Eine unkonventionelle Fragestellung

Robert L. Spitzers Frage nach der Veränderbarkeit der homosexuellen Orientierung.

Eine Analyse von Konstantin Mascher

„Wie die meisten Psychotherapeuten dachte ich, dass man homosexuellem Verhalten widerstehen kann – dass niemand aber wirklich seine sexuelle Orientierung ändern könne.“

„Wir halten die Untersuchung für wichtig, weil es der Schwulenbewegung nahezu gelungen ist, alle Welt davon zu überzeugen, dass Veränderung überhaupt nicht vorkommt.“ 1   Robert L. Spitzer

Robert L. Spitzer, ein Wissenschaftler, der immer als Freund und Sympathisant der Homosexuellenbewegung galt, untersuchte die Frage der Veränderbarkeit einer homosexuellen Orientierung in exemplarischer Unvoreingenommenheit. 

Er spielte 1973 eine Schlüsselrolle, als die Amerikanische Psychiatervereinigung beschloss, Homosexualität aus der Liste psychischer Störungen zu streichen. Heute wie damals setzt er sich für die Interessen der Schwulenbewegung ein. 

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Homosexuellen-Bewegung beträchtliche Erfolge in der rechtlichen Anerkennung erzielt und sich erfolgreich in der Gesellschaft etabliert. In der Öffentlichkeit, den Medien, in Bildung und Rechtssprechung findet man ihre Spuren.

Sie versteht es, sich als eine farbenfrohe, vielfaltsliebende und tolerante Subkultur darzustellen. Diese Toleranz und Akzeptanz findet ihre Grenzen an einer entscheidenden Frage: die Frage nach der Veränderbarkeit der sexuellen Orientierung. Dabei stellt der Richtungswechsel von hetero- zu homosexuell eine Selbstverständlichkeit dar, die jedem nahe gelegt wird, der sich seiner (hetero-)sexuellen Orientierung unsicher ist.2 Den Weg in die andere Richtung aber darf es nicht geben. Er wirft zu viele Fragen auf, vor allem die Frage nach möglichen Ursachen homosexuellen Erlebens und Verhaltens. Michael Glatze, ehemaliger Homosexuellen-Aktivist, der selbst eine Veränderung seiner homosexuellen Empfindungen erlebt hat, beschreibt in einem Interview3, dass diese Frage in der Schwulenszene ein Tabuthema ist, das man nicht ansprechen darf. Diese Ansicht vertreten unter anderem auch Sexualwissenschaftler: „Solange die Gesellschaft ihren Frieden mit den Homosexuellen nicht macht, solange ist die Erforschung der Entstehungsbedingungen für die Homosexuellen potentiell gemeingefährlich.“4 Statt also dieser Frage Raum zu geben – eine ureigene Aufgabe der Wissenschaft – wird die Ursachenforschung der „Homophobie“ 5 bezichtigt. Medial und öffentlich wird die Ursachenfrage häufig und leichtfertig mit biologisch determinierten Deutungsmustern beruhigt.

Doch kehren wir zurück zur Frage der Veränderbarkeit der sexuellen Orientierung. Die  Sexualwissenschaft spricht zwar von einer „Fluidität“ und „Plastizität“ der sexuellen Orientierung, doch scheint auch hier die Richtung ideologisch vorgegeben zu sein. Eine wirklich tief greifende und nachhaltige Veränderbarkeit von Homosexualität zur Heterosexualität kann es nicht geben, behaupten einige6. Außerdem soll der Versuch, diesen Weg einzuschlagen, gar schädlich sein7.

2001 untersuchte Robert L. Spitzer, ein Wissenschaftler, der immer als Freund und Sympathisant der Homosexuellenbewegung galt, die Frage der Veränderbarkeit einer homosexuellen Orientierung hin zur Heterosexualität in exemplarischer Unvoreingenommenheit.8  

Robert L. Spitzer

Robert L. Spitzer, M.D., ist Professor für Psychiatrie und Leiter des biometrischen  Forschungszentrums am staatlichen psychiatrischen Institut der Stadt New York an der Columbia Universität. Er ist international als Experte für psychiatrische Diagnosen sowie für die Klassifikation psychischer Störungen bekannt. 

Dr. Spitzer spielte 1973 eine Schlüsselrolle, als die Amerikanische Psychiatervereinigung beschloss, Homosexualität aus der Liste psychischer Störungen zu streichen. Heute wie damals setzt er sich für die Interessen der Schwulenbewegung ein. 

Der Anlass für die Studie

Anlässlich einer Jahrestagung der Psychiatervereinigung (APA, 1999) sprach Robert Spitzer mit ehemaligen Homosexuellen, die öffentlich für ihr Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf Therapie zur Veränderung von Homosexuali-tät demonstrierten. Entgegen der offiziellen APA-Position behaupteten die Demonstranten, dass eine Veränderung der homosexuellen hin zu einer heterosexuellen Orientierung möglich sei. Sie selbst hätten solch eine Veränderung erfahren. 

Spitzer hielt diese Veränderung zunächst für generell unmöglich. Ihm war nicht bewusst, dass Betroffene von einer therapeutischen Intervention, wie sie etwa die Reparativtherapien anbieten,  profitieren könnten. Er schreibt: „Wie die meisten Psychotherapeuten dachte ich, dass man homosexuellem Verhalten widerstehen kann – dass niemand aber wirklich seine sexuelle Orientierung ändern könne.“ 9 

Umso erstaunlicher ist Spitzers Offenheit, Neugier und die Unvoreingenommenheit, mit der er seine Studie durchgeführt hat. 

Fragestellung

Generell spricht man zwar Therapien ein bestimmtes Mindestmaß an Erfolgsraten zu. Kritiker behaupten aber, dass eine Veränderung der sexuellen Orientierung durch therapeutische Intervention überhaupt nicht möglich sei. Therapien zur Veränderung sollen – wenn überhaupt – nur schädliche Auswirkungen haben. 

Spitzer ging es nicht um die Frage, wie oft Veränderung vorkommt, sondern allein um die Frage, ob eine Veränderung der sexuellen Orientierung von homosexuell zu heterosexuell überhaupt möglich ist. Seine zu untersuchende Hypothese lautete: „Einige Individuen, deren sexuelle Orientierung vorwiegend homosexuell ist, können vorwiegend heterosexuell werden, wenn sie eine Form der reparativen Therapie (in Form von Psychotherapie, Seelsorge oder der Teilnahme an einem ex-gay Selbsthilfe-Programm) in Anspruch nehmen.“10   

Seine Ergebnisse stellte er auf der Jahrestagung der Amerikanischen Psychiatervereinigung in New Orleans im Jahr 2001 vor.11  

Gemäß seiner Untersuchungshypothese suchte er gezielt Menschen, die von sich sagten, dass sie eine Veränderung erfahren hatten. Die Aufnahmekriterien für die Studie sahen folgendermaßen aus: Um zugelassen zu werden, mussten die Teilnehmer angeben, dass sie vor den Veränderungsversuchen vorwiegend homosexuell waren. Zudem mussten Veränderungsbemühungen mindestens fünf Jahre zurückliegen, d.h. die Veränderung musste seit mindestens fünf Jahren anhaltend bestehen.

200 Teilnehmer wurden in die Studie aufgenommen und anhand eines strukturierten Interviews (114 geschlossene Fragen sowie mehrere offene Fragen, ca. 45 Minuten) von Spitzer selbst befragt. Die Telefoninterviews wurden aufgenommen und unabhängig von ihm von einem weiteren wissenschaftlichen Mitarbeiter kodiert (Inter-Kodierreliabilität: 0,9812). Das Telefoninterview wurde mit Hilfe des New Yorker Psychiaters Dr. Richard C. Friedmann entwickelt. Friedmann ist als Wissenschaftler im Bereich Homosexualität und sexuelle Orientierung bekannt und anerkannt.13 

Bis heute stellt Spitzer alle Daten und Interviewprotokolle anderen Forschern zur Verfügung. So hat er seine Vorgehensweise und wie und warum er zu seinen Ergebnissen gekommen ist für andere Forscher sehr transparent und nachvollziehbar gemacht.   

Im Folgenden soll es darum gehen, einige Ergebnisse dieser Untersuchung vorzustellen. Was sagt sie aus? Was sagt sie nicht aus? Wie ist sie zu bewerten?

Warum wurde Veränderung gewünscht?

Eine der Fragen an die Teilnehmer der Studie betraf die Motivation, warum Veränderung gewünscht wurde. 81% antworteten, dass der homosexuelle Lebensstil für sie unbefriedigend gewesen sei. Damit bezogen sich die Teilnehmer auf die verbreitete Promiskuität, die schmerzhaften und stürmischen Beziehungen, die häufig mit extremer Eifersucht belegt waren. Für viele spielte zudem ein Konflikt zwischen ihren reli-giösen Überzeugungen und ihren homosexuellen Empfindungen eine Rolle (79%). Der Wunsch zu heiraten bzw. verheiratet zu bleiben war für einige (Männer 76%; Frauen 35%) ein weiterer Grund. 

Sexuelle Orientierung

In der Studie wurden Indikatoren anhand der Ebenen 

sexuelles Verhalten 

• sexuelle Identifikation 

• sexuelle Anziehung und Fantasie (Begehren) 

untersucht, die das Ausmaß einer homosexuellen bzw. heterosexuellen Orientierung vor und nach der Bemühung um Veränderung aufzeigen sollten. Älteren Studien, die Erfolge in der Veränderbarkeit einer homosexuellen Orientierung angeben, wirft man teilweise vor, dass sie bei ihrer Definition von Veränderung nicht alle diese Ebenen angemessen berücksichtigt oder einwandfrei dokumentiert hätten. 

Die Indikatoren zur Veränderung bezogen sich unter anderem auf: 

• Sexuelle Anziehung (Begehren)

• Sexuelle Orientierung (Selbstidentifizierung)

• Sexuelles Verhalten

• Lustvolle, sexuelle Gedanken

• Sehnsucht nach romantisch-emotionaler Beziehung

• Masturbationsfantasien

• homosexuelle Gedanken beim heterosexuellen Sex

• homosexuelle Pornografie 

Ergebnisse

Beispielhaft sollen die Veränderungen hier anhand von drei Grafiken vorgestellt werden. Sie zeigen, wie die Probanden ihre Empfindungen „zuvor“, d.h. vor den Veränderungsversuchen und „danach“, d.h. mindestens fünf Jahre nach Beendigung der Veränderungstherapien, einschätzten. 

a) Verhalten

Vor der therapeutischen Intervention fühlten sich alle Probanden homosexuell angezogen. Von den Männern hatten 74% und von den Frauen 67% homosexuellen Sex praktiziert. Mindestens fünf Jahre nach der Therapie waren es nur noch zwei Männer (1%) und keine einzige Frau, die angaben, höchstens einige Male im Jahr homosexuellen Sex zu praktizieren. Alle anderen hatten „danach“ keinerlei homosexuelles Verhalten mehr.

Sehnsüchte

b) Sehnsüchte

Wie ist es nun mit einer Veränderung der sexuellen Anziehung, des Begehrens, der Wünsche und Fantasien? Kritiker von Therapien zur sexuellen Veränderung von homo- zu heterosexuell betonen häufig, dass man zwar an der Verhaltensebene etwas ändern könne, aber nicht im Bereich der Fantasie und der Sehnsucht nach einer romantischen gleichgeschlechtlichen Beziehung. Deshalb wurden die Teilnehmer befragt, ob sie sich nach einer romantisch-emotionalen Beziehung zu jemandem vom eigenen Geschlecht sehnen (einige Male pro Monat). „Zuvor“ bejahten diese Frage die allermeisten Männer und Frauen der Studie, „danach“ waren es nur noch wenige Probanden.

Fantasien

c) Fantasien

Die Teilnehmer der Studie wurden auch befragt, ob sie homosexuelle Fantasien bei der Masturbation hatten (bei 20% der Masturbationen oder häufiger). Die Grafik zeigt wieder das „zuvor“ und „danach“.

Heterosexuelle Beziehungen

d) Heterosexuelle Beziehungen

Noch entscheidender ist die Frage, ob Personen, die den Weg der Veränderung gegangen sind, auch wirklich eine zufriedenstellende Beziehung zum anderen Geschlecht aufbauen können. Hier greift Spitzer – in Anlehnung an Charles Socarides – den Begriff des „good hetero-sexual functioning“ (gutes heterosexuelles Leben) auf. Diesen etwas technisch klingenden Begriff operationalisiert er folgendermaßen (Messbarmachung): 

1. Letztes Jahr eine liebevolle, heterosexuelle Beziehung gehabt.

2. Die emotionale Befriedigung in der Beziehung war mindestens 7 oder mehr auf einer Skala von 1-10 (10 bedeutet: besser kann es nicht sein; 1 bedeutet: schlechter kann es nicht sein).

3. Dabei mindestens monatlich heterosexuellen Sex gehabt. Die körperliche Befriedigung beim heterosexuellen Sex war 7 oder mehr (auf derselben Skala 1-10.)

4. Nie oder selten (<20%) während des heterosexuellen Sex an homosexuellen Sex gedacht. 

Spitzer fand heraus, dass 66% der Männer (n= 94) und 44% der Frauen (n=25) ein „gutes heterosexuelles Leben“ hatten. Vor ihrer therapeutischen Intervention hatten dies nur  2,1% der Befragten erlebt.

Der Grund für die niedrigere Prozentzahl bei den Frauen lag daran, dass viele Frauen nach der therapeutischen Intervention zwar eine heterosexuelle Anziehung erreicht, aber (noch)  keinen entsprechenden Partner gefunden hatten. Das „gute heterosexuelle Leben“ konnte deshalb bei ihnen nicht untersucht werden.

Ehen, in denen ein Partner homosexuell empfunden hatte

e) Ehen, in denen ein Partner homosexuell empfunden hatte

Organisationen, die konstruktive Alternativen zur gelebten Homosexualität aufzeigen, bekommen immer wieder Anfragen von Männern und Frauen, die verheiratet sind und Kinder haben und gleichzeitig mit homosexuellen Gefühlen ringen.  

Der Mainstream der Gesellschaft würde ihnen raten, sich zu trennen: Die Person mit den homosexuellen Empfindungen solle „ihrer Neigung“ nachgehen und eine homosexuelle Beziehung eingehen. Viele der Betroffenen wünschen sich aber, dass ihre Ehe bestehen bleibt. 

Spitzer untersuchte in einem weiteren Schritt speziell auch diejenigen Probanden, die schon vor den therapeutischen Bemühungen in einer heterosexuellen Partnerschaft gelebt hatten. Es  waren 56 „zuvor“ und „danach“ in einer heterosexuellen Beziehung. (Alle von ihnen außer einer Person hatten dabei regelmäßigen heterosexuellen Sex mit derselben Person, d.h. mit ihrer Ehepartnerin oder ihrem Ehepartner.) Spitzer verglich die Qualität ihrer Beziehung – gemessen als „gutes heterosexuelles Leben“ –„zuvor“ und „danach“.

Wie zu erwarten, gaben nur sehr wenige der 56 Probanden an, bereits vor ihrer Therapie ein gutes heterosexuelles Leben gehabt zu haben. Es waren nur  drei Personen (5%). Es ist aber beeindruckend, dass nach der Therapie 84% (n=47) ein gutes heterosexuelles Leben angaben. 

f) Ehe-Beziehungsqualität

Auch die Ehepartnerinnen/Ehepartner der Untersuchungsteilnehmer wurden in die Studie mit einbezogen. Nach der telefonischen Befragung wurden alle Probanden, die zum Zeitpunkt der Befragung in einer Ehe oder festen Beziehung lebten, und auch ihre Partnerinnen und Partner gebeten, jeweils einen weiteren Fragebogen auszufüllen. Es waren 130 Paare; 72% von ihnen füllten den Fragebogen vollständig aus. Damit wurde die Qualität der heterosexuellen Beziehung aus Sicht beider Partner gemessen. Spitzer verwandte dazu einen Fragebogen, der in der Forschung als eines der am meisten angewandten, anerkannten und validierten Instrumente zur Messung von Partnerschaftszufriedenheit gilt (Dyadic Adjustment Scale von Spanier, 197615). Die durchschnittliche Zufriedenheit der Probanden dieser Studie unterschied sich nicht signifikant von den Zufriedenheitswerten einer von Spanier aufgestellten „normativen“ Vergleichsgruppe.

Diese Ergebnisse dürften verheirateten Männern und Frauen, die mit homosexuellen Gefühlen ringen,  Mut machen, ihre Ehe nicht aufzugeben, sondern sich gezielt helfen zu lassen.   

g) Depressivität

Gegner von Veränderungstherapien, so auch die Autoren der 2002 erschienen Studie, Shidlo und Schroeder, behaupten, dass Therapien zur Veränderung einer homosexuellen Orientierung zu Depressionen führen können. Spitzer konnte dies für seine Studie nicht bestätigen, im Gegenteil: Fast die Hälfte aller Männer (43%) und Frauen (47%) hatten vor der Therapie unter erheblichen (markedly) oder sehr schweren (extremely) Depressionen gelitten. Nach der Therapie litten nur noch 1% der Männer und 4% der Frauen unter schweren oder sehr schweren Depressionen.

Zwischenfazit

Zwischenfazit

Robert L. Spitzer hat wissenschaftliche Grundlagenforschung betrieben. Quelle seiner Inspiration war die Kontroverse in der psychiatrischen Fachwelt zur Frage, ob Veränderung einer homosexuellen Orientierung hin zur Heterosexualität möglich sei. Seine Untersuchung zeigt, dass es einigen Menschen gelungen ist, solche Veränderung zu erfahren. Dabei ist wichtig zu betonen, dass sich dabei nicht nur die Verhaltensebene geändert hat, sondern die Betroffenen eine Veränderung im ganzheitlichen Sinne (Gefühle, Fantasien, Begehren, Identifizierung) erlebt haben. 

Spitzers Untersuchung entfachte eine heftige Kontroverse innerhalb und außerhalb wissenschaftlicher Kreise16. Von vielen Kollegen und schwul-lesbischen Interessensgruppen wurde er und wird er bis heute dafür nicht nur angegriffen sondern auch angefeindet. Wie ist seine Studie zu bewerten? 

Diskussion

Die Studie von Spitzer sollte weder unter- noch überbewertet werden. Sie ist der einfachen, aber politisch nicht korrekten Frage nachgegangen, ob Veränderung überhaupt möglich ist. Sie hat gezeigt, dass Veränderung möglich ist. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass ein Forscher unvoreingenommen eine Fragestellung untersucht hat – die seiner eigenen Überzeugung widersprach. 

Es sei noch einmal klargestellt, dass aus der Studie nicht die Schlussfolgerung zu ziehen ist:

• Veränderung ist für alle möglich.

Die Studie gibt auch keine Antwort auf die folgenden Fragen:

• Wie geht der Weg der Veränderung vonstatten?

• Wie viele Menschen allgemein haben Veränderung erfahren oder können sie erfahren – im Sinne einer allgemeinen Erfolgsquote? 

• Welche therapeutischen Interventionen sind am erfolgreichsten?

Fehlende Repräsentativität

Vor allem Laienorganisationen werfen der Spitzer-Studie immer wieder vor, dass sie nicht repräsentativ ist. Das ist sie nicht und wollte sie auch nicht sein. Wer sich die Fragestellung anschaut, wird feststellen, dass dies auch gar nicht nötig war. Warum? Ein Teil der heutigen Fachwelt ist der Überzeugung, dass Veränderung nicht möglich sei. Eine Therapie, die dieses Ziel unterstützt, so die Behauptung, könne nie erfolgreich sein. Das ist eine theoretische Behauptung mit einem Allgemeingültigkeitsanspruch. Um diese These zu widerlegen hätte auch eine Studie mit nur 50 Personen gereicht – ja sogar ein einziger Mensch, bei dem glaubhaft belegt werden kann, dass er eine Veränderung auf allen Ebenen der sexuellen Orientierung erfahren hat (Falsifikationsprinzip).

Repräsentativität ist auch nur eines von mehreren qualitativen Merkmalen einer Untersuchung. „Es sei schon an dieser Stelle vermerkt, dass der weitverbreitete Glaube, sozial-wissenschaftliche Untersuchungen sollten nach Möglichkeit auf ’repräsentativen’ Stichproben basieren, schlicht ein Mythos ist. Sogenannte repräsentative Stichproben wird man insbesondere wählen, wenn das Forschungsziel deskriptiv ist und mithin Merkmale einer Population geschätzt werden sollen. Für hypothesenprüfende Untersuchungen können aber durchaus auch ’willkürliche’ Stichproben herangezogen werden.“17 Diesem pragmatischen Leitsatz ist Spitzer gefolgt.

Im übrigen gibt es in diesem Forschungsfeld gar keine repräsentative Studie. Auch die im weiteren genannten Studien von Beckstead und Shidlo und Schroeder sind, wie die Forscher selbst bemerken, nicht repräsentativ. 

Veränderung ist doch nicht möglich?

Als Gegenbeispiele zur Studie von Spitzer werden immer wieder Untersuchungen der Forscher A. Lee Beckstead (2001)18 und Ariel Shidlo und Michael Schroeder (2002)19 herangezogen. 

Beckstead untersuchte 20 sog. Ex-gays, d.h. Menschen, die behaupteten, Veränderung erlebt zu haben. Beckstead kommt in seiner Untersuchung zu der Schlussfolgerung, dass die Teilnehmer keine „vollkommene“ Veränderung erlebt haben. Spitzer kritisiert, dass Beckstead einen unrealistisch hohen Maßstab angesetzt habe, der in der Evaluierung von Erfolgsraten einer Therapie völlig sinnlos sei. Fernerhin ist aus Becksteads Studie auch nur sehr schwer nachvollziehbar, wie Beckstead „heterosexuelle Anziehung“ definiert. 

Shidlo und Schroeder untersuchten 202 Teilnehmer (man beachte, dass die Stichprobengröße nicht größer als die von Spitzer ist), die an Veränderungstherapien teilgenommen hatten. Ihr ursprünglicher Text zur Rekrutierung der Teilnehmer lautete „Homophobische Therapien: Den Schaden dokumentieren“ („Homophobic Therapies: Documenting the Damage“). Nachdem sich einige Teilnehmer gemeldet hatten, die ihre Veränderungstherapie als erfolgreich und nur gewinnbringend beschrieben, wurde der Rekrutierungstext geändert. Auffallend ist, dass die meisten Teilnehmer dieser Studie angaben, ihre Therapieversuche im Durchschnitt nach 26 Monaten aufgegeben zu haben. Spitzer fand in seiner Studie heraus, dass eine Veränderung der homosexuellen Orientierung im Durchschnitt aber erst nach 23 Monaten begann. 

In dieser Studie berichteten 26 Teilnehmer, dass ihre Veränderungstherapie erfolgreich war und sie eine Abnahme ihrer homosexuellen Neigungen dadurch erfahren hatten. Allerdings zeigten nur 8  Personen (4% der Gesamtgruppe) eine tatsächliche und konsistente Veränderung der sexuellen Orientierung von homo- zu heterosexuell. 

Ideologieverdacht

Die Studie von Robert L. Spitzer liegt hier insofern im Vorteil, als der „Ideologieverdacht“ wesentlich geringer ausfällt als bei den Studien von Beckstead oder Shidlo und Schroeder. Auftraggeber der Shidlo und Schroeder-Studie war die „Nationale lesbische und schwule Gesundheitsorganisation“ (National Lesbian and Gay Health Association), der man sicher kein neutrales Erkenntnisinteresse unterstellen kann. Spitzer dagegen untersuchte eine These, die seiner eigenen Überzeugung, die er vor Durchführung der Studie hatte, widersprach.

Transparenz und Nachvollziehbarkeit

Fernerhin unterscheidet sich die Studie von Spitzer dahingehend, dass sie transparent und nachvollziehbar ist. Spitzer hat seine Vorgehensweise detailliert offen gelegt. Jedem Forscher stellt er seine Daten und Tonband-interviews zur Verfügung. Die wichtigsten Fragen zur sexuellen Orientierung hat Spitzer in seiner veröffentlichten Studie im Appendix mit angefügt. Sie sind für jeden einsehbar.

Bei der Studie von Beckstead weiß man nicht, welche „qualitative“ Methode er verwandt hat, um die sexuelle Orientierung zu messen. Im Gegensatz zu Spitzer hat er auch kein strukturiertes Interview gebraucht.

Scott L. Hershberger, Ph.D., Professor für Psychologie an der California State Universität, Long Beach, unterzog die Studie von Spitzer einer weiteren unabhängigen Analyse (Guttmann-Skalen-Analyse) und kommt als Forscher zu dem Schluss: 

„Das geordnete, gesetzesähnliche Muster der Veränderung im homosexuellen Verhalten, in der homosexuellen Identifikation sowie in der homosexuellen Anziehung und den Fantasien, die in Spitzers Studie beobachtet wurden, ist ein ernst zu nehmender Hinweis darauf, dass reparative Therapien Menschen darin unterstützen können, ihre homosexuelle Orientierung hin zu einer heterosexuellen Orientierung zu verändern. Jetzt müssen diejenigen, die der reparativen Therapie gegenüber skeptisch sind, überzeugende Beweise liefern, um ihre Position zu unterstützen. Nach meiner Auffassung haben sie das noch zu tun.“ 20 

Schlussfolgerung

Spitzers Engagement sorgte damals und sorgt bis heute für Aufsehen. Angesichts seiner und weiterer Studien21 kann man nicht mehr behaupten, dass eine Therapie zur Veränderung nie erfolgreich sein kann. Diese Tatsache mussten selbst Shidlo und Schroeder in ihrer Untersuchung feststellen. 

Die Studie von Spitzer (und in geringem Umfang sogar die Studie von Shidlo und Schroeder) weist darauf hin, dass es Menschen gibt, die mithilfe verschiedener therapeutischer Maßnahmen eine Veränderung ihrer homosexuellen Orientierung hin zu einer heterosexuellen Orientierung erfahren können. Ebenso gibt es natürlich Menschen, die von Veränderungstherapien nicht profitiert haben. Jede Pauschalisierung aber – in der einen oder in der anderen Richtung – negiert die Komplexität des Themas und die biographische Einzigartigkeit eines jeden Menschen. 

Es bleibt festzuhalten, dass es begründete Hoffnung für diejenigen gibt, die eine Veränderung ihrer homosexuellen Empfindungen suchen und motiviert sind, sich auf einen langen und mühevollen Weg zu machen. Diejenigen allerdings, die ihn gegangen sind, sagen, dass er sich voll und ganz gelohnt hat. Um die wissenschaftlichen Fragen zur Veränderung einer homosexuellen Orientierung weiter zu beleuchten, ist eine „Ent-Ideologisierung“ dieses Themas dringend erforderlich. Robert L. Spitzer hat in dieser Hinsicht einen wichtigen Beitrag geleistet.

Anmerkungen

1 Bulletin, Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft, Nr. 1, Frühjahr 2001, S. 28.

2 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Heterosexuell? Homosexuell? Sexuelle Orientierung und Coming-out … verstehen, akzeptieren, leben, Erweiterte Neuauflage Februar 2004. 

3 www.narth.com/docs/glatze.pdf, Stand: 22.04.2008.

4 Gunter Schmidt, Das große DER DIE DAS über das Sexuelle, März Verlag, Berlin 1986, S. 121.

5 Homophobie: Irrationale Angst (und krankhafte) Abneigung gegen Homosexualität. Ein Begriff, der inhaltlich unterschiedlich belegt wird und u.a. denen untergeschoben wird, die sich konstruktiv-kritisch mit Homosexualität auseinandersetzen. Der Begriff soll suggerieren, dass Homophobie wie andere Phobien (krankhafte Ängste) sei, z.B. Claustrophobie. 

6 Beckstead, A. L., Cures versus Choices: Agendas in sexual reorientation therapy. Journal of Gay and Lesbian Psychotherapy, 2001, 5 (3/4), 87-115.

7 Shidlo, Ariel and Schroeder, Michael, Changing Sexual Orientation: A Consumers’ Report, Professional Psychology: Research and Practice, 2002, Vol. 33, 249-259.

8 Spitzer, Robert L., Can Some Gay Men and Lesbians Change Their Sexual Orientation? 200 Participants Reporting a Change from Homosexual to Heterosexual Orientation, in Archives of Sexual Behavior, 2003, Vol. 32, No. 5, October, pp. 403–417.

9 www.narth.com/docs/spitzer3.html vom 06.05.2008.

10 „Some individuals whose sexual orientation is predominantly homosexual can become predominantly heterosexual following some form of reparative therapy (which can take form of psychotherapy, counseling, or participation in an ex-gay ministry program).“ Spitzer, R. L., a.a.O. S. 405.

11 Spitzers Präsentation haben wir im Bulletin „Sonderheft Männliche Homosexualität“ veröffentlicht. Es kann kostenfrei beim DIJG bestellt werden. 

12 Die Inter-Kodierreliabilität prüft das Kategoriensystem und die Kodierregeln. Die Angaben der Befragten werden von dem Forscher (Kodierer 1) einzelnen Kategorien zugeordnet. Ein weiterer Forscher (Kodierer 2) ordnet unabhängig vom Kodierer 1 die Antworten den auf dem Fragebogen vorgegebenen Kategorien zu. Die Kodierreliabilität „gibt an, wie hoch der Grad der Übereinstimmung der Zuordnung von zwei Kodierern ist.“ Andreas Diekmann, Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1998, S. 493.

Ein Wert in der Höhe von 1 bedeutet 100% Übereinstimmung, ein Wert in der Höhe von 0 bedeutet keine Übereinstimmung. Eine Kodierreliabilität von 0,98 weist auf ein sehr gutes Kategoriensystem und Kodierregeln hin. 

13 Richard C. Friedman und Jennifer I. Downey, Sexual Orientation and Psychoanalysis: Sexual Science and Clinical Practice, Columbia University Press, New York 2002. Siehe auch: Richard C. Friedman, Männliche Homosexualität, Springer, Berlin 1993. 

14 Spitzer, R. L., a.a.O., S. 407.

15 Siehe Graham B. Spanier and Linda Thompson, A Confirmatory Analysis of the Dyadic Adjustment Scale, Journal of Marriage and the Family, Vol. 44, No. 3,1982, S. 731-738.

16 Siehe Peer Commentaries on Spitzer in Archives of Sexual Behavior, 2003, Vol. 32, No. 5, 419–468. 

17 Diekmann, A., Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Rowohl, Reinbek b. Hamburg 1998, S. 169.

18 Beckstead, A. L., Cures versus choices: Agendas in sexual reorientation therapy, Journal of Gay and Lesbian Psychotherapy, 2001, 48, 251-261.

19 Shidlo, A. and Schroeder, M., a.a.O.

20 Hershberger, Scott L. Guttman Scalability Confirms the Effectiveness of Reparative Therapy, in: Peer Commentaries on Spitzer, in Archives of Sexual Behavior, 2003, Vol. 32, No. 5, pp. 419–468, S. 440.

21 Siehe die Studie von National Association for Research & Therapy of Homosexuality (NARTH) mit 860 Teilnehmern. www.narth.com/docs/study.html (Stand: 15.05.2008).

Jones, Stanton L., Yarhouse, Mark A, Ex-Gays?: A Longitudinal Study of Religiously Mediated Change in Sexual Orientation, Inter Varsity Press, Downers Grove, Illinois 2007.

Von

Kostenfreies Abonnement

Die Texte dieser Website sind fast alle in unserer Zeitschrift: „Bulletin. Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“ erschienen. Das Magazin schicken wir Ihnen gerne im kostenfreien Abonnement zu. Das Bulletin erscheint in der Regel ein- bis zweimal im Jahr.

Hier können Sie das Bulletin abonnieren »

Kostenloses E-Book

E-Book über trauma-therapeutisch orientieren Ansatz: Frühe, das Kern- und das männliche Selbst betreffende, emotionale Wunden führen zu Bindungsverletzungen und bahnen den Weg für eine homosexuelle Entwicklung.
E-Book: Scham & Bindungsverlust

Scham und Bindungsverlust. Die Reparativtherapie in der Praxis

Spenden

Unsere Dienste finanzieren sich fast ausschließlich durch Spenden. Mit Ihrem Beitrag helfen Sie uns, unseren Auftrag in Kirche und Gesellschaft auch weiterhin wahrzunehmen. Herzlichen Dank, dass Sie mit uns teilen!

Mit PayPal spenden »
Zur Bankverbindung »