Anthropologische Herausforderungen des Christentums

Interview mit Christl R. Vonholdt, Leiterin des DIJG


Die Fragen stellte die Presse- und Medienabteilung des Bistums Regensburg.

- Frau Vonholdt, was versteht man unter christlicher Anthropologie?

Christliche Anthropologie ist die christliche Lehre vom Menschen. Um den Menschen aus christlicher Sicht zu verstehen, müssen wir uns immer wieder auf die Heilige Schrift zurückbeziehen: Der Mensch ist nur von dem Anderen, von dem her, der nicht Mensch ist, von Gott, seinem Schöpfer und Erlöser, her zu verstehen.

Geschaffen „nach dem Bild Gottes“ soll der Mensch in der sichtbaren Wirklichkeit etwas widerspiegeln vom Wesen Gottes. Dieser Mensch ist – und das ist eine eigentümliche Aussage in Genesis 1,27 – zwar einerseits der je einzelne Mann und die je einzelne Frau, doch gleichzeitig ist der ganze „Mensch“ erst „männliches und weibliches Geschöpf“ gemeinsam. Das können wir mit den beiden Seiten einer Münze vergleichen: Jeder Mann und jede Frau ist Träger der Ebenbildlichkeit Gottes – andererseits jedoch ist der ganze Mensch nach Gottes Ebenbild erst im Zusammen von Mann und Frau gegeben. Seine Geschlechtlichkeit verweist den Menschen von Anfang an auf den Anderen, das andere Geschlecht hin. Diese unbedingte Bezogenheit jeder Person auf das hin, was sie nicht ist – der Mann auf die Frau, die Frau auf den Mann und beide gemeinsam auf den ganz Anderen, auf Gott – ist konstitutives Merkmal christlichen Menschenbildes.

Daraus folgt, dass im Zentrum christlicher Anthropologie Beziehung steht. Sowohl von der Schöpfung als auch von der Erlösung (der Wiederherstellung der Schöpfung) her sucht Gott die Beziehung zum Menschen. Oft wird das im Bild des Bundes und der Bundestreue ausgedrückt. Der Mensch ist dabei aufgerufen, als zwar ungleicher, aber doch aktiv mitgestaltender Partner in diese Beziehung, diesen Bund, einzuwilligen. Weil die unbedingte Bezogenheit im Mittelpunkt steht, spricht die Bibel von Gott und Mensch immer wieder in erstaunlichen, ja unerhörten Bildern wie etwa dem Bild von Vater und Kind oder von Bräutigam und Braut.

Ein weiteres Merkmal christlicher Anthropologie ist die hohe Wertschätzung dessen, was Gott sichtbar geschaffen hat, also der Materie und damit auch der konkreten Leiblichkeit des Menschen. Das hat große Auswirkungen auf die christliche Ethik. 

- Ist eine gemeinsame konfessionsübergreifende christliche Anthropologie möglich? Wenn ja, wie? (aus protestantischer Sicht bzw. aus christlich unkonfessioneller Sicht)

Ich halte eine konfessionsübergreifende Anthropologie für dringend notwendig, um gemeinsam als Christen in der Welt Zeugnis zu geben von unserem Glauben und unserer Hoffnung – von unserem Glauben nicht nur an Gott, sondern auch an die unantastbare, ewige Würde jedes Menschen.
Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Theologin bin, aber ich stelle mir das gar nicht so schwer vor. Wir haben die Heilige Schrift gemeinsam. Wir haben 1500 Jahre Kirchengeschichte gemeinsam. Wir haben sehr viel gemeinsam.

- Worin sehen Sie die größten anthropologischen Herausforderungen der Christen in der heutigen Zeit?

In den Fragen: Was ist Ehe, was ist Familie, Bedeutung der Geschlechtlichkeit und der Sexualität des Menschen, Anfang und Ende des Lebens.

- Kann der Mensch sein Geschlecht selbst bestimmen?

Nein. Das ist eine Illusion. Das Menschliche ist kein Experimentierfeld für den Menschen. Diese Freiheit hat der Mensch nicht. Das ist, als könnte man einem Fisch sagen, er habe die Freiheit, auch in der Luft zu leben. Dem Menschen ist hier eine Grenze gesetzt.
Nur im Annehmen der Grenze, die der eigene Leib vorgibt, lernt beispielsweise ein Kind „Ich“ zu sagen. Entwicklungspsychologisch geschieht das in der frühen Kindheit, in der das Kind durch Berührtwerden seiner Körperoberfläche eine Vorstellung von den Grenzen und der Beschaffenheit seines Körpers erhält. Erst durch den Anderen (durch Mutter und Vater) bekommt das Kind ein Verständnis seiner selbst. Und nur, wo es Ich gibt, gibt es auch Nicht-Ich. So wird der Mensch fähig, Beziehungen einzugehen.

Nach dem Transsexuellengesetz darf ein Mensch in Deutschland unter bestimmten Bedingungen seine Geschlechtszugehörigkeit in seinem Personalausweis ändern. Ein Mann beispielsweise darf sich danach als Frau bezeichnen. Die dazu erforderlichen „geschlechtsumwandelnden“ Operationen sind aber letztlich doch Verstümmelungen des Körpers. Auch nach den Operationen trägt jede einzelne Körperzelle dieses Mannes noch die Information, dass er ein Mann ist, auch wenn er äußerlich wie eine Frau aussieht. Die Erfahrung zeigt, dass solche Menschen, wenn sie dann als Frau (oder umgekehrt eine Frau als Mann) leben, oft doch nie ans Ende kommen mit Selbstzweifeln darüber, ob sie jetzt weiblich genug (oder männlich genug) seien. Transsexualität, das Bewusstsein, im „falschen Körper“ zu leben, ist nach der offiziellen Diagnoseliste ICD-10 eine tiefgehende psychische Erkrankung.

Bei den Krankheiten, die medizinisch unter dem Begriff „Intersexualität“ (früher: Hermaphroditismus) zusammengefasst werden, handelt es sich um schwere biologische Erkrankungen. Kinder, die mit dieser Krankheit zur Welt kommen, haben meist ein äußeres Genitale, das nicht eindeutig männlich oder weiblich ist. Nur in einem kleinen Teil dieser Fälle lässt sich auch nach gründlicher medizinischer Untersuchung das Geschlecht nicht eindeutig bestimmen. Aber oft gibt es keine einfache medizinische Lösung. Die meisten Menschen mit Intersexualität sind zudem unfruchtbar.
Es ist aber falsch – wie es heute gelegentlich geschieht – aus diesen insgesamt seltenen Krankheiten zu schließen, der Mensch habe kein gegebenes Geschlecht, sondern könne es sich sozusagen aussuchen. Wer das tut, erklärt zudem einen schwerwiegenden gesundheitlichen Mangel zur Identität.

- Wie steht die christliche Anthropologie zur Homosexualität (Anerkennung der „Homo-Ehe“)?

Ich beziehe mich auf das anfangs Gesagte: Jeder Einzelne ist zwar Träger der Ebenbildlichkeit Gottes – doch gleichzeitig ist der ganze Mensch nach Gottes Ebenbild erst die einmalige Gemeinschaft und Ergänzung von Mann und Frau. Es ist Urberufung des Menschen, kraft seiner Geschlechtlichkeit über sich selbst hinauszuweisen auf das hin, was er nicht ist: auf das andere Geschlecht und letztlich damit auch auf Gott, den ganz Anderen1. Jean Vanier hat die Ehe als „Ikone Gottes“ in der Welt bezeichnet: Das Zusammen von Mann und Frau ist das Abbild vom Urbild. Homosexuelle Beziehungen, in denen das weibliche oder männliche Gegenüber immer fehlt, können deshalb nicht Abbild vom Urbild sein. Aus anthropologischer (!) Sicht verneinen homosexuelle Beziehungen das unbedingte Hingeordnetsein des Menschen auf das, was er nicht ist: auf das andere Geschlecht und letztlich damit auf den ganz Anderen, Gott. Sichtbarer Ausdruck der unbedingten Bezogenheit auf das andere Geschlecht ist unser Leib.
Aus meiner Sicht können homosexuelle Beziehungen deshalb auch nicht die tiefste Identität eines Menschen als geschlechtliches Wesen, als Frau oder Mann, widerspiegeln. Der Leib steht dem im Wege. 2000 Jahre hat die Kirche deshalb zu Recht gelehrt, dass Nachfolge Jesu nur in zwei Lebensformen gelebt werden soll: in monogamer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau oder in sexueller Enthaltsamkeit. 

Übrigens gibt es bis heute keinen Nachweis dafür, dass Homosexualität angeboren wäre. Sehr vieles deutet darauf hin, dass homosexuelle Gefühle wesentlich mit frühkindlichen Verletzungen, insbesondere einem Bindungsmangel an den gleichgeschlechtlichen Elternteil zu tun haben. Nicht selten können Menschen, die das wollen, mit geeigneter seelsorgerlicher oder therapeutischer Hilfe eine Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle und die Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials erreichen.

- Was spricht gegen die Polygamie, wie sie z.B. im Islam üblich ist?

Eine echte Gleichberechtigung und Beziehung auf Augenhöhe ist aus meiner Sicht nur bei einer Gleich-Gewichtung möglich: ein Mann und eine Frau.

Ich möchte auf eine aktuelle Untersuchung aus der Universität von British Columbia (USA) hinweisen, wie sie jetzt im The Telegraph zusammengefasst ist.2 Sie bezieht sich auf polygame Kulturen in Asien und Afrika und ist die bisher umfangreichste Studie zu dieser Frage. Danach sind Kulturen mit Monogamie deutlich konfliktärmer als Kulturen mit Polygamie. In Kulturen, in denen Polygamie vorherrscht, sind Gewalt, soziale Probleme und Kriminalität wesentlich häufiger. Dazu gehören Vergewaltigungen, Menschenraub, Körperverletzungen, Morde und Unterschlagungen. Die kriminellen Handlungen werden vor allem von unverheirateten Männern begangen, die keinen Zugang zur knappen Ressource „Frau“ haben, da andere Männer ja mehrere Frauen haben (und es etwa gleich viele Frauen wie Männer gibt).

Aus meiner eigenen Erfahrung aus den Jahren, in denen ich unter Zulus in Südafrika lebte, möchte ich hinzufügen: Viele Frauen, die in polygamen Beziehungen lebten, litten unter Neid und Eifersucht auf die anderen Frauen. Oft herrschte eine große Gleichgültigkeit gegenüber der Ehebeziehung – was wohl auch ein Schutzmechanismus gegen seelische Verletzungen war. Die Beziehungslosigkeit war auffallend. Da die Männer kaum anwesend waren, wuchsen die Kinder meist ohne Väter auf, was ihre Entwicklung negativ beeinflusste.

Die genannte Studie befindet auch: In Kulturen, in denen Monogamie vorherrscht, investieren Männer viel stärker in langfristige Zukunftsplanungen und vor allem in ihre Kinder. In monogamen Ehen ist die Rate an Kindesmissbrauch und -vernachlässigung geringer als in polygamen. Monogame Ehen sind zudem konfliktärmer, was wiederum den Kindern zugute kommt. Im Vergleich mit polygamen Ehen tragen monogame Ehen erheblich zum Kindesschutz und damit zum Kindeswohl bei.

Über das Interview

Das Interview wurde Anfang 2012 im newsletter des Bistums Regensburg veröffentlicht und ist hier gekürzt wiedergegeben.

Anmerkungen

1 Siehe dazu: Henrici, P., Meta-Anthropologie der Geschlechter.

2  http://www.telegraph.co.uk/family/9041460/Monogamy-safer-than-polygamy.html, Zugriff 26.09.2012

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

    Alle Artikel von Christl Ruth Vonholdt

Kostenfreies Abonnement

Die Texte dieser Website sind fast alle in unserer Zeitschrift: „Bulletin. Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“ erschienen. Das Magazin schicken wir Ihnen gerne im kostenfreien Abonnement zu. Das Bulletin erscheint in der Regel ein- bis zweimal im Jahr.

Hier können Sie das Bulletin abonnieren »

Spenden

Unsere Dienste finanzieren sich fast ausschließlich durch Spenden. Mit Ihrem Beitrag helfen Sie uns, unseren Auftrag in Kirche und Gesellschaft auch weiterhin wahrzunehmen. Herzlichen Dank, dass Sie mit uns teilen!

Mit PayPal spenden »
Zur Bankverbindung »