Geschlechtsdysphorie bei Kindern und die Unterdrückung einer Debatte

Michelle A. Cretella

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Anmerkungen zum Artikel von Michelle A. Cretella.

DIJG

In einem Stadtkreis in England wurden mehrere hundert Familien aufgefordert, zum Schulanfang ihrer Kinder aufzuschreiben, welches Geschlecht ihr Kind bevorzuge. Im Brief an die Eltern hieß es: „Wir erkennen es an, dass nicht alle Kinder sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Möglicherweise identifiziert sich ein Kind auch mit einem Geschlecht, das weder männlich noch weiblich ist, allerdings verzeichnet unser augenblickliches, landesweites System nur die Geschlechter männlich und weiblich. Bitte unterstützen Sie ihr Kind darin, dasjenige Geschlecht zu wählen, mit dem es sich am meisten identifiziert.“ 1

In England nimmt die Zahl der unter 10-jährigen Kinder, die an Gender-Kliniken verwiesen werden, wo die Möglichkeit eines „Geschlechtswechsels“ erwogen wird, rasant zu.2

In Deutschland haben einige Psychiater vorgeschlagen, der Gesetzgeber solle es jedem von Geschlechtsdysphorie Betroffenen freistellen, über den eigenen Vornamen und die eigene Geschlechtszugehörigkeit selbst zu entscheiden. Die psychiatrischen Gutachten, die bislang für einen Antrag auf einen juristischen Geschlechtswechsel erforderlich sind, müssten entfallen. Der neue Vorschlag entspreche dem Recht auf „Selbstbestimmung“ und stehe im Einklang mit „gender-theoretischen Argumenten“. Um sicherzustellen, dass der Wunsch nach einem Geschlechtswechsel „dauerhaft“ ist, sollte der Antrag, der beispielsweise beim Standesamt einzureichen sei, nach 6 Monaten vom Antragsteller nochmal bestätigt werden müssen, bevor das Standesamt ihm stattgibt. Bei Kindern „unter 14 Jahren, bei denen der transsexuelle Wunsch noch instabil sein kann“, sollte die Wartezeit
12 Monate betragen, bevor das Standesamt dem Antrag auf juristischen Geschlechtswechsel stattgibt.3 Allerdings gibt es auch Einwände gegen diese „fundamentale Weichenstellung“.4

Was bedeuten diese Entwicklungen nun für die betroffenen Kinder und Jugendlichen? Was heißt es für Kinder und Jugendliche, die eine „Geschlechtsdysphorie“, d.h. ein „starkes Unbehagen“ in Bezug auf die Identifizierung mit ihrem, biologisch ja gesunden Geschlecht, haben, dass sie jetzt ihr „Geschlecht wechseln“ dürfen? Was heißt es, wenn sie dem neuen „Behandlungsprotokoll“ ausgesetzt sind, das immer mehr zur Standardbehandlung bei „Geschlechtsdysphorie“ wird: Pubertäts-
blocker ab 11 oder 12 Jahren und gegen-geschlechtliche Hormone ab 16 Jahren?

Die Pädiaterin Michelle A. Cretella, M.D., hat die Entwicklungen in den USA – die teilweise auch in Deutschland laufen – in einem hochaktuellen, im Sommer 2016 erstmalig veröffentlichten Beitrag fundiert beschrieben.5

Zwei Vormerkungen:

1.    Diagnostische Begriffe

In der US-amerikanischen Diagnoseliste für psychische Erkrankungen (DSM) wurde 2013 der Begriff der „Geschlechtsidentitätsstörung“ durch „Geschlechtsdysphorie“ (Gender dysphoria) ersetzt – ein Begriff, bei dem nicht mehr die objektive Störung, sondern das subjektive Unbehagen mit dem eigenen Geschlecht im Vordergrund steht. In der in Deutschland und anderen Ländern gültigen Diagnoseliste ICD ist die Geschlechtsidentitätsstörung im Erwachsenen- und Kindesalter weiterhin aufgelistet. Für letztere heißt es: „Diese Störung zeigt sich während der frühen Kindheit, immer lange vor der Pubertät. Sie ist durch ein anhaltendes und starkes Unbehagen über das zugefallene Geschlecht gekennzeichnet, zusammen mit dem Wunsch oder der ständigen Beteuerung, zum anderen Geschlecht zu gehören.“ 6

2. Ist eine Geschlechtsidentitätsstörung (Geschlechtsdysphorie) angeboren?

Immer wieder wird behauptet, Gehirnstudien hätten gezeigt, dass transsexuelle Empfindungen (Geschlechtsdysphorie) angeboren seien, denn man habe festgestellt, dass die Gehirne transsexuell lebender Personen in bestimmten Mikrostrukturen anders seien als die Gehirne anderer Frauen und Männer.

Tatsächlich hat man in einigen Studien Unterschiede gefunden zwischen den Gehirnen transsexuell lebender Personen und den Gehirnen heterosexuell lebender Frauen und Männer. Sämtliche Studien wurden bei erwachsenen transsexuellen Personen durchgeführt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Unterschiede das Ergebnis transsexuellen Verhaltens sind, nicht ihre Ursache.

Es ist gut belegt, dass sich die Mikrostrukturen im Gehirn in Abhängigkeit von Erfahrungen und Verhalten formen und auch lebenslang verändern können.

So hat man bei Taxifahrern in London nachgewiesen, dass der Teil ihres Gehirns, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, größer ist als bei anderen Menschen; bei Geigenspielern ist derjenige Bereich im Gehirn vergrößert, der die Fingerbewegungen der linken Hand steuert.  

Man konnte nachweisen, dass sich in den letzten zehn Jahren bei Jugendlichen derjenige Bereich ihres Gehirns, der für den Daumen zuständig ist, deutlich vergrößert hat und es dort immer dichtere neuronale Vernetzungen gibt. Grund ist, dass Jugendliche viele SMS schreiben und dazu fleißig den Daumen bewegen. Verhalten, das immer wieder ausgeübt wird, so der Hirnforscher Gerald Hüther, „hinterlässt Spuren im Gehirn“. Neuroplastizität ist grund-legend für unser heutiges Verständnis des menschlichen Gehirns: Neuronale Verbindungen, die für bestimmtes Verhalten gebraucht werden, werden zu „Autobahnen“ im Gehirn; neuronale Verbindungen, die nicht gebraucht werden, „schrumpeln weg“.7

Was die Studien über Gehirnveränderungen bei transsexuell lebenden Personen betrifft, so schreibt der neuseeländische Experte Neil Whitehead zusammenfassend: Die bei transsexuell lebenden Personen in einigen (nicht in allen) Studien gefundenen Unterschiede („feminisierte“ Gehirne bei transsexuell lebenden Männern, „maskulinisierte“ Gehirne bei transsexuell lebenden Frauen, wobei es in den Gruppen große Überlappungen gab) können am ehesten durch übermäßige Beschäftigung mit bestimmten Gedanken, Phantasien und Verhalten erklärt werden. In einer neueren Studie mit einer bestimmten Untergruppe von Mann-zu-Frau-Transsexuellen wurde allerdings jetzt festgestellt, dass ihre Gehirne nicht feminisiert, sondern typisch männlich waren.8 Dafür fand man Unterschiede in Gehirnregionen, die möglicherweise für die eigene Körperwahrnehmung zuständig sind, weil diese Regionen auch bei Personen, die sehr viel meditieren und sich auf ihren Körper konzentrieren, vergrößert sind. Das permanente Beschäftigtsein mit dem eigenen Körperbild und das beständige Verlangen, das eigene Geschlecht zu „wechseln“, so Whitehead, können die Mikrostrukturen im Gehirn verändern und möglicherweise die in dieser Studie gefundenen Unterschiede zwischen transsexuell lebenden Personen im Vergleich mit anderen Personen erklären.9

DIJG

Anmerkungen

1    “Now children as young as four are asked to choose what gender they are before they start school – with the option of being something other than male or female.” www.dailymail.co.uk/news/article-3548962/Now-
children-young-FOUR-asked-choose-gender-start-school.html. Zugriff 1.8.2016

2    “Children aged three get transgender therapy on NHS: Pre-school infants among 167 youngsters aged 10 or under who received treatment last year.” www.dailymail.co.uk/news/article-3572312/Children-aged-three-transgender-therapy-NHS-Pre-school-infants-167-youngsters-aged-10-received-treatment-year.html. Zugriff 1.8.2016

3    Siehe: Meyenburg, B. et al., „Begutachtung nach dem Transsexuellengesetz“. Zeitschrift für Sexualforschung, 2015, 28, S. 107-120.

4    Siehe: Korte, A. et al., „Zur Debatte über das TSG: Abschaffung der Begutachtung zur Vornamensänderung auch bei Minderjährigen mit der Diagnose Geschlechtsidentitätsstörung?“ Zeitschrift für Sexualforschung, 2016, 29, S. 48-56.

5    Cretella, M. A., Gender Dysphoria in Children and Suppression of Debate. J. of Am. Physicians and Surgeons, Summer 2016, 21 (2). www.jpands.org/vol21no2/cretella.pdf. Für die deutsche Ausgabe wurde der Text leicht gekürzt.

6    www.icd-code.de/icd/code/F64.2.html

7    Interview mit Gerald Hüther in GEO Kompakt. www.gerald-huether.de/populaer/veroeffentlichungen-von-gerald-huether/zeitschriften/geo-kompakt-interview-gerald-huether. Zugriff 1.8.2016

8    Es geht um die Studie von Savic, I. und Arver, S., Sex Dimorphism of the Brain in Male-to-Female Transsexuals. In: Cerebral Cortex, 2011, 21 (11), S. 2525-2533. Weiteres siehe die Analyse von Whitehead.

9    Whitehead, N., Is transsexuality biologically determined? www.mygenes.co.nz/transsexuality.htm. Zugriff 1.8.2016
    Whitehead, N., Are transsexual brains different? ia600304.us.archive.org/12/items/KT-IA-Wordpress/Are-transsexualBrains-different.pdf. Zugriff 1.8.2016

Geschlechtsdysphorie bei Kindern und die Unterdrückung einer Debatte

Michelle A. Cretella

Abstract

Geschlechtsdysphorie [Geschlechtsidentitätsstörung] im Kindesalter ist ein psychischer Zustand, bei dem ein Kind eine ausgeprägte Nichtübereinstimmung zwischen seiner empfundenen Geschlechtsidentität und seinem biologischen Geschlecht erlebt. Tritt das vor der Pubertät auf, löst sich eine Geschlechtsdysphorie in den meisten Fällen in der späten Adoleszenz auf. Derzeit gibt es eine heftige, aber nicht offen geführte Debatte unter Ärzten, Therapeuten und Wissenschaftlern über das, was mehr und mehr Standardtherapie für die Geschlechtsdysphorie bei Kindern zu werden scheint: In Anlehnung an ein in den Niederlanden entwickeltes Behandlungsprotokoll wird Kindern zunächst ein GnRH-Agonist gegeben – ein Medikament, das die Pubertätsentwicklung blockiert – und dann gegengeschlechtliche Hormone. In der Kombination beider führt das zur Sterilisation von Minderjährigen. Der im Folgenden dargestellte Überblick über die Fachliteratur legt nahe, dass dieses Behandlungsprotokoll auf den Vorstellungen der unwissenschaftlichen Gender-Ideologie beruht, nicht evidenzbasiert ist und das bislang geltende ethische Prinzip „vor allem schade nicht!“ verletzt.

Geschlechtsdysphorie bei Kindern

Geschlechtsdysphorie bei Kindern ist ein psychischer Zustand, bei dem Kinder eine ausgeprägte Nichtübereinstimmung zwischen ihrer gefühlten Geschlechtsidentität und ihrem biologischen Geschlecht erleben. Oft äußert ein Kind die Auffassung, es gehöre eigentlich zum anderen Geschlecht.

In der Debatte über die angemessene Behandlung spielen nicht nur wissenschaftliche, sondern auf allen Seiten auch weltanschauliche Argumente eine Rolle.

Einige Befürworter der medizinischen Interventionen vertreten eine subjektive Auffassung des ärztlichen Prinzips „vor allem schade nicht“. So erklärt Johanna Olson-Kennedy, Fachärztin für Jugendmedizin am „Children’s Hospital Los Angeles“: Das Prinzip, vor allem schade nicht, „ist in Wirklichkeit etwas Subjektives. Historisch kommen wir von einer sehr paternalistischen Sichtweise her … Ärzte dürfen entscheiden, was schadet und was nicht. In Bezug auf die Geschlechter-Welt ist das wirklich problematisch.“ 1

Geschlechtsfluidität: Gibt es eine wissenschaftliche Grundlage?

Forcier und Olson-Kennedy lehnen das binäre Modell der menschlichen Sexuaität als „Ideologie“ ab. Stattdessen stellen sie eine „alternative Perspektive“ vor, wonach die „angeborene Geschlechtsfluidität“ eine feststehende Tatsache sein soll. Mit Verweis auf Hirnstudien bei erwachsenen transgender Personen raten sie Kinderärzten, den Eltern zu sagen, das wirkliche Geschlecht eines Kindes sei das vom Kind gefühlte Geschlecht, denn „es kann bei einem Kind vorkommen, dass Gehirn und Körper nicht auf derselben Wellenlänge liegen“.2

Eine Studie von G. Rametti hat gezeigt, dass die Mikrostruktur der weißen Sub-stanz im Gehirn von Frau-zu-Mann-Transsexuellen mehr Ähnlichkeiten mit der Gehirnstruktur von Männern hatte als mit der von Frauen. Andere, auch auf diffusionsgewichteter Magnetresonanztomografie (MRT) beruhende Studien sind zu dem Schluss gekommen, dass die Mikro-struktur der weißen Substanz im Gehirnbei transsexuell lebenden Personen (sowohl bei Frau-zu-Mann als auch bei Mann-zu-Frau) irgendwo in der Mitte zwischen männlich und weiblich liegt. Allerdings ist die Aussagekraft dieser Studien fraglich – einmal wegen der geringen Zahl der Teilnehmer und dann aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns. Als Neuroplastizität bezeichnet man das gut belegte Phänomen, dass langfristiges Verhalten die Mikrostrukturen des Gehirns verändert. Falls sich in validen Studien zeigen sollte, dass Mikrostrukturen im Gehirn transsexueller Personen wirklich anders sind als bei anderen Personen, ist das wahrscheinlich eher das Ergebnis bestimmten Verhaltens als dessen Ursache. Im Klartext: Die „alternative Perspektive“ einer „angeborenen Geschlechtsfluidität“ durch vorgeburtlich „feminisierte“ oder „maskulinisierte“ Gehirne, die im falschen Körper gefangen seien, ist eine auf Ideologie basierende Mutmaßung, die exakter Wissenschaft nicht standhält.

Eine teleologisch3 orientierte Auffassung von menschlicher Sexualität bezieht sich auf die biologische Realität. Die Norm für das menschliche Design ist entweder männlich oder weiblich. Die Geschlechtschromosomen-Paare XX und XY sind genetische Marker für das Geschlecht, männlich oder weiblich. Sie sind keine genetischen Marker eines defekten Körpers oder Zeichen eines Geburtsfehlers. Menschliche Sexualität ist binär, damit sich das menschliche Lebewesen fortpflanzen kann. Dieses Prinzip ist offensichtlich. Abgesehen von den sehr seltenen Formen der Intersexualität, wird keinem Kind bei der Geburt ein Geschlecht „zugewiesen“. Das Geburtsgeschlecht ist von Anfang an anatomisch festgelegt, bei der Geburt wird das nur festgestellt.

Die außerordentlich seltenen Formen der Intersexualität – etwa Testikuläre Feminisierung oder Congenitale Adrenale Hyperplasie – sind allesamt medizinisch eindeutig nachweisbare Abweichungen von der binären Norm des Geschlechts. Es gehört zur Entwicklung des Kindes, dass es lernt, seine Gedankenwelt mit der physischen Realität und ebenso seine empfundene Geschlechtsidentität mit seinem biologischen Geschlecht in Übereinstimmung zu bringen. Menschen, die das Gefühl haben, sie würden zum anderen Geschlecht gehören oder „zwischen den Geschlechtern“ liegen, bilden kein drittes Geschlecht. Sie bleiben biologische Männer oder biologische Frauen.

Keine objektiven Standards für Therapeuten?

In der Psychologie wird die Vorstellung von Normen für psychische Gesundheit immer mehr abgelehnt. Stattdessen konzentriert man sich auf die Frage der seelischen Belastung. So schreibt die Amerikanische Psychiater-Vereinigung (APA) im DSM-5, Geschlechtsdysphorie sei dort als psychische Erkrankung aufgeführt – nicht wegen der Diskrepanz zwischen Gedankenwelt und körperlicher Realität, sondern wegen des emotionalen Stresses, den der Betroffene empfindet. Emotionale Belastung, so die APA, beeinträchtige das Sozialverhal-ten. Zudem benötigten Krankenversiche-rungen eine Diagnose, um die Kosten für die Behandlung mit gegengeschlechtlichen Hormonen und die Operationen übernehmen zu können, denn diese sollen den emotionalen Stress lindern. Wenn ein Mensch von seinem Stress befreit sei, sei Geschlechtsdysphorie nicht mehr als Störung anzusehen.

Diese Argumentation ist problematisch, man denke nur an folgende Beispiele: Ein Mädchen mit Magersucht ist hartnäckig überzeugt, zu dick zu sein. Ein Mensch mit einer körperdysmorphen Störung 4 hält an der irrationalen Überzeugung fest, sehr hässlich zu sein. Ein Mensch mit einer Körperintegritäts-Identitätsstörung (BIID) ist von dem Gedanken beherrscht, eigentlich behindert, jedoch in einem voll funktionsfähigen Körper gefangen zu sein.5 Personen mit BIID erleben sich häufig als seelisch außerordentlich durch ihren funktionsfähigen Körper belastet und fordern eine chirurgische Amputation ihrer gesunden Gliedmaßen oder die operative Durchtrennung ihrer Wirbelsäule.6 Dr. Anne Lawrence, die sich als transgender Person bezeichnet, ist der Auffassung, dass es viele Parallelen zwischen BIID und Geschlechtsdysphorie gibt.7 Die genannten hartnäckigen, dennoch irrigen Überzeugungen sind aber, ebenso wie die Geschlechtsdysphorie, eben nicht nur eine seelische Belastung für die betroffene Person, sondern potentiell lebensbedrohend. Chirurgische Eingriffe zur „Bestätigung“ der falschen Annahmen (Fettabsaugung bei Magersucht, kosmetische Operationen, Amputation von gesunden Gliedmaßen, chirurgisch herbeigeführte Querschnittslähmungen oder „geschlechtsumwandelnde“ Operationen) mögen sehr wohl die seelische Belastung des Patienten mindern, lösen aber nicht das zugrundliegende psychische Problem und können das Leben eines Menschen aufs Spiel setzen.

Wenn Psychotherapie keine Kopplung mehr an die körperliche Realität ihrer Patienten hat, wird ihre Kunst immer mehr verschwinden, weil die Psychologie ihre eigenen Aufgaben an medizinische Interventions-Spezialisten abgegeben hat – mit verheerenden Folgen für die Patienten.  

Vielleicht kann man sich auf einen gemeinsamen Minimalstandard einigen. Normal ist, so wurde einmal definiert, „wenn etwas seinem Design entsprechend funktioniert“. 8 Eine der wichtigsten Funktionen des Gehirns besteht darin, die physische Realität angemessen wahrzunehmen, zu erfassen. Gedanken, die mit der physischen Realität übereinstimmen, bezeichnen wir als normal. Eine Gedankenwelt, die von der physischen Realität abweicht, ist nicht normal; sie kann [wie an den Beispielen oben dargelegt] der betroffenen Person und anderen schaden. Dies ist unabhängig von der Tatsache, ob ein Mensch, der in einer solchen Gedankenwelt lebt, eine emotionale Belastung spürt oder nicht. Wenn eine Person glaubt, etwas zu sein, was sie nicht ist, weist das bestenfalls auf ein verwirrtes Denken hin, schlimmstenfalls auf eine Wahnvorstellung.

Kinder mit Geschlechtsdysphorie haben keinen Defekt ihres Körpers [der medizinisch behandelt werden müsste], auch wenn sie das Gefühl haben, dem sei so. Auch die seelische Belastung eines Kindes darüber, sekundäre Geschlechtsmerkmale zu entwickeln, sollte nicht dazu führen, die einsetzende Pubertät wie eine Krankheit zu behandeln und zu stoppen. Pubertät ist keine Krankheit. Und auch wenn viele Männer mit Geschlechtsdysphorie sagen, sie seien ein „weibliches Wesen“, das in einem männlichen Körper gefangen sei, hat diese Überzeugung doch keine wissenschaftliche Grundlage.

Bis vor kurzem war es üblich, bei Kindern mit Geschlechtsdysphorie entweder beobachtend abzuwarten oder aber eine Familien- und Einzeltherapie anzubieten.9 Ziel der Therapien war es, herauszufinden, ob es in der Familie psychische Probleme gibt und diese zu behandeln; psychosozia-le Erkrankungen des Kindes zu behandeln; und dem Kind zu helfen, seine empfundene Geschlechtsidentität mit seinem biologischen Geschlecht in Übereinstimmung zu bringen.10 Experten auf beiden Seiten der Debatte sind sich einig, dass 80 % bis 95 % Prozent der Kinder, die an Geschlechtsdysphorie leiden, in der späten Adoleszenz ihr biologisches Geschlecht annehmen können.11

Dessen ungeachtet gibt es heute in den USA vierzig Gender-Kliniken, die pubertätshemmende und gegengeschlechtliche Hormone bei Kindern einsetzen. Begründet wird die Pubertätshemmung damit, dass man einem Kind mit Geschlechtsdysphorie Zeit geben will, seine Geschlechtsidentität zu erkunden, ohne dass es den emotionalen Stress hat, der durch die beginnende Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale bei ihm ausgelöst wird. Die in diesen Kliniken befolgten Standards beruhen auf „Expertenmeinungen“. Es gibt keine einzige große, randomisierte und kontrollierte Studie, die die angeblichen Vorteile – oder möglichen Schädigungen – belegt, die sich durch die medikamentöse Pubertätshemmung und die jahrzehntelange Einnahme gegen-geschlechtlicher Hormone für Kinder mit Geschlechtsdysphorie ergeben. In unserer Zeit der „evidenzbasierten Medizin“ sollte das jedem zu denken geben. Noch bedenklicher ist, dass die Pubertätsunterdrückung im Tanner-Stadium 2 12 erfolgt und anschließend die Einnahme von gegengeschlechtlichen Hormonen, was bei den betroffenen Kindern zur Sterilität führt, weil Keimdrüsengewebe, Eizellen und Spermien sich gar nicht entwickeln können.13

Die Neurophysiologie hat deutlich gezeigt, dass die Gehirne von Jugendlichen in der Pubertät in kognitiver Hinsicht noch unreif sind. Die Fähigkeit von Erwachsenen, Risiken langfristig einschätzen zu können, ist erst im Alter von Anfang oder Mitte zwanzig entwickelt.14 Wenn nicht rückgängig zu machende, lebensverändernde Maßnahmen bei Minderjährigen durchgeführt werden, die zu jung sind, um eine fundierte Einwilligung geben zu können, liegt ein schwerwiegendes ethisches Problem vor. Zudem gilt: Wenn ein Mensch sterilisiert wird, und sei es auch als sekundäre Konsequenz einer Therapie, ohne dass er dafür eine umfassende, freiwillige und „informierte“ Einwilligung geben kann, handelt es sich um einen Verstoß gegen internationales Recht.15

Seit 2007 gibt es [in den Gender-Kliniken] das Behandlungsprotokoll der Pubertäts-unterdrückung. Zunächst werden der Vorname und die zugehörigen Pronomina des Kindes geändert, wodurch das Kind in seiner irrigen Auffassung bestärkt wird. Es wird dann darin unterstützt, in seinem Umfeld in der Rolle des anderen Geschlechts zu leben. Wenn das Kind das Tanner-Stadium 2 erreicht hat, wird die Pubertätsentwicklung gestoppt. Ab dem Alter von 16 Jahren können gegengeschlechtliche Hormone gegeben und in der späten Adoleszenz oder im Erwachsenenalter „geschlechtsumwandelnde Operationen“ durchgeführt werden. Die Richtlinien der „Endocrine Society“ verbieten gegengeschlechtliche Hormone vor dem Alter von 16 Jahren, allerdings wird dies gerade neu bedacht. Einige Gender-Experten umgehen bereits jetzt die Phase der Pubertätsblocker und beginnen schon bei Kindern ab 11 Jahren mit der Verabreichung von gegengeschlechtlichen Hormonen.

Risiken von GnRH-Agonisten

Die zur Pubertätshemmung eingesetzten Medikamente [GnRH-Agonisten, die alle gespritzt werden müssen] verhindern nicht nur die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale. Sie hemmen auch das Knochenwachstum, verringern die Knochendichte, verhindern die von den Geschlechtshormonen abhängige Organisation und Reifung des adoleszenten Gehirns und blockieren die Fruchtbarkeit, indem sie für die Dauer der Behandlung die weitere Entwicklung des Keimdrüsengewebes und das Entstehen reifer Keimzellen verhindern. Wird die Einnahme von GnRH-Agonisten beendet, setzt sich die Pubertätsentwicklung fort.16 Die „Endocrine Society“ behauptet deshalb, GnRH-Agonisten zu bekommen und in der sozialen Rolle des anderen Geschlechts zu leben, sei kein Risiko und berge auch keinen dauerhaften Schaden für das Kind, denn die Maßnahmen seien völlig reversibel.17

Soziale Lerntheorien, die Neurowissenschaften und die einzige Langzeitstudie, die es gibt, mit Jugendlichen, bei denen eine Pubertätshemmung durchgeführt wurde, stellen diese Behauptung aber in Frage. In der Studie zeigte sich, dass sämtliche der siebzig Jugendlichen, die für die Gabe von Pubertätsblockern als geeignet befunden wurden, eine Transgender-Identität annahmen und die Einnahme gegengeschlechtlicher Hormone wünschten.18 Das gibt Anlass zur Sorge. Einen Jungen mit Geschlechtsdysphorie darin zu bestärken, in sozialer Hinsicht ein Mädchen zu imitieren und dann eine Pubertätshemmung einzuleiten, hat etwas Selbsterfüllendes. Die konstant wiederholte Verkörperung des sozialen Lebens eines Mädchens wird – das ist aus dem gut belegten Phänomen der Neuroplastizität abzuleiten – das Gehirn des Jungen strukturell und funktionell verändern – möglicherweise so, dass eine Identifizierung mit dem eigenen biologischen Geschlecht unwahrscheinlicher wird. Dadurch und durch die gleichzeitig stattfindende Pubertätsunterdrückung, die die weitere endogene Maskulinisierung seines Gehirns verhindert, verharrt der Betroffene im Zustand eines nicht-geschlechtskonformen, präpubertären Jungen, der sich als präpubertäres Mädchen ausgibt. Da sich die Gleichaltrigen in seinem Umfeld zu jungen Männern und Frauen weiterentwickeln, bleibt er psychosozial isoliert zurück. Er ist immer weniger in der Lage, sich als männlich zu identifizieren, und wird sich eher als „nicht-männlich“ identifizieren. Ein medizinisches Behandlungsprotokoll mit Imitation und Pubertätsunterdrückung, das auf ein einziges, unvermeidliches Ziel, die Identifizierung als Transgender, hinausläuft, das die lebenslange Verabreichung synthetischer Geschlechtshormone erfordert und zur Unfruchtbarkeit führt, ist weder ganz reversibel noch unschädlich.

GnRH-Agonisten, gegengeschlechtliche Hormone und Unfruchtbarkeit

Da GnRH-Agonisten die Reifung des Keimdrüsengewebes und der Keimzellen bei beiden Geschlechtern verhindern, werden Jugendliche, die im Tanner-Stadium 2 Pubertätsblocker und danach gegengeschlechtliche Hormone erhalten, unfruchtbar sein. Erhalten präpubertäre Kinder direkt gegengeschlechtliche Hormone, geschieht dasselbe. Jugendlichen in der späten Adoleszenz, die keine Pubertätsblocker erhielten, legen [die Gender-Kliniken] nahe, dass sie ihre Keimzellen für eine mögliche spätere künstliche Befruchtung einfrieren lassen können, bevor sie mit gegengeschlechtlichen Hormonen beginnen.

Schlussfolgerung

Es gibt keine stringenten wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine Geschlechtsdysphorie angeboren ist. 80 % bis 95 % der Kinder mit Geschlechtsdysphorie werden am Ende ihrer Adoleszenz ihr biologisches Geschlecht akzeptieren. Wenn Kinder und Jugendliche, die eine Geschlechtsdysphorie haben, mit Hormonen [Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen] behandelt werden, ist das in Wirklichkeit ein Massenexperiment an Minderjährigen inklusive ihrer Sterilisation. Lebensverändernde, nicht rückgängig zu machende medizinische Maßnahmen an Minderjährigen zu erlauben, die zu jung sind, um eine gültige Einwilligung zu geben – das ist ein schwerwiegendes ethisches Problem.

Anmerkungen

1    GenderTrender. Skipping the puberty blockers: American “transgender children” doctors are going rogue; 04.112014. Abrufbar unter: https://gendertrender.wordpress.com/2014/11/11/skipping-the-puberty-blockers-american-transgender-children-doctors-are-going-rogue. Zugriff 15.05.2016

2    Forcier M., Olson-Kennedy J., Overview of gender development and gender nonconformity in children and adolescents. UpToDate; 2016. Abrufbar unter: www.uptodate.com/contents/overview-of-gender-development-and-clinical-presentation-of-gender-nonconformity-in-children-and-adolescents?source=search_result&search=Overview+of+gender+nonconformity+in+children&selectedTitle=2%7E150. Zugriff 16.05.2016

3    Teleologie: auf ein Ziel, einen Sinn, Zweck hingeordnet. Anm. DIJG.

4    Dysmorphophobie: Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Die Betroffenen nehmen ihren Körper oder einzelne Körperteile als hässlich oder entstellt wahr. Sie leiden wegen dieser Einschätzung oft unter zwanghaften Gedanken, die bis zu mehrere Stunden am Tag andauern können. Zudem zeigen sie oft ritualisierte Verhaltensweisen: Überprüfen des Erscheinungsbildes im Spiegel oder anderen reflektierenden Oberflächen, Vergleichen des eigenen Aussehens mit dem von anderen Personen. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Dysmorphophobie. Anm. DIJG.

5    Unter „Body Integrity Identity Disorder“ (Körperintegritäts-Identitätsstörung), Kurzform BIID, versteht man das Bedürfnis eines Menschen, seinen Körper zu verändern. Ein anschauliches Beispiel findet sich hier: „Sehnsucht nach dem idealen Schnitt – Manche Menschen fühlen sich gefangen in ihrem gesunden Körper. Sie wollen zum Krüppel werden, weil sie ein Leben mit Behinderung als Herausforderung sehen.“ www.sueddeutsche.de/leben/amputation-sehnsucht-nach-dem-idealen-schnitt-1.376310. Anm. DIJG.

6    Blom R. M., Hennekam R. C., Denys D., Body integrity identity disorder. PLoS One 2012; 7 (4).

7    Lawrence A., Clinical and theoretical parallels between desire for limb amputation and gender identity disorder. Arch Sexual Behavior 2006, 35, S. 263-278.

8    King CD, The meaning of normal, Yale J Biol Med 1945, 18, S. 493-501.

9    Shechner T., Gender identity disorder: a literature review from a developmental perspective. Isr J Psychiatry Relat Sci 2010, 47, S. 132-138. – American Psychiatric Association, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th ed, 2013, S. 451-459.

10    Zucker K. J., Bradley S. J., Gender identity and psychosexual disorders. Focus 2005, 3, S. 598-617. – Zucker K. J., Bradley S. J., Ben-Dat D. N. et al., Psychopathology in the parents of boys with gender identity disorder. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2003, 42, S. 2-4.

11    Siehe Cohen-Kettenis P. T., Delemarre-van de Waal H. A., Gooren L. J., The treatment of adolescent transsexuals: changing insights. J Sexual Med 2008, 5, S. 1892–1897.
    [Die Mehrheit der Adoleszenten wird homosexuelle oder bisexuelle Empfindungen entwickeln. Siehe u.a. Wallien, M.S.C., Psychosexual outcome of gender-dysphoric children. In: J. Am. Acad. Child Adolesc. Psychiatry, 47, 12, 2008, S. 141-1423. Anm. DIJG]

12    Im Tanner-Stadium 2 sind in der Regel die Mädchen 8-14 Jahre alt (mittleres Alter 11), die Jungen 9-14 Jahre alt (mittleres Alter 12). Tanner-Stadien: Offizielle Einteilung der Pubertätsentwicklung, benannt nach dem britischen Arzt James Tanner. Siehe auch: www.kindergynaekologie.de/fachwissen/korasion/2007/sexuelle-reifungszeichen-als-marker-fuer-das-biologische-alter. Anm. DIJG. 

13    Eyler A. E., Pang S. C., Clark A., LGBT assisted reproduction: current practice and future possibilities. LGBT Health 2014, 1(3), S. 151-156. – Schmidt L., Levine R., Psychological outcomes and reproductive issues among gender dysphoric individuals. Endocrinol Metab Clin N Am 2015, 44, S. 773-785. – Jeffreys, S., The transgendering of children: gender eugenics. Women’s Studies International Forum 2012, 35, S. 384-393.

14    Johnson S. B., Blum R. W., Giedd J.N., Adolescent maturity and the brain: the promise and pitfalls of neuro-science research in adolescent health policy. J Adolesc Health 2009, 45(3), S. 216-221.

15    World Health Organization, Eliminating forced, coercive and otherwise involuntary sterilization, Interagency Statement, 2014. Abrufbar unter: www.unaids.org/sites/default/files/media_asset/201405_sterilization_en.pdf. Zugriff 16.05.2016

16    Schmidt L., Levine R., Psychological outcomes and reproductive issues among gender dysphoric individuals. Endocrinol Metab Clin N Am 2015, 44, S. 773-785. – Hembree W. C., Cohen-Kettenis P. T., Delemarre-van de Wall H. A. et al., Endocrine treatment of transsexual persons: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab 2009, 94, S. 3132-3154.

17    Hembree W. C., Cohen-Kettenis P. T., Delemarre-van de Wall H. A. et al., Endocrine treatment of transsexual persons: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab 2009, 94, S. 3132-3154.

18    De Vries A. L. C., Steensma T. D., Doreleijers T. A. H., Cohen-Kettenis, P. T., Puberty suppression in adolescents with gender identity disorder: a prospective follow-up study. J Sex Med 2011, 8, S. 2276-2283.

Von

  • Michelle A. Cretella

    Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in Rhode Island / USA.
    Präsidentin des „American College of Pediatricians“.
    Vorstandsmitglied in der „Alliance for Therapeutic Choice“.

    Alle Artikel von Michelle A. Cretella

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