Identität und Gender-Ideologie

Interview mit Christl R. Vonholdt

Die Fragen stellte Eva Trauttwein, Ungarn

ET: Welches sind die Kernthemen des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft (DIJG)?

CRV: Im Zentrum unserer Arbeit stehen die Fragen nach Identität und Identitätsentwicklung. Dabei geht es um männliche und weibliche Identität, um die Rolle der Familie bei der Identitätsentwicklung und um mögliche Identitätsprobleme und Identitätsverletzungen. Auch die psychosexuelle Entwicklung gehört zur Identitätsentwicklung dazu, Identität und Sexualität sind deshalb weitere wichtige Themen. Wir setzen uns (auch politisch) für das Recht des Kindes auf Vater und Mutter ein. Kinder können am besten aufwachsen, wenn ihre Eltern in einer stabilen, konfliktarmen, beziehungsreichen Ehe miteinander leben. Deshalb setzen wir uns auch dafür ein, dass die Ehe als die Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau und die dazugehörige Familie öffentliches Leitbild unserer Kultur bleiben.

ET: Wie kam es zum Thema Homosexualität?

CRV: Seit 30 Jahren bis heute wenden sich Männer und Frauen an uns, die ihre homosexuellen Empfindungen als ungewünscht erleben und sich eine Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials wünschen. Aufgrund langjähriger, intensiver Forschungen sehen wir homosexuelle Empfindungen als den Versuch, chronische Bindungsverletzungen aus der Kindheit auszugleichen. Die Bindungsverletzungen betreffen insbesondere die Beziehung des Jungen zum Vater und die Beziehung des Mädchens zur Mutter. In der Homosexualität werden aus der Kindheit stammende, ungestillte emotionale Bedürfnisse nach Annahme, Zuwendung und Wertschätzung durch den gleichgeschlechtlichen Elternteil sexualisiert. Ein homosexuell empfindender Mann sucht im sexuellen Kontakt oft unbewusst männliche Wertschätzung oder den Anschluss an männliche Eigenschaften, die er bei sich zu vermissen glaubt. Allerdings bleibt Homosexualität immer ein vergeblicher Versuch, denn sexuelles Verhalten kann niemals emotionale Verletzungen heilen oder ungestillte emotionale Bedürfnisse stillen.

ET: Warum wird den Themen Homosexualität und Gender-Ideologie eine so große Bedeutung beigemessen?

CRV: Es geht um die Zukunft der nächsten Generation. Keine Form der Sexualität ist beim Menschen einfach nur angeboren oder starr instinktgesteuert. In der Pubertät haben viele Jugendliche entwicklungsbedingt Unsicherheiten im Hinblick auf ihre sexuelle Orientierung oder haben Ängste vor der Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Hier möchten wir aufklären und die Fakten über den homosexuellen Lebensstil offen auf den Tisch legen. Homosexualität ist keine natürliche, gesunde Alternative zur Heterosexualität. Wir möchten Jugendliche ermutigen, ihr heterosexuelles Potential, das ja in ihrem Körper angelegt ist, zu entwickeln und zu einer reifen Ehefähigkeit zu kommen. Wir möchten sie auch ermutigen, sich möglichen emotionalen Problemen in ihrem Leben zu stellen und sich dazu auch kompetente Hilfe zu suchen.

Was die Gender-Ideologie betrifft: In den Gender-Theorien werden Thesen vertreten, die eine gute Identitätsentwicklung von Jungen und Mädchen erheblich beeinträchtigen und stören. Die Gender-Theorien gehen von der Annahme aus, es gäbe keinerlei wesensmäßige Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wo man sie bei Jungen und Mädchen antrifft, so die Gender-Theorien, sei das nur das Resultat falscher Erziehung; durch neue Formen der Erziehung müssten Kindern sämtliche geschlechtstypischen Unterschiede abgewöhnt werden. Diese Grundannahme widerspricht allen empirischen Studien. Mädchen und Jungen müssen vielmehr lernen, sich gerade auch in ihrer geschlechtlichen Unterschiedlichkeit anzunehmen. Wer Kindern etwas anderes beibringen will, erschwert die Selbstannahme und damit die Identitätsentwicklung des Kindes. - Identität ist allerdings etwas anderes als Rolle. Kinder, die eine sichere Identitätsentwicklung erfahren haben, sind später freier, auch verschiedene Rollen zu spielen.
Die Vertreter der Gender-Theorien sehen „Geschlecht“ als eine bedeutungslose Kategorie. Deshalb lehnen sie die Ehe zwischen Mann und Frau als Norm ab, denn die Ehe beruht ja gerade auf dem geschlechtlichen Unterschied zwischen Mann und Frau. Ebenso wird in den Gender-Theorien Heterosexualität als Norm abgelehnt; homosexuelle, bisexuelle, transsexuelle und transgender Lebensformen sollen rechtlich als „gleich“ behandelt werden. Wenn dies Kindern so vorgestellt wird, kann sie das tief verunsichern und auf ihrem Weg zu einer reifen Ehefähigkeit entmutigen. Homosexualität und Bisexualität sind ja nicht angeboren! Jugendlichen wird die wichtige Botschaft vorenthalten, dass Ehefähigkeit eine kulturelle Leistung ist, für die es sich lohnt, Ängste zu überwinden und sich anzustrengen. Wie keine andere Gemeinschaft trägt die Ehe zum Zusammenhalt der Geschlechter, zur Entwicklung, zur Zukunftsfähigkeit und zum Frieden einer Gesellschaft bei. Es ist unsere Aufgabe als Erwachsene, wo immer möglich, der nächsten Generation bei der Entwicklung ihrer Ehefähigkeit zu helfen und nicht zu behaupten, sämtliche sexuellen Lebensstile seien „gleich-gültig“.

ET: Wenn wir uns die Webseite des Ungarischen Ministeriums für Soziales und Arbeit ansehen, finden wir u.a. Folgendes:
 
„Gender Mainstreaming hat die Aufgabe

  • jedem Menschen bewusst zu machen, dass Gender eines der den Menschen von Geburt an prägenden Prinzipien ist
  • Gender fördert die Achtung der Identität als Mann und Frau
  • Gender hält es für selbstverständlich, dass sich das Leben in Frauen und Männern gestaltet, weswegen beide andere Bedürfnisse, andere Erlebniswelten… haben.“

Offensichtlich wird hier der ursprüngliche Gender-Begriff verwandt, nämlich Gender als „Mann und Frau“, so wie es lange Zeit im englischen Sprachraum üblich war und auch heute oft noch ist. In der Gender-Ideologie bzw. in den Gender-Theorien wird aber doch der Begriff „Gender“ ganz anders gefüllt. Was ist da anders?

CRV: Die Forderungen des ungarischen Ministeriums sind zu unterstützen.
In der neuen Gender-Ideologie wird aber gerade behauptet, dass Gender nicht angeboren sei, sondern jeder Mensch sein Gender jederzeit frei wählen und beliebig wechseln könne. Leider herrscht heute eine große Sprachverwirrung bezüglich des Begriffs „Gender“. Im Gender Mainstreaming-Ansatz der EU geht es aber häufig um den völlig anderen, neuen Gender-Begriff aus den Gender-Theorien.

Die neuen Gender-Theorien behaupten in einem ersten Schritt, dass es keinerlei wesenhafte Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Es dürfe deshalb auch keine Geschlechtsrollenunterschiede geben, weder in der Erwerbsarbeit noch in der Verteilung der Familienarbeit. Eine Frau, die einige Jahre zuhause vollzeitig sich den Kindern und der Familie widmen möchte, ist nach den neuen Gender-Theorien eine unterdrückte Frau, die noch nicht das richtige Bewusstsein hat.
Ich bin der Auffassung: Wenn ein Ehepaar sich die Familien- und Erwerbsarbeit 50:50 aufteilen will, soll es die Freiheit dazu haben. Die Gender-Ideologie will diese Aufteilung aber zwangsweise einführen. Die Behauptung der Gender-Theorien, eine Frau, die zuhause bleibt, um für Kinder und Familie zu sorgen, sei damit schon eine unterdrückte Frau, stimmt einfach nicht.
In einem zweiten Schritt geht die Gender-Ideologie noch weiter: Sie behauptet, die Einteilung des Menschen in Mann und Frau stelle eine Zwangseinteilung zu Ungunsten der Frau dar. Um wirklich frei zu sein, müsse der Mensch von der „Zwangskategorie Geschlecht“ befreit werden. Die äußeren Geschlechtsmerkmale des Menschen, so die Gender-Ideologie, seien zufällig, und der Mensch könne nur frei sein, wenn er sein Geschlecht selbst wählen könne oder, besser noch, auf die Kategorie „Geschlecht“ ganz verzichte. Damit wertet die Gender-Ideologie aber konkretes Mannsein und Frausein und die Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen ab. Das wirkt sich identitätszerstörend auf Kinder und Erwachsene aus. Unsere Identität können wir nur finden, wenn wir unseren Körper und seine Bedeutung, und damit auch unser Festgelegt-Sein auf ein bestimmtes Geschlecht positiv in unser Leben integrieren.

ET: Was meinen andere Organisationen von Frauen dazu?

CRV: Viele meinen, bei Gender-Mainstreaming ginge es nur um die finanzielle und politische Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau. Hier liegt die Attraktivität des Gender-Maintreaming. Auch in westlichen Gesellschaften gibt es Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten. Diese Ungerechtigkeiten sind wie Wunden, an denen die Menschen leiden. Die Sehnsucht des Menschen nach Gerechtigkeit wird aber in der Gender-Ideologie ausgebeutet. Sie wird instrumentalisiert, um einen neuen Menschen jenseits der „Zwangsjacke“ Geschlecht zu schaffen. Das ist aber Zeichen eines Totalitarismus. Jeder Totalitarismus zeichnet sich dadurch aus, dass er den real existierenden Menschen mit all seiner Größe und seiner Schwäche durch einen „besseren Menschen“ ersetzen will. Wer aber einen Menschen jenseits der „Einengung“ von Geschlecht fordert, entfremdet den Menschen von sich selbst und verhindert letztlich, dass er sich ganzheitlich mit Leib, Seele und Geist entfalten kann.

ET: Was fordert das DIJG für die Frauen?

CRV: Es geht darum, Freiheit zuzulassen. Frauen und Männer müssen lernen, gegenseitig aufeinander zu hören. Oft wollen Frauen etwas anderes als Männer, wenn sie die Freiheit dazu haben. Gerade in Ländern, in denen Frauen nicht unter finanziellem Druck stehen, zeigt sich, dass Frau oft andere Prioritäten in ihrem Leben setzen möchten als Männer. Mütter, die einige Jahre zuhause bleiben möchten, um für Familie und Kinder ganz da zu sein, dürfen nicht stigmatisiert und diskriminiert werden. Auch finanziell muss es für eine Familie möglich sein, dass es nur einen Erwerbstätigen gibt. Viele Frauen möchten nach einigen Jahren „Familienpause“ wieder in ihren Beruf einsteigen, oft in Teilzeit. So ein Wiedereinstieg sollte für Frauen unbedingt erleichtert werden. Hier können Politik und Wirtschaft noch einiges tun.

Copyright: DIJG November 2010

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

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