Editorial über Homosexualität und Psychologie

Sehr geehrte, liebe Freunde,

Im Beitrag von A. Dean Byrd, Ph.D., „Destruktive Trends in der Psychotherapie“ zur Lage der therapeutischen Berufsgruppen und -verbände, geht es nur um ein Thema: Sachlichkeit, Begrenzung auf Tatsachen statt Ideologie, nüchterne, wissenschaftliche Beobachtungen statt sozialpolitischer Agenda und: Freiheit! Byrd (selbst prominenter Psychologe) bespricht ein Buch, das zwei prominente amerikanische Psychologen herausgegeben haben – zwei, die sich als „liberale Aktivisten“ bezeichnen und doch der Auffassung sind, „…eine solche heimtückische geistige Einschüchterung wie heute im Namen der Political Correctness“ habe es nicht einmal in der „entsetzlichen“ McCarthy-Ära gegeben. 
Zwar geht es im Buch und im Aufsatz zunächst um die Situation in den USA, die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat aber gezeigt: Gerade die Entwicklungen im Bereich der Psychologie und Psychotherapien haben Richtung und Weg der Psychotherapien in Europa wesentlich mitbestimmt.

Um Freiheit geht es in diesem gesamten Bulletin besonders. Es geht auch um die Freiheit jedes Menschen, sein Therapieziel selbst zu bestimmen – und deshalb auch eine Reparativtherapie wählen zu können.

Der Begriff Reparativtherapie fasst Therapieformen zusammen, die eine Abnahme homosexueller Neigungen und die Entwicklung des heterosexuellen Potentials eines Menschen zum Ziel haben. Als erste beschrieb die Psychoanalytikerin Anna Freud Homosexualität als Ausdruck eines „reparativen Antriebs“ (reparative drive). Mit Reparativtherapie ist also nicht gemeint, dass Homosexualität zu „reparieren“ wäre, sondern dass Homosexualität selbst einen reparativen Antrieb darstellt. Homosexualität ist ein Hinweis darauf, dass etwas Tieferliegendes – und zwar die Verunsicherung in Bezug auf die eigene geschlechtliche Identität – heil werden soll.

Die modernen Reparativtherapien gehen davon aus, dass Homosexualität der vergebliche Versuch ist, bestimmte traumatisch erlebte Bindungsverluste in der Kindheit, insbesondere die nicht ge­lungene Bindung an den gleichgeschlechtlichen Elternteil, sowie andere seelische Verletzungen, die zu einer Verunsicherung in der geschlechtlichen Identitätsentwicklung geführt haben, zu kompensieren. Veränderung der Gefühle und Entwicklung des heterosexuellen Potentials sind möglich, wenn die Verletzungen heilen können, was zunächst im affektiven Kontakt mit dem Therapeuten und über die Wiederherstellung von Bindung geschieht.

Reparativtherapien sind freie Angebote für Männer und Frauen, die unter ihrer Homosexualität leiden, d.h. sie als ich-dyston erleben. Reparativtherapien respektieren Würde, Autonomie und den freien Willen jedes Menschen. Sie respektieren es, wenn Menschen sich entscheiden, ihre Homosexualität zu leben und eine homosexuelle Identität anzunehmen. Reparativtherapien setzen sich aber für Menschen ein, die heute vielfach diskriminiert werden: Menschen, die unter ihren homosexuellen Empfindungen leiden und sich eine Veränderung hin zur Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials ersehnen.

Über Homosexualität als reparativen Antrieb und über sein Konzept der Reparativtherapie schreibt der erfahrene Psychotherapeut Joseph Nicolosi, Ph.D., der bis heute über 1000 Männer mit ich-dystoner Homosexualität therapeutisch begleitet hat, in seinem Aufsatz: „Die Bedeutung der gleichgeschlechtlichen Anziehung.“

Eine Ergänzung dazu stellt der anschauliche Bericht von Monika Hoffmann über die Jahrestagung des DIJG im September 2006 „Ego-dystone Homosexualität – Möglichkeiten der Veränderung“ dar. Gerade diese Tagung hat gezeigt: Es geht immer wieder um einzelne Menschen, die – manchmal verzweifelt – konstruktive Wege heraus aus der Homosexualität suchen und nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Zum Teil haben sie Erfahrungen mit „gay-affirmativer“ Therapie2 gemacht, sich dann aber bewusst gegen solche Therapien entschieden. Nicht für jeden homosexuell empfindenden Menschen ist ein homosexueller Lebensstil attraktiv.

Schon vor einigen Jahren schrieb der Psychoanalytiker Charles Socarides3, der sein ganzes berufliches Leben Menschen widmete, die von der Homosexualität frei werden wollten: „Auch die schwierigsten Fälle von Homosexualität sind für eine Therapie [zur Veränderung] zugänglich, wenn der Klient das wünscht und wenn er sehr darunter leidet – nicht einfach, weil er sich schuldig fühlt oder Scham empfindet, sondern weil das homosexuelle Leben für ihn ohne Sinn ist.“  

Diesen Menschen zu sagen, wie es heute teilweise geschieht, ihre Hoffnung auf ein anderes Leben, ein Leben ohne Homosexualität, ihre Hoffnung auf eine (heterosexuelle) Ehe und eigene Kinder sei nichts als verinnerlichter gesellschaftlicher Druck, ist in höchstem Maß diskriminierend. Für die Freiheit dieser Frauen und Männer und ihr Recht, ihr Therapieziel selbst bestimmen und eine Reparativtherapie in Anspruch nehmen zu können, setzt sich das DIJG ein.

Von diesem Recht des Einzelnen handelt auch der Bericht über eine Demonstration der Ex-Gay-Bewegung „Für Freiheit und Selbstbestimmung“.

In den beiden mittleren Aufsätzen (Nicolosi, Hoffmann) geht es darum, wie konkrete Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen aussehen können. Im ersten und vierten Aufsatz (Byrd, Vonholdt) geht es, nicht nur bildlich, um den Rahmen dazu: Nur innerhalb des Rahmens der Freiheit kann weiter darüber nachgedacht werden, was Homosexualität für den einzelnen bedeutet und wie eine freie Gesellschaft Menschen beistehen kann, die solche konkreten Wege heraus aus der Homosexualität suchen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre

Christl Ruth Vonholdt
(abgeschlossen am 16.11.2006)

Dr. med. Christl Ruth Vonholdt

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien, christliche Anthropologie.

Anmerkungen:

1 Wright, R.H., Cummings, N.A., Destructive Trends in Mental Health: The Well-Intentioned Path to Harm, New York 2005, S. xv.

2 Gay-affirmative Therapie: Therapieform, die homosexuell empfindenden Menschen rät, eine homosexuelle Identität anzunehmen und homosexuell zu leben.

3 Socarides, Ch., zit nach: Report of the Commission on Sexual Orientation and the Law, Appendix F-2, www.hawaii.gov/lrb/rpts95/sol/solapf2c.html.

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

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