Editorial

Sehr verehrte Leser, liebe Freunde,

dieses Jahr feiert das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) das 50-jährige Bestehen. Bereits ein Jahr, nachdem die Offensive Junger Christen sich als „Gemeinschaftsexperiment auf Zeit“ gegründet hatte, um der Revolution der 68er mit konstruktiven Alternativen zu begegnen, nahm das DIJG seine Arbeit auf.

Von Anfang an galt es, jene Zeitgeistströmungen zu analysieren und einzuordnen, die das Leben der nächsten Generation beeinflussen, um geistig-geistliche Orientierung zu geben. Im Laufe der Zeit wandelten sich die Themen und Schwerpunkte unserer Arbeit. Vielfach schlugen sie – auch in der öffentlichen Wahrnehmung – hohe Wellen, wenn sie an der Küste christlichen Denkens und Lebens anbrandeten, zuweilen standen gesellschaftliche Unterströme im Fokus unserer Arbeit, die aber, obwohl öffentlich kaum beachtet, nicht weniger tückisch oder mitreißend waren.
Die Inhalte unserer Institutsarbeit spannen einen thematischen Bogen von einer kritischen Beurteilung der psychologischen Dynamiken in den Jugendreligionen der 1970er Jahre, der Auseinandersetzung mit der Apartheid im südlichen Afrika in den 1980er Jahren, über Tagungen und Veröffentlichungen zum Dialog von Juden, Christen und Muslimen im Kontext der (Post-)Moderne Ende der 1990er bis hin zu Fragen zu Sexualität und Identität seit den 1980ern bis ins neue Jahrtausend hinein.

Das Maß der öffentlichen Wahrnehmung unserer Arbeit schwankte stark: Die pädagogische Arbeit u.a. mit Lehrern, Erziehern und Eltern durch zweieinhalb Jahrzehnte hindurch wurde über einen in bestimmten Kreisen zwar breiten, aber gesamtgesellschaftlich gesehen doch relativ kleinen Rahmen hinaus nicht wahrgenommen. Dem stehen unsere Veröffentlichungen zu Fragen bezüglich Identität und Sexualität, darunter vor allem Homo- und Transsexualität, sowie zu Gender-Theorien und Gender Mainstreaming gegenüber. Die Artikel fanden in unserem Bulletin, das seit 2001 erscheint, und vor allem über unsere Website eine breite öffentliche Rezeption, gaben Orientierung und lösten z. T. heftige Diskussionen aus.

In allem hat sich gezeigt, dass der Wandel im Was und dem Wie unserer Arbeit immer wieder stark von dem Wer abhängt, von den konkreten Menschen, die im Institut arbeiten und die in der OJC mitleben. Was bleibt, ist, dass wir dem Auftrag, uns mit Zeitgeistströmungen konstruktiv-kritisch auseinanderzusetzen, verpflichtet bleiben!

Eine solche Auseinandersetzung mit den sogenannten Yogyakarta-Prinzipien lesen Sie im scharfsichtigen Beitrag Erfahrungswerte aus zehn Jahren internationaler Gesetzgebung zu sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität des britischen Philosophen Daniel Moody. Der Text ist 2017 zum zehnjährigen Erscheinen der Yogyakarta-Prinzipien erschienen, hat aber weder an Aktualität noch an Brisanz eingebüßt. Moody zeichnet darin nach, wie sich die Begriffe sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität (Gender) – so wie sie in den Prinzipien definiert werden – gegenseitig widersprechen: „[W]enn die sexuelle Orientierung in Bezug auf Gender definiert wird, und wenn Gender nichts mit dem Geschlecht zu tun hat, dann hat man Geschlecht von sexueller Orientierung getrennt. Sexuelle Orientierung gibt es jedoch nicht ohne das Geschlecht, weil sie ihrerseits des Geschlechtsunterschiedes bedarf.“ Anstelle einer Ausrichtung der Menschenrechte an den Yogyakarta-Prinzipien mit ihren schwammigen Begriffen von Geschlecht und Gender fordert Moody, die Rechtsprechung des Staates solle „das Regieren an dem ausrichten, wer wir sind: Männer und Frauen.“

Auf wirkmächtige, aber häufig unerkannte Zeitgeistströmungen geht der Artikel von Robert P. George Gnostischer Liberalismus ein.Er macht darin eine Denkfigur aus, die in der Moderne und Postmoderne allgegenwärtig ist: den Leib-Seele-Dualismus. Hinter diesem sperrigen Begriff tritt eine Anthropologie zutage, die den Menschen in zwei voneinander getrennte Bereiche unterteilt. Was den Menschen demnach als Person wesentlich ausmacht, ist der Aspekt des Geistes, der Seele, der Psyche, des Bewusstseins. Demgegenüber ist der körperlich-biologische Aspekt der menschlichen Person untergeordnet und nicht-wesenhaft, wenn nicht gar minderwertig. Der Körper ist gewissermaßen ein „Instrument, das mittels der richtigen Handhabe den Zielen der Person als Geist, Seele oder Psyche zu dienen habe.“ Ideengeschichtlich geht diese Auffassung u.a. auf den französischen Philosophen René Descartes zurück, dessen berühmter Ausspruch „cogito ergo sum“ diese Sicht zum Ausdruck bringt: Es ist demnach das Denken, das das Sein konstituiert. Descartes teilte die Wirklichkeit in die beiden Bereiche der „res cogitans“ (das denkende Ding) und „res extensa“ (das sich ausdehnende Ding) ein. Das menschliche Bewusstsein, durch einen freien Willen charakterisiert, gehört zu ersterem. Der Körper gehört zum zweiten, rein materiellen Bereich, zum Bereich der Natur, frei von Zielen und Zwecken dem menschlichen Bewusstsein und seiner Verfügungsgewalt ganz untergeordnet. Der Mensch ist laut Descartes dazu gerufen, sich zum „Herrn und Meister“ der Natur zu machen und ist in seiner Machtausübung an keine vorgegebenen Zwecke oder Ziele gebunden. Descartes verabschiedete sich damit von der klassischen Auffassung, die das Menschenbild seit der Antike bis ins christliche Mittelalter geprägt und bestimmt hatte, wonach der Natur ein eigener Zweck, ein Telos, innewohnt. Was dieser Verlust der Teleologie für den Menschen bedeutet, benennt der jüdische Philosoph Hans Jonas präzise in seiner umfassenden Arbeit zur Gnosis: „Mit der Ausscheidung der Teleologie aus dem System der natürlichen Ursachen hörte die Natur, selbst ziellos und zweckfrei, auf, möglichen menschlichen Zwecken irgendwelche Sanktionen zu geben. Ein Universum ohne innerlich begründete Hierarchie des Seins, wie es das kopernikanische ist, lässt Werte ontologisch ungestützt, und das Selbst ist ganz auf sich zurückgeworfen in der Suche nach Sinn und Wert.“1 Für Jonas steht der moderne Mensch so einer gleichgültigen Natur gegenüber. Das „bedeutet das absolute Vakuum, den wirklich bodenlosen Abgrund. [...] Dass die Natur sich nicht kümmert, ist der wahre Abgrund. Dass nur der Mensch sich kümmert, in seiner Endlichkeit nichts als den Tod vor sich, allein mit seiner Zufälligkeit und der objektiven Sinnlosigkeit seiner Sinnentwürfe, ist wahrlich eine präzedenzlose Lage.“2

Was zunächst als abstrakt, für die pragmatische Ethik nicht relevant wirkt, gewinnt vor Phänomenen wie Abtreibung, Euthanasie, Leihmutterschaft oder Eheverständnis plötzlich große Aktualität und Relevanz. In der Abtreibungsdebatte argumentieren Befürworter häufig entlang dieser Linie: Auch wenn der Mensch als materieller Organismus vom Moment der Befruchtung an existiere, so entstehe der Mensch als Person erst zu einem späteren Zeitpunkt, und zwar dann, wenn er sich seiner bewusst wird3. Folglich entfernen Abtreibungsärzte lediglich einen Zellklumpen, der noch nicht als menschliche Person gelten kann. George zeigt demgegenüber auf, dass der Mensch eine untrennbare Einheit aus Leib und Seele ist, die in der Analyse, also heuristisch zwar zu unterscheiden sind, aber in der Praxis bedeutet eine solche Trennung immer den Tod!

Der Artikel Die Bedeutung der sexuellen Kräfte des US-amerikanischen Naturrechtsphilosophen J. Budziszewski weist auch auf die verheerenden Folgen einer solchen Trennung hin. Denn mit dem Verlust „jeder definierbaren ‚Natur‘ des Menschen“4 verliert auch die menschliche Sexualität ihren innewohnenden Telos, der ihr über Jahrtausende Sinn und Richtung gegeben hat. Hier zeigt sich die Auswirkung von Descartes' Dualismus womöglich am deutlichsten. Laut Budziszewski besteht die Ausrichtung der sexuellen Einheit zwischen Mann und Frau in gleichem Maße in Fortpflanzung und Vereinigung. In unserer (post-)modernen Welt jedoch meinen viele, auch wohlmeinende Christen, die Dimension der Fortpflanzung von der Vereinigung, zumindest zeitweise, lösen zu müssen. Für andere scheint die Dimension der Fortpflanzung lediglich ein leidiges Risiko der Sexualität zu sein, die vor allem der Lustgewinnung im eigenen Leben zu dienen habe, auch wenn das bedeutet, dass man eine andere Person als Mittel zu einem Zweck gebraucht. #metoo lässt grüßen. Budziszewski weist beide Ansichten zurück und argumentiert, dass in der Einheit von Fortpflanzung und Vereinigung die eigentliche Bedeutung unserer sexuellen Kräfte liegt: Das „Glück kann nicht dadurch vermehrt werden, dass der andere sexuell gebraucht wird; eheliche Freude erfordert eine gegenseitige, ganze und exklusive Selbsthingabe.“

Welche Folgen es hat, wenn Geschlechtsverkehr nicht als „gegenseitige, ganze und exklusive Selbsthingabe“ gelebt wird, sondern vielmehr „möglichst ausschließlich die aus ihm gewonnene Lust und (Eigen-)Befriedigung gewährleisten“ soll, untersuche ich im Beitrag Die sexuelle Revolution der 1968er und ihre Folgen. Wie viele Statistiken eindrucksvoll zeigen, hat die „Destigmatisierung aller Spielarten nicht-ehelichen sexuellen Verhaltens“ – so lässt sich die sexuelle Revolution definieren – das Beziehungsgefüge der Menschen in der westlichen und auch zunehmend in der sog. sich entwickelnden Welt nachhaltig umgekrempelt: Scheidungen (oft mit einhergehender Vaterlosigkeit), Abtreibungen und außereheliche Geburten haben stark zugenommen, während die Kinderzahl pro Frau weltweit stark gesunken ist. Der Artikel versucht neben den statistischen Zusammenhängen zu zeigen, wie die breite Akzeptanz und Anwendung von modernen Verhütungsmitteln nicht nur das Sinngefüge der sexuellen Kräfte auflöst, sondern auch das ­Wesen und die Bestimmung der Ehe verändert: Wenn die Dimension des Leibes in seiner Bestimmung bedeutungslos ist, ist die Ehe tatsächlich „für alle“. Schließlich zeigt er auf, wie stark Verhütung und Abtreibung sich gegenseitig bedingen und verstärken. So gibt die Chefin des führenden britischen Abtreibungsdienstleisters BPAS, Ann Furedi, auch unumwunden zu: „Jede Gesellschaft, die Familienplanung wertschätzt, muss Abtreibung als ein Teil des Empfängnisverhütungspakets schätzen. Abtreibung ist notwendig als Ergänzung zur Verhütung. [...] Die Behauptung, dass Verhütungsmittel Abtreibungen verhindern können, ist eine dem Wunschdenken geschuldete Lüge, kolportiert in den Köpfen derer, die keine Ahnung von der Fehleranfälligkeit der Methoden haben.“5 Die Folgen der sexuellen Revolution wurden eben nicht erst mit der Einführung einer „Ehe für alle“ sichtbar. Schon lange bevor ein solches Gesetz überhaupt debattiert wurde, waren es die „Heterosexuellen in der Moderne, die ganz allein die Schwächung und strukturelle Gefährdung der Ehe herbeiführten“6, wie der US-amerikanische Präsident der Southern Baptist Church, R. Albert Mohler, Jr., feststellt. Denn während alle christlichen Denominationen noch Anfang des 20. Jahrhunderts einhellig künstliche Verhütung verurteilten, schwenkten 1930 zunächst die Anglikaner um, und nach ihnen im Laufe der nächsten vier Jahrzehnte sämtliche großen protestantischen Kirchen. Mit allen damit einhergehenden, bereits aufgezeigten Konsequenzen.
Es ist meine tiefe Überzeugung, dass wir als Gesellschaft nicht umhinkommen, uns verstärkt mit der Bedeutung unserer Leiblichkeit und der Sprache des Leibes für unser menschliches Leben auseinanderzusetzen. Sonst werden alle konstruktiven Alternativen ihre Kraft und Glaubwürdigkeit verlieren. Diese Ausgabe des Bulletins soll dazu einen Beitrag leisten.

Mit herzlichen Grüßen

Jeppe Rasmussen

(abgeschlossen am 10. Mai 2019)

Fußnoten

1 Hans Jonas. Gnosis: Die Botschaft des fremden Gottes. Frankfurt am Main 1999, S. 381.

2 Ebd. a.a.O., S. 399.

3 Harald Martenstein beschreibt eine zunehmende Nachfrage nach after birth abortion unter US-amerikanischen Feministinnen: „Ein Kind müsse getötet werden dürfen, wenn nach der Geburt Umstände bekannt werden, unter denen eine Abtreibung legal gewesen wäre – etwa eine Behinderung. Begründung: ‚Der moralische Status des Getöteten ist mit dem eines Fötus vergleichbar.‘ Dies gelte auch für Fälle, in denen ‚das Neugeborene zwar die Chance auf ein akzeptables Leben hätte, aber das Wohlergehen der Familie in Gefahr ist‘, auf Englisch: the well-being.“ Siehe Harald Martenstein: Über späte Abtreibungen. In: ZEIT-Magazin, Nr. 10/2019 27. Februar 2019.

4 Hans Jonas, a.a.O., S. 394.

5 Ann Furedi: Women are having abortions because their contraception doesn’t work. In: The Telegraph, 7. Juli 2017.

6 R. Albert Mohler, Jr.: We cannot be silent. Nashville 2015, S. 17.

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