Eiswüste in der Seele

Wenn Sex zur Sucht wird

Christl R. Vonholdt

Sexuell süchtiges Verhalten ist gekennzeichnet durch die klassischen Merkmale jeder Sucht: Kontrollverlust, Machtlosigkeit, Benutzung von Sex als Betäubungsmittel und Besessenheit von der Sucht. Wie bei jeder anderen Sucht kommt es zur sog. Toleranzentwicklung, Dosissteigerung und zu Entzugssymptomen. Im Alltag findet eine zunehmende Einengung statt: Sex wird zur alles bestimmenden Lebensmitte. 

Übermäßig viel Zeit wird damit verbracht, sich Sex zu verschaffen, sich sexuell zu verhalten oder sich kurzfristig von sexuellen Erlebnissen zu erholen. Bei Schwierigkeiten oder negativen Gefühlen werden Sex und zwanghafte sexuelle Phantasien eingesetzt, um sich wieder „gut“ zu fühlen. 

Familiäre Trennungen, finanzielle Katastrophen, Gefährdungen der eigenen Gesundheit sind nicht selten die Folge des selbstzerstörerischen Verhaltens. Bei sexsüchtigen Menschen trägt Sexualität nicht zu positiver Bindung und Festigung der Beziehung bei, sondern zerstört Beziehungen. Immer gehört zur Sucht auch die Ohnmacht dazu, das Nicht-aufhören-Können, auch dann nicht, wenn das Selbstzerstörerische schon klar vor Augen steht. Genau hier beginnt auch der Weg der Genesung: im offenen Eingeständnis, daß man selber machtlos ist und Hilfe von außen braucht.

Verlauf der Sucht

Statistiken zufolge beginnt eine Sexsucht oft mit zwanghafter Selbstbefriedigung im Alter von zehn oder elf Jahren. Pornographiekonsum und zeitraubende, zwanghafte sexuelle Phantasien kommen hinzu. Später kommt es möglicherweise zu Sex mit wechselnden Partnern, zu anonymem Sex, Telefonsex, Cybersex und Sex gegen Geld. 

Mißbrauch und Sucht

Viele Sexsüchtigen wurden als Kinder emotional mißbraucht, manche auch körperlich oder sexuell. Viele Sexsüchtige haben Mehrfachabhängigkeiten und sind schon in Familien aufgewachsen, in denen es Sex- oder Alkoholsucht gab. Manchmal sind Kinder insofern mißbraucht worden, als sie in einer ständig sexualisierten Atmosphäre mit entsprechenden Äußerungen und Anspielungen aufgewachsen sind. 

Eine umfangreiche Untersuchung in den USA hat herausgefunden, daß die meisten Sexsüchtigen außerdem aus Familien kamen, die durch emotionale Distanz und gleichzeitig durch Rigidität gekennzeichnet waren. 70 Prozent der befragten Sexsüchtigen stammten aus „rigiden“ Familien, d. h. Familien, in denen die höchste Priorität darin bestand, alles „richtig“ zu machen. Eine solche Rigidität, zusammen mit fehlender emotionaler Nähe, kann dazu führen, daß die Grundgefühle eines Kindes Versagensgefühle und Scham sind. Beides sind wichtige Motoren der Sucht. Viele Sexsüchtige können überhaupt erst im Lauf ihres Genesungsprozesses das volle Ausmaß ihres Mißbrauchs erkennen. 

Löcher im Lebensboden

Sexsüchtige Menschen haben tiefe „Löcher“ im Grundboden ihres Lebens. Sie haben ein gestörtes Selbstbild. Im Kern ihres Lebens sind sie davon überzeugt, daß sie wertlos und abgelehnt sind. Mit den tiefen Gefühlen der Wertlosigkeit hängen Gefühle der inneren Leere, Einsamkeit, Ängste und Scham zusammen. Sexsüchtige vermeiden Beziehungen, echte Intimität und Nähe, weil sie einhergehen mit Sich-Öffnen, Sich-verletzlich-Machen und Sich-Spüren. Sich-Öffnen und Sich-Spüren würde ja bedeuten, auch den Schmerz zu spüren. In der authentischen Begegnung müssen und dürfen auch die Gefühle der Wertlosigkeit und der Einsamkeit wahr sein. Genau diese Gefühle will der Süchtige aber um jeden Preis vermeiden. Stattdessen setzt er den potenten „Kick“, den Sex erzeugt, ein, um seine außerordentlich schmerzhaften Gefühle nicht mehr fühlen zu müssen. Sex ist für ihn ein Ersatz für echte Beziehungen. Das Ausagieren von Sex ist die einzige, kurzfristige Erleichterung bei Spannungen, Ängsten, Schmerzen und anderen Entbehrungen, die in der Regel alle Lebensbereiche des sexsüchtigen Menschen durchziehen. 

Sex kann die Schmerzen aber nicht heilen, sondern nur betäuben. Wenn die Betäubung nachläßt, beginnen Schmerz und Scham von neuem. Hinzu kommen Schuldgefühle. Scham ist eine der Hauptmotoren der Sucht. Besonders tritt Scham nach sexuellem Mißbrauch auf. Aber auch ohne sexuelle Mißbrauchserfahrungen können die Grundgefühle der Wertlosigkeit dazu führen, daß sich  jemand schon als Kind jeder seiner Gefühle und Bedürfnisse schämt. 

Wie bei allen Süchten stellt sich auch bei der Sexsucht die Biochemie des Gehirns mit der Zeit um. Die Dosis muß deshalb ständig gesteigert werden, um noch die gewünschte Schmerzbetäubung zu erzielen. 

Chemie der Sucht

Anders als beim Alkoholismus oder der Drogensucht werden bei der Sexsucht keine Stoffe von außen zugeführt. Vielmehr putscht sich der Körper mittels körpereigener Drogen selbst auf. Bei jedem Menschen werden durch erotische Erregung, durch sexuelle Aktivität und Orgasmus bestimmte Eiweißstoffe im Gehirn freigesetzt. Diese Eiweißstoffe, vor allem Endorphine und Peptide, haben eine erregungssteigernde, euphorisierende und gleichzeitig schmerzbetäubende Wirkung. Opiate z. B. können die Wirkung von Endorphinen nur nachahmen. Diese euphorisierende und schmerzbetäubende Wirkung von Sex wird beim Sexsüchtigen nun zum Hauptzweck, weshalb er Sex einsetzt. Er braucht Sex, um schmerzhafte Gefühle nicht mehr fühlen zu müssen. Sex ist beim Süchtigen in erster Linie dazu da, um Gefühle der Wertlosigkeit, der inneren Leere, der Scham, um Frustrationen und Aggressionen zu betäuben, kurz: um das emotionale Leben zu regulieren.

Der Genesungsweg

Geeignete Einzeltherapien, gelegentlich auch stationär, sind wichtig. In den 12-Schritte-Programmen für Sexsüchtige (in Anlehnung an die Programme der Anonymen Alkoholiker) geht es u. a. um beständige Aufrichtigkeit – eine wichtige Voraussetzung für Veränderung. In vielen Fällen ist eine Therapie des Ehepartners mitangezeigt. Ehepartner müssen ihr co-abhängiges Verhalten, durch das sie oft jahrelang das Suchtsystem mitstabilisiert haben, aufgeben lernen.

Immer ist der Heilungs- und Veränderungsweg ein mehrjähriger Weg mit den wichtigen Stationen:

1. Unerwünschte Gefühle aushalten und mit ihnen konstruktiv umgehen lernen, ohne sie durch Sex zu betäuben. Wenn das „Unterstützersystem Sex“ fehlt, kommen die Gefühle der Leere, Wertlosigkeit, Scham, Aggressionen, Wut, Enttäuschungen, Trauer, Verzweiflung etc. teilweise erst hoch. Neue, konstruktive Wege des Umgangs mit diesen Gefühlen müssen gefunden werden. 

2. Intimität und Nähe zulassen lernen, ohne dabei Sex zu haben. Es geht also darum, eine von Annahme und Selbstannahme geprägte, realistische Beziehung zu sich und zu anderen zu entwickeln.

Ziel der Sucht war es, mittels Sex sich wieder gut zu fühlen und so die „Löcher“ im Grundboden des Lebens nicht spüren zu müssen. Füllen konnte Sex die Löcher aber nie. Viele ehemalige Sexsüchtige sagen deshalb, daß die geistliche Suche nach Sinn – auch nach Sinn in ihrem Leiden – das wichtigste Element ihres Genesungsweges war. Erst der geistliche Sinn hat ihre innere Leere gefüllt. 

Sexualität - gesund und versehrt

Süchtige Sexualität

Gesunde Sexualität

Ruft Scham hervor

Fördert die Selbstachtung

Ist unerlaubt, erzwungen oder beruht auf Auseinandersetzung

Kennt keine Opfer

Setzt Werte auf’s Spiel

Vertieft den Lebenssinn

Erregung beruht auf Angst

Die Erregung beruht auf Sich-Verletzlich-Machen

Wiederholt Kindesmißbrauch

Fördert das Gefühl von Erwachsen-Sein

Entfremdet den Menschen sich selbst

Verstärkt das Gefühl von sich selbst

Schafft unrealistische Welten

Erweitert die Realität

Ist selbstzerstörerisch und gefährlich

Beruht auf Sicherheit

Setzt Eroberung oder macht ein

Ist gegenseitig und intim

Ist verführerisch

Übernimmt Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse

Dient als Mittel zur Abtötung von Schmerz

Kann Leiden ertragen

Ist unaufrichtig

Beruht auf Integrität

Wird zur Routine

Bietet Herausforderungen

Erfordert ein Doppelleben

Integriert die authentische Tiefe des Selbst

Ist verbittert und freudlos

Macht Spaß und ist spielerisch

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

    Alle Artikel von Christl Ruth Vonholdt

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