Einführung in den Text von Richard P. Fitzgibbons, Philip M. Sutton, Dale O'Leary

Von Christl Ruth Vonholdt

Anfang Oktober 2013 berichtete der SPIEGEL über eine 44-jährige Frau aus Belgien: Sie war als Mädchen geboren, doch die Mutter habe einen Jungen gewollt: „Ich war das Mädchen, das keiner wollte. Während meine Brüder angehimmelt wurden, musste ich in einem Verschlag über der Garage schlafen.“ Zeit ihres Lebens war sie unglücklich über ihr Mädchensein und habe schließlich entdeckt, dass sie sich als Mann wohler fühle. Vor zwei Jahren unterzog sie sich den „geschlechtsumwandelnden“ Operationen und lebte seitdem als Mann. Doch auch als Mann litt sie noch unter „unerträglichen psychischen Schmerzen“, ekelte sich (nach wie vor) vor sich selbst und stellte nun den Antrag auf aktive Sterbehilfe. Der wurde ihr gewährt.1
Der Fall wirft tieferliegende Fragen auf: Woran litt die Frau wirklich? Wäre es möglich gewesen, ihr durch eine längere Psychotherapie zu helfen? Kann solche tiefe Selbstablehnung durch „geschlechtsumwandelnde“ Operationen behoben werden?

Weitere Fälle machen Schlagzeilen, wobei es immer um biologisch gesunde Kinder geht, die an tiefen psychischen Konflikten über ihre Identität leiden:

Der zwölfjährige englische Junge ist „die Königin“ seines Dorfes. In seiner Heimatgemeinde stolziert er als Drag-Queen „Naughty Nora“ durch die Straßen, mit gelockter Perücke, Mamas BH, vollem Make-up, einem sexy pinken Kleid und High-Heels. Schon im Grundschulalter hat er gerne Mamas Kleidung getragen. Die Eltern unterstützen ihren Sohn. „Ich könnte nicht stolzer auf ihn sein, er ist so beliebt und unterhaltsam“, sagt die Mutter.2

Der elfjährige Junge, der bei zwei lesbisch lebenden Frauen aufwächst, möchte schon seit früher Kindheit ein Mädchen sein. Jetzt bekommt er pubertätshemmende Hormone als Vorbereitung für eine spätere „Umoperation“. Kinder mit Geschlechtsidentitätsstörungen (einer psychischen Störung), so argumentieren die beiden lesbisch lebenden Frauen, haben ein höheres Risiko, einmal Selbstmord zu begehen.3 – Doch ist „Geschlechtsumwandlung“ die angemessene Lösung?

Diese medial aufbereiteten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Auch das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) erhält zunehmend Anfragen von Angehörigen oder aus dem Umfeld von Minderjährigen, die zum anderen Geschlecht gehören möchten. Sind die „geschlechtsumwandelnden“ Operationen, die nach Wahrnehmung des DIJG immer rascher angeboten werden, wirklich die Lösung für die schmerzhafte erlebte Selbstablehnung der Betroffenen?

Der Artikel gibt einen fundierten Einblick in das Phänomen der Transsexualität – insbesondere der Mann-zu-Frau Transsexualität – und kann helfen, es besser zu verstehen und einzuordnen, sowohl medizinisch-psychologisch als auch gesellschaftlich. Die Autoren ermutigen, weiter zu forschen und immer wieder genau hinzuschauen – um der betroffenen Menschen willen.


Noch einige Begriffsklärungen:

Im Gegensatz zum Phänomen Intersexualität bezeichnet Transsexualität in der Medizin eine psychische Problematik.

Intersexualität ist ein Sammelbegriff für verschiedene schwere, angeborene biologisch-körperliche Anomalien. Gemeinsam ist, dass die biologischen Geschlechtsmerkmale (Chromosomen, innere und äußere Geschlechtsmerkmale, Hormone) in irgendeiner Weise erkrankt sind. Meist kommen die Kinder mit einem fehlgebildeten äußeren Genitale zur Welt.4 Fast immer ist Intersexualität mit biologischer Unfruchtbarkeit verbunden. Um Intersexualität geht es in diesem Artikel nicht.

Transsexuell empfindende Menschen sind biologisch gesunde Männer und Frauen mit normaler genetischer und hormoneller Ausstattung. Sie leiden an tiefen innerpsychischen Konflikten, fühlen sich anhaltend und zumeist schon seit der frühen Kindheit unwohl mit ihrem Geschlecht, ihrem Körper, (Geschlechtsdysphorie) und sind überzeugt, wenn sie nur im anderen Geschlecht leben könnten, ginge es ihnen besser. Nach dem international und auch in Deutschland gültigen ICD-10 Diagnose-Code gehört Transsexualität zu den „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“5.

Transgender ist ein neuer Begriff für Personen mit Geschlechtsdysphorie. Transgender-Personen wollen oft nicht „den ganzen Weg“ bis zu den „geschlechtsumwandelnden“ Operationen gehen, sondern in geschlechtlicher „Uneindeutigkeit“6 und „zwischen den Geschlechtern“ leben, sie möchten „jenseits der Geschlechtergrenzen“7 leben. Männer beispielsweise möchten sich als Frau kleiden und einen weiblichen Vornamen annehmen, möglicherweise auch gegengeschlechtliche Hormone nehmen, aber nicht immer Operationen an sich durchführen lassen. Der Begriff Transgender schließt die Transsexualität – bei der zumeist der Wunsch nach „geschlechtsumwandelnden“ Operationen“ besteht – mit ein.

Anmerkungen

 

1 „Ich war das Mädchen, das keiner wollte“. SPIEGEL­online vom 02.10.2013. www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/belgien-sterbehilfe-fuer-transsexuellen-wegen-psychischer-schmerzen-a-925704.html In Belgien gibt es Bestrebungen, solche aktive Sterbehilfe auch auf Minderjährige auszudehnen.

2 www.xpress.at/articles/1134/783/305045/junge-drag-queen-die-drag-queen-12 Zugriff 09.10.2013.

3 www.dailymail.co.uk/news/article-2043345/The-California-boy-11-undergoing-hormone-blocking-treatment.html Zugriff 09.10.2013.

4 In den meisten Fällen ist durch Untersuchung der Chromosomen das Ursprungsgeschlecht, männlich oder weiblich, auszumachen, was aber nicht bedeutet, dass es befriedigende medizinische Lösungen gibt. Die älteren Begriffe für Intersexualität sind Pseudohermaphroditismus und Hermaphroditismus, wobei letzterer extrem selten ist.

5 Transsexualität oder Transsexualismus gehört nach dem international und auch in Deutschland gültigen ICD-10 Diagnose-Code zu den „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“, genauer zu den „Störungen der Geschlechtsidentität“ und ist definiert als: „Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen. www.icd-code.de/icd/code/F64.-.html

6 Grundsätzliche „Veruneindeutigung“ von Geschlecht ist ein Ziel der Gender Ideologien. Siehe z.B. Heidel, U. et al., Jenseits der Geschlechtergrenzen, Hamburg 2001.

7 Dahinter steht eine Vorstellung der Gender Ideologie, der Mensch könne sein Leben abgelöst vom biologischen Geschlecht verstehen und leben, er könne „unabhängig“ vom gegebenen Geschlecht sein.

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