebt und angenommen. Deshalb bin ich auch mir selber gut.“ – Was die Mutter an Wertschätzung gibt, nimmt das Kind in sich auf. Das Kind kann ein Zuhause in sich entwickeln.
Die erste Beziehung des Kindes ist das Fundament für alle seine weiteren Beziehungen. Hier lernt es grundlegende Beziehungskompetenzen – oder lernt sie nicht. Es lernt Urvertrauen – oder Urmisstrauen. Der Einfluss der Beziehung zur Mutter auf das Wertgefühl und die Identitätsentwicklung des Mädchens kann deshalb nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist der frühe Bindungsverlust aus dieser „Ur-Beziehung“ und die damit verbundene tiefreichende Verunsicherung im Selbst und in der Entwicklung des Mädchens, die das Leben vieler erwachsener homosexueller Frauen bestimmen.
In zahllosen Variationen drücken homosexuell empfindende Frauen aus, was sie in der Homosexualität suchen:
„Beim Lesbianismus ging es mir nicht um Sex. Alles, was ich wollte, war Verbindung, tiefe emotionale Verbindung. Ich wollte jemanden, der mich vervollständigen würde. (…) Die sexuelle Beziehung kam erst später…“10
„Immer wenn ich neben meiner Freundin lag, suchte ich etwas in ihren Augen: Ich suchte dort mich selbst, wer ich bin – und ich suchte nach Sicherheit, einer Sicherheit und Geborgenheit, die ich bei meiner Mutter nie erlebt hatte.“11
„Als sie neben mir lag: weich und Leib und warm wie nur eine Frau es sein kann – oh Mutter, wann kann ich nach Hause kommen?“12
Mütterliche Feinfühligkeit
Für die seelische Entwicklung eines Kindes ist die feinfühlige Fürsorge seiner Eltern von herausragender Bedeutung.13 Feinfühligkeit ist ein Fachbegriff aus der Bindungsforschung und beinhaltet, dass der Erwachsene die Gefühle und Kern-Emotionen des Kindes (Zorn, Furcht, Trauer, Freude) wahrnimmt, richtig interpretiert, zurückspiegelt und angemessen und prompt reagiert. Ohne solches Zurückspiegeln kann sich die Kern-Identität eines Kindes nur unvollständig entwickeln.
Feinfühliges Eingehen der Eltern auf die Bedürfnisse des Kindes ist während der gesamten Kindheit wichtig. Wie fehlende Feinfühligkeit bei einem etwas größeren Kind aussehen kann, zeigt die folgende Episode:
„Ein etwa achtjähriges Mädchen und seine Mutter hatten gerade eine längere Zugreise begonnen. Die Mutter unterhielt sich angeregt mit ihrer Sitznachbarin, die eine Freundin von ihr war. Das Mädchen war ein wenig aufgeregt und rief der Mutter in freudiger Erregung und mit lauter Stimme etwas über seine Erwartungen für die Reise zu. Die Mutter schnauzte das Kind an: ’Schrei mich nicht so an!’ – Das Mädchen wurde still und zog sich in die hinterste Ecke des Zugwaggons zurück. Es schien, als würde es solche Situationen kennen. Dort nestelte es an den Sitzknöpfen herum und kam erst zurück, nachdem es sich beruhigt hatte. Die Mutter unterhielt sich immer noch lebhaft mit ihrer Nachbarin.“14
Ganz offensichtlich hatte das Mädchen durch das Herumnesteln an den Knöpfen versucht, seine Gefühle, – Wut, Traurigkeit, Schmerz – unter Kontrolle zu bekommen. Erst danach kam es zur Mutter zurück. Um sich vor weiterer Verletzung zu schützen, hatte es sich aus der Bindung zur Mutter ausgekoppelt. Es wäre Aufgabe der Mutter gewesen, das zu bemerken und die Bindung liebevoll wiederherzustellen. Wo es zu Bindungsabbrüchen kommt, und das geschieht im Alltag immer wieder, ist es Aufgabe des Erwachsenen, so lange einfühlsam auf das Kind einzugehen, bis die Verbindung wiederhergestellt ist. Diese Mutter hatte aber den Bindungsverlust gar nicht wahrgenommen.
Ohne Feinfühligkeit seiner Eltern lebt das Kind in beziehungsmäßiger Verlassenheit: „Ich werde nicht wahrgenommen. Meine Gefühle sind nicht wertgeschätzt – ich bin nicht wertgeschätzt. Mutter versteht meine Gefühle nicht. Sie sind nicht richtig, sonst würde Mutter sie verstehen – ich bin nicht richtig.“
Das Kind beginnt, sich seiner Gefühle und Bedürfnisse (nach Verstandenwerden, Trost, Nähe, Sicherheit usw.) zu schämen. Es beginnt, sich seiner selbst zu schämen.
Ohne zurückspiegelndes Du kann das Ich nicht werden, kann das Kind sich seiner selbst nicht sicher werden. Für ein kleines Kind ist die Störung seines Bindungssystems, zuerst der Verlust der Bindung zur Mutter, ein großes Trauma. Feinfühliges Eingehen der Mutter auf ihr Kind ist das wichtigste Mittel, das eine sichere Bindung ermöglicht. Es vermittelt Zugehörigkeit und Sicherheit.
Homosexuelle Frauen empfinden oft eine große Scham bezüglich ihrer Bedürfnisse, weil diese in ihrer Kindheit kaum wahrgenommen oder wertgeschätzt wurden. Als kleines Kind, oft schon als Säugling, litten sie unter einem grundlegenden Mangel an Feinfühligkeit ihrer Eltern. Ihre tiefe Selbst-Verunsicherung zeigt sich in der Therapie, wenn sie etwa auf Fragen antworten: „Wer bist du?“ – „Ich weiß es nicht. „Was willst du?“ – „Ich weiß es nicht.“
Im Erwachsenenalter tauchen die ungestillten Kindheitsbedürfnisse nach Wahrgenommenwerden durch eine fürsorglich-zugewandte Mutter in erotisierter Form wieder auf.
Eine betroffene Frau drückt es so aus: „Wenn ich eine Frau treffe, zu der ich mich hingezogen fühle, ist es, als würde etwas in mir sagen: ‘Willst du meine Mami sein?‘ Es ist ein unwiderstehliches, heftiges und gleichzeitig hilfloses Gefühl. Plötzlich fühle ich mich klein. Ich möchte von ihr wahrgenommen werden, möchte jemand Besonderes für sie sein – und das nimmt alle meine Gedanken ein.“15
Ursachen für Bindungsverlust
Bindungsverlust zur Mutter und andere Beziehungsverletzungen können beim Mädchen zu Gefühlen von Wertlosigkeit, zu Selbstablehnung und zu Scham über das eigene Sein führen. Faktoren für die Entstehung solcher Verletzungen können sein:16
- Stresszustände der Mutter während der Schwangerschaft, die sich auf das Mädchen übertragen und zu einer chronischen Anspannung und dem Gefühl von Distanz führen.
- Bewusste oder unbewusste Ablehnung des Kindes; Ablehnung des Mädchens, weil sich die Mutter einen Jungen gewünscht hatte.
- Trennung von der Mutter durch Adoption, Scheidung, Tod der Mutter oder lange Krankheitszeiten der Mutter oder des Kindes.
- Wenn ein Säugling oder Kleinkind immer wieder in die traurigen Augen einer depressiven, verschlossenen Mutter schauen muss, fühlt es sich vom Leben abgeschnitten. Untersuchungen belegen einen Zusammenhang zwischen depressiven Erkrankungen der Mutter, während das Mädchen noch im Säuglings- oder Kleinkindalter ist, und späterer Homosexualität. Eine Untersuchung kommt zu dem Schluss: „Die Mädchen waren kaum in der Lage, sich emotional mit der Mutter zu verbinden. Bei manchen hatten wir den Eindruck, dass sie sich nie mit der Mutter identifiziert hatten, bei anderen, dass sie sich aktiv von ihr abgekoppelt hatten, weil sie die Mutter als schwach, unfähig oder hilflos ansahen. Viele der Mütter werteten ihre eigene Leistung ab und verachteten die weibliche Geschlechtsrolle.“ Einige der Mütter aus der Studie hatten in der Kindheit schweren sexuellen Missbrauch erlebt. Ihren Töchtern gaben sie unbewusst weiter, Frausein bedeute, keinen Schutzraum zu haben. Ein Gefühl der Zuversicht oder des Stolzseins darüber, Frau zu sein, konnten sie ihren Töchtern nicht vermitteln.17
- Emotionale Zerbrechlichkeit, große Bedürftigkeit oder Überforderung der Mutter aus anderen Gründen, gerade während der ersten für die Identitätsentwicklung des Mädchens entscheidenden Lebensjahre. Dahinter können Traumatisierungen im Leben der Mutter stecken, Verletzungen in der Ehe, Probleme mit anderen Kindern oder andere Stressfaktoren. Sie können dazu führen, dass sich die Mutter verschließt und für die Tochter emotional nicht zugänglich ist. Da solche Faktoren sich ändern können, ist es schwierig, von der Mutter einer erwachsenen homosexuellen Frau auf die junge, überforderte Mutter zu schließen, die die Tochter in ihrer Kindheit erlebt hat.
- Oft berichten homosexuell empfindende Frauen, dass sie sich als Kind von ihren Müttern emotional im Stich gelassen fühlten oder das Gefühl hatten, sie müssten sich um die Mutter kümmern und seien verantwortlich dafür, dass es ihr gut gehe. Sie mussten die Bedürfnisse der Mutter erfüllen, nicht umgekehrt. Emotionale Bedürftigkeit der Mutter kann auch zur Folge haben, dass sie das Kind nur erträgt, wenn es „lieb und brav“ ist. Eine homosexuell empfindende Frau berichtete, dass ihre Mutter sie als Kind regelmäßig zum Spielen nach draußen schickte, weil sie keine „Unordnung“ im Haus ertragen konnte.
- Wenig entwickelte Fähigkeiten der Mutter, Bindung anzubieten, weil sie diese selbst nie erlebt hat.
- Bindungsverlust kann dazu führen, dass ein Mädchen nichts mehr fühlen kann in der Beziehung zur Mutter. Homosexuelle Frauen, deren Mütter sehr verschlossen waren, empfanden in ihrer Kindheit ihre Mütter oft als „leer“, als „Hülle“, als „pflichtbewusst, aber unfähig“, sich dem Kind gegenüber emotional zu öffnen.
Manche Mütter betrachteten ihre Töchter als Verlängerung ihrer selbst und konnten sie nur wenig in dem Prozess, eine eigenständige, von der Mutter unabhängige Person zu werden, unterstützen. Dann berichten homosexuelle Frauen, dass sie als Kind oft nicht unterscheiden konnten, welches ihre eigenen Gefühle und welches die der Mutter waren.
Wenn Mütter (oder Väter) ihre eigenen Bedürfnisse mit denen des Kindes verwechselten, blieben die Bedürfnisse des Kindes ungestillt.
2. Keine Identifikation mit der Mutter (Geschlechtsidentität): Mutter und das, wofür sie steht, ist unwichtig.
Nach dem Säuglingsalter kommt die Geschlechtsidentitätsentwicklung für das Mädchen stärker ins Bewusstsein: Ich bin ein Mädchen.
Die Mutter ist das erste weibliche Wesen, in dem das Mädchen sieht, was Frausein, Weiblichkeit und Mütterlichkeit ist. Anders als der Junge, der sich für seine Geschlechtsidentitätsentwicklung von der Mutter trennen und mit dem Vater verbinden muss, ist das Mädchen für die Entwicklung seiner weiblichen Identität auf eine bleibende Verbundenheit mit der Mutter angewiesen.
Bindungsverlust und weitere Verletzungen führen dazu, dass sich das Mädchen innerlich von der Mutter abkoppelt. Homosexuelle Frauen erzählen, dass sie sich oft radikal von der Mutter abkoppelten, meist schon in den ersten, für die Geschlechtsidentitätsentwicklung wichtigsten, Lebensjahren.
Das Mädchen sagt sich unbewusst: „Die Mutter und das, wofür sie steht, also auch ihre Weiblichkeit und Mütterlichkeit, ist unwichtig für mich. Die Mutter hat mich verletzt und enttäuscht. Mit ihr und dem, wofür sie steht, will ich nichts mehr zu tun haben. Ich brauche sie nicht.“ Diese Abkopplung ist ein Schutzmechanismus der Seele gegen weitere Verwundungen. Das Mädchen zahlt aber einen hohen Preis dafür: Mit der Ablehnung der Mutter und ihrer Weiblichkeit versperrt es sich den Weg auch zur Entfaltung der eigenen Weiblichkeit und des eigenen Frauseins. Seine Sehnsucht nach der Mutter unterdrückt es – doch später taucht diese oft als erotisiertes Verlangen nach einer anderen Frau wieder auf.
Homosexuelle Frauen berichten:
- dass ihre Mütter ihr eigenes Frausein, ihre Weiblichkeit und Muttersein bewusst oder unbewusst verachteten. Das Mädchen wuchs in dem Gefühl auf, dass Weiblichkeit wenig Wert hat und verachtete sich für sein Mädchensein.
- dass in der Familie das Männliche grundsätzlich höher geschätzt wurde. Das Mädchen lehnte seine Weiblichkeit als vermeintlich minderwertig ab.
- dass zuhause oder in ihrem Umfeld festgelegte Geschlechtsrollenvorstellungen herrschten, die Mädchen und Frauen in der Entfaltung ihrer Interessen und ihrer Freiheit einengten.
- dass sie es verachteten, wenn die Mutter alle Arbeit zuhause allein tun musste und sich nie für ihre eigenen Bedürfnisse einsetzte.
Eine ehemals homosexuelle Frau beschreibt ihren gewalttätigen Vater und ihre depressive, außerordentlich passive und alkoholkranke Mutter: „Ich hasste sie, und ich hasste, was ich in ihr sah.“ Später fühlte sie sich von männlich und stark wirkenden Frauen angezogen, die das Gegenteil dessen waren, was sie bei ihrer Mutter erlebt hatte.18
Eine andere, ehemals homosexuell empfindende Frau meint im Rückblick: „Meine Mutter habe ich immer als schwach angesehen; mein Vater war stark und eine charismatische Persönlichkeit. Ich erinnere mich noch, dass ich schon als ganz junges Mädchen dachte: ’Wenn ich erwachsen bin, will ich nie wie Mama sein.’ Ich weiß auch noch, dass ich mich entschied, mich wie meine Brüder und mein Vater zu verhalten und sogar wie sie auszusehen. Mein Vater hatte das Sagen, er hatte eine Arbeit und lebte sein Leben. Meine Mutter war nur zu Hause und vergötterte ihn. Meine Mutter und ich hatten uns nie viel zu sagen. Sie hat mich nie wirklich verstanden, und heute denke ich, ich habe auch nie versucht, sie zu verstehen.“19
Als Erwachsene sind homosexuelle Frauen oft in dieser Ambivalenz gefangen: Sie verachten und entwerten das Weibliche und Mütterliche als „unwichtig“, lehnen es ab – und sehnen sich doch tief danach.
3. Die Beziehung zum Vater: Vaters kleiner Helfer.
Die Beziehung der Eltern untereinander ist ein außerordentlich wichtiger Faktor bei der Frage, ob ein Mädchen sich in seiner weiblichen Identität annehmen und eine Hinwendung zum anderen Geschlecht entwickeln kann. Es erlebt, ob Vater und Mutter in einer guten Balance zueinander stehen. Respektiert und achtet der Vater seine Frau und geht liebevoll auf sie ein, fällt es dem Mädchen leichter, auch sich selbst als geliebt und geachtet zu erleben.
Eine wichtige Aufgabe des Vaters ist es, das Mädchen in seiner Autonomieentwicklung zu fördern. Er muss seiner Tochter helfen, eine eigenständige Person zu werden, sich als weibliches Wesen wertgeschätzt zu erleben, ihre Gaben zu entfalten und auch zu ihren Grenzen ja zu sagen.
Am besten gelingt das, wenn der Vater feinfühlig, liebevoll und warmherzig auf seine kleine Tochter eingeht, und wenn er selbst eine große Wertschätzung für das Weibliche in sich trägt.
Er ist auch das erste männliche Rollenmodell für das Mädchen, an dem es sieht, was es später von einem Mann an Liebe und Respekt erwarten kann.
Häufiger als heterosexuelle beschreiben homosexuelle Frauen ihre Beziehung zum Vater als negativ. In ihren Augen war der Vater oft unbeherrscht, autoritär, aggressiv, verletzend oder aber nicht interessiert und emotional abwesend.
Homosexuelle Frauen berichten auch, dass sie oft Vaters kleiner Helfer oder sein kleiner Handwerker waren. Meist erlebten sie sich dabei in einer Zwickmühle: Wollten sie die Beziehung zum Vater aufrechterhalten, weil sie ihn brauchten, mussten sie sich an ihn und seine Welt anpassen und eigene Interessen zurückstellen. Entwickelten sie eigene, eher weibliche Interessen, verloren sie die enge Beziehung. Fast immer trugen sie zu diesem Zeitpunkt schon gewisse Verletzungen in ihrer Beziehung zur Mutter in sich und suchten im Vater eine „Ersatzbindung“. Doch der Vater kann die Mutter nicht einfach ersetzen. Die Mutter ist für das Mädchen identitätsstiftend durch Spiegelung im Gleichen, der Vater durch Spiegelung im Anderen. Das ist nicht austauschbar, und wo es versucht wird, verwirrt es das Mädchen in seiner Identität.
Oft übertrug der Vater unbewusst sein eigenes männliches Bild auf seine Tochter. Oder er sah in ihr eine Verlängerung seiner eigenen Wünsche. Sie sollte etwas Besonderes werden, er war der Coach – die wirklichen Interessen des Mädchens blieben unberücksichtigt.
Verachtet der Vater das Weibliche, wird die Tochter, die auf seine Wertschätzung angewiesen ist, auch ihre eigene Weiblichkeit verachten und sich am Männlichen orientieren.
Fehlender Schutz durch den Vater kann bei Mädchen zu Ängsten, Wut und Zorn führen und zu einer Scham über das eigene Mädchensein, weil es eines liebevollen Beschütztwerdens nicht wert geachtet wird. In der Folge beginnt das Mädchen, sich selbst zu verachten.
Ihre Erfahrungen mit dem Vater überträgt die Tochter nicht selten später auf Männer allgemein. Angst vor Männern, Ablehnung des Männlichen und Hass auf Männer können ihr Leben prägen.
Ist der Vater autoritär, aggressiv und verletzend, kann sich eine Tochter aus Angst vor ihm und später vor Männern überhaupt zurückziehen: „Einem Mann kann ich nicht vertrauen.“
Wenn der Vater gewalttätig ist, kann es sein, dass die Tochter ihre Mutter beschützen möchte. Dominieren gewalttätige, ungelöste Konflikte das Leben eines kleinen Mädchens, kann eintreffen, was für homosexuelle Wünsche oft allgemein gilt: stark aufgeladene emotionale Nöte aus der Kindheit verknüpfen sich im Erwachsenenleben mit erotisch-sexueller Faszination. Die Tochter geht dann beispielsweise Beziehungen mit Frauen ein, die Hilfe brauchen und die sie beschützen möchte. Solches Sich-Kümmern um eine andere Frau bekommt eine intensive erotisch-sexuelle Färbung und bringt damit vorübergehend die inneren ungelösten Konflikte zur Ruhe.
Es kann aber auch sein, dass die Tochter, um sich selbst zu schützen, sich auf die Seite des Aggressors, des Vaters schlägt – insbesondere, wenn sie die Mutter als schwach erlebt. Dann verachtet sie das Weibliche, möchte nie werden wie die Mutter, sondern identifiziert sich mit dem Vater und seiner Macht. Um sich zu schützen, möchte sie selbst ein Junge sein. Diese Mädchen ziehen sich in ihrer Kindheit auffallend häufig in Fantasiewelten zurück, in denen es um Macht, Aggression und Selbstschutz geht.
4. Keine Mädchenfreundschaften: Ich gehöre nicht dazu.
Enge Freundschaften mit anderen Mädchen unterstützen die Identitätsentwicklung des Mädchens. Bevor ein Mädchen sich auf das andere Geschlecht einlassen kann, braucht es über viele Jahre hinweg die Spiegelung seiner Weiblichkeit im Gleichen, in anderen Mädchen. Die entspanntere und ruhigere Atmosphäre unter Mädchen hilft zum inneren Wachsen. Vorfrühe Erfahrungen mit Jungen dagegen überfordern es: „Jungs denken so anders – Mädchen denken so ähnlich, das ist so erleichternd.“ Erst wenn die eigene Identität eine gewisse Festigkeit erreicht hat, ist das Mädchen seelisch bereit, sich auf die emotional intensivere Begegnung mit dem anderen Geschlecht einzulassen.
In der Pubertät ist es üblich, dass Mädchen tägliche Mails miteinander austauschen, stundenlang telefonieren und viel Zeit miteinander verbringen. Gelingt die Verbindung zur Welt der Mädchen in dieser Zeit nicht, kann es sein, dass das ungestillte Verlangen nach solcher Spiegelung im Gleichen im Erwachsenenalter in erotisierter Form wiederauftaucht.
Ohne Mädchenfreundschaften können Gefühle von Einsamkeit, Nicht-Zugehörigkeit oder Abgelehntsein entstehen. Hat ein Mädchen ein echtes Interesse an einer traditionell nicht-weiblichen Beschäftigung, etwa an einem technischen Beruf, und wird von seiner Umwelt dafür abgelehnt, kann es sein, dass sich das Mädchen auch selbst ablehnt. Um eine positive Sicht für sich und sein Leben zu gewinnen, braucht es eine echte Unterstützung seiner Begabung und gleichzeitig eine Wertschätzung seiner Weiblichkeit.
5. Sexueller Missbrauch: Mädchensein ist nicht gut.
Sexueller Missbrauch in Kindheit oder Jugendzeit führt nicht immer zur Homosexualität. Viele Mädchen, die sexuell missbraucht wurden, sind nicht homosexuell geworden.
Dennoch: Verschiedene Studien zeigen, dass erlebter sexueller Missbrauch bei homosexuellen Frauen etwa doppelt so häufig vorkommt wie bei heterosexuellen.20
Eine erfahrene Seelsorgerin sieht die Zusammenhänge so: „Bei Frauen kann Missbrauch durch einen Mann zu großer Angst vor Männern und zu Hass auf sie führen. Das tiefe Bedürfnis der Frau, in einer Verbindung mit anderen Menschen zu leben, veranlasst sie dann, enge [sexuelle] Beziehungen mit Frauen einzugehen. Oft sind die anderen Frauen in ähnlicher Weise verletzt.“21
Sexueller Missbrauch hat oft massive Folgen für das Selbstverständnis des Mädchens: Verwirrung über die eigene Identität; Ablehnung der eigenen weiblichen Identität: „Das ist mir passiert, weil ich ein Mädchen bin, Mädchen sein ist nicht gut“; Schuld- und Schamgefühle; Ängste vor dem anderen Geschlecht; Hass auf das andere Geschlecht; geringes Selbstwertgefühl; erhöhte Gefährdung für Medikamenten- Drogen- und Alkoholmissbrauch; Unfähigkeit, die Vertrauenswürdigkeit anderer angemessen einzuschätzen; zwanghaftes sexuelles Verhalten; Unfähigkeit, liebevolle Zuwendung von Sex zu unterscheiden.
Ein Mädchen, das schon vorher wenig Wertschätzung und positive Spiegelung seiner Weiblichkeit erfahren hat, wird sich jetzt möglicherweise wie ein Junge verhalten und kleiden.
Sexueller Missbrauch durch männliche Familienmitglieder kann extrem zerstörerische Folgen haben, weil ein Kind auf diese Beziehungen angewiesen ist. Doch auch herablassendes Reden in der Familie über Sexualität, die Tatsache, dass Vater oder Brüder jederzeit das Badezimmer betreten können, während das Mädchen dort ist, oder sexuelle Anspielungen gegenüber dem sich entwickelnden Mädchen sind alles Übergriffe, die häufig langfristige Auswirkungen haben.
Eine neuere Studie zeigt: Homosexueller Missbrauch in der Kindheit und Jugend findet sich bei homosexuellen Frauen deutlich häufiger als bei heterosexuellen. Viele dieser Mädchen bezeichneten sich erst nach dem Missbrauch als homosexuell.22 Zu den dominanten Lebensgefühlen von Mädchen, die später homosexuell empfinden, gehören Einsamkeit und eine unterdrückte Sehnsucht nach der Mutter. Möglicherweise macht sie das anfälliger für homosexuellen Missbrauch. Eine Frau erzählt: „Ich wollte keinen Sex mit der älteren Frau. Aber ich brauchte sie so sehr, dass ich alles tat, was sie wollte.“
Die erwachsene Frau
Die skizzierten Entwicklungsfaktoren führen zu alle zu einem: zu einer tiefen Wunde im Selbst und in der Identität der heranwachsenden Frau und zu einer inneren Verwirrung darüber, wer sie ist.
In der Adoleszenz und im Erwachsenenalter verbinden sich ihre ungestillten emotionalen Bedürfnisse – etwa nach Verbindung mit einer mütterlichen Person, nach Selbst-Wert und Sicherheit, insbesondere nach einer eigenen, gefüllten weiblichen Identität – mit ihren erotisch-sexuellen Gefühlen. Im Zentrum vieler Beziehungen steht das erotisch-sexualisierte Verlangen, mit einer anderen Frau verschmelzen zu wollen.
Durch den sexuellen Kontakt soll die als unvollständig empfundene eigene weibliche Identität „vervollständigt“ werden. In der anderen Frau sucht die homosexuelle Frau eigenes Sein. Sie möchte sich an die andere „ankleben“, manchmal am liebsten in den Leib der anderen hineinkriechen. Die empfundene Identitätsleere soll durch ein „höchst erotisiertes Auftanken“23 mit einer anderen Frau gefüllt werden.
Doch sexuelles Verhalten und das intensive Verlangen, mit einer anderen Person zu verschmelzen, können die Wunden im Selbst der Frau nur betäuben, nicht heilen.
Einsamkeit und Verlassenheitsgefühle
Das Leben vieler homosexueller Frauen ist in der Tiefe gekennzeichnet durch Gefühle von Verlassenheit und Wertlosigkeit, von Ängsten, Einsamkeit und einem oft unstillbar erscheinenden seelischen Hunger. Statt eines gefüllten weiblichen Selbst fühlen homosexuelle Frauen sich innerlich oft leer; eine depressive Grundstimmung durchzieht ihr Leben. Es sind die Gefühle des Säuglings, der sich abgeschnitten erlebte von der Mutter, Quelle seines Lebens, die in der erwachsenen Frau weiterleben. Und es sind die Gefühle eines größeren Mädchens, das sich in seiner weiblichen Identität als tief verletzt erfuhr.
Emotionale Abhängigkeit
Um zu einem Gefühl von Ganzheitlichkeit und Identität zu kommen, möchten viele Frauen im homosexuellen Kontakt mit einer anderen verschmelzen. In der Beziehung äußert sich das als emotionale Abhängigkeit: Die Frau sucht ihr Sein nicht in sich, sondern in der anderen. Sie sucht ihr Zuhause nicht in sich, sondern bei der anderen. Am liebsten möchte sie in der anderen Frau leben.
Eine Frau beschreibt: „Ich suchte bei meiner Freundin etwas. Ich wusste nicht, was es war und ich bekam es auch nicht. Ich wollte mich am liebsten an meine Freundin ankleben, um durch die Verbindung mit ihr einen Zuwachs an eigenem Wert zu bekommen.“
In dem Buch Lesbische Frauen in der Kirche schreibt eine betroffene Frau: „Ich versuche, sehr stark festzuhalten, zu klammern, und habe immense Schwierigkeiten mit dem Loslassen, der Distanz in einer Beziehung oder Freundschaft. Ich denke, dass ich in den Beziehungen noch immer die Mutter suche.“24
Emotionale Abhängigkeit ist nicht Ausdruck großer Liebe, sondern eine tiefe Angst vor dem Alleinsein: „Ich kann nicht leben, wenn es ein Leben ohne dich ist.“
Eine Frau äußerte über ihre Partnerin: „Ich weiß nicht, wie ich ohne sie leben sollte. Mein Leben war so leer, bevor sie kam. Jetzt ist sie mein Leben.“25
Wenn von emotionaler Abhängigkeit die Rede ist, soll damit nicht gesagt werden, dass es in homosexuellen Beziehungen nicht auch echte Freundschaft geben kann. Aber die tieferliegende Dynamik in den Beziehungen weist darauf hin, dass es letztlich um die unbewussten, ungestillten Abhängigkeitswünsche eines kleinen Kindes geht. Lesbische Beziehungen, so die Therapeutin Sigler-Smalz, erhalten ihre innere Antriebskraft aus einem Mangel: einem Mangel an erlebter weiblich-mütterlicher Fürsorge und einem Mangel an positiver Spiegelung ihrer weiblichen Identität.26
Andria Sigler-Smalz, eine Therapeutin, die selbst einen Weg aus der Homosexualität heraus fand und heute verheiratet ist, beschreibt lesbische Beziehungen aus ihrer Erfahrung: „Der ’Klebstoff’, der diese Beziehungen zusammenhält, besteht aus Eifersucht, übermäßigem Besitzanspruch und verschiedenen manipulierenden Verhaltensweisen. Während der Dauer der Beziehung sind die Höhen sehr hoch und die Konflikte extrem. Übermäßig gemeinsam verbrachte Zeit, sehr häufige Telefonate, übertriebene Geschenke, übereiltes Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung und Zusammenwerfen der Finanzen – das sind einige der Wege, die gegangen werden, damit die Beziehung nur durch nichts gestört wird. Wir sehen darin das Gegenteil einer gesunden Bindung. Es ist emotionale Abhängigkeit und übermäßige emotionale Verstrickung.“27
Zu einer gesunden erwachsenen Beziehung gehört eine Balance von Geben und Nehmen, Nähe und Distanz. Immer nur Nähe zu wollen, ist kein Zeichen erwachsener Beziehungsfähigkeit. Für den Säugling aber bedeutet Distanz den Tod – und es ist diese tiefe Verlassenheitsangst, die das Leben homosexueller Frauen oft prägt.
Beide Frauen suchen in der anderen, was sie bei sich selbst vermissen und was die andere ihnen auch nicht geben kann: eigene Identität. Statt bei sich zu sein, leben sie in der Partnerin. Oft kümmern sie sich intensiv um die andere, um die eigene Leere nicht spüren zu müssen. Gesunde Grenzen kennen sie kaum. Ihr Selbstwertgefühl und ihre Sicherheit hängen weitgehend von der Beziehung ab. Droht diese auseinander zu brechen, müssen Manipulation, Kontrolle und Macht eingesetzt werden, um den empfundenen „Selbst-Verlust“ zu verhindern. Hier liegt einer der Gründe, warum in lesbischen Beziehungen nicht selten die Gewaltrate hoch ist.
Fehlende Geborgenheit wird mit Macht kompensiert. Angst vor dem Verlassenwerden und gleichzeitig Angst vor dem Verschlungenwerden, Macht und Kontrolle weisen auf die Kernthemen und Kernkonflikte in Beziehungen hin.
„Harte Selbstgenügsamkeit“
Aufgrund ihrer Beziehungsverletzungen und nach erlebtem Missbrauch haben homosexuelle Frauen schon früh in ihrer Kindheit eine Abwehr gegen jegliches Empfangen entwickelt. Um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen, nahmen sie eine Haltung scheinbarer Unabhängigkeit ein, die sie auch später noch prägt: „Ich brauche niemanden.“ Gegen überflutende Gefühle von Schutzlosigkeit bauten sie einen kühlen Rationalismus auf, der ihnen das Gefühl gibt, alles im Griff zu haben.
In dem Buch Lesbian Psychologies wird eine lesbisch lebende Frau beschrieben, deren Mutter depressiv und deren Vater weder für seine Ehefrau noch für seine Tochter emotional zugänglich war. Die Frau hatte schon als Kind „eine harte Selbstgenügsamkeit entwickelt. Weil ihre Mutter [aufgrund der Depressionen] nicht zur Verfügung stand und auch zu bedürftig war, hatte sie keine Möglichkeit, ihre Bedürfnisse gestillt zu bekommen. Anstatt mit Hilfe ihrer Mutter in eine innerlich stabile Autonomie hineinzuwachsen, musste sie früh eine falsche Unabhängigkeit aufbauen und sich in einigen Bereichen mit dem Vater identifizieren. Unter der Fassade der Selbstgenügsamkeit fühlte sie sich [auch als Erwachsene] unglaublich schwach und verletzlich, was sie aber erst nach fast zweijähriger Therapie überhaupt erkannte.”28
Zur Kindheit gehört das Empfangen. Oft waren homosexuell empfindende Frauen in der Kindheit aber gezwungen, früh eine Erwachsenenrolle einzunehmen. Statt zu empfangen, mussten sie geben: der Mutter, damit sie weniger belastet war, und dem Vater, damit er sich weiter der Tochter zuwandte. Sie mussten Kompetenzen entwickeln, stark, hilfsbereit und unabhängig sein, Eigenschaften, die ihnen später zugute kommen. Doch unter dieser Fassade lebt das kleine Kind weiter, dessen grundlegende Bedürfnisse nach Entspannung und emotionalem Versorgtwerden nie gestillt wurden. In der homosexuellen Beziehung tauchen sie wieder auf – oft als unstillbarer seelischer Hunger.
Eine betroffene Frau beschreibt ihren Konflikt zwischen äußerer Kompetenz und innerer Bedürftigkeit: „Wenn ich in einer lesbischen Beziehung bin, kommt es mir vor, als wäre ich zweigeteilt: Da ist die vierzigjährige, kompetente Frau. Jeder denkt, dass ich alles schaffe. Aber in mir ist das achtzehn Monate alte kleine Kind, das verzweifelt ist.“29
Beginn in der Lebensmitte
Nicht selten geschieht es, dass Frauen, die verheiratet waren und Kinder haben, im mittleren Alter in einen homosexuellen Lebensstil wechseln. Auslöser dafür können eine emotional leere Ehe, Überforderung durch die heranwachsenden Kinder oder vieles andere sein. Die Grunddynamik ist aber dieselbe wie bei den anderen Frauen, nur dass sie die Möglichkeit hatten, ihre emotionalen Mängel längere Zeit zu kompensieren. Aber auch sie brauchen den „Nährstoff von außen“30 – eine andere Frau –, um das Selbstwertgefühl aufzutanken und die eigene Identität zu stützen.
Verachtung des Weiblichen und Mütterlichen
Aus Schutz vor weiteren Verletzungen hatte sich das Mädchen schon früh und meist radikal von der Mutter abgewandt: „Die Mutter und das, wofür sie steht, ist unwichtig für mich“. Das Mädchen fing an, das Weibliche und Mütterliche zu verachten, auch die Bedeutung von Verbundenheit und Beziehungen überhaupt: „Das ist Frauenkram.“ Diese Haltung gegenüber dem Weiblichen und Mütterlichen, ja gegenüber jedem gesunden Empfangen, kennzeichnet das Leben vieler homosexueller Frauen. Doch unter der Verachtung des Weiblichen, dem Hass und oft der Wut auf die Mutter liegt der Schmerz: Die unterdrückte Sehnsucht nach Verbindung mit dem Mütterlichen.
Angst vor Männern, Hass auf Männer
Aufgrund ihrer Erfahrungen tragen homosexuell empfindende Frauen nicht selten eine Angst und einen tiefen Groll und Hass gegenüber Männern in sich. Männliches wird in der Nähebeziehung als bedrohlich erlebt und deshalb abgelehnt.
Es ist eine Erfahrung aus der Therapie, dass Frauen, die lange lesbisch leben, im Lauf der Zeit eine immer stärkere Abneigung gegen eine heterosexuelle Beziehung aufbauen können.
Wege aus der Homosexualität
Viele homosexuell empfindende Frauen suchen in der anderen Frau, was sie in sich nicht entwickeln konnten: eigene Weiblichkeit und eigene Identität.
Eine Frau kann ihre Identität aber nur finden, wenn sie zu sich kommt. Solches Zu-Sich-Kommen ist für eine homosexuelle Frau außerordentlich schmerzhaft, denn es bringt sie in Berührung mit ihrer Wunde. Homosexuelles Verhalten ist oft der Versuch, eigene Identität zu gewinnen, ohne dabei zu sich kommen zu müssen, d.h. ohne sich der eigenen tiefreichenden Selbst-Unsicherheit und den damit verbundenen Schmerzen stellen zu müssen. Die intensiven erotisch-sexuellen Gefühle und das ständige „bei der anderen Frau sein“ statt bei sich wirken als Betäubungsmittel gegen die Wundschmerzen. Sie verhindern, dass eine Frau sich und ihre Identitätswunde spüren kann.
Unbewusst wurde die Homosexualität oft aus diesem Grund gewählt. Psychodynamisch kommt in der Homosexualität also eine Abwehr gegen die aus der tiefen Selbst-Unsicherheit resultierenden seelischen Schmerzen zum Ausdruck.
Homosexuelle Frauen suchen eigenes Sein in der anderen Frau, um die schmerzhafte Begegnung mit der eigenen Wirklichkeit zu vermeiden. Das kann aber nie authentisch sein. Deshalb entlastet homosexuelles Verhalten zwar kurzfristig, lässt die Identität aber weiter leer.
Reife, stabile Heterosexualität ist nicht einfach ein bestimmtes sexuelles Verhalten, sie kann sich auch in Abstinenz ausdrücken. Sie bedeutet, dass eine Frau ihre eigene weibliche Identität gefunden hat und aus dieser Identität heraus lebt. Voraussetzung dafür ist, dass eine Frau mit sich in Berührung ist. Echte Nähe zu anderen setzt Nähe zu sich selbst voraus. Nur auf diesem Weg kann auch eine homosexuelle Frau, die das möchte, zu einer reifen Heterosexualität finden: Sie muss zu sich kommen und sich spüren lernen – nur so kann sie ihre eigene Identität entwickeln. D.h. sie muss sich ihren Verwundungen und deren Folgen in ihrem Leben zu stellen. Nur durch den Schmerz hindurch und durch die Trauerarbeit kann es echte Veränderung geben.
Dazu braucht eine Frau eine starke Motivation, großen Mut und Ausdauer. Sie braucht eine feinfühlige Bindungsperson, Seelsorgerin oder Therapeutin, die ihr fürsorglich und verständnisvoll zur Seite steht. Mit ihr muss sie eine angemessene, dennoch wirkliche Beziehung eingehen, um sich ihr gegenüber allmählich vertrauensvoll öffnen zu können. In der angemessenen Bindung zu ihr kann sie sich ihren Schmerzen endlich stellen. Es geht um dieses Doppel: Ganz bei sich zu sein und gleichzeitig eine authentische Verbindung zu einer feinfühlig eingestimmten Begleiterin zu haben, die selbst auch bei sich ist. Es gibt nur diesen indirekten Weg.
Grundvoraussetzung für echte Nähe zu anderen – Frauen und Männern – ist, dass eine Frau mit sich in Berührung ist. Dann kann sie freundschaftliche Verbindungen mit anderen eingehen. Dann hat sie keine gravierenden Identitätswunden mehr, die sie durch erotisiertes Agieren zu kitten versuchen müsste. Dann ist sie letztlich frei, sich auf eine wirkliche Ergänzung durch das andere Geschlecht einzulassen.
In der Therapie und Seelsorge geht es für eine Klientin, die Veränderung hin zur Heterosexualität sucht u.a. um folgende Themen: gesunde, nicht-sexuelle Beziehungen zu Frauen und Männern einüben; eine Balance von Nähe und Distanz einüben; Sicherheit im Hier und Jetzt erfahren; fürsorglich mit sich selbst umgehen; sich selbst und die eigene Lebensgeschichte annehmen; aus der inneren Rastlosigkeit zur Ruhe kommen und ein Zuhause in sich finden; sich mit emotionaler Abhängigkeit befassen; sich den eigenen Lebenswunden stellen; Trauerarbeit leisten; das eigene weibliche Selbst mit seinen Gaben und Grenzen bejahen.31
In der Therapie sind viele Techniken geeignet, insbesondere tiefenpsychologisch fundierte sowie trauma-orientierte und bindungs-orientierte Therapien.
Wenn eine Frau sich verändert hat, so die erfahrene Therapeutin Janelle Hallman, „hat sie ein eigenes Zuhause in sich gefunden. Wenn sie das Glück hat, dies im Kontext eines persönlichen Glaubens an Gott zu finden, weiß sie, dass sie nie allein sein wird. Sie kann ihre Weiblichkeit leben und aus ihrem inneren Zuhause heraus – ohne Abhängigkeit von Frauen (oder Männern) – sich in einer gesunden Balance von Geben und Nehmen mit anderen Frauen und Männern verbinden. Wenn sie das erreicht hat, hat sie möglicherweise mehr erreicht als manch andere Frau, die nie an Homosexualität litt.“32
Ausblick
Weibliche Homosexualität ist das Resultat komplexer Beziehungsverwundungen und oft Ausdruck einer tiefreichenden Identitätsunsicherheit. Doch auch viele andere Frauen haben zumindest ansatzweise einzelne Komponenten der genannten, für eine homosexuelle Entwicklung charakteristischen, entwicklungspsychologischen Faktoren erlebt. Von daher gesehen ist weibliche Homosexualität nicht unbedingt etwas Besonderes. Sie ist nur eine Möglichkeit, tiefreichende Schmerzen aus der Kindheit vorübergehend abzuwehren durch homosexuelle Fantasien und Verhalten.
Das Problem ist, dass durch das Angebot eines Coming out in unserer Gesellschaft dieser Zusammenhang verschleiert wird. Durch das Annehmen einer scheinbar gegebenen „lesbischen Identität“ wird verhindert, dass Frauen sich den komplexen Verletzungen ihres Lebens stellen können. Dadurch wird die notwendige Trauerarbeit verhindert, durch die hindurch allein eine echte Veränderung hin zu einem erfüllten weiblichen Selbst und einer stabilen, reifen Heterosexualität möglich ist.
Mädchen in der Adoleszenz
Die Wünsche eines Mädchens, in der Beziehung zu anderen Mädchen Nähe zu erleben, Sicherheit und das Gefühl, jemand Besonderes zu sein, sind legitim. Da in unserer Gesellschaft aber beständig emotionale Nähe und Identitätsbedürfnisse mit Sex verwechselt werden, werden junge Menschen verführt, sexuell zu experimentieren und sich auf das festzulegen, was sich gerade besser anfühlt. Dann kann es passieren, dass ein Mädchen, das noch mitten in der Entwicklung ist, sich als „lesbisch“ erklärt. Das kann seine weitere heterosexuelle Entwicklung empfindlich stören oder blockieren.
Identität stärken
Tiefe Beziehungsverletzungen in der Kindheit können unterschiedliche Folgen haben. Weibliche Homosexualität ist nur eine davon. Auch wenn es keine Garantie gibt, können wir doch in unserer Gesellschaft und als Einzelne noch vieles tun, um Kinder besser vor seelischen Verletzungen zu schützen und sie in der Entwicklung ihrer Identität stärker zu unterstützen:
- Förderung in Gesellschaft und Arbeitswelt von allem, was zu einer beständigen, sicheren Bindung zwischen Mutter und Kind, insbesondere in den ersten drei Lebensjahren, beiträgt;
- Angemessene Therapie depressiver Erkrankungen, insbesondere bei Müttern;33
- Trainingsprogramme für Eltern zur Förderung einer sicheren Bindung zwischen ihnen und dem Kind;
- Trainingsprogramme für Eltern zur Förderung von Feinfühligkeit;
- Prävention von sexuellem Missbrauch.
Erik Erikson, der den Begriff der Identität maßgeblich geprägt hat, äußerte, dass Identitätswachstum nie beendet ist. Es gibt immer Möglichkeiten, sich den Herausforderungen seines Lebens zu stellen, sich weiter zu entwickeln und zu wachsen. Es gibt immer Hoffnung.
Anmerkungen
1 Siegel, E., Weibliche Homosexualität, 1992; engl: Female Homosexuality, 1988, teilweise wird aus dem englischen Original zitiert.
2 Siegel, E., a.a.O., deutsch S. 21 f.
3 Siehe auch Moberly, E., Homosexuality – a new Christian ethic, 1983; Female Homosexual Development, hrsg. von NARTH; Siegel, E., a.a.O., Hallman, J., The heart of female same-sex attraction, 2008.
4 Die Begriffe „Bindung“ und (später) „sichere Bindung“ und „Bindungsperson“ kommen aus den Bindungstheorien. Siehe: Grossmann, K. et al., Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, 2004.
5 Nach Siegel, E. a.a.O.
6 Dorpat, T., in: Siegel, E., a.a.O., S. 15. Kursiva hinzugefügt.
7 Nach einem Vortragsmanuskript von J. Hallman, 2002. In deutsch sind Vorträge von J. Hallman erschienen unter: www.dijg.de/homosexualitaet/weibliche/
8 Bowlby, J., Mutterliebe und kindliche Entwicklung, Basel 1995, S. 11.
9 Buber, M., Urdistanz und Beziehung, 1978, S. 37.
10 Hallman J., Weibliche Homosexualität: Ursachen und Symptome, www.dijg.de/homosexualitaet/weibliche/ursachen-symptome/
11 Mitteilung einer betroffenen Frau auf einem Forum in Lambeth/England, 29.07.1998.
12 Klientin, in: Siegel, E., a.a.O., S. 10.
13 Grossmann, K., a.a.O., S. 67.
14 Begegnung der Autorin während einer Zugfahrt.
15 Sigler-Smalz, A., Understanding the lesbian client. www.dijg.de/english/understanding-lesbian-client-relationship/ aus dem Englischen neu übersetzt. Deutsch: Sigler-Smalz, A., Die lesbische Frau verstehen, die Hilfe sucht, siehe www.dijg.de.de/homosexualitaet/weibliche/lesbische-frau-verstehen-hilfe/
16 Diese Faktoren werden in Studien und Berichten im Zusammenhang mit weiblicher Homosexualität genannt.
17 Zucker, K., et al., Gender identity disorder and psychosexual problems in children and adolescents, 1995. S. 252 f.
18 Interview mit J. Boyer: One woman’s struggle. NARTH Bulletin August 1999.
19 Nicolosi, J. und L., Was ist Lesbianismus? www.dijg.de/homosexualitaet/weibliche/
20 Siehe Hallman, J., The heart of female same-sex attraction, 2008, S. 83. Das Buch ist ein guter Einstieg ins Thema.
21 Worthen, A. et al., Someone I love is gay, 1996, S. 83, Zitat gekürzt.
22 Tomeo, M., et al.: Comparative Data of Childhood and Adolescence Molestation in Heterosexual and Homosexual Persons. Arch Sex Behavior 30, 3, 2001, S. 535-541.
23 Siegel, E., a.a.O. S. 39.
24 Barz, M., et al., Lesbische Frauen in der Kirche, 1987, S. 63.
25 Sigler-Smalz, A., a.a.O.
26 Sigler-Smalz, A., a.a.O.
27 Sigler-Smalz, A. a.a.O.
28 Burch, B., Barriers to intimacy, in: Lesbian Psychologies, 1987, S. 137.
29 Hallman, J., a.a.O., S. 104.
30 Siegel, E., a.a.O., S. 39.
31 Nach Hallman, J., The heart of female same-sex attraction, a.a.O.
32 Leicht gekürzt, Hallman-Burleson, J. Weibliche Homosexualität – Schritte der Veränderung www.dijg.de/homosexualitaet/weibliche/schritte-der-veraenderung/
33 Siehe auch: O’Leary, D., One man one woman, 2007, S. 115.