Sprachlosigkeit senkt Urteilskraft

Die „Initiative Ehe und Familie“ hatte zum ersten Bensheimer Familientag eingeladen. Hauptreferent Christian Nürnberger plädierte eindrücklich für eine bessere Qualität des Familienlebens. Schirmherrschaft der Veranstaltung hatte die Hessische Kultusministerin Karin Wolff.

Evelyn Vossen (Bergsträßer Anzeiger, 01.07.2003)

„Für Kinder ist es gut, wenn sich Eltern vor ihnen streiten, das macht die Kinder intelligenter“, meint Christian Nürnberger. Sie lernten dadurch eher, sich eine eigene Meinung zu bilden, wie man streitet und wie man sich wieder versöhnt. Und Kinder lernten außerdem noch, dass am Ende immer die Mutter Recht behalte. Und mit der ist er - nicht nur in Erziehungsfragen - nicht immer einer Meinung. Dabei kokettiert der freie Autor mit dem hintergründigen Humor gern damit, dass er als „eheliches Anhängsel“ stets im Schatten seiner prominenten Frau, der ZDF-Moderatorin Petra Gerster, stehe. Mit ihr hat er 2001 das Buch „Der Erziehungsnotstand“ und dieses Jahr im März dessen Fortsetzung „Stark für das Leben - Wege aus dem Erziehungsnotstand“ veröffentlicht.

Am Samstag sprach der Journalist beim „Ersten Bensheimer Familientag“ über das Thema „Beziehung - Erziehung“. Vor etwa 80 Zuhörern in der evangelischen Michaelskirche prangerte er die finanzielle Benachteiligung von Familien durch den Staat und die Bevorzugung von flexiblen Singles durch die Wirtschaft an. Dies seien auch Gründe dafür, dass Deutschland die niedrigste Geburtenrate in Europa aufweise. Darum forderte er, dass „der Staat, die Wirtschaft und die ganze Gesellschaft die Eltern stärken und den Familien das geben sollen, was sie brauchen, um ihre Verantwortung für die Kinder wahrnehmen zu können“. Die kirchliche „Initiative Ehe und Familie“ hatte zu dem Tag unter dem Motto „Abenteuer Familie“, für den Kultusministerin Karin Wolff die Schirmherrschaft übernommen hat, eingeladen. Ihr gehören etwa 100 Mitglieder wie Kirchengemeinden, Einzelpersonen und Kommunitäten an.

Anstoß für die Gründung der Initiative gab Anfang 2002 die Diskussion um die Segnung homosexueller Paare in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, der man eine positive Perspektive von Ehe und Familie entgegen setzen wollte. Während Kinder in den vergangenen 30 Jahren von der Gesellschaft „als pures Privatvergnügen und reiner Kostenfaktor“ behandelt worden seien, stellt Nürnberger derzeit eine Neuentdeckung des Themas Familie auch bei den Parteien fest.

„Die Familienpolitik muss künftig wieder eine höhere Priorität haben“, fordert der Vater zweier Kinder. Auch die Wirtschaft müsse überlegen, wie sie Müttern und Vätern durch neue Arbeitszeitmodelle und auf Eltern zugeschnittene Fort- und Weiterbildung helfen könne, Familien nicht zu vernachlässigen. Denn, dass Kinder gesünder, kräftiger, belastbarer und selbstbewusster seien, je besser die Qualität ihres Familienlebens sei, ist seine feste Überzeugung. Und diese Qualität des Familienlebens stehe in direktem Zusammenhang mit den schulischen Leistungen, was auch ein Ergebnis der PISA-Studie gewesen sei. „Der erste Ort für Bildung ist die Familie“, so Nürnberger.

Auch das Wissen um christliche Feste, Feiertage und biblische Grundlagen solle in der Familie vermittelt werden, da Schulen dies nicht mehr selbstverständlich leisteten. Nach Nürnbergers Definition ist Erziehung „die Kunst, zu jedem Zeitpunkt für jedes Kind das jeweils richtige Maß zwischen zwei Extremen oder mehreren konkurrierenden Zielen zu finden“. Dazu gehöre, unterscheiden zu lernen etwa zwischen gut und böse, wahr und unwahr, wichtig und unwichtig, Alltag und Feiertag, Regeln und Ausnahmen.

Unermüdlich fordert Nürnberger dazu auf, stets mit seinen Kindern im Gespräch zu bleiben, denn „wo Sprachlosigkeit herrscht, sinkt die Urteilskraft und mit ihr die Abwehrkraft gegen schlechte Einflüsse, Manipulationen, Konsumismus und Gewalt“.

Mit der Kommunikationsarmut in Familien beschäftigte sich auch Dominik Klenk, Leiter der Kommunität „Offensive Junger Christen“ (OJC) in Reichelsheim, in seinem Workshop „Gewalt und Medien“ am Nachmittag. Studien zufolge redeten Eltern mit ihren Kindern durchschnittlich am Tag zwischen vier und zwölf Minuten. Dagegen betrage die Fernsehkonsumzeit pro Kopf und Tag dreieinviertel Stunden.

Der Medienpädagoge legte anschaulich mit Bausteinen dar, dass in jeder Phase - im Säuglings-, Kleinkind- oder Pubertätsalter - Beziehung durch Kommunikation eine persönlichkeitsprägende Rolle spiele. Fehle sie, könne es zu Identitätsstörungen kommen. Mit dem Fernsehen könne dann eine Pseudokommunikation geführt werden. Vor allem bei der Darstellung von Gewalt im Fernsehen oder in Computerspielen, die zunehme, warnte Klenk vor der Kombination von Gewalt und Vergnügen, die die Hemmschwelle, selbst Gewalt einzusetzen, senken könne. Außerdem ging es in den Workshops bei dem Familientag noch um „PEP4Kids“ - das „Positive Erziehungsprogramm“, Kinder in der Pubertät, Gewaltprävention bei Kindern, um ein Konzept für einen Kleinkindergottesdienst, Kommunikation in der Ehe sowie den Aufbau einer Ehearbeit in der Kirchengemeinde.

Für Kinder zwischen drei und elf Jahren gab es ein Extra-Programm. „Die Kirche muss Hilfestellungen für Familien anbieten“, sagt Elke Pechmann, die im „Institut für Jugend und Gesellschaft“ der OJC arbeitet und der gastgebenden „Initiative Ehe und Familie“ angehört. Der Familientag war ein wichtiger Beitrag dazu, der von der kirchlichen Basis kam.

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