Der Fall Pilkington

Wie Freiheitsrechte beschnitten werden

Christl R. Vonholdt

Im Jahr 2009 traf die englische Psychotherapeutin und christliche Seelsorgeberaterin Lesley Pilkington auf einer christlichen Konferenz den homosexuell lebenden Mann Patrick Strudwick1. Strudwick bat sie um Hilfe. Er erklärte ihr, dass er unter seiner Homosexualität leide und sich eine Abnahme seiner homosexuellen Gefühle wünsche. Pilkington, die Erfahrung in der Begleitung von Menschen mit ungewünschter Homosexualität hat, sagte ihm ihre Unterstützung zu. Sie erläuterte ihm auch, dass sie eine therapeutische Begleitung bei unerwünschter Homosexualität nur in einem christlichen Rahmen anbiete. Strudwick erwiderte, dass er Christ sei, und beide vereinbarten, dass sie auf der Grundlage christlicher Werte miteinander arbeiten wollten. In den Sitzungen betonte Strudwick wiederholt, dass er den homosexuellen Lebensstil aufgeben wolle, weil dieser für ihn sinnlos geworden sei.
Nach zwei Sitzungen rief Strudwick Lesley Pilkington an und teilte ihr mit, dass er an seinem Leben gar nichts verändern wolle. Er sei Homosexuellenaktivist und habe das Ziel, allen Reorientierungstherapien und entsprechenden Seelsorgebemühungen ein Ende zu machen. Aus diesem Grund habe er auch die beiden Sitzungen mit Frau Pilkington mit einem versteckten Mikrophon aufgenommen.
Im Februar 2010 hatte Strudwick in einer Homosexuellen-Zeitschrift erklärt: „Wir wollen Therapeuten und Psychiater, die diese Techniken [Reorientierungstherapien] anbieten, völlig ausradieren und ihnen ein Ende machen, indem wir sie bloßstellen und ihre Meetings stören.“2 (…) Das endgültige Ziel bestehe darin, religiöse Gruppen daran zu hindern, dass sie Beratung und Seelsorge mit dem Ziel der Veränderung homosexueller Orientierungen anbieten. 
Um Lesley Pilkington, eine Psychotherapeutin mit über zwanzigjähriger Erfahrung und tadellosem Ruf, öffentlich zu schädigen, benutzte Strudwick seine heimlichen Tonbandmitschnitte, verfasste einen Artikel und verkaufte ihn an die Tageszeitung The Independent, die ihn auch druckte.
Gleichzeitig reichte Strudwick eine formale Beschwerde bei Pilkington’s Berufsverband, der British Association for Counseling and Psychotherapy (BACP), ein. Strudwick argumentierte, Pilkington habe die „natürliche Unveränderbarkeit“ seiner Homosexualität nicht respektiert. Indem Lesley Pilkington Hilfe zur Abnahme homosexueller Empfindungen angeboten habe, habe sie unprofessionell gehandelt und müsse ihre Berufs­lizenz verlieren.
Auch die Presse verbreitete: „Lesley Pilkington hat den Ethik-Kodex der BACP verletzt, indem sie der Bitte von Patrick Strudwick nachkam, ihm zu helfen, heterosexuell zu werden.“3

Vor dem Beschwerdeausschuss der BACP

Obgleich der Ethik-Kodex der BACP von „ethischer Vielfalt“ redet, von „Klientenautonomie“, von „Respekt vor dem Recht des Klienten auf Selbstbestimmung“ (und zum Thema Homosexualität keine Stellung nimmt), reagierte der für die Entscheidung über professionelles Fehlverhalten zuständige Beschwerdeausschuss der BACP vernichtend.

Therapien zur Abnahme homosexueller­ Emp­­findungen (Reorientierungstherapien)­ anzubieten, so die BACP, sei in der Tat „unprofessionell“, „dogmatisch“, „respektlos“, und „rücksichtslos“.4

In ihrem ersten Urteil untersagte die BACP Lesley Pilkington jede weitere therapeutische Arbeit und wies sie an, bestimmte Seminare zu besuchen, um das „richtige Bewusstsein“ über Homosexualität zu bekommen. Werde sie das nicht tun, würde sie aus der BACP ausgeschlossen.  

Noch vor der ersten Anhörung im Ausschuss hatte die BACP einen Link auf ihrer Website angebracht, der auf Strudwick’s Zeitungsartikel hinwies – an und für sich ein gravierender Verstoß gegen die Neutralität des Ausschusses.

Lesley Pilkington legte Berufung ein.

Die Öffentlichkeit reagiert

Kurz vor der ersten Berufungsanhörung am 1. Februar 2012 reagierte die Öffentlichkeit.

Die Presse veröffentlichte einen Unterstüt­zerbrief für Lesley Pilkington. 71 Personen des öffentlichen Lebens, u.a. der frühere oberste Bischof der Anglikanischen Kirche, Lord Carey, andere Bischöfe der Anglikanischen Kirche in England, insgesamt drei Abgeordnete des britischen Parlaments sowie Theologen, anerkannte Psychotherapeuten aus den USA und andere setzten sich in einem offenen Brief für Therapiefreiheit ein: für das Recht des Therapeuten, professionelle Hilfe zur Abnahme ungewünschter homosexueller Neigungen anzubieten und für das Recht des Klienten, Reorientierungstherapien eingehen zu können.

Im Brief heißt es u.a.: „Wir sind überzeugt, dass Menschen, die sich frei entscheiden, ihre ungewünschten homosexuellen Neigungen aufzulösen, auch das Recht haben, dabei professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Der Betroffene, nicht der Therapeut, habe das erste Recht zu entscheiden, welche Identität er für sich in Anspruch nehmen möchte. „Wenn Therapeuten das Recht des Klienten auf Selbstbestimmung ablehnen oder in Frage stellen, gefährden sie sein Wohlbefinden.“ Klienten müssten die Richtung ihres Lebens selbst bestimmen dürfen. Therapeutenorganisationen, die sensibel und respektvoll mit Vielfalt umgehen wollten, dürften keine „paternalistische“ Rolle übernehmen, die einigen Klienten vorschreiben wolle, was das Beste für ihr Leben sei. „Sachkundige Therapeuten, auch diejenigen, die jüdisch-christliche Werte vertreten, müssen die Freiheit haben, denen zu helfen, die sich eine Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle wünschen.“5 Zudem betont der Brief, dass Reorientierungstherapien nachweislich und in verschiedener Weise hilfreich sein können und nicht schädlich sind.

Der Brief wurde in der gesamten britischen Presse verbreitet, zahlreiche positive Kommentare folgten. Im Sunday Express setzte sich die frühere britische Innenministerin Ann Widdecombe für das Recht auf Therapiefreiheit ein und schrieb: „Ein Mann, der eine Frau sein möchte, bekommt nicht nur die erforderlichen Operationen, sondern eine riesige Menge an psychologischer Unterstützung. (…) Fast jeder kann in unserem Land therapeutische Hilfe für alles bekommen, nur der Homosexuelle nicht, der nicht mehr homosexuell leben möchte.“6

Die Anhörung vor dem Berufungsgericht

Es folgten zwei Berufungsanhörungen. Dabei wurden die von Lesley Pilkington benannten Zeugen – frühere Klienten von ihr, die eine Veränderung ihrer homosexuellen Orientierung erlebt hatten – vom BACP-Gericht nicht zugelassen. Ebenso durfte ein schriftliches Dossier des bekannten und renommierten amerikanischen Psychotherapeuten A. Dean Byrd zur Ethik und den Erfolgschancen von Reorientierungstherapien nicht eingereicht werden. Immerhin erlaubte das BACP-Gericht, dass Professor Byrd, Medizinprofessor und ehemaliger Präsident von NARTH7, als Experte bei der Anhörung aussagen dürfe. Nachdem Dean Byrd mit Kosten- und Zeitaufwand nach England gereist war, entschied die BACP plötzlich, dass er von der Anhörung ausgeschlossen sei. Byrd erhielt anonyme Telefonanrufe, die ihm drohten, es würde etwas mit ihm passieren, wenn er bei der Anhörung aussagen würde. Er musste die Polizei einschalten.

Lesley Pilkington argumentierte, dass sie anerkannte, legitime und einwandfreie therapeutische Methoden verwende. Sie zitierte aus dem neuen Anhang des renommierten englischen Fachbuchs Essential Psychopathology and its Treatment (2009), in dem es heißt: „…neue empirische Nachweise zeigen, dass bei motivierten Klienten mit Hilfe von Therapien eine homosexuelle Orientierung sehr wohl verändert werden kann und dass Reorientierungstherapien nicht schädlich sind.“8

Im Mai 2012 verkündete das BACP-Berufungsgericht sein Urteil. Die meisten der bereits verhängten Sanktionen gegen Lesley Pilkington wurden zurückgenommen. Dennoch verlor sie ihren höheren Akkreditierungsstatus und behielt nur einen niedrigeren Akkreditierungsstatus. Die Begründung der BACP war: Frau Pilkington hätte nicht so schnell davon ausgehen dürfen, dass der Klient wirklich den von ihr angebotenen therapeutisch-seelsorgerlichen Weg gehen wollte, auch wenn er dem zugestimmt habe. Zudem hätte sie seine Aussagen, dass er aufgrund seiner Homosexualität unter Depressionen leide, nicht einfach glauben dürfen.

Lesley Pilkington hatte u.a. argumentiert, Strudwick sei kein wirklicher Klient gewesen. Das BACP-Gericht entschied aber, dass Strudwick „ein wirklicher Klient“ gewesen sei, auch wenn er als verdeckter Journalist ermittelte.

Die Tatsache, dass das Berufungspanel der BACP Strudwick als „wirklichen Klienten“ einstufte, gefährdet alle, die es noch wagen, Klienten bei ihrem Wunsch nach Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle Hilfe anzubieten, so die Website Christian Concern: Solche Therapeuten „sind jetzt öffentlichem Mobbing durch Undercover-Journalisten ausgesetzt, die vorgeben, Klienten zu sein.“9

Sein Hauptziel, den Ausschluss von Lesley Pilkington aus der BACP, erreichte Patrick Strudwick nicht. Dem Berufungspanel gegenüber musste er zugeben, dass er einen möglichen Erfolg von Reorientierungstherapien nicht ausschließen könne. Er könne nicht ausschließen, dass diese Therapien nicht doch für einige hilfreich und gut seien.

Patrick Strudwick erhielt für seine „Aktion“ gegen Lesley Pilkington sowie gegen einen psychotherapeutisch tätigen Arzt, bei dem er genau dasselbe gemacht hatte, einen Preis von Stonewall, der führenden Homosexuellenorganisation in Großbritannien. Der Fall des Arztes endete nach mehreren Anhörungen und langem Hin und Her mit einem Freispruch. Die zuständige Berufsorganisation, der General Medical Council, entschied – anders als die BACP –, dass man auf die Beschwerde von Strudwick nicht eingehen werde, weil er kein ernsthafter Klient gewesen sei.

Wie geht es weiter?

Der Fall Lesley Pilkington ist abgeschlossen. Im Verlauf des Verfahrens konnte Pilkington in mehreren Radio-Interviews ihre Sicht darlegen, was ihr bereits neue Klienten brachte, die sich eine Abnahme homosexueller Gefühle wünschen. (Diese Klienten hatten eine gay-affirmative10 Therapie ausprobiert, was sie aber als zutiefst unbefriedigend empfanden.)

Andrea Minichiello Williams, Direktorin des Christian Legal Centre, das Lesley Pilkington unterstützte, meint: „Wir… sind der Auffassung, dass in einer zivilisierten Gesellschaft Therapien für Menschen, die ihr homosexuelles Verhalten verändern möchten, frei zur Verfügung stehen sollten – ohne dass diese dabei Angst vor Einschüchterung und Drohungen durch die Homosexuellenlobby haben müssen. Wollen wir in einem Land leben, in dem diejenigen, die der Auffassung sind, dass Homosexuelle ihr Verhalten ändern können, von ihren Berufsorganisationen gejagt werden? Es handelt sich hier nicht um einen Einzelfall und diese Angriffe auf die Freiheit müssen aufhören.“11

Dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, zeigen die folgenden Beispiele, die sich zeitgleich mit den Ereignissen bei Pilkington abspielten:

Der christliche Berater Gary McFarlane wurde von seinem Arbeitgeber entlassen, weil er bei einer Weiterbildung äußerte, dass er möglicherweise aus Gewissensgründen keine sexuelle Paarberatung bei homosexuell lebenden Paaren machen könne.12

Der Verwaltungsbeamte Andrew McClintock musste seine Stelle aufgeben, nachdem ihm verboten wurde, aus der Verpflichtung, Kinder auch in homosexuelle Pflegehaushalte zu geben, auszusteigen.13

Pilkington meinte am Ende, sie sei froh, dass die BACP Reorientierungstherapien nun doch nicht verboten habe und sie selbst werde solche Therapien auch weiterhin anbieten. „Doch wer wird christliche Berater vor beständiger Schikane schützen? Der BACP-Ausschuss hat die Zeugen, die für mich hätten aussagen können, nicht zugelassen. Außerdem versuchten Homosexuellenaktivisten, diese Zeugen einzuschüchtern und beleidigten sie am Telefon. Es geht um den Versuch, Christen, die sich zu den Themen Sexualität, Ehe und Aufwachsen von Kindern äußern, zum Schweigen zu bringen. Angeblich leben wir in einer Gesellschaft der Vielfalt, in der jeder dazugehören soll. Heißt das, dass es inklusiv für jeden ist, außer für die, die ihre homosexuellen Gefühle loswerden wollen und diejenigen Therapeuten, die bereit sind, ihnen zu helfen? Wollen wir eine Gesellschaft, in der öffentliches Mobbing, Bullying, Einschüchterung, Lügen und Verrat benutzt werden können, um zweifelhafte Ziele zu erreichen? Solches Verhalten ist absolut inakzeptabel und sollte auch öffentlich als solches benannt und klar verurteilt werden.“14

Anmerkungen

1 Der Artikel hat als Quellen Veröffentlichungen von Christian Concern (christianconcern.com) und verschiedene englischsprachige Presseberichte, den BACP Ethik-Kodex und persönliche Korrespondenz.  

2 www.pinknews.co.uk/2010/02/10/campaign-launched-to-expose-ex-gay-therapists/ Siehe auch: www.christianconcern.com/our-concerns/sexual-orientation/appeal-panel-rules-on-lesley-pilkington-case

3 Express.co.uk/posts/view/299271/Helping-those-who-aren-t-glad-to-be-gay

4 Im BACP Ethik-Kodex heißt es z.B., dass „Rücksichtslosigkeit“ und Verhalten, das „gegen die geschriebenen oder ungeschriebenen Richtlinien“ der BACP verstoße, als „professionelles Fehlverhalten“ gewertet werden kann.

5 narth.com/2012/02/seventy-senior-members-of-the-british-establishment-defend-reorientation-therapist/

6 www.express.co.uk/posts/view/299271/Helping-those-who-aren-t-glad-to-be-gay

7 NARTH: National Association for Research and Therapy of Homosexuality. www.narth.com

8 “While many mental health care providers and professional associations have expressed considerable skepticism that sexual orientation could be changed with psychotherapy and also assumed that therapeutic attempts at reorientation would produce harm, recent empirical evidence demonstrates that homosexual orientation can indeed be therapeutically changed in motivated clients, and that reorientation therapies do not produce emotional harm when attempted.” Anmerkung im Anhang. Maxmen, J.S., Ward, N.G., Kilgus, M., Essential Psychopathology and its Treatment. W.W. Norton & Company, third edition, 2009, S. 488

9 www.christianconcern.com/our-concerns/sexual-orientation/appeal-panel-rules-on-lesley-pilkington-case

10 Gay-affirmative Therapie: Hat das Ziel, Homosexualität im Menschen zu bestätigen und ihn anzuleiten, homo­sexuelle Gefühle auch auszuleben.

11 www.christianconcern.com/our-concerns/sexual-orientation/christian-counsellor-receives-backing-of-lord-carey

12 news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/bristol/somerset/8651417.stm    

13 news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/south_yorkshire/7071050.stm

14 www.christianconcern.com/our-concerns/sexual-orientation/appeal-panel-rules-on-lesley-pilkington-case

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

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