Editorial über Identitätsentwicklung und Erziehung

Sehr geehrte, liebe Freunde

Seit Wochen gibt es Schlagzeilen über einen Berliner Medienkoffer.1 Er enthält Unterrichtsmaterial für Grundschulen zum Thema „Familie, Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“ und soll ab der 1. Klasse eingesetzt werden. Ziel ist es, schon Erstklässler mit der „sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt“ bekannt zu machen. Fühlen und Denken der Kinder soll sich nicht mehr an der natürlichen Familie mit Vater, Mutter, Kind orientieren, sondern an zahlreichen, unterschiedslos zu akzeptierenden sexuellen (homosexuell, bisexuell, heterosexuell) und geschlechtlichen (transsexuell, transgender)2 Lebensformen.
Kein Wunder, dass eine Kandidatin für den Berliner Senat den Medienkoffer öffentlich mit dem Argument verteidigte, sie lebe mit vier Kindern und zwei „sozialen Vätern“ in einer „polyamoren“ Gemeinschaft und das sei eine Realität, die Kinder auch kennen lernen müssten.3

Im Artikel „Sexuelle Vielfalt“? – Einblick in neue Schulrichtlinien sind wesentliche Informationen dazu zusammengetragen.4

Auch für Schweizer Schulen gibt es neues Unterrichtsmaterial. Dazu gehören „detaillierte Anleitungen oder (empfehlende) Links zu konkreten sexuellen Betätigungen wie Analsex, Oralsex, Sex mit dem gleichen Geschlecht. (…) Die Grenze zur Pornografie wird immer wieder überschritten.“5 Mittlerweile haben mehr als 90.000 Eltern protestiert!6

Fast alle derzeitigen Schulrichtlinien gehen davon aus, dass homosexuelle Gefühle etwas „Gegebenes“ seien, eine „Veranlagung“, auf jeden Fall ein stabiles Merkmal, das man einfach annehmen müsse.

Die neueren Sexualwissenschaften belegen aber das Gegenteil. Die wichtigste Grundlagenforschung hierzu wurde von dem Soziologen Edward Laumann von der Universität Chicago in den 1990er Jahren durchgeführt. Zu seiner eigenen Überraschung kam Laumann zu der Erkenntnis, dass Homosexualität ein überaus instabiles Merkmal sei und diese Instabilität im Lauf eines Lebens im Wesentlichen in Richtung Abnahme homosexueller Gefühle weise.7
Wie groß diese Instabilität bei Jugendlichen ist, zeigt der Artikel Adoleszenz und sexuelle Orientierung, der aktuelle, umfangreiche Daten aus den USA über Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren zusammenfasst.

Selbst in der Zeitschrift für Sexualforschung, dem Organ der deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, heißt es: „Die These einer starren, unveränderbaren sexuellen Orientierung wurde in letzter Zeit… in Frage gestellt. (…) Sexuelle Orientierung entwickelt sich… kontinuierlich und wird dabei von individuellen sexuellen und emotionalen Erfahrungen, sozialen Interaktionen und kulturellen Rahmungen beeinflusst.“8

Was bedeuten diese Forschungen für die schulische Erziehung? Welche Folgen hat es, wenn die Ehe als kulturelles Leitbild beiseite geschoben und Kinder stattdessen mit der „sexuellen Vielfalt“ konfrontiert werden?

Im Artikel Transgender – Kinder mit Störungen der Geschlechtsidentität geht es um ein tieferes Verstehen von Kindern, die an einer Geschlechtsidentitätsstörung leiden. Eine Tendenz geht heute dahin, das erhebliche Leiden dieser Kinder auszublenden und die Störung schön zu reden. Man spricht dann verharmlosend von „trans Kindern“9 oder glorifiziert Transgender-Lebensformen wie etwa in einem der Kinderbücher aus dem Berliner Medienkoffer.10

Gibt es eine geschlechtliche und sexuelle Identität, die dem Menschen gegeben ist und die in seiner Leiblichkeit sichtbar wird? Verweist die Leiblichkeit nicht einen jeden Menschen auf die Heterosexualität? Mit diesem Thema beschäftigt sich der Artikel Liebe wie du willst? – Ein Plädoyer für eine leib-orientierte Sexualität. Er ermutigt Pädagogen, mit Jugendlichen Wege zu gehen, auf denen sie einer tiefen Bedeutung ihrer Leiblichkeit auf die Spur kommen können.

Sind sämtliche Lebensformen, wie in neuen Schulrichtlinien behauptet wird, wirklich alle „gleich“? Im Artikel Anmerkungen zur Homosexualität sind grundlegende Fakten und Hinweise zur Homosexualität, die in der Öffentlichkeit oft nicht mehr benannt werden, zusammengetragen.

Was können Eltern tun, um bei ihren Kindern eine reife und tragfähige heterosexuelle Entwicklung und Ehefähigkeit zu fördern? Dafür gibt es weder Patentrezepte noch Garantien. Dennoch: Eltern können mehr tun, als sie vielleicht denken. Kinder und Jugendliche brauchen über viele Jahre hinweg eine beständige Bindung und vertrauensvolle Beziehung zu ihren Eltern. Was vor allem Väter dazu beitragen können, zeigt der Artikel Kinder stark machen – sieben Anregungen für Eltern. Ihm geht eine hilfreiche Einführung Kinder stark machen voraus.

Im Berliner Medienkoffer geht es auch ausführlich um Patchworkfamilien. Der Begriff umfasst darin jede Familie, in der Kinder nicht mit ihren eigenen Eltern aufwachsen – von Alleinerziehenden über neue Arrangements nach Scheidungen bis hin zu verschiedenen homosexuellen „Familienformen“. Das dabei vermittelte, angeblich frohe, kunterbunte Durcheinander (siehe Bild Seite 12) führt dazu, dass Kinder hilfreiche Unterscheidungen immer weniger vornehmen können. Es fördert damit auch die Akzeptanz von Familien mit „zwei [homosexuell lebenden] Papas“11 oder mit „mehr als zwei Eltern“12.

Der Patchwork-Begriff wird benutzt, um Kindern zu vermitteln, dass alles Familie sei, alles gleich sei und Kinder nicht Vater und Mutter bräuchten, sondern lediglich Erwachsene, die sich um sie kümmern. Hier liegt der Verrat an den Kindern, denn sie sehnen sich doch nach Vater und Mutter. Eindrücklich zeigt letzteres der persönliche Bericht eines Mannes Ich bin ein Patchwork-Kind (nicht online abrufbar).

Kinder müssen zu ihrer Sehnsucht nach der Zusammengehörigkeit von Vater und Mutter stehen und „Leerstellen“ betrauern können, sonst bleibt die Wunde abgespalten und kann nicht heilen.
Gerade wenn Kinder ohne Mutter oder ohne Vater aufwachsen müssen, brauchen sie in Kinderbüchern Familiengeschichten mit Mutter, Vater und Kind. Sie brauchen diese äußere Orientierung, denn sie korrespondiert mit ihrem inneren Seelenwissen, dass sie diesem Zusammen ihr Leben verdanken.

Der Psychoanalytiker Charles Socarides schrieb: „Die Homosexuellenbewegung fordert die Freiheit, die Grundstruktur der Ehe verändern zu können; sie behauptet, alle sexuellen Beziehungen seien grundsätzlich gleichwertig. Aber diese Freiheit…, ist eine Freiheit, die zu weit geht, denn sie richtet uns zugrunde. Sie will nicht nur die Geschichte der Menschheit über Bord werfen, sondern auch unsere Zukunft untergraben. Sie will den grundlegendsten Baustein jeder Gesellschaft, die natürliche Familie, ändern, eine Institution die in unserer Natur festgeschrieben ist…“13

Heute heißt es oft, man möchte Kinder, die in anderen Familienkonstellationen aufwachsen, nicht verletzen. Aber sie tragen die Wunde doch schon in sich! Durch Kinderbücher, in denen die traditionelle Familie im Mittelpunkt steht, wird ihnen dagegen geholfen, zu ihrer inneren Wahrheit, dass sie sich nach Vater und Mutter sehnen, zu stehen. Dieses Zu-sich-selbst-stehen stärkt ihre Identitätskräfte und wird sie ermutigen, später selbst einmal Mutter oder Vater zu werden.

Die Autorin des 2011 erschienenen Buchs Die Patchwork-Lüge, Melanie Mühl, schreibt: „Hinter dem freundlichen Wort Patchwork verbergen sich familiäre Tragödien und private Katastrophen.“14 Sie wendet sich gegen die mediale Überhöhung von Patchwork und weist auf die zunehmende „Patchworkmentalität“ unserer Gesellschaft hin. Diese fördert Unverbindlichkeiten, Beziehungsabbrüche und Bindungsverluste – das, was Kinder am härtesten trifft. „Wollen wir am Ende in einer Patchworkgesellschaft leben, in der Vertrauen regelmäßig enttäuscht wird?“15 Der vorletzte Artikel in diesem Heft ist eine Rezension ihres lesenswerten Buches.

Der Artikel Christopher Street Day – Mythen und Tatsachen nimmt die Glorifizierung der Ereignisse rund um den historischen Ursprung des CSD unter die Lupe und zeigt, was wirklich geschah.

Kinder brauchen Orientierung! Zunehmend wird ihnen vorenthalten, was das Gute für sie wirklich ist. „Die Jugend wird mit einer neuen Landkarte im Kopf aufwachsen, nämlich, dass die Ehe nichts Besonderes mehr ist, sondern nur noch eines von vielen Gerichten auf dem sexuellen Buffet des Lebens. Jugendliche werden sich gedrängt fühlen, sexuell zu experimentieren, um herauszufinden, ’wer sie eigentlich sind’. Aber da sie darauf keine wirkliche Antwort erhalten, wird das Ergebnis tiefe Verwirrung und in vielen Fällen beschädigtes Leben sein.“16

Scheitern ist menschlich, Tragödien kommen vor. Das Problem ist, dass Scheitern nicht mehr Scheitern genannt wird und Tragödien schön geredet werden. Die Grundfesten unserer Zivilisation wanken, wenn der Ehe zwischen Mann und Frau und der zugehörigen, natürlichen Familie keine herausragende Bedeutung in unserer Gesellschaft mehr gegeben wird. Es ist höchste Zeit, dass wir umdenken!

Mit herzlichen Grüßen
Ihre

Christl Ruth Vonholdt

(abgeschlossen 10.10.2011)

Anmerkungen

1 Cicero online, 02.10.2011: Deckert, S. M., Aufklärung in Zeiten des Gender-Mainstreaming, www.cicero.de/comment/15072 Zugriff 10.10.2011.

B.Z. online, 20.06.2011: „Neu in der Schule: Schulfach Schwul“,http://www.bz-berlin.de/ratgeber/berufbildung/neu-in-der-schule-schulfach-schwul-article1207692.html Zugriff 10.10.2011.

2 Zur Begriffserklärung siehe Seite 10.

3 Es war Franziska Brychcy, die im September für die Partei Die Linke für den Berliner Senat kandidierte. www.abgeordneten-check.de/antworten/view/78/1320.html Zugriff 10.09.2011. Polyamorie: Eine Art „Gruppenehe“, in der mehr als zwei Erwachsene miteinander sexuelle Beziehungen haben.

4 Im Internet gibt es die Möglichkeit, die Protestresolution „Zur staatlichen Sexualisierung der Kinder durch Schulen, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen“ zu unterschreiben. Siehe www.medrum.de/node/9997 Zugriff 08.10.2011

5 www.volksschul-sexualisierung-nein.ch/das-ist-geplant/index.html Zugriff 10.10.2011.

6 www.volksschul-sexualisierung-nein.ch/Zugriff 10.10.2011.

7 Laumann, E.O. et al., The social organization of sexuality. Chicago 1994.

8 Kinnish, K.K., Geschlechtsspezifische Differenzen der Flexibilität der sexuellen Orientierung, Z Sex-Forsch 17, 2004, S. 26-45, S. 26. Kursiva hinzugefügt.

9 Siehe in diesem Heft Seite 8.

10 Thiele, J., Jo im roten Kleid, Wuppertal 2004.

11 Siehe in diesem Heft Seite 9.

12 Schon 2003 forderte ILGA-Europe in ihrem Grundsatzpapier Families, Partners, Children and the European Union (April 2003), man müsse berücksichtigen, dass ein Kind auch „mehr als zwei Eltern“ haben könne.

13 Socarides, Ch., Homosexuality - A freedom too far. Phoenix 1995, S. 14-15.

14 Mühl, M., Die Patchwork-Lüge, München 2011, Umschlagtext.

15 Mühl, M., ebd. Umschlagtext.

16 Coolidge, D., The question of marriage, in: Homosexuality and American Public Life, 05.03.2000.

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

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