Zur Frage der Segnung homosexueller Partnerschaften in der EKHN

Im August 2001 beschäftigte sich die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit der Frage, ob in der EKHN eine Segnung homosexueller Partnerschaften angeboten werden soll. In diesem Zusammenhang wurde die folgende Stellungnahme des DIJG verfasst und den Synodalen auf einem Informationsstand zur Verfügung gestellt. Im Jahr 2002 wurde durch einen Mehrheitsbeschluss der Synodalen die Segnung homosexueller Partnerschaften eingeführt. Die Stellungnahme wird hier (mit veränderter Überschrift und geringfügig gekürzt) wiedergegeben. 

Die Mehrheitsentscheidung der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zugunsten einer gottesdienstlichen Begleitung für homosexuelle Partnerschaften halten wir für unbiblisch, unverantwortlich und zukunftslos.

Diesen Standpunkt möchten wir wie folgt begründen:

1. Desorientierung für kommende Generationen

Durch eine Segnung homosexueller Partnerschaften wird die Leitfunktion und das Orientierungsmodell der Ehe zwischen Mann und Frau – trotz aller gegenteiligen Beteuerungen – entwertet und beliebig gemacht.

Durch eine Segnung wird der Gemeinde, vor allem aber Kindern und Jugendlichen, homosexueller Sex als gut und in gewisser Weise auch als interessant, d.h. nachahmenswert, vorgetäuscht.

Jugendliche, von denen viele ein gewisses Maß an Unsicherheit in bezug auf ihre geschlechtliche Identität haben oder die möglicherweise Ängste vor einer Begegnung mit dem anderen Geschlecht haben, werden zu dem Glauben verführt, dass das Annehmen einer homosexuellen Identität genauso gut sei wie eine heterosexuelle Identität. Menschen, die bereits ein Problem mit Homosexualität haben, werden entmutigt, einen Weg heraus aus ihren Neigungen zu suchen.

Eine Umfrage in den USA (1992) kam zu dem Ergebnis, dass von den befragten 12-Jährigen 25,9 % sich unsicher über ihre Sexualität und ihre sexuelle Orientierung waren.1

Bevor man Jugendlichen in der homoerotischen Phase das homosexuelle Leben als sinnvollen, anderen Weg vorstellt, ist u. a. folgendes zu bedenken:

a) Jeder vierte Mann, der homosexuellen Sex praktiziert, erkrankt an der unheilbaren Krankheit AIDS.2 Nach einer kanadischen Studie (1997) ist die Lebenserwartung von Männern, die Sex mit Männern haben, um bis zu zwanzig Jahre geringer als die Lebenserwartung aller Männer insgesamt.3

b) Frauen und Männer, die homosexuellen Sex praktizieren, erkranken deutlich häufiger an verschiedenen emotionalen Erkrankungen, vor allem Angstneurosen, Eßstörungen, schweren Depressionen und Medikamentensucht. Dies wird durch drei neue Studien bestätigt.4, 5, 6

Der durch seine Forschungen über Homosexualität international bekannt gewordene Michael Bailey warnt davor, für diese emotionalen Probleme einfach eine negative Einstellung der Gesellschaft gegenüber Homosexualität verantwortlich zu machen.

Wissenschaftliche Beweise dafür, dass Homosexualität angeboren wäre, gibt es bisher nicht.

Solange nicht völlig geklärt ist, warum homosexuelles Leben mit soviel Selbstzerstörung und Lasten verbunden ist, ist schon allein aus diesem Grund eine Segnung homosexuell lebender Paare unverantwortlich.

2. Nur ein Zwischenschritt zu einem Elend ohne Ende?

Die HuK (Homosexuelle und Kirche) ist Mitglied der europäischen Organisation ILGA (International Lesbian and Gay Association), die Gleichheit und gleiche Behandlung bei homosexueller und bisexueller Orientierung fordert. Wenn die Kirche heute homosexuelle Verbindungen segnen würde, wie könnte sie sich morgen dann weigern, bisexuelle Verbindungen zu segnen? Wo bliebe ausser den noch geltenden Gesetzen die Grenze zur Polygamie und Pädophilie?

3. Homosexualität und Heterosexualität sind unvergleichbar

Zahlreiche Studien zur Lebenssituation homosexuell lebender Männer weisen darauf hin, dass Homosexualität anders gelebt wird als Heterosexualität; ja die generelle Offenheit für anonyme sexuelle Begegnungen bei gleichzeitig bestehender fester Partnerschaft wird - z. B. in einem Gutachten für die Bundesregierung (2000) - als Fähigkeit homosexuell lebender Männer gerühmt.7

In einer australischen Studie (1997) wurden 2583 ältere, homosexuell lebende Männer zur Anzahl ihrer Sexualpartner in ihrem Leben befragt. Die mittlere Anzahl ihrer Sexualpartner lag bei 251. Nur 2,7% der Befragten hatten in ihrem Leben nur einen einzigen Sexualpartner gehabt.8

Eine neue Züricher Studie (1998) fand, dass homosexuell lebende Männer zwischen 20 und 50 Jahren durchschnittlich 10-14 Sexualpartner in den 12 Monaten vor der Befragung gehabt hatten. Obwohl zwei Drittel der Befragten im selben Zeitraum mit einem festen Freund zusammen waren, hatten doch 90% der Männer gleichzeitig einen oder mehrere Gelegenheitspartner.9

"Viele Schwule definieren treu sein anders als die meisten Heteros. Für Schwule kann Treue bedeuten, dass man mit seinem Partner eine Abmachung trifft. Die kann z. B. beinhalten, dass in der festen Beziehung unsafer Sex praktiziert wird und bei Seitensprüngen immer die Safer-Sex-Regeln befolgt werden. Treue bedeutet dann, dass man dieser Abmachung treu ist." (Eurogay 2001)

Der LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschlands), der sich als bekannteste Homosexuellen-Gruppe für das Lebenspartnerschaftsgesetz eingesetzt hat, vertritt nur eine Minderheit aller homosexuell Lebenden. Allein 27 Homosexuellen-Gruppen haben sich öffentlich gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz ausgesprochen. Sie begründen ihre Haltung damit, dass Homosexualität etwas ganz anderes sei als Heterosexualität und dass zur Homosexualität freier Sex einfach dazu gehöre.

Es gibt bisher keine Anhaltspunkte, daß durch eine rechtliche Regelung homosexueller Partnerschaften die für die männliche Homosexualität so charakteristische Promiskuität - also das häufige Wechseln von Sexualkontakten mit oder ohne gleichzeitig bestehende "feste" Partnerschaft - abnehmen wird.10

4. Biblische Perspektiven

Nach eindeutigem Gesamtzeugnis der heiligen Schrift soll Nachfolge Jesu in treuer heterosexueller Ehe oder in sexueller Enthaltsamkeit gelebt werden. Dies hat die Kirche immer gelehrt. Sie sollte es auch weiterhin tun.

Theologisch ist die Frage der Homosexualität weder eine Frage des Vergleichs mit der Forderung nach dem Zinsverbot, noch mit der Forderung nach der Todesstrafe noch mit dem Essen von Schweinefleisch, wie das LGA behauptet, sondern eine Frage des biblischen Menschenbildes.

In 1. Kor. 6,13 ff. trennt Paulus klar zwischen Bauch und Speise einerseits – die Gott beide zunichtmachen wird – und dem Leib und dem zum Leib untrennbar zugehörenden sexuellen Verhalten andererseits – der Leib aber wird auferstehen.

Seit der Frühe der Menschheit gibt es homosexuelle Praktiken. Im Gegensatz zu anderen Kulturen (z.B. Griechenland) wurden sie in der Geschichte des Judentums und Christentums immer abgelehnt. Warum?

Nach biblischem Verständnis gehören zum vollen Menschsein nach dem Bilde Gottes von Anfang an zwei Geschlechter: ein männliches und ein weibliches. Ihr einzigartiges Aufeinandergewiesensein äussert sich gerade in der Geschlechtlichkeit.

Geschaffen nach dem Bild Gottes soll der Mensch in der sichtbaren Wirklichkeit etwas widerspiegeln vom Wesen Gottes. Dieser ganze Mensch ist aber nach Genesis 1,27 erst Mann und Frau gemeinsam. Zwar ist auch der einzelne Mann und die einzelne Frau Träger des Ebenbildes Gottes, aber zum vollen Menschsein gehören von Anfang zwei verschiedene Geschlechter, männlich und weiblich, die in einzigartiger Weise aufeinander angewiesen und verwiesen sind.

Wenn in unserer Welt diese Einzigartigkeit der Zusammengehörigkeit von männlich und weiblich nicht mehr sichtbar wird, z. B. indem wir andere sexuelle Lebensformen in der Kirche gutheissen, verdunkeln wir das Bild Gottes auf Erden.

Unser Mannsein und Frausein soll uns daran erinnern, dass wir auf Ergänzung hin - und in geschlechtlicher Hinsicht eben auf Ergänzung durch das andere Geschlecht hin - angelegt sind. Nach biblischem Verständnis sind Menschsein und Sich-transzendieren-müssen, also Über-sich-selbst-hinausweisen-müssen, eines. Wir sind geschaffen, um aus uns herauszuweisen auf das hin, was wir nicht sind: der Mann auf die Frau, die Frau auf den Mann und beide gemeinsam auf Gott.

Das irdische Abbild – nach Genesis 1,27 männlich und weiblich gemeinsam - weist auf das göttliche Urbild hin. Der Kanadier Jean Vanier, Begründer der "Arche"-Bewegung, bezeichnet deshalb die Ehe zwischen Mann und Frau als "Ikone Gottes", also als das Abbild vom Urbild. Hier liegt der tiefste Grund, warum homosexuelles Verhalten im Alten Testament und dann auch im Neuen Testament so eindeutig abgelehnt wird: Homosexuelles Verhalten nimmt in eine Bewegung mit hinein, die nicht auf die gegenseitige Verwiesenheit von männlich und weiblich hinzeigt, sondern die die Geschlechter in entgegengesetzte Richtungen treibt. Homosexuelle Partnerschaften (nicht der einzelne homosexuell Empfindende!), in denen entweder das männliche oder das weibliche Element fehlen, sind nicht das "Abbild vom Urbild".

Unsere Sexualität ist die schöpferische Energie, kraft derer wir zum anderen Geschlecht hinüberreichen sollen. Sie soll nicht beliebig einsetzbar sein, sondern in der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Erst mit der Postmoderne entstand das Konzept einer theoretisch von unserer geschlechtlichen Identität als Mann oder Frau losgelösten Sexualität - als wäre sie freischwebend und wir könnten damit tun, was wir wollten, z.B. neue Geschlechter erfinden: Homosexuelle, Transsexuelle, Bisexuelle, Pädophile usw.

In einem pro-homosexuellen Buch heisst es: "Die Ursehnsucht allen Liebens ist wohl die Sehnsucht nach dem eigenen Selbst. (...) Daher sind wir alle, die wir auf der Suche nach uns selbst sind, zutiefst homosexuell."11

Die Botschaft der Bibel ist demgegenüber eine ganz andere: Voraussetzung für Lieben ist nicht die Suche nach uns selbst, sondern das Begeistertsein vom Anderen, vom Du. Die grundlegende biblische Aussage zur Ehe (Genesis 2,24) steht direkt im Anschluss an den Freudenruf des Mannes über das andere Geschlecht, die Frau (Genesis 2,23). Jesus wiederholt diese Aussage in Matthäus 19,4-6. Nicht die Suche nach uns selbst ist das Ziel menschlicher Beziehungen, sondern das Hinüberreichen zum Du.

5. Diskriminierung von Menschen, die Veränderung suchen

Seit etwa 20 Jahren erleben wir in unserer Gesellschaft und Kirche zunehmend, dass Menschen, die homosexuell empfinden und sich verändern möchten, die also auf der Suche sind nach einer heterosexuellen Ehe oder einem gelingenden, zölibatären Lebensstil, geächtet, lächerlich gemacht und diskriminiert werden.

Während der Lesben- und Schwulenverband Deutschland z.B. nur knapp 2000 Mitglieder hat, haben allein in den letzten Jahren in unserem Land weit über 1000 homosexuell empfindende Christen an Selbsthilfegruppen zum Verstehen und Überwinden ihrer Homosexualität teilgenommen. Durch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Columbia Universität haben diese Selbsthilfegruppen neue Bestätigung erhalten. Die Studie konnte wissenschaftlich nachweisen, dass bei hochmotivierten homosexuell Empfindenden Veränderung zur Heterosexualität möglich ist.12

Homosexuell Empfindende, die Veränderung suchen, haben bisher von unserer Kirche keine Unterstützung erhalten. Ihr Wunsch nach Veränderung verdient aber Respekt und Anerkennung.

Ihr Glaube und der Glaube vieler Christen, die auch in Zukunft am bibelorientierten Leitbild festhalten, dass Nachfolge Jesu in treuer Ehe zwischen Mann und Frau oder in sexueller Enthaltsamkeit gelebt werden soll, werden durch den Vorschlag des LGA ausgehöhlt.

Copyright: Christl R. Vonholdt, Leiterin des DIJG, DIJG 2002, gering gekürzt 2015.

 

Anmerkungen:

1 Remafedi, G., Risk Factors for Attempted Suicide in Gay and Bisexual Youth, Pediatrics, Vol.87, No.6, 1991, S.869-875

2 ZÜMS 98, Hrsg. von: Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich, Sumatrastr. 30, CH-8006 Zürich, Juni 1999

3 Hogg, Robert S. et al., Modelling the Impact of HIV Disease on Mortality in Gay and Bisexual Men, Int. Journal of Epidemiology, Vol.26, No.3, 1997, S.657-661

4 Fergusson, D. M., Is sexual orientation related to mental health problems and suicidality in young people?, Arch. Gen. Psychiatry, Vol.56, Oct. 1999, S.876-880

5 Herrell, R., Sexual orientation and suicidality, Arch. Gen. Psychiatry, Vol.56, Oct. 1999, S.867-874

6 Sandfort, T., R. Graaf, R. Bijl, P. Schnabel, Same-Sex Sexual Behavior and Psychiatric Disorders: Findings from the Netherlands Mental Health Survey and Incidence Study (NEMESIS), Arch. Gen. Psychiatry 58, 2001, S.85-91

7 Dannecker, Martin, Sexualwissenschaftliches Gutachten zur Homosexualität, in: Jürgen Basedow et al. (Hrsg.), Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Beiträge zum ausländischen und internationalen Privatrecht 70, Mohr Siebeck, Tübingen 2000

8 Van de Ven, P. et al., A Comparative Demographic and Sexual Profile of Older Homosexually Active Men, Journal of Sex Research Vol.34, No.4, 1997, p. 349-360

9 ZÜMS 98 a.a.O.

10 Siehe hierzu auch die Rubrik "Männliche Homosexualität und Promiskuität" unter p149513.typo3server.info/index.php (Fußnote hinzugefügt 2015). 

11 Gissrau, Barbara, Die Sehnsucht der Frau nach der Frau: Das Lesbische in der weiblichen Psyche, Kreuz Verlag, Stuttgart 1993, S. 172

12 Spitzer, Robert L., 200 Subjects Who Claim to Have Changed Their Sexual Orientation from Homosexual to Heterosexual, vorgestellt am 09. Mai 2001 anläßlich eines Symposiums der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft in New Orleans. Siehe auch Focus 29/2001, S. 134-136

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

    Alle Artikel von Christl Ruth Vonholdt

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