Liebe wen du willst? Plädoyer für eine leib-orientierte Sexualität

Konstantin Mascher

Die in diesem Sommer durchgeführte Gießener Kampagne „Liebe wie du willst“ tritt für eine sexuelle Vielfalt ein. Die Initiatoren richten sich unter anderem an Jugendliche: „Wir wollen dich darin bestärken, ... zu lieben wie du willst, ...“1 Die Botschaft ist, dass es doch eigentlich gleich sei, ob ein Mensch eine sexuelle Beziehung mit einem Partner des anderen oder aber des eigenen Geschlechts eingeht.

Als Vater von vier Kindern und als Pädagoge stellt sich mir die Frage, ob ich diese so großzügig erscheinende Kampagne wirklich unterstützen könnte. Wünsche ich meinen Kindern, dass sie „lieben sollen wie sie wollen“? Würde ich sie jemals aktiv ermutigen, einen solchen Weg zu gehen?
Als einer, der früher selbst die Ziele der Homosexuellenbewegung unterstützt und auf Christopher-Street-Day-Märschen mitgelaufen ist, beantworte ich heute diese Frage mit „Nein“.
Warum?

Meine Kinder werden in ihrer Jugendphase nach tragfähigen Antworten auf die Frage nach ihrer Identität suchen. Als sexuelle Wesen werden sie ein „Zuhause“ in ihrem Körper suchen und den Wunsch verspüren, ihrer Liebe Ausdruck in der Sexualität zu verleihen. Würde ich sie ermutigen, zu lieben wie sie wollen, würde ich ihnen das Wesentliche vorenthalten: Jene zutiefst sinnstiftende und befriedigende Dimension der Sexualität, die an die leibliche Komplementarität von Mann und Frau gekoppelt ist. Die Erfüllung der sexuellen Liebe ist an die Berücksichtigung der leiblichen Voraussetzungen gebunden. Doch was heißt hier Leib und welche Rolle spielt er in der Sexualität?

Der Mensch als ganzheitliches Wesen

Der Mensch ist als ein ganzheitliches Wesen zu verstehen. So bildet der Körper die anatomisch-physiologische und der Geist/die Seele die personale Seite des Menschen. Der Mensch ist niemals nur Körper oder nur Seele, sondern beides gleichzeitig. Die Einheit von Körper, Geist und Seele kommt im Wort „Leib“ zum Ausdruck. Der Mensch hat nicht nur einen Leib, er ist auch Leib; er hat nicht nur eine Seele, er ist auch Seele. Ein gesundes und erfülltes Leben ist dann gegeben, wenn der Mensch diese Ganzheitlichkeit berücksichtigt und im Einklang mit dem Potential und den Grenzen seines Körpers lebt.

Komplementarität

Der Leib weist den Menschen auf die Komplementarität von Mann und Frau hin. Sicherlich ist jeder Mensch in sich schon etwas Ganzes. Und dennoch weisen ihn seine Seele und sein Körper über sich selbst hinaus – auf das ihm so ähnliche und doch so andere! Teil der Ganzheit ist die Sehnsucht nach Beziehung und gegengeschlechtlicher Ergänzung. Die anatomische Gestalt des Männlichen ergibt erst im Angesicht des Weiblichen einen Sinn. Für sich genommen, allein, geben weder Mannsein noch Frausein eine Antwort auf das „warum“ ihrer Unterschiedlichkeit. Erst in der Vereinigung des „Ein-Fleisch-Werdens“, der Fruchtbarkeit und in der Elternschaft wird erkennbar, welchen Sinn die Zweigeschlechtlichkeit hat.

Fruchtbarkeit

So wie der sichtbare Körper ein Zeichen des aufeinander Verwiesen-Seins von Mann und Frau ist, so untermauert die Fruchtbarkeit auf zunächst nicht sichtbare Weise die Komplementarität der Geschlechter. Fruchtbarkeit ist ein wesentlicher Teil der Sexualität. Wo sie gewünschter Bestandteil der Vereinigung ist, eröffnet sie eine tiefere Dimension in der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau.
Unabhängig voneinander sind männliche Fruchtbarkeit und weibliche Fruchtbarkeit sinn-los, weil eben unfruchtbar. Ein neuer Mensch kann nur entstehen, weil Eizelle und Spermium jeweils ihren notwendigen Anteil zum ganzen Chromosomensatz beisteuern.

Der Leib ermöglicht „Ein-Fleisch-Werden“

Das „Ein-Fleisch-Werden“ ist die höchste Form der körperlichen und personalen Intimität zwischen zwei Menschen. Der Leib verweist darauf, dass nur Mann und Frau gemeinsam „ein Fleisch“ werden können: Die Anatomie ihrer Körper und ihrer Geschlechtsorgane sind aufeinander abgestimmt, bedürfen aber der seelisch-geistigen Ergänzung der Geschlechter, damit sie nicht nur Erzeuger sind, sondern auch Eltern werden wollen.
Weil jeder Mensch aber ein ganzheitliches und bedürftiges Wesen für sich ist, ist das „Ein-Fleisch-Werden“ vor allem ein personaler Akt der Begegnung und des Erkennens. Deswegen entfaltet die Sexualität ihre Schönheit und ihr maximales Potential erst in einer von Hingabe, Verbindlichkeit und Treue geprägten Ehe zwischen Mann und Frau.

Der Leib schafft die Voraussetzung für die Elternschaft

Erst die Zweigeschlechtlichkeit schafft die Voraussetzung dafür, dass ein neuer Mensch entstehen kann. Mann und Frau „erkennen“ einander in der geschlechtlichen Vereinigung, und sie „erkennen“ sich leibhaftig im Kind, das zur Welt kommt. Doch nicht nur das: Das Kind „erkennt“ sich auch im Angesicht von Vater und Mutter und entwickelt seine Persönlichkeit in der Bindung an beide Eltern. Auch auf der Beziehungs- und Erziehungsebene zum Kind äußert sich die Komplementarität der Geschlechter: Das Zusammenspiel, die Verschiedenheit und die Ergänzung von Vater und Mutter stärken die Identitätsentwicklung des Kindes.

„Sexuelle Vielfalt“ und ihre Grenzen

Die homosexuelle Sexualität kann diese leiblichen Voraussetzungen nicht erfüllen. Eine dem Leib entsprechende, wirkliche sexuelle Vereinigung ist nicht möglich. Natürlich „kann“ man zwei Körper durch verschiedene Öffnungen miteinander verbinden und Lust erzeugen. Eine solche, auf Lust basierte, Sexualität braucht aber ständige Formen der Steigerung, um nicht langweilig zu werden. Eine Sexualität, die von Hingabe und komplementärer Ergänzung geprägt ist, wird nicht langweilig, weil sie das tiefste Bedürfnis des Menschen berührt und befriedigt.

Auch die Fruchtbarkeit ergibt in der homosexuellen Partnerschaft keinen Sinn. Sie kann ihren Zweck nicht erfüllen. Wozu führt es, wenn zwei Männer ihre Samenflüssigkeit austauschen? Was nützen die Eizellen zweier Frauen?

Ebenso verhält es sich mit der Elternschaft: In homosexuellen Partnerschaftsformen muss jeder von Anfang an berücksichtigen, dass aus dieser Beziehung heraus keine Kinder gezeugt und empfangen werden können, was eine Paradoxie menschlicher Ganzheit ist und die Entfremdung menschlicher Würde steigert.

Homosexuelle Partnerschaften müssen sich immer eines Hilfskonstrukts bedienen und bleiben somit ein „Imitat“ der Mann-Frau Beziehung, auch wenn sie oft beanspruchen, wie das „Original“ zu sein oder es gar zu überbieten. Diese Tatsachen hängen damit zusammen, dass der Körper seine Grenzen hat und die Leiblichkeit in der Ergänzung der Geschlechter nicht zum Tragen kommt.

Für Jugendliche die einzige Alternative?

Selbstverständlich ist es wichtig, jeden Menschen zu respektieren und zu achten – unabhängig von seiner Lebensform. Doch dient es den Jugendlichen, wenn der homosexuelle Lebensstil als „gleich-gültig“ oder gar als „Mainstream“ verkauft wird? Sollten Jugendliche ermutigt werden, homosexuellen Sex zu leben, obwohl dabei die geschlechtliche Komplementarität, die Vereinigung zweier Leiber, die Fruchtbarkeit und die Elternschaft als sinnstiftendes Moment des Menschen ausgeschlossen sind? So sehr die „sexuelle Vielfalt“ heute beworben wird, so kann sie Jugendlichen doch keine befriedigende Antwort bei ihrer Suche nach dem Sinn des Körpers, der Sehnsucht von Seele und Geist geben. Jugendliche suchen aber nach tragfähigen Antworten in ihrer Reifezeit und darüber hinaus.

Jeder hat das Recht auf Ehe und Familie – auch die Jugendlichen, die sich ihrer sexuellen Neigungen oder Identität nicht sicher sind. Auch sie haben das Recht, ein heterosexuelles Leben zu führen, wenn sie das wollen.

Heute wird einem Jugendlichen mit homosexuellen Gefühlen, der sich dennoch für Ehe und Familie im traditionellen Sinn entscheiden möchte, genau das aus ideologischen Gründen von vornherein schlechtgeredet. Die Prämisse „einmal schwul, immer schwul“ erlaubt keinen Spielraum und ist zugleich eine Falle, die menschliche Reifung verhindert. Aber junge Menschen suchen einen gangbaren Weg, der ihnen eine Veränderung von der Homo- zur Heterosexualität, bzw. eine Stärkung ihrer heterosexuellen Identität eröffnen würde. Im Gegenteil dazu wird einer solchen Person vorgeworfen, sie leide an „internalisierter Homophobie“. Zu lieben, wie sie will, wird ihr gerade nicht erlaubt! Der politisch inkorrekte Weg darf nicht begangen werden, und so entblößt sich die Forderung der Gießener Kampagne zuletzt als Farce.

Anmerkungen

1 http://www.liebewieduwillst.de/seiten/liebe.php Zugriff : 26.09.2011

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