Transsexualität: Phantasie eines Geschlechtswechsels

Christl Ruth Vonholdt

Vor wenigen Wochen gab Balian Buschbaum in der F.A.Z. ein Interview. Noch vor einem Jahr hieß er Yvonne und war die wohl talentierteste deutsche Stabhochspringerin. Um ihr „Leben im falschen Körper“ hinter sich zu lassen, sagte sie, entschloss sie sich zu einer „Geschlechtsumwandlung“.1 Der SPIEGEL berichtete vor gut einem Jahr über einen erst vierzehnjährigen Jungen in Deutschland, der Hormone für eine „Geschlechtsumwandlung“ erhält und beim Schulamt offiziell unter dem Mädchennamen „Kim“ geführt wird. Im Untertitel des SPIEGEL-Aufsatzes heißt es: „Transsexuelle haben schon als Kind das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein.“2 In Australien hat in diesem Jahr ein Gericht entschieden, dass ein zwölfjähriges Mädchen Hormone nehmen darf, um sich zum „Jungen“ umwandeln zu lassen. Die Mutter unterstützt das Vorhaben und das Gericht befand, die „Geschlechtsumwandlung“ sei „im besten Interesse“ des Kindes.3

Was ist Transsexualität? Am prägnantesten ist immer noch die knappe Antwort: Es ist die subjektive Auffassung eines Menschen, „im falschen Körper zu leben“. Die Biologie ist eindeutig: Es handelt sich um biologisch gesunde Männer oder gesunde Frauen, aber subjektiv haben sie den anhaltenden Eindruck, sie sollten eigentlich dem anderen Geschlecht angehören.
Bis heute gibt es keine Hinweise darauf, dass Transsexualität eine genetische, hormonelle oder andere organisch-biologische Ursache hätte.
In den derzeit gültigen internationalen medizinischen Klassifikationslisten (DSM-IV-TR und ICD-10) gilt Transsexualität als psychische Erkrankung.4 Sie ist unter dem Oberbegriff „Störungen der Geschlechtsidentität“ zu finden.

Doch fragen wir weiter: Was charakterisiert Transsexualität und wie wirkt sie sich im Leben der Betroffenen aus? Warum haben einige Spezialkliniken in den USA davon Abstand genommen, transsexuell empfindende Menschen zu operieren? Zum Debakel „geschlechtsumwandelnder“ Operationen nimmt der amerikanische Psychoanalytiker Sander Breiner Stellung. Er bestätigt in seinem Artikel Was ist Transsexualität?, was der SPIEGEL so beschreibt: „Manche können gar nicht mehr damit aufhören, ihren Körper zu manipulieren.“5

In seinem Artikel Phantasie eines Geschlechtswechsels beschreibt der deutsche Psychoanalytiker Reinhard Herold den Weg eines Patienten. Herold reflektiert einfühlsam und stimmig die wichtigsten theoretischen Konzepte zur Entstehung von Transsexualität und kommt zu den Schluss: Das transsexuelle Symptom ist die „Spitze des Eisbergs“ eines gravierenden Identitätskonflikts. Der Transsexualität, so Herold, liegt eine schwere, frühe Traumatisierung zugrunde. Der Wunsch nach „Geschlechtsumwandlung“ ist der Versuch, „sich vom gehassten Selbst zu befreien“. Mit dem operativen Eingriff wird die innere Wahrheit des Patienten, nämlich seine massive Identitätsstörung, auf destruktive Weise verleugnet.

Der persönliche Bericht von Lisa N. Ausbruch aus dem Gefängnis der Transsexualität und Homosexualität zeigt, was sicher nicht immer gelingen kann: Eine Frau, die nach „geschlechtsumwandelnder“ Operation als Mann lebt, findet ihren Weg zurück in die weibliche Identität. Deutlich wird der Schmerz, der ihren Weg durchzieht, aber es wird auch etwas von dem Glück sichtbar, das sie dadurch gefunden hat.

Neben der Transsexualität bei Erwachsenen gehört auch die „Geschlechtsidentitätsstörung bei Kindern“ zu den offiziell anerkannten psychischen Erkankungen. Prospektive Studien zeigen, dass Kinder mit einer diagnostizierten Geschlechtsidentitätsstörung (GIS) sich im Erwachsenenalter zu 60-80 Prozent homosexuell oder bisexuell, zu 20-30 Prozent heterosexuell orientieren werden; 6-8 Prozent werden sich als transsexuell empfinden.6

Eine GIS bei Kindern ist aber wesentlich leichter zu therapieren als Transsexualität bei Erwachsenen. Dies belegt der Artikel Geschlechtsidentitätsstörungen bei Kindern des amerikanischen Psychiaters Richard P. Fitzgibbons. Fitzgibbons zeigt auf, dass Kinder mit GIS nicht in einer „geschlechtsneutralen“ Gefühlswelt aufwachsen, sondern ihr Verhalten durch Ängste und Vermeidung bestimmt wird. Seit längerem gibt es Anläufe, die Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung bei Kindern“ aus den offiziellen Diagnosekatalogen herauszunehmen. Es handele sich nicht um eine Identitätsstörung, so ist die Begründung, sondern nur um eine Variante der „Vielfalt geschlechtlicher Möglichkeiten“. Doch wer die Leiden der betroffenen Kinder, wie sie der Artikel beschreibt, nicht einfach abtun will, kommt zu einem anderen Schluss.

Den Artikeln vorangestellt ist der Aufsatz Transsexualität und die Gender-Bewegung, in dem wir die gesellschaftliche Brisanz des Themas beleuchten.

Reinhold Herold schließt seinen Artikel mit der Bemerkung, dass es heute schwierig sei, das Leid transsexueller Menschen zu benennen und für sie einzutreten. Es ist leichter, Leid zu leugnen oder vermeintliche Lösungen anzubieten wie die Operation
oder die Erklärung, dass Transsexualität nur eine Normvariante in einer „Geschlechtervielfalt“ darstelle.
Doch lässt sich auch leidvolle Wahrheit immer nur für eine begrenzte Zeit unterdrücken. Dieses Heft möchte helfen, die tatsächlichen Probleme von Menschen, die sich als transsexuell empfinden, nicht zu leugnen, sondern sie besser zu verstehen.

Anmerkungen

  1. Im Gespräch: Balian Buschbaum, Ich kam mir vor wie ein Pitbull“, FAZ.NET 21.9.2008.
  2. „Fehler in der Himmelsfabrik“, SPIEGEL 4/2007, S. 140-143.
  3. n-tv vom 25.5.2008: www.n-tv.de/Geschlechtsumwandlung_genehmigt_12Jaehrige_will_Junge_sein/250520085711/969148.html
  4. Damit grenzt sich Transsexualität klar von Intersexualität ab, bei der es um eine biologisch nachweisbare Erkrankung geht. Transsexualität und Intersexualität sind also sehr verschiedene Phänomene, auch wenn sie immer wieder in einen Topf geworfen werden.
  5. SPIEGEL 4/2007, S. 143.
  6. Siehe Fiedler, P., Die Entwicklung von Sexualität und Geschlechtsidentität, in: Resch, F. et al., Kursbuch für integrative Kinder- und Jugendpsychotherapie: Schwerpunkt: Sexualität, Weinheim, Okt. 2005, S. 26.

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

    Alle Artikel von Christl Ruth Vonholdt

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