Therapiebemühungen mit dem Ziel der Veränderung der sexuellen Orientierung führen nicht zu einer höheren Suizidgefährdung

Eine Auseinandersetzung mit der Shidlo/Schroeder-Studie

Neue Untersuchungen wie die von Jones/Yarhouse (2007) und von Karten (2010) können den Vorwurf, Reorientierungsbemühungen seien schädlich oder würden unweigerlich zur hohen Suizidalität bei homosexuell lebenden Menschen beitragen, nicht belegen.

So stellen Jones/Yarhouse in ihrer Analyse über ihre Probanden fest: Wir konnten keinerlei empirischen Beweis finden für die Behauptung, dass Versuche, die sexuelle Orientierung zu verändern, schädlich seien.1
In der Untersuchung von Karten heißt es über Probanden, die Therapien mit dem Ziel der Veränderung einer sexuellen Orientierung aufgesucht hatten: „In Bezug auf ihr psychisches Wohlbefinden berichteten die Männer im Durchschnitt von positiven Veränderungen. Die größten positiven Veränderungen erfolgten im Bereich Selbstwertschätzung und soziales Verhalten; danach folgten: Abnahme von Depressionen, von selbstschädigendem Verhalten und von Suizidgedanken und Suizidversuchen.“2

Dennoch werden die Vorwürfe immer wiederholt. Man bezieht sich dabei meist auf die etwas ältere Studie von Shidlo/Schroeder aus dem Jahr 2002. Doch selbst diese kann den Vorwurf nicht belegen, wie der folgende Artikel von David Pruden zeigt. Der Artikel ist eine Zusammenfassung der ausführlichen Analyse der Shidlo/Schroeder-Studie von Neil Whitehead. Whitehead ist Psychologe und Sexualwissenschaftler. Sein Originalbeitrag “Homosexuality and Co-Morbidities: Research and Therapeutic Implications” ist veröffentlicht in: Journal of Human Sexuality, 2, 2010, S.125 – 176. Er ist online zu finden unter:

Journal of Human Sexuality Vol. 2

David Pruden

Therapiebemühungen, die das Ziel der Veränderung der sexuellen Orientierung haben,3 wird vorgeworfen, sie seien schädlich. Der amerikanische Psychologenverband American Psychological Association (APA) gibt aber zu, dass die bisherige Forschung diese Vorwürfe nicht belegen kann (APA 2009).4 Obwohl also wissenschaftliche Ergebnisse, die eine Schädlichkeit nachweisen könnten, fehlen, werden die Vorwürfe immer wiederholt. Dazu gehört der Vorwurf, Therapien mit dieser Zielrichtung trügen zu einem erhöhten Suizidrisiko bei.

Was sagt die Forschung genau? Die Zusammenfassung der Analyse von Neil Whitehead zeigt, dass die psychologische Begleitung von Personen, die unter unerwünschten (ichdystonen) homosexuellen Gefühlen und Neigungen leiden, das Suizidrisiko nicht erhöht.

Ob Therapien mit dem Ziel der Veränderung einer sexuellen Orientierung für Klienten schädlich seien oder nicht, war Gegenstand mehrerer Forschungen (Nicolosi, Byrd, Potts 2000; Shidlo, Schroeder 2002; Spitzer 2003; Beckstead 2004; Jones, Yarhouse 2007; Karten, Wade, 2010).5

Vier der sechs Studien zeigen auf, dass es bei Klienten, die eine psychologische Begleitung zur Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle in Anspruch nahmen, weder zu einer erhöhten Suizidrate noch zu einem anderen Schaden kam. Stattdessen fanden sich zahlreiche, positive Ergebnisse.

Die Shidlo/Schroeder-Studie (2002)6 dagegen berichtet speziell über negative Erfahrungen bei Klienten, die eine solche Begleitung in Anspruch nahmen. Dazu gehören eine Verschlechterung des Selbstbildes sowie Suizidversuche, die in einigen Fällen der Therapie zugeschrieben wurden. Eine genauere Analyse dieser Aussagen folgt.

Zunächst muss festgehalten werden, dass die Studie von Shidlo/Schroeder von vornherein eine deutliche Voreingenommenheit zeigt. Die beiden Forscher hatten Probanden für ihre Studie mit den Worten angeworben: „Helft uns, den Schaden zu dokumentieren, den homophobe Therapeuten anrichten“. Die Studie sollte den Titel haben: „Homophobe Therapien: eine Dokumentation ihrer Schädlichkeit“.7

Trotz dieser Voreingenommenheit stellten Shidlo/Schroeder fest, dass einige der Probanden von positiven Auswirkungen berichteten. Es ist den Forschern zugute zu halten, dass sie diese auch veröffentlichten.
Was den Vorwurf der Schädlichkeit betrifft: Die Anzahl der Personen, die von Suizidversuchen berichteten, waren: 25 vor der Therapie, 23 während der Therapie und 11 nach der Therapie.8

Die Anzahl der Suizidversuche nach der Therapie nahm also deutlich ab.

Die Probandengruppe der Shidlo/Schroeder-Studie bestand aus 26 mit den Therapiebemühungen zufriedenen und 176 damit unzufriedenen Personen. Wenn man von einem durchschnittlichen Therapeuten ausgeht, entspricht das wohl kaum der üblichen Verteilung von Klientenzufriedenheit. Dafür sprechen auch andere Untersuchungen, etwa Karten 2010. Bei einer repräsentativeren Probandenauswahl wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit die Abnahme der Suizidalität nach der Therapie noch deutlicher und statistisch noch signifikanter. Um dies wissenschaftlich zu belegen, braucht es aber weitere Untersuchungen. Und doch liegt es auch auf der Hand: Jeder, der ermutigt wird, einen weniger risikobehafteten Lebensstil anzunehmen, wird langfristig positive Auswirkungen bei sich erleben und damit wahrscheinlich auch weniger suizidgefährdet sein.

Es ist wichtig zu betonen, dass die von Shidlo/Schroeder beschriebenen Ergebnisse dem allgemein bekannten Muster von Psychotherapien folgt. Es ist gut belegt (beispielsweise: Erlangsen, Zarit, Tu, Conwell, 2006; Qin, Nordentoft, 2005; Qin et al., 2006)9 , dass die Suizidversuchsrate bei Psychiatriepatienten in der ersten Woche nach Aufnahme in einem Krankenhaus deutlich steigt.10 Meist gibt es einen zweiten Gipfel in der ersten Woche nach der Entlassung. Danach sinkt die Suzidgefahr deutlich ab und bleibt langfristig auf einem Niveau, das erheblich niedriger ist als vor der Zeit der stationären Therapie. Das ist eine geläufige psychologische Reaktion: Wenn der Klient in Sicherheit (in Behandlung) ist, gibt er sein heroisches Durchhalten auf.

Für Therapeuten ist die Schlussfolgerung aus dieser statistischen Analyse: Insgesamt war die Anzahl der Suizidversuche während der Therapie nicht wesentlich höher als vor der Therapie. Aber es gibt einen Höhepunkt der Suizidgefährdung während der Therapie, der bei anderweitigen Therapien gut belegt ist. Engmaschige Kontrollen während jeder Therapie sind daher erforderlich.

Anmerkungen

1 Jones, S. L., Yarhouse, M. A., Ex-gays? A longitudinal study of religiously mediated change in sexual orientation. Intervarsity Press, Downers Grove: Il, 2007. “Is the attempt to change harmful?” S. 330 ff.

2 Karten, E. Y,  Wade, J. C., Sexual orientation change efforts in men: A client perspective. Journal of Men’s Studies. 18, 2010, S.93.

3 Hier wird der von der APA eingeführte Begriff SOCE verwandt: Sexual Orientation Change Efforts. Fußnote hinzugefügt. DIJG.

4 APA Task Force on Appropriate Therapeutic Responses to Sexual Orientation. Washington DC, 2009.

5 Nicolosi, J., Byrd, A. D., Potts, R. W., Retrospective self-reports of changes in homosexual orientation: A consumer survey of conversion therapy clients. Psychological Reports 86, 2000, 1071-1088. - Shidlo A., Schroeder, M., Changing sexual orientation: A consumers’ report. Professional Psychology: Research and Practice, 33, 2002, 249-259. - Spitzer, R. L., Can some gay men and lesbians change their sexual orientation? 200 participants reporting a change from homosexual to heterosexual orientation. Archives of Sexual Behavior. 32, 2003, 403-417. - Beckstead, A. L., Morrow, S. L., Mormon clients’ experiences of conversion therapy: The need for a new treatment approach. Consulting Psychologist, 32, 2004, 651–690. - Jones, S. L., Yarhouse, M. A., Ex-gays? A longitudinal study of religiously mediated change in sexual orientation. Intervarsity Press, Downers Grove: Il, 2007. - Karten, E. Y, Wade, J. C., Sexual orientation change efforts in men: A client perspective. Journal of Men’s Studies. 18, 2010, 84-102.

6 Shidlo A., Schroeder, M., Changing sexual orientation: A consumers’ report. Professional Psychology: Research and Practice, 33, 2002, 249-259. Die Studie wurde gesponsert von der National Lesbian and Gay Health Association.

7 “Homophobic Therapies: Documenting the Damage”, Shidlo/Schroeder, ebd., S. 259.

8 N. Whitehead: “Mean time period before therapy 13 years, during therapy 2 years, after therapy 10 years.” S. 162. Fußnote hinzugefügt. DIJG.

9 Qin, P., Nordentoft, M., Suicide risk in relation to psychiatric hospitalization: Evidence based on longitudinal  registers. Archives of General Psychiatry, 62, 4, 2005, 427–432. - Erlangsen, A., Zarit, S. H., Tu, X., Conwell, Y., Suicide among older psychiatric inpatients: An evidence-based study of a high-risk group. American Journal of Geriatric Psychiatry, 14, 9, 2006, 34–741. - Qin, P., Nordentoft, M., Hoyer, E. H., Agerbo, E., Laursen, T. M., Mortensen, P. B., Trends in suicide risk associated with hospitalized psychiatric illness: A case-control study based on Danish longitudinal registers. Journal of Clinical Psychiatry, 67, 12, 2006, 1936–1941.

10 N. Whitehead: „The suicidality of those with unwanted SSA follows the same pattern as those with diagnosed DSM disorders.” S. 165. Fußnote hinzugefügt. DIJG.

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