Weibliche Homosexualität - Ursachen und Symptome


Janelle Hallman-Burleson, M.A., L.P.C.


Um die wichtigen Ursachen weiblicher Homosexualität besser verstehen zu können, soll in einem kurzen Überblick die idealtypische Entwicklung des Mädchens, wie wir sie aus der Entwicklungspsychologie kennen, skizziert werden. Dabei wird deutlich werden, wie sehr Beziehungen die Grundlage für Überleben, Wachstum und eine gute Entwicklung des Kindes sind, für den Aufbau einer eigenen Identität und schließlich für die Entwicklung der Fähigkeit, sich mit anderen verbinden und sie lieben zu können.

Die idealtypische Entwicklung des Mädchens - ein Überblick

1. Bedürfnisse des Säuglings:

Annahme, Nahrung, Wärme, Schutz, Sicherheit, Fürsorge, Nähe, Beständigkeit, Geborgenheit, Berührung, Aufmerksamkeit, Sprache; beständige, geborgene Anbindung an die Mutter führt zum Grundgefühl des (Wohl-)Seins, das die Grundlage für jede weitere Identitätsbildung und Bildung des weiblichen Selbst ist; Urvertrauen, so daß das Mädchen entspannen und einfach „werden“ kann.

2. Bedürfnisse des Mädchens:

Wie unter 1., außerdem mehr aktive Interaktion mit der Mutter, so daß das Mädchen sich mit ihr identifizieren kann, sich in ihr spiegeln kann. Mehr Aufmerksamkeit und positive Bestätigung vom Vater (der Vater ist für Mädchen und Junge die Schlüsselfigur in der positiven Bestätigung der Geschlechtsidentität), Grenzen, Ermutigung, Respekt, Möglichkeiten zum Lernen, Fähigkeiten erlangen, Freunde und Freundinnen.

3. Bedürfnisse des Mädchens etwa ab der Pubertät:

Annahme durch eine gleichaltrige Mädchengruppe gibt das Gefühl der Dazugehörigkeit; Aufmerksamkeit und Bestätigung durch das andere, „fremde“ Geschlecht; das Wissen um das eigene Selbst wächst in der Spiegelung mit anderen Mädchen und in der Begegnung mit dem „fremden“, dem anderen Geschlecht, letztlich in der Freundschaft mit Mädchen und Jungen, es festigt das Gefühl für das eigene, weibliche Selbst.

4. Bedürfnisse der erwachsenen Frau:

Intimität und tiefe Verbundenheit mit anderen; Wissen um ein eigenes Ziel im Leben und Wissen um die Bedeutung des eigenen weiblichen Lebens; wenn es zur Ehe kommt: ganzheitliche Vereinigung von Leib, Seele und Geist mit einem männlichen Gegenüber, dessen Selbst in Komplementarität zum weiblichen Selbst angelegt ist. 

Die wichtigen „Arten“ der Liebe

Die wichtigen "Arten" der Liebe1
1. Mütterliche/väterliche Liebe und Zuneigung:

Beide sind wesentlich und notwendig für ganzheitliches Wachstum und Entwicklung, auch zur Entwicklung von Beziehungsfähigkeiten und Entwicklung der eigenen Identität.

2. Freundschaftliche Liebe:

„Seite an Seite“, die Interessen des Mädchens und ihre weibliche Identität werden in diesen Freundschaften gefestigt, Erfahrung von Gleichheit.

3. Erotische Liebe:

„Auge in Auge“ mit einem, der anders ist. Gefühlsmäßig ist das ein viel intensiverer Kontakt. Die junge Frau lernt sich kennen durch das Erfahren von Gegensätzen.

4. Sexuelle Liebe:

Kann voll aufblühen im geschützten Rahmen der Ehe. Dieser geschützte Raum ermöglicht ein völliges Sich-verletzlich-zeigen.

Dies sind Voraussetzungen für ein „ideales“ Leben. Was aber nun, wenn einige der Grund-Bedürfnisse in der Entwicklung nicht gestillt wurden? Wenn das Kind nach der Geburt von der Mutter getrennt wurde und nie ein Grundgefühl des „Wohl-Seins“ entwickeln konnte? Wenn der Säugling nur selten berührt wurde?

Wenn die Mutter selbst ein streßvolles oder hektisches Leben hatte und emotional nicht verfügbar war? 

Wenn grundlegende Entwicklungsbausteine fehlen, geraten die „Arten der Liebe“ durcheinander. Sexuelle Liebe wird dort eingesetzt, wo man sich eigentlich nach fehlender mütterlicher Liebe sehnt. Sex oder auch nur eine romantische Beziehung können aber das Bedürfnis nach mütterlicher Liebe nie stillen. Hier liegt eines der Kernprobleme weiblicher Homosexualität.

Eine Vorbemerkung für Eltern

Weibliche Homosexualität ist ein komplexes Phänomen, viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Ein wichtiger Faktor sind die (frühen) familiären Beziehungen des Mädchens. Wenn im Folgenden über Familiendynamiken und Beziehungsproblematiken gesprochen wird, ist es besonders für Eltern von homosexuell empfindenden Frauen wichtig zu wissen:

1. Nicht nur die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind oft mit ungelösten Konflikten belastet, sondern auch die Beziehungen zwischen den Ehepartnern. Die Beziehungen der Ehepartner zu ihren eigenen Eltern trugen ungelöste Probleme in sich - und ebenso die Beziehungen der Großeltern zu den Urgroßeltern. Mit einem Teil solcher Konflikte haben wir alle zu kämpfen.

2. Jedes Kind ist einmalig und erlebt die Welt auf einmalige Weise. Ein Kind mag eine bestimmte Situation z. B. als lustig empfinden und lachen. Ein anderes Kind mag in derselben Situation Angst empfinden und sich zurückziehen. Eltern können solche Reaktionen nur wenig beeinflussen.

Weibliche (und männliche) Homosexualität hängt also stark damit zusammen, wie ein Kind die Welt erlebt und Ereignisse empfindet und deutet. Wo es im Folgenden um gescheiterte Beziehungen zwischen Mutter, Vater und Tochter geht, soll damit nicht gesagt werden, daß die Eltern das Kind nicht geliebt hätten. Allerdings hat das Kind aus irgendeinem Grund diese Liebe nicht spüren und empfangen können. Gescheiterte Beziehungen sind Teil unserer menschlichen Welt. Leider können daraus jedoch lebensbestimmende Probleme erwachsen, Homosexualität ist nur ein Beispiel dafür. Für Eltern ist es wichtig, sich den ungelösten Problemen offen zu stellen, ohne sich von Schuld lähmen zu lassen oder die Verantwortung für etwas zu übernehmen, das nicht allein ihre Verantwortung ist.

Wichtige Ursachen weiblicher Homosexualität

Die Ursachen für weibliche Homosexualität sind im wesentlichen in vier Grundfaktoren zu finden. Zwar kann man allein aus dem Vorhandensein der Faktoren noch nicht schließen, daß ein Mädchen einmal homosexuell empfinden wird. Trotzdem sind sie die häufigsten und immer wiederkehrenden Merkmale in den Lebensgeschichten homosexuell empfindender Frauen. Ich bezeichne sie deshalb als prä-lesbische2 Faktoren. Im einzelnen geht es dabei um folgende:

1. Eine angespannte, distanzierte oder fehlende Bindung an die Mutter ohne verfügbaren Mutterersatz  führt zu einem ungestillten Bedürfnis nach Bindung. 

2. Das Erleben von sexuellem Mißbrauch oder anderen seelischen Traumata - meist durch einen Mann  führt zu Angst vor Männern / Haß auf Männer.

3. Wenige oder keine Mädchenfreundschaften  führt zu einem ungestillten, übermäßigen Bedürfnis nach Angenommensein und Zugehörigkeit.

4. Das Gefühl einer inneren Leere und eines inneren Entwicklungsstillstandes anstelle einer ganzheitlichen weiblichen Identität  führt zu einem ungestillten Bedürfnis nach eigener, weiblicher Identität und danach, endlich ein Gefühl für das eigene weibliche Selbst zu bekommen.

Der letzte Faktor ist bereits ein Ergebnis der ersten drei Faktoren, im Grunde baut jeweils ein Faktor auf dem anderen auf, und sie beeinflussen sich gegenseitig. 

Lesbisch orientierte Frauen, die durch die lesbische Bindung an eine andere Frau versuchen, die inneren Nöte zu stillen, pendeln zwischen den einzelnen ungestillten Bedürfnissen und Faktoren hin und her bzw. bewegen sich im Kreis. 

Nach meiner Erfahrung gibt es auch einige Wesenszüge bzw. Eigenschaften, die zumindest bei den Frauen, die mich aufsuchen, ungewöhnlich häufig zu finden sind. Dazu gehören eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz, eine große Sensibilität für jede Art von Ungerechtigkeit oder Heuchelei, Sportlichkeit, eine natürliche Neigung zu eher „männlich“ eingestuften Interessen, eine Fähigkeit, tief und leidenschaftlich zu fühlen.

Diese Eigenschaften können das Erleben der obengenannten entwicklungs- und umweltbedingten Faktoren durchaus beeinflussen und eine Entwicklung zur Homosexualität wahrscheinlicher machen. 

Mutterentbehrung

Lesbisch orientierte Klientinnen leiden an einer Mutterentbehrung, einem tiefen Mangel an echter mütterlicher Liebe. In ihrer Lebensgeschichte fehlt das Gefühl, von einer zugewandten und einfühlsamen Mutter genährt und umsorgt worden zu sein. 

Eine Frau, nennen wir sie Betty, schreibt: 

„Ich bin auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen. Meine Mutter hatte den ganzen Tag immer viel auf dem Hof zu tun und ließ mich als kleines Kind lange Zeit allein im Laufgitter. Scheinbar hatte ich mich an dieses Alleinsein gewöhnt.“

Eine andere Klientin erzählte, daß sie gleich nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt wurde und zu ihrer Adoptivmutter keine warmherzige Bindung entwickeln konnte. Viele Klientinnen berichten, daß es zur Zeit ihrer Geburt oder in den ersten zwei Lebensjahren im Leben ihrer Mütter sehr viel Streß, Schwierigkeiten und Chaos gegeben habe - sei es durch Umzüge, durch Depressionen, alkoholkranke Ehemänner, mehrere andere Kinder, übermäßigen Druck von perfektionistischen Familienmitgliedern, aufgezwungene Adoption weiterer Kinder, weil Verwandte gestorben oder ihr Kind verlassen hatten, usw. Durch solche Umstände wurde es der Mutter unmöglich, eine ruhige und fürsorgliche Beziehung zu ihrer kleinen Tochter aufzubauen. 

Oft höre ich auch, daß prä-lesbische Mädchen eine sehr „enge“ Beziehung zu ihrer Mutter hatten, weil die Mutter das Kind „brauchte“ und sich ganz auf es verließ: Das Mädchen mußte die Hausarbeit machen, die Geschwister versorgen und beschützen, sich um den alkoholkranken Vater kümmern und Mutters Vertraute sein, während sich die Mutter z. B. den größten Teil des Tages im Bett verkroch. Eine Tochter mußte immer den Notarzt rufen, wenn ihre Mutter Selbstmord begehen wollte. Solche Beziehungen  haben den Anschein von Nähe, in Wirklichkeit fehlt den Mädchen aber die mütterliche Fürsorge, das mütterliche Geben, das sie gebraucht hätten. 

Solch fehlende Beständigkeit, der Entzug mütterlicher Fürsorge oder offensichtliche Trennungen, Vernachlässigungen, Verlassenwerden und Alleingelassensein dürfen nicht leicht genommen werden, besonders, wenn keine Ersatzmutter da ist. Für die Entwicklung eines Mädchens gibt es vielleicht kein größeres seelisches Trauma als das, das mit der ersten Beziehung zur Mutter zu tun hat.3 Die Mutter ist nicht nur die erste Beziehung und Bindung für den weiblichen Säugling, sondern auch das erste Bezugsobjekt, mit dessen Hilfe das kleine Mädchen sein eigenes Selbst wahrnimmt.

Auf der Bindung an die Mutter baut der ganze Prozeß der Identifikation als Frau auf. Erlebt das Mädchen einen Bruch in dieser grundlegenden und im Idealfall auch anhaltenden Beziehung, erwächst in ihm ein ungestilltes, übermäßiges Bedürfnis nach den „Begleiterscheinungen“ einer solchen Beziehung wie Zuneigung, Berührung, Saugen, intensiver Augenkontakt usw. Doch mehr noch: alle späteren Beziehungen und der gesamte Entwicklungsprozeß der eigenen weiblichen Identität werden dadurch beeinträchtigt. Wenn ein Mädchen sich gesund entwickeln soll, braucht es von Anfang an eine beständige, warmherzige und geborgene Bindung4 an die Mutter, an jemandem, der „ist wie sie“.5 In dieser ersten Beziehung entsteht das unverzichtbare Element jeder Beziehung: Vertrauen6

Die Tochter braucht dann auch die Zuwendung eines starken und beschützenden Vaters, der ihr zur Seite steht, ihre einzigartige Persönlichkeit und Weiblichkeit positiv bestätigt und ihre besondere Beziehung zur Mutter unterstützt und schützt. Im Laufe der Zeit werden immer mehr Menschen - Männer wie Frauen - in das Leben des Mädchens eintreten. Mit jeder Beziehung bekommt das Mädchen bzw. die junge Frau ein besseres Verständnis für sich selbst als Person7. So wird sie sich als die einzigartige weibliche Person, die sie wirklich ist, annehmen und sich daran freuen können. „Frauen bleiben, bauen auf und entwickeln sich in einer Umgebung, die von Bindung und Verbindung zu anderen Menschen gekennzeichnet ist. In der Tat entsteht das Gefühl einer Frau für ihr eigenes Selbst in hohem Maße durch die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen und diese Beziehungen und Verbindungen aufrechtzuerhalten.”8

In der biblischen Schöpfungsgeschichte (Genesis 2) fällt mir immer wieder auf: Die Tiere und Adam wurden aus Erde geschaffen, Eva dagegen ist das einzige Wesen, das aus einem anderen Lebewesen geschaffen wurde. Für mich ist das ein Hinweis, daß zum ursprünglichen Wesen der Frau sehr stark die Bezogenheit auf andere Menschen dazugehört.

Bindungsstörungen beim Mädchen

Während der Junge die wichtige Entwicklungsaufgabe bewältigen muß, sich von der Mutter zu lösen, fortzubewegen, um sein Zuhause und seine Identität beim Vater zu finden, steht das Mädchen vor der schwierigen Aufgabe, ein eigenes Selbst9, eine einzigartige, also getrennte Identität zu entwickeln bei gleichzeitig weiter bestehender Bindung an und Bezug zur Mutter. 

Viele Therapeuten und Seelsorger machen die Beobachtung, daß das Verhalten in lesbischen Beziehungen infantiler und „frühkindlicher“ ist als das Verhalten in männlichen homosexuellen Beziehungen. Das hängt mit den oben geschilderten unterschiedlichen Entwicklungen von Jungen und Mädchen zusammen. Kommt es beim Jungen zu einer Störung im Bindungs- und Identifikationsprozeß mit dem Vater, so hat er (hoffentlich) noch die Bindung zur Mutter erfahren. Wird die erste Bindung des Mädchens an die Mutter gestört, hat es nie eine geborgene Bindung erlebt, sondern hängt sozusagen „frei in der Luft“. Ihm fehlt jede Voraussetzung, um überhaupt ein Kern-Selbst entwickeln zu können. Weibliche Homosexualität ist deshalb  möglicherweise tiefgehender und primärer als männliche Homosexualität. 

Während die Worte „Trennen“, „Sich-Anstrengen“, „Unterscheiden“ im Prozeß des Findens der eigenen Identität für den Jungen wichtige erste Worte sind, sollten diese keine primären oder entscheidenden Worte in der Erfahrungswelt des kleinen Mädchens sein. Wenn die Erfahrungen des Mädchens mehr Trennungen, Bindungs-Störungen und ein Sich-Anstrengen darum, jemanden zu finden, an den es sich binden kann, beinhalten als Nähe, geborgene, ruhige Bindung und Verbindung, sind die Folgen schwerwiegend. Das Mädchen wird dann: 

1. Die Möglichkeit verlieren, seine Kern-Identität auszubilden und seine Beziehungsfähigkeit voll zu entwickeln (Bindungsfähigkeit, Geben und Nehmen, Wechselseitigkeit usw.).

2. Mißtrauen entwickeln, ja erwarten, daß es verlassen wird und deshalb an klassischer Trennungsangst (und/oder Verlassenheitsdepression) leiden. 

Hier liegen die Nöte der prä-lesbischen Klientin. 

Eine Frau beschrieb ihre Beziehungen, in denen sie den durch frühe Verlassenheit erlebten Mangel an Bindung zu kompensieren versuchte, um überhaupt überleben zu können, so: 

„Anfangs rührte mein brüllender Schmerz daher, daß ich zu der Zeit, in der meine Seele Gestalt annahm, nicht genügend ’Liebes-Transfusionen’ erhalten hatte... Meine ’Saugnäpfe’, die mich an andere Menschen hätten binden sollen, konnten nie richtig wachsen. Ich konnte nie mein eigenes Selbst entwickeln, nie die Fähigkeit entwickeln zu lieben, zu vertrauen und mich dem göttlichen Lebensstrom anzuvertrauen… Statt Bindung lernte ich kalkulieren, abwägen, gebrauchen, mich durchmanövrieren und meinen Weg durch den menschlichen Dschungel finden, lernte verschlingen oder verschlungen zu werden. Anstelle von Offenheit hatte ich Zäune errichtet, Schutzschilde und undurchdringliche Wände. Anstelle von Annahme und Verständnis lernte ich Machtkampf, Manipulation, Verurteilung, Forderungen stellen und Verachtung.“10

3. Durch jede Erfahrung der Zurückweisung und des Verlassenwerdens, die das Mädchen irgendwann erlebt, wird es glauben, daß es selbst, ein Mädchen, die Ursache der schmerzlichen Abtrennung ist. Eine Frau, die mit lesbischen Gefühlen kämpft, glaubt schon als Mädchen tief und fest, daß sie nicht „in Ordnung“ ist, nicht willkommen, zutiefst nicht liebenswert. Eine Klientin sagte mir, sie glaube, schädlich für andere zu sein, denn jede Beziehung, die sie begann, endete irgendwann abrupt: „Es muß etwas in mir sein, wodurch alle, die mir nahe kommen, vergiftet oder geschädigt werden.” Die meisten lesbisch orientierten Frauen ringen mit einem tiefen Selbsthaß - einem Haß auf sich als Person und auf ihre Weiblichkeit. Deshalb lehnen sie ihre weibliche Identität systematisch ab. Das aber stört den normalen Entwicklungsprozeß der weiblichen Identität. 

Sexueller Mißbrauch

Sexueller Mißbrauch an sich führt nicht zur weiblichen Homosexualität. Wenn aber ein Mädchen, dem eine geborgene und sichere Bindung an die Mutter fehlt und das deshalb bereits ein wachsendes Gefühl von Mißtrauen hat, mißbraucht wird, verstärkt der sexuelle Mißbrauch die bereits bestehenden Beziehungsdefizite. Er verstärkt die Erfahrung von Vernachlässigung und Verlassenheit. Er verstärkt sie auch deshalb, weil das Mädchen durch den Mißbrauch und die resultierende Scham zu Geheimhaltung, Verstecken und damit weiter in die Isolation gezwungen wird. Das Entsetzen des erlebten Mißbrauchs wird ihr Selbstbild vom „schädlichen“ Mädchen und ihren Glauben, sie sei weniger als ein Mensch oder eine Verzerrung dessen, was man einmal „Mädchen” nannte, nur verstärken. Aus der Erfahrung, verletzt, nicht respektiert und benutzt worden zu sein, erwachsen Wut und Zorn auf Männer. Dieser Zorn wird zusätzlich angeheizt durch die Erfahrung, daß weder Frauen (die Mutter) noch Männer vertrauenswürdig sind.

Identitätsverwirrung

Bevor ich die Symptome beschreibe, die zur weiblichen Homosexualität gehören, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß das prä-lesbische Mädchen - um überhaupt überleben zu können - fast immer in einen ruhelosen Aktivismus verfällt. Da es sich in der Welt der Beziehungen nicht sicher fühlt, ist es ständig draußen, klettert auf Bäume, baut Festungen, angelt mit dem Vater (wenn er freundlich und gutmütig ist), arbeitet in der Autowerkstatt, treibt Sport und wird der „Sohn” der Familie. Viele Klientinnen haben mir Fotos gezeigt, auf denen sie etwa sechs Jahre alt waren. Sie kleideten sich, standen und wirkten wie kleine Jungen. Diese Mädchen waren oft dem Vater näher und identifizierten sich mit ihm. Wenn aber das Mädchen nie zuvor eine wirkliche Bindung an die Mutter erfahren hat und nie eine Identifikation mit ihr entwickeln konnte, ist die Verbindung zum Vater keine wirklich sinnvolle und hilfreiche Bindung. Außerdem ist die Mutter nicht selten eifersüchtig auf eine solche Nähe zwischen ihrem Mann und der Tochter und vergrößert damit nur die Kluft zwischen sich und ihrer prä-lesbischen Tochter. 

Betty schreibt weiter: „Ich hatte einen älteren Bruder und ältere Schwester, aber Papas Liebling war ich. Mein Vater versuchte jedoch, bei mir auf unangemessene Weise seine eigenen emotionalen Bedürfnisse zu stillen. Meine Mutter war eifersüchtig auf die besondere Beziehung, die ich zu meinem Vater hatte.“

Durch diese spannungsvollen und falschen Bindungen wird das Mädchen in seinem Prozeß der geschlechtlichen Identitätsfindung nur weiter gestört und verwirrt. 

Das ausgesprochen „jungenhafte“ Verhalten des Mädchens führt oft zu großen Enttäuschungen, wenn es mit anderen Mädchen in Beziehung treten möchte. Klientinnen berichten oft, daß sie einfach nicht zu den anderen Mädchen in der Stadt oder Schule gepaßt hätten. Und hatten sie einmal eine besondere Freundin gefunden, geschah es häufig, daß diese bald danach wegzog. Prä-lesbische Mädchen scheinen zudem sehr empfänglich für Verrat und Ächtung zu sein, etwas, das leider unter pubertierenden Mädchen häufig ist. Die Lebensthemen Verlassenheit und schädliches Selbstbild erhalten dadurch nur neue Nahrung. 

Prä-Homosexualität bei Frauen ist deshalb durch folgende Faktoren gekennzeichnet:

1. ein Abgetrenntsein von anderen, Frauen und Männern - und zugleich eine tiefe Angst, man werde niemals in der Lage sein, eine Bindung einzugehen, 

2. ein Abgetrenntsein vom eigenen Selbst, gekennzeichnet durch eine tiefe innere Verzweiflung und Trostlosigkeit, ein fehlendes Gefühl für das eigene Selbst oder bestenfalls ein gestörtes, verzerrtes und ungeliebtes Selbst, sowie

3. eine Geschlechtsidentitätsverwirrung.

Weibliche Homosexualität ist auf einem Kontinuum, nicht an einem Punkt, zu suchen: Je früher ein Mädchen Trennung, Vernachlässigung und Grenzverletzung erlebt, desto schwerere Auswirkungen hat das. Das Hauptthema der Geschlechtsidentitätsverwirrung wird in Bettys weiterer Geschichte deutlich:

„Ich verhielt mich wie ein Junge und kleidete mich auch so, und meine Mutter schien das noch zu ermutigen. Mütterliche Fürsorge erhielt ich kaum von ihr. Ich kann mich nicht erinnern, daß sie mich jemals gehalten oder getröstet hätte. Sie hat mir nie etwas beigebracht, das man als weiblich oder feminin bezeichnen könnte. Sie war selbst auch nicht feminin und ich vermute, daß sie selbst nicht gerne eine Frau war. Sie war der Auffassung, Frauen seien schwach.

Mitten in dieser Leere, die ich in mir spürte, diesem ‘schwarzen Loch‘, das meine Familie nicht füllen konnte, wurde ich im Alter von sieben Jahren von einem älteren Jungen sexuell mißbraucht. Die Berührung fühlte sich zuerst gut an, ich wurde von dem Jungen aber dann zurückgewiesen und gedemütigt. Ich schwor, niemals wieder irgendjemanden zu brauchen. Ich haßte meine Weiblichkeit und hielt sie für Schwäche.

Als Teenager trug ich Jeans und T-Shirts oder  Armeekleidung und Kampfstiefel. Schließlich ging ich als Reservistin zur Armee. An der Universität lernte ich eine Freundin kennen, die sich um mich kümmerte und weinte, als ich ihr von dem sexuellen Mißbrauch erzählte. Die nächste enge Freundin, die ich hatte, hielt mich im Arm und tröstete mich, wenn ich Schmerzen empfand. Sie sagte mir, daß sie lesbisch sei. War ich das auch? Alles, was ich wußte, war, daß ich so eine Beziehung mein Leben lang gesucht hatte - eine geborgene, zärtliche, nicht mißbräuchliche Beziehung, gegründet auf Gegenseitigkeit und tiefe Fürsorge.“

Die prä-homosexuelle/homosexuelle Frau träumt von und sehnt sich nach einer sicheren, geborgenen und umsorgenden Bindung und Beziehung.

 

Emotionale Abhängigkeit - ein Versuch zu überleben

Zentrales Kennzeichen weiblicher Homosexualität ist nicht so sehr - wie bei der männlichen Homosexualität - das sexuelle Verhalten, sondern die abhängige Beziehung. In dem Versuch, die unerwünschten Lebensthemen der eigenen Biografie: Getrenntsein von anderen, Vernachlässigung, Entzug von Beziehung, Verlassenheit und die daraus folgenden andauernden Gefühle von Einsamkeit, innerer Leere und Angst loszuwerden oder zu lindern, suchen diese Frauen unbewußt (manchmal auch bewußt) genau das, was ihnen fehlt: die Mutter (Sicherheit und Geborgenheit), eine Freundin (Bestätigung und Gegenseitigkeit), ein Gefühl für das eigene Selbst und die eigene weibliche Identität. 

Schließt ein prä-lesbisches Mädchen Freundschaft mit einem Mädchen oder einer Frau, die ihm unbewußt das Gefühl vermitteln, sie seien „wie die Mama“ oder „die beste Freundin, die sie nie hatten“, kann sich die Beziehung sehr schnell (sogar innerhalb der ersten Stunde) in eine alles verschlingende emotionale Abhängigkeit verwandeln. 

Emotionale Abhängigkeit ist nicht übergroße Liebe, sondern Folge einer tiefen Angst vor Intimität und echter Nähe. Diese Angst vor Intimität oder „defensive Abkopplung“11, von anderen und vom eigenen Selbst, schafft ein Vakuum ungestillter Bedürfnisse nach Beziehung und Identität. Die Frau versucht dann, eine andere Frau, die ihre Mutter, ihre verlorene Freundin oder ihr verlorenes Selbst symbolisieren, in dieses Vakuum hineinzuziehen. Gleichzeitig „verliert sich“ diese Frau, die so „hungrig“ nach Bindung ist, in der anderen Frau, indem sie ihr Wohlbefinden, ihre Sicherheit und sogar ihre Identität in das Belieben der anderen Frau stellt. Es ist wichtig zu betonen, daß bei diesen Abhängigkeiten der Grundstoff und Mittelpunkt der Beziehung die eigene Sehnsucht nach Verbindung, nach einem Gefühl von Bindung12 ist; es geht nicht um die einzigartige Individualität der anderen Frau. Manchmal kennen die beiden einander kaum.

Unbewußt sagt eine Frau damit: „Mein Wohlbefinden ist abhängig von der Verbindung mit einer anderen Frau. Ist die Verbindung oder Beziehung beständig, geborgen, sicher und liebevoll (perfekt), fühle ich mich gut. Wird die Verbindung auf irgendeine Weise bedroht, stürze ich in eine Krise. Dann bin ich nicht okay. Ich könnte sogar sterben.“ Wenn die Beziehung als bedroht erlebt wird oder sie tatsächlich bedroht ist, beginnt ein ganzes Programm, um die hochkommende Trennungs-
angst abzuwehren u. a. mit Verführung, Manipulation, Druck, Gewaltanwendung usw. Dabei sucht die homosexuell orientierte Frau nicht verzweifelt die andere Frau, auch wenn es so scheinen mag, sie braucht vielmehr unbedingt die symbolische Bindung. Ohne diese Bindung ist sie wieder wehr- und schutzlos den eigenen schmerzhaften inneren Wahrheiten und Wirklichkeiten, also den drei genannten prä-lesbischen Faktoren, ausgesetzt. 

Lesbische Beziehungen sind gekennzeichnet durch ein abwehrendes, defensives Sich-in-Pose-werfen und Manövrieren. In Bezug auf das echte Bedürfnis der Frau, in ihrem wahren Selbst bestätigt, geliebt und angenommen zu sein, um dadurch endlich zu einem Gefühl für das eigene, einzigartige weibliche Selbst zu kommen, sind es unbefriedigende Beziehungen. Dennoch kann man in diesen Bindungen das tieferliegende, wirkliche Bedürfnis der Frau nach einer warmherzigen, fürsorglichen Mutter klar erkennen.13 Beispielsweise möchten sich diese Frauen oft ganz einfach nur in die Arme der anderen Frau kuscheln und an ihrer Brust saugen. 

Eine Frau berichtet: „Beim Lesbianismus ging es mir nicht um Sex. ... Alles, was ich suchte, war Verbindung, eine tiefe, emotionale Verbindung. Ich wollte jemanden, der mich vervollständigen würde. Jemanden, der mir Wert und Würde geben würde. Mit anderen Worten, jemanden, der mich brauchen würde. Die sexuelle Beziehung kam später und war die Art und Weise, wie wir die Sehnsucht nach Verbindung zum Ausdruck brachten, sie war aber nicht das, was uns zunächst zueinander zog.“14

Die lesbisch orientierte Frau will „sein“; eine Person sein, die Bedeutung hat; die zählt, weil sie der Mühe wert ist, umsorgt und genährt zu werden. Man kann den Schrei des kleinen Säuglings nach seiner Mutter hören, wenn Klientinnen sagen, „Ich will einfach nur gehalten werden”15 oder „Ich will nicht alleine sein.” 

In den Beziehungen wird auch das Bedürfnis des pubertierenden Mädchens nach einer besten Freundin deutlich. Heranwachsende Mädchen kleiden sich oft nicht nur gleich und halten Händchen oder umarmen sich, sondern rufen sich selbstverständlich fünf Mal am Tag an. Frauen in lesbischen Beziehungen verhalten sich sehr ähnlich: Sie ziehen sich gleich an und glauben, daß sich alles um ihre Freundin und die Beziehung dreht. Lesbische Beziehungen werden von dem verborgenen, aber zwanghaften Impuls angetrieben, die fehlenden und zerbrochenen gleichgeschlechtlichen Mädchenfreundschaften irgendwie „wiederherzustellen“, weil sie als wichtiger Baustein für den Aufbau der eigenen Identität in der Pubertät gebraucht worden wären. Immer wieder höre ich von Klientinnen Sätze wie: „Ich will nur, daß man mich mag” und „Ich will Spaß mit anderen haben.”

Homosexuell orientierte Klientinnen fühlen sich zu Frauen hingezogen, die beruflich etwas erreicht haben und den Eindruck erwecken, voll im Leben zu stehen. Die Klientinnen wollen dann genauso leben und meinen, sie selbst hätten keine eigene Identität oder Leidenschaft oder Richtung für ihr Leben. Wenn ich Klientinnen bitte, mir zu sagen, wer sie sind, sehen sie mich oft mit großen Augen an und erwidern: „Ich weiß es nicht” oder „Ich hasse es, eine Frau zu sein.” Die lesbische Beziehung bezieht ihre Antriebskraft aus dem Versuch, etwas „wiederherzustellen“ und in der anderen Frau eigenes Leben und eigene Identität zu finden.

Die Versuche, auf diese Weise etwas „wiederherstellen“ zu wollen, verlaufen aber nicht positiv. Die meisten lesbischen Beziehungen sind brüchig, unberechenbar und sehr unbeständig. Kein einziger Mensch kann eine vollkommene, beständig warmherzige, sichere und liebevolle Freundschaft garantieren. Wenn unser „Leben” und Wohlbefinden von dieser Beziehung abhängen, steht es - milde gesagt - auf sehr unsicherem Grund. Der lesbische Lebensstil ist ein Teufelskreis: „Je mehr ich davon abhänge, daß eine andere Frau mir das Gefühl gibt, vollständig, in Ordnung und ‘okay‘ zu sein, umso wahrscheinlicher ist es, daß ich enttäuscht werde. Diese Enttäuschung und das Scheitern in der Beziehung verstärken aber meine ungestillte Bedürftigkeit. Also versuche ich, mehr zu bekommen und mehr zu fordern. Mein Habenwollen und meine ungestillten Bedürfnisse erdrücken aber die andere oder saugen sie so aus, daß sie gezwungen ist, mich zu verlassen oder sich von mir zu distanzieren. Das ist vernichtend und ich bin nahe daran, emotional zu sterben. Deshalb muß ich mich immer verzweifelter anklammern.“ - Und so geht es immer weiter.

Weibliche Homosexualität ist von tiefer Unsicherheit gekennzeichnet. Und aus dieser Unsicherheit heraus fallen die Frauen in ein pubertäres „jungenhaftes“ Verhalten zurück oder nehmen einen harten, selbstgenügsamen, kompetenten und kühlen Beziehungsstil an. Sie geben vor, nichts und niemanden zu brauchen - und verstärken so ihren Kokon der Isolation und inneren Leere. Wir sollten uns aber von dieser falschen „Tapferkeit“ nicht täuschen lassen. In ihrer Seele lebt das kleine, zarte Mädchen, das die Mutter braucht, um sich in ihren Armen auszuruhen, das Mädchen, das eine enge Freundin braucht und das sein einzigartiges Selbst entdecken will. 

 

Weitere Symptome bei weiblicher Homosexualität

Neben den genannten Beziehungs-Symptomen finden sich bei lesbisch orientierten Frauen weitere Charakteristika: 

1. Eine Unfähigkeit, sich mit tiefen Gefühlen zu verbinden, sie zu identifizieren und auszudrücken, insbesondere Gefühle, die mit Tränen einhergehen. Das kommt nicht nur aus mangelnder Übung und Erfahrung, die man sozusagen automatisch in beständigen, warmherzigen, von Geben und Nehmen gekennzeichneten Bindungen übt und gewinnt, sondern aus der Selbstablehnung und Verachtung, die die lesbisch orientierte Frau in sich trägt. Es kommt auch aus dem falschen Draufgängertum, der gespielten „Tapferkeit“, die entwickelt wurde, um in der inneren und äußeren Isolation zu überleben. 

2. Intellektualisierung: Prä-lesbische Mädchen überentwickeln ihren „Intelligenzquotienten“ (der oft ohnehin hoch ist), um ihre Unsicherheiten als Person oder als sich entwickelnde Frau und die emotionale und beziehungsmäßige Leere zu kompensieren.

3. Ein kindliches, fragiles, inneres, wahres Selbst bei gleichzeitig äußerem spöttischen, anmaßendem, von Schadenfreude oder Gehässigkeit durchdrungenem, arrogantem, falschen Selbst: Homosexuell empfindende Frauen gehen davon aus, daß sie in ihrem Leben schon genügend Ablehnung und seelische Verletzungen erfahren haben und sind daher wenig bereit, Neues in Beziehungen zu wagen - genau das müssen sie aber tun, wenn sie in ihrer psychosexuellen Entwicklung reifen und heil werden wollen. 

4. Mangel an heilsamer Gemeinschaft: Lesbisch empfindende Frauen behalten aus der Kindheit die Überzeugung bei, sie gehörten nicht dazu, sie paßten nicht zu „normalen” Frauen. Das verstärkt aber ihr sowieso schon ungestilltes Bedürfnis nach Beziehung. Es verstärkt auch die Abhängigkeit, sobald eine Beziehung oder Verbindung eingegangen wird. Oft ist ihre einzige Gemeinschaft eine Gruppe anderer Frauen, die alle auch mit lesbischen Gefühlen kämpfen. Das Muster emotionaler Abhängigkeit wird dann auf die gesamte Gruppe ausgeweitet und führt zu einem Durcheinander emotionaler Verstrickungen und romantischer Intrigen.

5. Tiefe Angst vor dem Alleinsein. Dies ist eine der Grundängste, die meiner Erfahrung nach oft verantwortlich ist für einen therapeutischen Widerstand. Obwohl z. B. die meisten Klientinnen, mit denen ich zu tun habe, sich einerseits eine Beziehung mit einem zugewandten Mann wünschen, sind sie gleichzeitig von einer tiefen Hoffnungslosigkeit beherrscht. Sie fragen sich: „Warum sollte ich meine ungesunden Beziehungen mit Frauen bearbeiten, wenn das nur dazu führt, daß ich für den Rest meines Lebens alleine bin?” Eine Klientin zog den Schluß: „Abwasser ist immer noch besser als gar kein Wasser.” 

6. Ständige Geschäftigkeit und Aktivismus dienen als Abwehr gegen unerwünschte, schmerzhafte Gefühle und sind gleichzeitig ein Hindernis, neue Beziehungen zu entwickeln. 

Ausblick

Weibliche Homosexualität kann definiert werden als:

1. Beziehungsproblem: Die Suche nach der Mutter oder einer warmen, starken, geborgenen und sicheren Bindung, nach Freundinnen oder nach Bestätigung und einer auf Gegenseitigkeit beruhenden Beziehung zu einem anderen Mädchen/Frau. Dieses Mangelproblem führt zum:

2. Identitätsproblem: Weibliche Homosexualität ist gekennzeichnet durch ein fehlendes grundlegendes Gefühl für das eigene Sein, das eigene Selbst. Es führt in einen Prozeß der Selbstablehnung als weibliches Wesen und zu tödlichem Selbsthaß, einem Stillstand in der Identitätsentwicklung und zu einer tiefen Identitätskrise oder Verwirrung bezüglich der eigenen geschlechtlichen Identität.

3. Geistliches Problem: In dem Maß in dem die Frau von Männern seelisch verletzt oder ausgenutzt wurde, kämpft sie mit ihrem Gottesbild, das ihr nirgendwo in der Welt Raum für selbstloses Schenken oder absichtslose Güte läßt.

Um diese Felder geht es in der Beratung oder geschulten Seelsorge und Therapie. Die Arbeit mit homosexuell orientierten Frauen, die Auswege aus der Homosexualität suchen, ist dabei nicht nur herausfordernd, sondern auch überaus lohnend. Letztlich geht es darum, daß eine erwachsene Frau endlich ihr eigenes, einzigartiges Selbst, ihr Leben und ihre Beziehungsfähigkeit entdecken kann. 

Janelle Hallman-Burleson

M.A., L.P.C., Denver, Therapeutin, seit etwa zehn Jahren auf die Begleitung von Frauen, die ihre Homosexualität konflikthaft erleben, spezialisiert. Rednerin auf zahlreichen, auch internationalen Tagungen.

Anmerkungen

1 Siehe auch: Lewis, C. S.: The Four Loves, William Collins, Glasgow 1960, deutsch: Was man Liebe nennt, Brunnen Verlag, Gießen 1979.

2 Zur Sprachregelung: Als Substantiv wird der Begriff „Weibliche Homosexualität“ verwandt, als Adjektiv wird das Wort „lesbisch“ synonym mit „homosexuell“ (in Bezug auf Frauen) gebraucht. 

3 Erik H. Erikson bemerkt: „ein drastischer Verlust der gewohnten Mutterliebe ohne angemessenen Ersatz zu diesem Zeitpunkt kann zu einer akuten infantilen Depression (Spitz, 1945) oder einem unterschwelligen, aber chronischen Trauerzustand führen, der dem ganzen restlichen Leben einen depressiven Unterton verleiht”. (Aus dem englischen Original übersetzt.) Aus: Erikson, E. H., Identity and the Life Cycle, 1959. Deutsch: Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp, Frankfurt 1966. Nach meiner Erfahrung sind Depressionen unter lesbisch orientierten Frauen weit verbreitet. 

4 Bindung definiert Brodzinsky als „emotionale Beziehung, die sich nach Wochen und Monaten täglicher Kontakte, Gespräche, Fürsorge und Kuscheln allmählich entwickelt.” Aus: Brodzinsky, D. M. et al., Being Adopted: The Lifelong Search for Self, Doubleday, New York, NY, 1992.

5 Wie schon erwähnt, ist dies keine erdrückende oder vereinnahmende Bindung von Seiten der Mutter. Eine solche Bindung hat die gleiche Auswirkung wie eine gestörte Bindung: Das kleine Mädchen ist tragischerweise gezwungen, sich von der Mutter zu trennen, damit es überhaupt „atmen” und etwas von seiner Einzigartigkeit leben kann. 

6 Eriksons Definition des Urvertrauens ist hier insofern relevant, als er dies nicht nur als Haltung gegenüber der Welt oder anderen ansieht, sondern als Haltung sich selbst gegenüber, eine Haltung, die die Entwicklung einer gesunden Identität und Persönlichkeit erst ermöglicht. Aus: Erikson, E. H., Identity and the Life Cycle, a.a.O. 

7 Chodorow, N., The Reproduction of Mothering: Psychoanalysis and the Sociology of Gender, University of California Press, Berkeley, CA, 1978; Gilligan, C., in: A Different Voice, Psychological Theory and Women’s Development, Harvard University Press, Cambridge, MA, 1982; Brown, L. M., Gilligan, C., Meeting at the Crossways: Woman’s Psychology and Girls Development, Random House, New York, NY, Reprint 1993.

8 Miller, J. B., Toward a New Psychology of Women, Beacon Press, Boston, MA, 1976, S. 83.

9 Damit meine ich nicht das Gefühl des jungen Mädchens für seine Geschlechtsidentität, sondern ein tieferes, grundlegenderes Gefühl für die eigene Person und das eigene Selbst. Dieses Gefühl muß entwickelt sein, bevor ein Mädchen sich eine gesunde weibliche Identität vollständig zu eigen machen kann. Bei der Therapie lesbisch orientierter Klientinnen wird oft versucht, eine Weiblichkeit der Frauen zu entwickeln, ohne auf diese innere Kern-Leere einzugehen. Die Klientin zeigt uns aber dann, daß wir das Ziel verfehlt haben, indem sie sich gegen alles Mädchenhafte oder Feminine wehrt. Zutreffend, wenn auch abwertend, sagt sie: „Das sind alles unwichtige Sachen.” Intuitiv weiß sie, daß zuerst etwas anderes in ihr entwickelt werden muß, bevor sie ihre Identität als Frau annehmen kann. 

10 James, Caterina, Product of Abandonment, in: Where Grace Abounds, Newsletter, März 1993, www.wheregraceabounds.org.

11 Der Begriff der „defensiven Abkopplung“ („defensive detachment“) wurde von Elisabeth Moberly geprägt. Moberly, E. R., Homosexuality - A New Christian Ethic, James Clarke, Cambridge 1983.

12 Lori Rentzel schreibt: „Emotionale Abhängigkeit besteht dann, wenn man überzeugt ist, für die eigene Sicherheit der ständigen Gegenwart und Fürsorge eines anderen Menschen zu bedürfen.” Aus: Rentzel, L., Emotional Dependency, InterVarsity Press, Downers Grove, IL, 1984; Deutsch: Gefühlsmäßige Abhängigkeit, Brunnen Verlag, Gießen 1990 (vergriffen).

13 Dies wird auch aus der Literatur der Lesbenbewegung deutlich. So schreibt in einem der bekanntesten Bücher, das innerhalb der Kirche für die Anerkennung lesbischer Lebensweisen kämpft, eine Frau folgendes über ihre homosexuelle Beziehung: „Ich versuche sehr stark festzuhalten, zu klammern, und habe immense Schwierigkeiten mit dem Loslassen, der Distanz in einer Beziehung oder Freundschaft. Ich denke, daß ich in den Beziehungen noch immer die Mutter suche...“ Aus: Barz, M. et al., Lesbische Frauen in der Kirche, Stuttgart 1993, S. 63. Anm. d. Hrsg.

14 Kelley in: „Living Hope Letter, eine Veröffentlichung von „Living Hope Ministries“, vol. 6, no. 8, August 2002. Erhältlich durch Living Hope, P.O. Box 2239, Arlington, TX 76004, USA, www.livehope.org.

15 Hope Edelman zitiert in „Motherless Daughters“ viele ihrer lesbischen Klientinnen, die zugeben, daß ihnen bewußt ist, daß sie in ihren Beziehungen ihre verlorene Mutter suchen. Eine Frau z.B. sagt darin, daß sie sich schon immer von Frauen angezogen gefühlt habe, daß sie aber Treffen mit ihnen vermieden habe. Es sei ihr „mehr als klar gewesen, daß sie dabei eine Wiederverschmelzung mit ihrer Mutter suche”.  „’Wenn ich mit einer Frau zusammen bin, kommt es immer zu einer Übertragung,’ erklärt sie. ‘Manchmal möchte ich sagen: ‘Oh, es tut mir leid. Ich dachte nur gerade, du wärest meine Mutter. Ich hoffe, es macht Dir nichts aus. ... Wir sind wie zwei verlorene Menschen, die einander festhalten.’” Aus: Edelman, H., Motherless Daughters, Dell Publishing, New York, NY, 1974, S. 169.