Männlichkeit und Weiblichkeit

Eine Auseinandersetzung mit C. G. Jungs Anima und Animus

Jeffrey Burke Satinover

Männlichkeit und Weiblichkeit sind die Grundpole der Schöpfung, die Gottes eigenes Wesen widerspiegeln. Vor jeder menschlichen Männlichkeit und Weiblichkeit existent, bestimmen sie das menschliche Geschlecht und werden nicht von ihm bestimmt, wie wir oft annehmen. Die Beziehung zwischen männlich und weiblich bestimmt weitgehend die Natur und das Wesen aller Geschöpfe. Am sichtbarsten wird dies bei Schöpfungselementen, die aus zwei physisch unterschiedlichen Einzelwesen bestehen wie zum Beispiel bei der Ehe. Doch gilt es genauso für die Beziehung weiblicher und männlicher Wesenszüge innerhalb jeder einzelnen Person.

Es ist die polare Beziehung zwischen männlich und weiblich, diesen beiden präexistenten Wesenszügen, die das Wesen jedes Menschen sowie Wesen und Qualität jeder Beziehung ausmachen.

Wir verstehen viel von einem Mann, wenn wir die Rolle, die die Männlichkeit in seinem Leben spielt, beschreiben können. Wie gibt er seiner Männlichkeit Ausdruck und wie nicht? Wie verhält er sich zu den weiblichen Wesenszügen in ihm: Schätzt er sie oder nicht, hat er sie in guter Weise angenommen oder projiziert er sie nach außen auf andere, liebt oder haßt er sie? Führen Männliches und Weibliches in ihm Krieg gegeneinander oder bereichern sie einander?

In seinem größten Gedichtzyklus „Vier Quartette“ schreibt T. S. Eliot:

In jenem freien Feld,
Wenn du nicht zu nah kommst, 
wenn Du nicht zu nah kommst,
Kannst du im Sommer 
zur Mitternacht den Schall
Der Querpfeife und 
der kleinen Trommel vernehmen
Kannst sie tanzen sehen rings um das Feuer, 
Die Gesellung von Mann und Frau
Im Tanzen, Vorzeichen der Vermählung -
Ein würdiges und passendes Sakrament.
Zu zwei und zwei, in notwendiger conjunctio...1

Gott selbst ist der große Liebende, der diesen „Tanz“ als die ganzheitliche Ordnung für unser Leben eingesetzt hat. Weil wir verletzte Wesen sind, scheitern wir immer wieder an diesem Tanz - auf unterschiedliche Weise und zu verschiedenen Zeiten. Es gelingt uns nicht, so in Freude vor Gott zu tanzen, wie er es sich wünscht und es ihm selbst große Freude macht. Deshalb kommt Gott uns zu Hilfe und rettet uns vor uns selbst - in der einzigen Weise, in der das möglich ist. 

T. S. Eliot drückt das so aus:
Furchtbar reißt der Flug der Taube
Durch die Luft mit jäher Flamme,
Deren Phosphorzungen künden
Wie du Irren sühnst und Sünden.
Rettung dir, sonst nur Verzweifeln,
Wahl zwischen zwei Scheiterhaufen,
Durch Feuer dich vom Feuer loszukaufen.

Doch wer ersann die Marter? Liebe.
Liebe ist der nicht vertraute Name,
Hinter dem die Hand sich birgt,
Die das Flammenhemd gewirkt,
Das Menschenmacht nicht abtun kann.
Wir können einzig atmen, uns erneuern,
Verzehrt von diesem oder jenem Feuer.2

Gottes liebender Wille hat den Tanz für unser Leben so angeordnet, daß er zweifach getanzt werde: in uns und zwischen uns. Wenn wir aus unseren Verletzungen heraus ihn in uns anhalten, wird er auch zwischen uns aufhören. Um wirklich Mann zu sein und wirklich Frau - männliche Männer und weibliche Frauen - muß der göttlich angeordnete Tanz wieder beginnen - mitten durchs Feuer.

Wirkliche Männlichkeit - nicht einfach als transzendente Größe, sondern immanent, als sichtbare Wesenseigenschaft des Mannes - ist immer verbunden mit wirklicher Weiblichkeit. Die wesentliche Gabe des Mannes, zu führen und zu leiten, verbindet sich mit dem Wunsch, die Bedürfnisse anderer emotional zu tragen und sich einzulassen. Dadurch wird der verletzte Mann - oft ein Zerrbild der Schöpfungsabsicht Gottes - zum wirklichen Mann.

Und wirkliche Weiblichkeit - nicht einfach als transzendente Größe, sondern immanent, als sichtbare Wesenseigenschaft der Frau - ist immer verbunden mit wirklicher Männlichkeit. Die wesentliche Gabe der Frau, zu tragen und sich einzulassen, verbindet sich mit der Fähigkeit, auf die höchsten Ziele hinzuweisen. So wird die verletzte Frau - oft ein Zerrbild der Schöpfungsabsicht Gottes - zur wirklichen Frau.

Natürlich ist kein Geschöpf vollkommen oder wird jemals in diesem Leben vollkommen sein. Wo es aber zumindest eine gewisse ursprüngliche, psychische und geistliche Gesundheit gibt (wiederum zweifach: im Menschen und zwischen ihnen), sind es nicht die individuellen Partner, die als erstes sichtbar werden, sondern das unbeschwerte Zusammenspiel ihres Tanzes, wie unvollkommen es auch sein mag. 

Ein Hauptmerkmal der Erkrankung der Seele ist deshalb gerade das Auseinanderfallen von männlich und weiblich, von Mann und Frau, wiederum zweifach in uns und zwischen uns: Männlichkeit bleibt unter sich, in der einzelnen Seele wie in der Gesellschaft. Weiblichkeit bleibt unter sich, in der einzelnen Seele wie in der Gesellschaft. Die Folgen sind die eingeschlechtlichen und anti-geschlechtlichen Männer- und Frauenbünde, wie Orwell sie in der Schreckensvision seines Romans „1984“ ausmalte. Die Ergebnisse sind eine zur Schau gestellte, unechte oder verweiblichte Männlichkeit und eine zur Schau gestellte, unechte oder vermännlichte Weiblichkeit. Überall, in uns und zwischen uns: gebrochene Schwüre und zerbrochene Treue.

Anima und Animus

In der psychologischen Schule C. G. Jungs wird das Weibliche im Mann Anima, das Männliche in der Frau Animus genannt. Für Jung waren Anima und Animus Archetypen, präexistente Aspekte jeder Persönlichkeit, die a priori als unabhängige und autonome Größen in der Gesamtpersönlichkeit vorkommen. Aus Jungs Sicht sind Anima und Animus deutlich unterscheidbare Unter-Persönlichkeiten innerhalb der Psyche, die klar von der bewußten, uns bekannten Persönlichkeit getrennt sind. Anima und Animus sind in der Lage, von Zeit zu Zeit „den Körper zu übernehmen“ (eigentlich: das Gehirn). Dabei erzeugen sie Gefühle, Handlungen und Verhaltensweisen, die überraschend anders sind als man es von der „bewußten” Alltagspersönlichkeit und -identität her kennt. Die Jungsche Literatur gebraucht zur Bezeichnung dieser „Übernahme” durch Anima oder Animus sogar den - allerdings vom Religiösen ins Psychologische umgedeuteten - Begriff der „Besessenheit“.

So beschreibt Jung beispielsweise einen im Übrigen sehr rationalen, selbstbeherrschten, vielleicht sogar „machomäßigen” Mann, der plötzlich sentimental oder beleidigt und pikiert ist, als unbewußt3 „Anima-besessen”, das heißt „besessen“ von einem „weiblichen Selbst”, das eher primitiv und unentwickelt ist. Ähnlich beschreibt er eine ansonsten nachgiebige, sogar unterwürfige Frau, die plötzlich eine Reihe heftiger, unflexibler und weitgehend unbegründeter Ansichten vertritt, als unbewußt „Animus-besessen“, das heißt „besessen“ von einem „männlichen Selbst”, das eher primitiv und unentwickelt ist.

C. G. Jungs Bemerkungen zur Homosexualität fügen sich in dieses Grundmodell ein. Er beschreibt viele homosexuell empfindende Männer als „Anima-identifiziert”, d. h. in einem Zustand angeblicher, mehr oder weniger permanenter „Besessenheit” lebend. Jung meint damit, daß diese Männer eine klare Identifizierung mit der Männlichkeit zurückgewiesen haben und statt dessen eine feminisierte Identität angenommen haben. Ähnliches gilt in Bezug auf Animus und viele homosexuell empfindende Frauen. Nach Jungs Auffassung besteht die Heilung von Homosexualität darin, eine Beziehung zu Anima oder Animus aufzubauen, nicht darin, sich mit diesen beiden Persönlichkeitsanteilen Anima und Animus zu identifizieren4. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, daß mithilfe der Methode von C. G. Jung Homosexualität erfolgreich therapiert werden kann.

Nach Jung erfolgt eine positive psychische Entwicklung in Bezug auf Männlichkeit und Weiblichkeit - ob nun im Zusammenhang mit Homosexualität oder unabhängig davon - im wesentlichen in folgenden Schritten:

Der Einzelne erkennt, daß es innerhalb seiner Gesamtpersönlichkeit eine autonome „Person” oder „Selbst” gibt, die zum anderen Geschlecht gehört und die eine ganze Reihe entgegengesetzter Ansichten, Gefühle und Handlungen verkörpert. 

Zu solcher Erkenntnis kommt der Mensch, wenn er - angeleitet durch andere - sich selbst, sein Verhalten, Phantasien, Stimmungen und Träume beobachtet und dabei entdeckt, daß sein Verhalten und seine geistige Verfassung gar nicht so mit seinem Selbstbild übereinstimmen, wie er es bisher immer geglaubt hat.

Er lernt es dann, sich dieses separate Wesen in ihm selbst in personifizierter Form vorzustellen. In der Jungschen Psychologie sind diese Personifikationen nicht nur poetische Bilder; sie sind (psychologisch) real. Es gibt diese andere Person in jedem wirklich, und man muß lernen, sie (beziehungsweise ihn) zu erkennen.

Diese nun erkannte und anerkannte innere Person ist als wirkliche „Andere“ anzusehen und man beginnt mithilfe der inneren Vorstellung, mit oder ohne technische Hilfsmittel (Malen, Zeichnen, Schreiben und anderes), einen Dialog mit ihr. Ein großer Teil von Jungs Autobiographie besteht aus Berichten über die Dialoge, die er mit seiner eigenen „Anima“ (und anderen „Personen“, die er in sich entdeckte) führte.

Diese neu entdeckte innere Person, zu der eine Beziehung aufgebaut wurde, bringt dem Einzelnen bewußt und gezielt eine Fülle neuer Einsichten und Einstellungen, die ihm bis dahin unzugänglich waren,5 und die die Persönlichkeit bereichern. 

Tatsächlich wählte C. G. Jung die Begriffe Anima und Animus nach dem lateinischen Wort für Seele („anima“), weil er glaubte, daß die Anima im Mann und der Animus in der Frau jeweils die Seele sei und daß die Bereicherung, die der stetige Dialog mit ihnen bringe, eine spirituelle Weiterentwicklung bedeute. („Sie stellen eine Beziehung zwischen Ich und Unbewußtem her.“) Jung selbst hat diese Art des vorgestellten, inneren Dialogs von Kind auf geübt (er nannte ihn „aktive Imagination”). Erst ganz am Ende seines Lebens scheint er damit aufgehört zu haben. Seine kurze und rätselhafte Bemerkung dabei war, daß er einen Dialog „nicht mehr brauche“, weil er schon so viel von seiner Anima aufgenommen habe.

Es gibt jedoch erhebliche Probleme - nicht nur mit einigen von C. G. Jungs klinischen Beobachtungen - sondern insbesondere mit seinen Formulierungen:

Eine abgespaltene, autonome, unabhängige, unbewußte Ansammlung („Komplex”) weiblicher Züge im Mann oder männlicher Züge in der Frau ist nämlich pathologisch, nicht normal. Zwar kommen solche tiefen Spaltungen in der Psyche vor, aber nur bei manchen Menschen. Sie entstehen als Folge eines Traumas und sind Abwehrmechanismen gegen bewußtes Leiden.6 Eine abgespaltene Anima oder Animus kann und muß geheilt werden, indem sie/er in der Persönlichkeit als in einer Ganzheit aufgeht („integriert“ wird wie andere Wesenszüge auch). Dies sollte so schnell wie möglich geschehen. Man sollte nicht, wie offensichtlich Jung selbst, bis zuletzt damit warten, da solche Abspaltungen der Grund für viel Leid und Zerstörung in den zwischenmenschlichen Beziehungen sind.

Die Heilung einer Anima oder eines Animus - wir wollen die beiden Begriffe im Folgenden präzise gebrauchen, sie bezeichnen eine seelische Erkrankung, nicht etwas Normales, oder gar etwas Gutes7 - erfordert unter anderem ein tiefes Eintauchen in das ursprüngliche Leiden, das diese Abspaltung überhaupt erst hervorgerufen hat. Die Spaltung aufrecht erhalten heißt, diesem heilsamen Leiden auszuweichen. Der (einigermaßen) harmonische Tanz zwischen den männlichen und weiblichen Wesenszügen in einer Person ist nicht nur sehr wünschenswert, sondern auch möglich. Dazu sind keine lebenslangen Anstrengungen nötig. Und länger anhaltende Zeiten solcher Harmonie bilden das Fundament jeder reifen, stabilen Ehe.

Wenn Mann und Frau seelisch einigermaßen gesund sind, sind „Personifikationen“ des Weiblichen im Mann und des Männlichen in der Frau genau dies: poetische Personifikationen, Bilder und Symbole wie in Eliots zitiertem Gedicht, die uns zur Wahrnehmung und zu einem größeren Verständnis der tiefsten Wirklichkeit verhelfen können. Nur in extrem tragischen Grenzfällen entwickeln diese Personifikationen ein Eigenleben. Wenn sie es tun, kommt es zu einer falsch aufgebauten Persönlichkeit, einem falschen Selbst, das viele ungeheilte Spaltungen in sich trägt.

Aktive Imagination ist nicht dasselbe wie Gebet. Anders als etwa der Geistliche und Jung-ianer Morton Kelsey8 behauptet, hat sie auch überhaupt nichts mit Gebet zu tun. Sie kann jedoch, besonders in der Anfangs-Lernphase, leicht mit dem Gebet, vor allem dem hörenden Gebet, vermischt werden, was erhebliche Verwirrung verursacht. 

Die erste Lernphase der aktiven Imagination beginnt damit, daß man sich innerlich ein Bild vor Augen stellt und dann geduldig wartet, um zu sehen, welche spontanen Veränderungen des Bildes sich ergeben. In einem späteren Schritt kann man lernen, sehr aktive Dialoge mit diesen inneren Gestalten zu führen. Man beachte aber das Nachfolgende. Die aktive Imagination enthüllt bereits vorhandene Spaltungen in der Psyche und kann so für eine Diagnosestellung von Nutzen sein. 

Menschen wie Jung, für die solche inneren Personifizierungen für längere Zeit eine fast (bei Jung zeitweise sogar völlige) halluzinatorische Realität bekommen, haben sehr tiefe Abspaltungen in ihrer Seele. Viele Menschen, die zwar seelische Verletzungen haben, nicht aber solche tiefen Abspaltungen, sind gar nicht in der Lage, so anschauliche und zeitweilig schrecklich lebendige „aktive Imaginationen“ zu entwickeln, selbst wenn sie es versuchen.9 Die aktive Imagination kann leicht zu einer Methode des „Einübens“ und damit des Vertiefens von Spaltungen in der Seele führen. Sie ist eine Methode der bewußten Vergegenwärtigung eines falschen Selbst. In der aktiven Imagination wird ein krankes Phantasieleben gepflegt, dessen Verführungskraft sowohl in der faszinierenden Autonomie als auch in der Fähigkeit, seelischen Schmerz von sich wegzuhalten, liegt.

Weil dieses Phantasieleben keine ethische Stütze hat, weil es die Erfahrung mit autonomen „inneren Wesen” durch aktive Imagination fördert und weil es ein Abwehrmechanismus gegen das Zulassen eines heilsamen seelischen Schmerzes ist - aus all diesen Gründen verbindet es sich sehr leicht mit gnostischen Formen der Spiritualität, stark okkulte Untertöne eingeschlossen. Es verbindet sich nicht nur damit, es wird selbst dazu.10 Weder Anima noch Animus sind die Seele. Sie sind Fragmente eines fragmentierten Selbst. Jungs Lehre von der psychologischen Entwicklung (der „Individuationsprozeß”) ist nicht dasselbe wie christliche „Erlösung“ oder „Heiligung“, auch wenn Jung immer wieder versucht hat, die von ihm beschriebenen Prozesse in ein christliches Koordinatensystem einzubauen. 

Ähnlich wie Margaret Mahler11 versteht Jung die „Individuation” als den Prozeß der frühen psychischen Entwicklung (das Kind wird eine einzelne Person), aber mit dem entscheidenden Unterschied, daß Jung sie in einen „religiösen”, (genauer: gnostisch-okkulten) Rahmen projiziert. Und weil diese Individuation projiziert wird, wird sie einerseits in der inneren Vorstellung „erfahren” und kann gleichzeitig in der Wirklichkeit vermieden werden. 

Auch ist C. G. Jungs Formulierung der Homosexualität nicht ganz richtig, obwohl er vom Klinischen her recht hat, wenn er homosexuell orientierte Männer als Menschen beschreibt, die oft sehr ausgeprägte „Animae” haben, das heißt, daß sie die Gesamtheit der gegen-geschlechtlichen Anteile in ihrer eigenen Persönlichkeit abgespalten haben. (Nebenbei gesagt: Aus diesem Grund verbinden Okkultisten, die sich sowieso auf „Geist-Persönlichkeiten“ einlassen und von ihnen fasziniert sind, ihre Rituale oft mit homosexuellen Praktiken.)

Eine präzisere Formulierung der - männlichen - Homosexualität ist: Der homosexuell empfindende Mann hat keine gesunde, selbstbewußte, männliche Identität entwickelt, in der er sich wohlfühlen würde. (Obwohl er durchaus eine bestimmte Art männlicher Identität hat, keine weibliche.) Ein Grundmerkmal von Männlichkeit ist die Bewunderung von und die Sehnsucht nach dem Weiblichen, der Wunsch nach Verbindung mit dem Weiblichen. Gerade diesen Teil der gesunden, männlichen Identität hat der homosexuell Empfindende nicht entwickelt. Männer mit einer relativ gesunden männlichen Identität fühlen sich von weiblichen Frauen angezogen. Der homosexuell empfindende Mann dagegen flieht vor dem Weiblichen - sowohl in sich selbst als auch im zwischenmenschlichen Bereich.

Er flieht davor, weil er nicht die Art männlicher Identität entwickelt hat, die sich mit der Frau als Frau, insbesondere der Frau als sexuellem Wesen, wohlfühlt - ebensowenig wie er sich mit seinen eigenen weiblichen Anteilen wohlfühlt. Es ist Angst, die ihn dazu führt, das Weibliche in ihm selbst „wegzustoßen“, abzuspalten. Das Ergebnis ist eine „Anima”, die abgespalten bleibt. 

Was geschieht mit dieser Anima? In der Seele des homosexuell Empfindenden „lebt“ sie als abgespaltener „Komplex“. Ihr Einfluß auf ihn ist eben gerade nicht modifiziert durch die Reibung wirklicher, tatsächlicher männlich-weiblicher Beziehungen. Deshalb ist sie auch für Reifungsprozesse nicht zugänglich, sondern bleibt primitiv und kindisch. Der homosexuell orientierte Mann „sieht“ nicht, wie sehr diese Anima sein Verhalten bestimmt und ihn in der Wahrnehmung anderer zu einem Zerrbild von Weiblichkeit macht. Subjektiv erlebt er seine eigene Identität als männlich; der Welt erscheint er als unwahre Frau.

Das ist also nicht - wie die Lehre C. G. Jungs es behauptet - eine wirkliche „Identifikation”. Die Vorstellung, eine Abspaltung in der Psyche (also eine Psyche mit multiplen abgespaltenen Selbsten) sei normal, legt nahe, man könne sich mal mit diesem, mal mit jenem Teil seiner Psyche identifizieren - für längere oder kürzere Zeit, in schnellem Hin- und Herpendeln wie beim Borderline-Syndrom oder nacheinanderfolgend wie bei der multiplen Persönlichkeitsstörung. 

Sie führt auch zu Jungs falscher Annahme, „seelische Gesundheit” bestehe darin, daß man eine mehr oder weniger feste Identifikation mit einem, dem gerade passenden Teil seiner Psyche hat (ein „starkes Ich” hat) und gleichzeitig immer mehr „Zugang” zu den anderen, abgetrennten, „unbewußten” Anteilen bekommt. Nicht ganz überraschend hat diese Vorstellung heute - in der Zeit nach Jung - unter den Jungianern zu der politisch korrekteren Version geführt, daß jede Identifizierung mit irgendeinem, bevorzugten Teil der Psyche gesund sei. Darauf weist auch der Buchtitel des bekannten Jungianers Andrew Samuels hin: „The Plural Psyche.“12

Ein besseres Modell zur Beschreibung dessen, was vor sich geht, wenn in der Psyche eines Mannes eine Anima wohnt oder in einer Frau ein Animus, finden wir bei der britischen Psychoanalytikerin Melanie Klein13. Sie verwendet den etwas sperrigen Begriff „projektive Identifizierung” zur Beschreibung dieser und ähnlicher Abspaltungen. 

Bei der projektiven Identifizierung „befreit” man sich von dem abgespaltenen, Angst machenden, nicht eingestandenen Anteil des eigenen Selbst, also z. B. von der Anima, indem man diesen Teil auf andere projiziert. Die Frau zum Beispiel erscheint dadurch nicht mehr begehrenswert, sondern macht Angst (und zwar als Frau; als „neutrale Person“ stellt sie kein Problem dar). Aber diese „Befreiung” ist eine Illusion. In den Tiefen der Persönlichkeit bleibt die Anima aktiv, allerdings jetzt nicht mehr unter einer wenn auch nur teilweisen Kontrolle des Willens. Sie wird dadurch zu einem unbewußten Zwang, ihre Züge werden unbewußt ausgelebt. Die schrillen, manchmal gehässigen Verhaltensweisen mancher homosexuell lebender Männer, ihre Theatralik und bissiger Humor stellen das verzerrte, gefährliche innere Bild der Frau dar, zu dem man Abstand halten muß.14 Und da der homosexuell empfindende Mann auch reale Frauen in dieser verzerrten Weise „sieht“, muß er auch sie auf Abstand halten. Der homosexuell orientierte Mann projiziert einerseits seine Anima auf andere und ist gleichzeitig „besessen“ von dem, was er projiziert - daher der Ausdruck „projektive Identifizierung”.

Die Entwicklung einer grundlegenden, zunehmend festen, gesunden männlichen Identität ist ein entscheidender Teil in der Heilung der Homosexualität. Doch die Entwicklung integrierter, schwingender, reifer weiblicher Wesenszüge stellt einen ebenso bedeutsamen Teil der Heilung dar. Der in seiner Persönlichkeit wachsende Mann wird dann ganz männlich sein, wenn er die weiblichen Wesenszüge in sich selbst schätzt und annimmt. 

Natürlich gilt dieser Aspekt der Heilung nicht nur für die Homosexualität. Wie immer auch das Abspalten verschiedener „Selbste“ in der Persönlichkeit aussehen mag: Zum wirklichen Heilwerden aller seelischen Verletzungen gehört es dazu, daß die wirkliche Männlichkeit die wirkliche Weiblichkeit ins Leben ruft und unterstützt und die wirkliche Weiblichkeit die wirkliche Männlichkeit nährt und heilt. Dies betrifft Männlichkeit und Weiblichkeit in jedem einzelnen Menschen und untereinander - in uns und zwischen uns. Die integrierte Persönlichkeit ist - wie eine gute Ehe - „ein Fleisch”. Der echte Mann kann bei Bedarf feminin sein, ohne Angst zu haben, daß er dadurch weniger männlich würde. Die echte Frau kann bei Bedarf männlich sein, ohne Angst zu haben, daß sie dadurch weniger weiblich würde. Keiner von ihnen sucht Zuflucht in einem falschen Selbst, in einer zwanghaften, „projektiven Identifizierung” des Bildes des anderen Geschlechts:

Wäre der Punkt nicht, der ruhende Punkt,
So wäre der Tanz nicht ...
Innere Freiheit vom Verlangen nach Praxis,
Erlösung vom Handeln wie vom Dulden,
Erlösung vom inneren
Wie auch vom äußeren Zwang, 
doch rings umgeben
Von einer Gnade des Seins, 
ein weißes Licht still und bewegt ...15

Jeffrey Burke Satinover, M. D.

Psychoanalytiker, Ausbildung am C. G. Jung Institut, Zürich, ehemaliger Präsident der C. G. Jung Foundation, New York. Medizinischer Direktor am Temenos Institute in Connecticut, USA. Setzt sich in mehreren Veröffentlichungenkritisch mit C. G. Jung auseinander.

Anmerkungen

1 Eliot, T. S., Gesammelte Gedichte, Frankfurt 1988, S. 291 f. 

2 Eliot, T. S, a. a. O., S. 333.

3 In der Jung’schen Theorie bedeutet „unbewußt” nicht wie in der klassischen Psychoanalyse verdrängt (vergessen). Im obigen Kontext bedeutet es einfach „unwissentlich”; der ganze „Komplex” (oder Archetyp) ist vom Rest der Person abgetrennt und nie ein Teil des Bewußtseins gewesen.

4 Die Jungianer sind inzwischen so völlig politisch korrekt geworden, daß sie Jungs kritischere - und manchmal hilfreiche - Gedanken zur Homosexualität geflissentlich ignorieren. So übernimmt Morton Kelsey, ein jung’scher Analytiker und Pastor der anglikanischen Kirche, in seinem Buch „Sünde, Tabu oder Geschenk. Sexualität und ihre psychologischen und spirituellen Aspekte“ (München 1994) völlig unkritisch die irreführenden Angaben von Alfred Kinsey zur Homosexualität. Kelsey behauptet platt und falsch, daß Homosexuelle sich nur „extrem selten” ändern könnten und bricht eine enthusiastische Lanze für die Position von Dr. Blanche Baker von der Mattachine Society (eine der ältesten Organisationen der Schwulen- und Lesbenaktivisten), die in einem Interview behauptete: „Genauso wie manche Leute Blonde und andere Brünette vorziehen, meine ich, daß die Tatsache, daß ein bestimmter Mensch die Liebe des gleichen Geschlechts vorzieht, seine eigene Angelegenheit ist. Das bedeutet nicht, daß Homosexuelle nicht neurotisch werden können - ich denke, daß sie es oft werden, weil die Gesellschaft ihnen gegenüber so feindselig ist und ihre eigene Familie sie nicht versteht; deshalb sind sie vielen Streßfaktoren und viel Elend ausgesetzt.” (S. 229)

5 Oft, wenn auch nicht immer, auf übernatürliche Weise, durch „sinnvolle Fügungen” („Synchronizität”), präkognitive Träume, Prophezeiungen oder einfach das direkte Gespräch. Beispiele dafür finden sich in Jungs Autobiographie Erinnerungen, Träume, Gedanken.

6 Genauer: Traumata verhindern die normale Synthese der Psyche in ein integriertes Ganzes und erlauben das ungesunde Fortbestehen von natürlichen, tiefen Spaltungen. Diese Spaltungen basieren auf den Unterschieden in Denken, Fühlen und Verhalten, wie sie von den verschiedenen Antrieben und Instinkten hervorgerufen werden, sowie auf der Neigung, im Gedächtnis die schmerzlichen von den angenehmen Erfahrungen zu trennen. Wohl jeder hat schon einmal die heftigen psychischen Spaltungen beobachtet, wie sie sich in den Stimmungs- und Verhaltensschwankungen bei Säuglingen und Kleinkindern zeigen. Wenn das Kind älter wird, gehen diese Spaltungen merklich zurück, und das Gedächtnis schweißt alle (schmerzlichen wie angenehmen) Erfahrungen zu einem kohärenten, kontinuierlichen Ganzen zusammen.

7 Die Formulierung „die / eine Anima” bzw. „der/ ein Animus” hat mehrere Vorteile. Sie erlaubt es uns nicht nur, eine fragmentierte Psyche korrekt als etwas Krankes zu beschreiben („Was hat er denn?” - „Er hat eine Anima“ (einen Bandwurm, die Grippe), sondern gibt Jungs Begriff die richtige Note zurück. Jung illustrierte sein Verständnis der Anima bezeichnenderweise mit Hilfe von Fabelwesen wie Nixen und Kobolde, die die Menschen mit ihren verführerischen Ränken in den Tod reißen, oder wie Sukkubi (Dämonenfrauen, die den Männern, die sie besessen halten, das Leben aussaugen). Doch auf der anderen Seite verschleierte Jung das Pathologische wieder - durch die normalisierenden Formulierungen „die Anima” bzw. „der Animus”, gerade so, als handele es sich um normale Organe der Psyche, die jeder Mensch hat.

8 Vgl. Kelsey, Morton, Trance, Ekstase und Dämonen. Zur Unterscheidung der Geister, München 1994. (Anm. d. Ü.)

9 Das hohe Ansehen, das die aktive Imagination unter Jungianern hat, führt nicht selten zu einer grausamen Ironie. Jeder (Analytiker, Analysand) möchte es Jung gleichtun - aber nicht alle können es, und fühlen sich dann als Versager. In den 1970er Jahren wandten sich viele dieser frustrierten Therapeuten und Patienten der Welt der halluzinogenen Drogen zu, um ihre halluzinatorischen Fähigkeiten zu erweitern.

10 Die Hauptmerkmale des historischen Gnostizismus, einschließlich des gnostischen Christentums (das sich heute an vielen theologischen Fakultäten und Ausbildungsstätten großer Beliebtheit erfreut) sind u.a.: 1. Amoralität (Gut und Böse verschwimmen in der Gottheit), 2. eine Hierarchie „spiritueller Wesen“, die dem Menschen Weisheit (gnosis) vermitteln, 3. der Glaube, daß diese Weisheit Erlösung bewirkt und 4. die Ablehnung eines stellvertretenden Sühneopfers (durch Christus oder jeden anderen) als unnötig.

11 Vgl. Mahler, Margaret: Die psychische Geburt des Menschen, Frankfurt 1999. (Anm. d. Ü.)

12 Vgl. deutsch: Samuels, Andrew: Vielgestaltigkeit der Seele, Zürich 1994. (Anm. d. Ü.)

13 Vgl. Klein, Melanie: Das Seelenleben des Kleinkindes, Stuttgart 2001. (Anm. d. Ü.)

14 Dieses mächtige Bild übt, wie jede Angst einjagende Phantasie, eine zwanghafte Anziehungskraft aus - solange es auf Abstand gehalten wird. Daher das fast universale „perverse“ Vergnügen, das Horror-Geschichten machen, ebenso wie die Faszination Homosexueller mit „drag“ (gemeint ist die Faszination homosexuell Lebender z. B. mit Frauenkleidern, in der Subkultur „dragqueen“ bezeichnet, Anm. d. Ü.).

15 Eliot, T. S., a. a. O., S. 283.

Textnachweis: Jeffrey Burke Satinover: The True Masculine and the True Feminine: Are These the Same as Jung`s Anima and Animus? Copyright: Satinover.

Von

  • Jeffrey Burke Satinover, M. D.

    Psychoanalytiker und jüdischer Autor, Ausbildung am C. G. Jung Institut, Zürich, ehemaliger Präsident der C. G. Jung Foundation, New York. Medizinischer Direktor am Temenos Institute in Connecticut, USA. Setzt sich in mehreren Veröffentlichungen kritisch mit C. G. Jung auseinander.

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