Die Auflösung der heterosexuellen Norm

Dr. Charles W. Socarides

ist Psychoanalytiker und Professor für Psychiatrie am Albert Einstein College in New York. Den größten Teil seines beruflichen Lebens hat er den Fragen rund um Homosexualität gewidmet. 1971 erschien sein erstes Buch auch in deutscher Sprache „Der offene Homo­sexuelle“ (Literatur der Psychoanalyse, Hrsg. Alexander Mitscherlich, Suhrkamp Verlag, Frankfurt). Insgesamt hat Dr. Socarides über achtzig wissenschaftliche Originalarbeiten, Aufsätze und Bücher über Ursachen und Therapiemöglichkeiten bei unerwünschter Homosexualität verfasst. Im vorliegenden Aufsatz zeigt er den zukunftszerstörenden Weg, den unsere Gesellschaft geht, wenn sie sich auf die Illusionen der politisch-ideologischen Schwulen-Bewegung einläßt. Denn die Freiheit, welche die Schwulenbewegung verspricht, so Socarides, entpuppt sich zuletzt als Selbst­zerstörung.

Ein beträchtlicher Teil der heutigen Gesellschaft ist der Überzeugung, daß Homosexualität eine normale Form sexuellen Verhaltens sei - anders als die Heterosexualität, aber gleichwertig. Viele kirchliche Leiter, Verantwortungsträger des öffentlichen Lebens und Erzieher, leitende Mitarbeiter in Sozial- und Gesundheitseinrichtungen, einschließlich solche auf höchster Regierungsebene und in psychiatrischen und psychologischen Abteilungen, sind auf eine weitverbreitete sexuelle Gleichmacherei hereingefallen. Sie wollen nicht, dass ihnen vorgeworfen wird, „undemokratisch“ oder „vorurteilsbelastet“ zu sein, falls sie bestimmte Behauptungen, die ihnen aufgedrängt werden sollen, nicht akzeptieren - so als ob sie selbst keine intellektuellen Fähigkeiten zu vernünftigen Urteilen hätten.
Diese revolutionäre Veränderung unserer Sexualmoral, unseres Sexualkodex und der Sexualgebräuche wurde von einer einzigen Entscheidung mit beträchtlichen Konsequenzen eingeleitet: der Entscheidung, das Wort „Homosexualität“ aus der Liste der „psychologischen Abweichungen“ zu streichen. Das geschah 1973 durch die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (American Psychiatric Association, APA). Es war die fatale Folge davon, dass man grundlegendes psychoanalytisches Wissen über menschliches Sexualverhalten missachtete.1

Die Entscheidung wurde damals von vielen Psychiatern in naiver Weise als das bloße Wegnehmen einer wissenschaftlichen Diagnose angesehen, um dadurch Ungerechtigkeiten zu beseitigen. In Wirklichkeit führte sie aber zu neuen Ungerechtigkeiten gegenüber Homosexuellen und ihren Familien, denn sie sprach der Wahrheit Hohn. Homo­sexuelle wurden außerdem daran gehindert, Hilfe zu suchen und zu finden.

Gesellschaftlich gesehen war es auf verschiedenen Ebenen die Eröffnungsphase einer zweistufigen sexuellen Radikalisierung. Die zweite Stufe bzw. Phase brachte dann die Aufwertung der Homosexualität zu einem alternativen Lebensstil, einer psychosexuell wünschenswerten Lebensweise und zu einer neben der Heterosexualität gleichwertig existierenden Verhaltensnorm. Das Motiv für die Entscheidung der Psychiatrischen Gesellschaft war der Wunsch, homosexuell Lebende gegen Ungerechtigkeiten und Verfolgung zu schützen. Das hätte - in jeder Hinsicht - durch die berechtigte Einforderung gleicher Rechte für alle, einschließlich aller Homosexuellen, gemacht werden können. Der Wunsch dazu ist ja tief in unserer humanistischen Wissenschaft eingewurzelt.

Stattdessen kam es zur Entfernung des Wortes Homosexualität aus dem Handbuch der Psychiatrie. Dies war gleichbedeutend mit einer vollen Zustimmung zur Homosexualität. Diejenigen, die es hätten besser wissen müssen, ermutigten dadurch zu abweichendem Verhalten. Sie hätten es besser wissen müssen sowohl aus wissenschaftlicher Sicht als auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Konsequenzen. Für viele amerikanische Psychiater bleibt dieser Akt der Psychiatrischen Gesellschaft bis heute eine beunruhigende Erinnerung und eine desillusionierende Warnung dafür, daß wissenschaftliche Prinzipien, für die man nicht kämpft, verloren gehen können. Wenn wir nicht anders mit der Wissenschaft umgehen, dann werden wir den Fallen politischer Parteilichkeit und unwahrer Propaganda erliegen - vor den Augen einer ahnungslosen und nicht informierten Öffentlichkeit und vor der übrigen Medizin und den Verhaltenswissenschaften.
Die verheerenden klinischen Auswirkungen dieser Entscheidung sollten folgen. Diejenigen, die weiterhin Homosexualität als gültige Diagnose behalten wollten, wurden durch berufsbezogene und andere Vorlesungen, Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum Schweigen gebracht. Politische Parteien und religiöse Führer wurden benutzt, um dieses Schweigen zu verstärken. Presse und andere Medien wurden beeinflußt. Fernsehen und Kinofilme warben für Homosexualität als einer alternativen Lebensform. Filme, die Homosexualität als Störung darstellen, wurden zensiert.

Homosexuelle Sexualerziehung hat unsere Schulen und Colleges in Beschlag genommen. Schwulenaktivisten, solche die selbst homosexuell sind und andere, porträtieren den homosexuellen Lebensstil als „das Normalste vom Normalen“ und schüchtern Menschen, die andere Ansichten haben, ein. Im Kern hat diese Bewegung erreicht, wovor bisher jede andere Gesellschaft (mit seltenen Ausnahmen) zurückschreckte: das grundlegende Konzept und Ethos des Lebens und der Biologie zu verändern, daß nämlich Männer und Frauen normalerweise mit einem Angehörigen des anderen Geschlechts Sex haben und nicht untereinander.

Der psychiatrische Unsinn und die soziale Unverantwortlichkeit haben viele einzelne Tragödien verursacht. Männer und Frauen, die sich nicht länger für die ihnen entsprechenden Geschlechter-Rollen verantwortlich wissen, bringen Verwirrung für viele kommende Generationen. Störungen der geschlechtlichen Identität werden zwangsläufig zunehmen. Die Verzerrung der Bilder für männlich und weiblich durch die Erwachsenen-Generation wird bei der nächsten Generation die homosexuellen Abweichungen zunehmen lassen.
In der Therapie haben viele Homosexuelle enorme Widerstände aufgebaut, was ihre Fortschritte verzögert, während andere sich sogar davon abbringen ließen, angemessene Hilfe zu suchen. Andere Mediziner sind verblüfft über die Torheit der Psychiater. Ärzte, die in der psychiatrischen Facharztweiterbildung sind, haben wenig Interesse daran, sich mit einem Feld psychiatrischer Forschung zu beschäftigen, in dem sie angegriffen, verspottet und unfair behandelt werden. Ihr Wissen in bezug auf menschliche Sexualentwicklung wird deshalb stagnieren. Aber vor allem ist es der Einzelne, der Homo­sexuelle, der seine Homosexualität überwinden möchte, der am meisten leidet.

Junge Männer und Frauen mit vergleichsweise geringen Sexual-­Ängsten vor dem anderen Geschlecht werden von einigen Psychiatern und nichtmedizinischen Beratern gleichmütig in einen selbstverachtenden Lebensstil geführt. Ju­­gend­­­­­liche, die nahezu alle ein ­gewisses Maß an Unsicherheit im Hinblick auf ihre geschlechtliche Identität empfinden, werden zu der Annahme verführt, daß eine homosexuelle Identität einer heterosexuellen Identität gleichwertig sei. Menschen, die bereits ein Problem mit Homosexualität haben, werden entmutigt, so daß sie den Weg aus ihren selbstzerstörerischen Phantasien heraus nicht mehr finden. Sie werden daran gehindert zu lernen, sich als Mann oder Frau anzunehmen. Sie werden von all den oft so schmerzlichen, aber nötigen Lektionen abgehalten, die es uns erlauben, als vernünftige Einzelpersonen an einer kooperativen Gesellschaft teilzuhaben.

Letztlich kann Homosexualität keine Gesellschaft erzeugen oder sie auch nur über längere Zeit am Leben erhalten. Homosexualität arbeitet gegen die zusammenbindenden Kräfte, die Kohäsionskräfte, jeder Gesellschaft. Sie treibt die Geschlechter in entgegengesetzte Richtungen. Keine Gesellschaft kann längere Zeit bestehen, wenn entweder die Kinder vernachlässigt werden oder die Geschlechter sich im Krieg miteinander befinden. Diejenigen, die die Kräfte verstärken, die eine Gesellschaft auseinanderbrechen lassen, werden von den zukünftigen Generationen keinen Dank erben.

Die Kräfte, die unerbittlich darauf bestehen, daß Homosexualität einen alternativen Lebensstil darstellt, haben sich durch den Appell an Tradition, an aufgeklärtes Eigen­interesse oder durch Grund-Erkenntnisse der Psychoanalyse nicht aufhalten lassen. Warnungen, was mit der Gesellschaft geschehen könnte, haben kaum Auswirkungen gehabt. Niemand sieht sich als Wächter der Gesellschaft oder Kultur. Der Mann von der Straße sagt, er wisse nicht so genau, um welche gesellschaftlichen Interessen es gehe, und schließlich sei Sex doch Privat­sache, oder? Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Haltung lautet die Antwort darauf: NEIN.

Die Psychoanalyse enthüllt, daß das Sexualverhalten keine Sammlung willkürlicher Regeln darstellt, die irgendjemand zu Zwecken, die keiner versteht, aufgestellt hat. Unsere sexuellen Verhaltensweisen sind ein Produkt unserer biologischen Vergangenheit, ein Ergebnis der gesamten Menschheitserfahrung auf dem langen Weg der biologischen und sozialen Evolution. Sie ermöglichen unsere gemeinschaftliche Koexistenz. Auf der Ebene des Einzelnen schaffen sie ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen des Sexualinstinkts und der äußeren Wirklichkeit, die jeden von uns umgibt. Nicht alle Kulturen überleben.
Kulturgeschichtlich hat sich gezeigt, daß die Mehrzahl der Kulturen nicht erhalten bleiben konnte. Und die Anthropologen sagen uns, daß schwere Fehler im Sexualkodex und in den Sexualgebräuchen eine wichtige Rolle beim Untergang vieler Kulturen gespielt haben. Wenn eine große Anzahl von Menschen frühere Sitten innerlich beiseitelegt, wird ihr kollektives Verhalten in letzter Analyse tiefe Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft und ihre Zukunft haben.

Wissenschaftler, Psychologen, Psychiater, Politiker, Verantwortliche des öffentlichen Lebens und andere, die ihre versteckten Eigen-Interessen verfolgen, plündern heutzutage die wissenschaftliche Literatur auf der Suche nach Teilchen von Fakten und Theorien, die man zu einem pro-homosexuellen oder bisexuellen Konzept von Natur, Mensch und Gesellschaft zusammenschustern könnte. Einige behaupten, homosexuell Lebende seien gesund, nur die Gesellschaft krank, und die Wissenschaft solle die Gesellschaft heilen. Andere bringen falsche oder überholte wissenschaftliche Theorien auf den Tisch, um ihren Krieg gegen traditionelle Werte zu führen. Viele unserer Werte können eine Veränderung gebrauchen, aber polemische Pseudowissenschaft und eine Gentheorie ohne solide Basis sind nicht der richtige Weg.

Keine Gesellschaft hat jemals die Homosexualität vorgezogen. Nirgendwo ist Homo­sexualität oder die sogenannte Bisexualität ein angestrebtes Ziel in sich. Nirgends sagen Eltern: „Es ist mir gleich, ob mein Kind heterosexuell oder homosexuell ist.“

Nirgends in der Gegenwart sind Homosexuelle mehr als eine kleine Minderheit.
Nirgendwo macht Homosexualität als solche einen Menschen schon beneidenswert.
Einige der prohomosexuellen Vertreter in den Verhaltenswissenschaften behaupten, psychische Krankheiten seien schlichtweg ein Produkt gesellschaftlicher Definitionen. Sexualverhalten, das in der einen Gesellschaft als normal betrachtet werde, werde in einer anderen als abweichend eingestuft. Eine Überprüfung der Fakten zeigt aber, daß das nicht für alle Verhaltensweisen zutrifft. Einige Verhaltensweisen werden universal als abweichend eingestuft; jede Gesellschaft hält sie für zerstörerisch. Inzest, Vergewaltigung, und psychopathische (of­fen­sichtlich unmotivierte) Gewalt werden in allen Gesellschaften als Tabu betrachtet. Das gleiche gilt für eine vorherrschende oder exklusive Homosexualität oder sogar Bisexualität.

Während Homosexuelle durch sämtliche Gesetze der Gesellschaft geschützt werden können und sollten, sollte Homosexualität nicht gefördert werden.

Die Mächte, die zusammen gegen die Heterosexualität wirken, sind gewaltig und unnachgiebig. Vorwürfe, „undemokratisch“, „grausam und unmenschlich“ oder „unverantwortlich, homophob und vorurteilsverhaftet“ zu sein, richten sich gegen diejenigen, die die Normalität der Homosexualität in Frage stellen. Diese Anklagen werden dann durch die Medien, Filme und Presse verstärkt und lassen den Normalbürger, der solche Praktiken nicht billigt (wie auch die Zaghaften unter den Therapeuten und Psychologen) angesichts der heftigen Attacken verstummen.

Das beste Mittel gegen solche Kräfte ist das Wissen, daß Heterosexualität einen unmittelbar einsichtigen Wert hat: mit aller Wahrscheinlichkeit können weder Jahrzehnte noch selbst Jahrhunderte kultureller Veränderung die Jahrtausende von evolutionärer Selektion und Programmierung ungeschehen machen. Der Mensch ist nicht nur ein geschlechtliches, sondern auch ein durch fürsorgliche Partnerschaft, Gruppenbezogenheit und Kindererziehung gekenn­zeichnetes Lebewesen. Die männlichweibliche Struktur wird dem Kind von Geburt an kulturell durch die Ordnung der Ehe eingepflanzt.

Diese Struktur ist anatomisch festgelegt, und leitet sich von Zellen ab, die sich in langen evolutionären Prozessen zu Organsystemen und schließlich zu Individuen, die einander komplementär angepaßt sind, entwickelt haben. So wird die Doppelstruktur von männlich und weiblich beständig erhalten und nur überwältigende Angst, falscher Stolz oder irregeleitetes individuelles Streben können sie stören oder durcheinander bringen. All das ist aber genug, „die Engel weinen zu lassen“. Ich entnehme diese Wendung aus „Maß für Maß“, einer der bitteren Komödien von William Shakespeare. Einer meiner Patienten machte mich vor einiger Zeit auf dieses Zitat aufmerksam, als er sich über seinen eigenen Zustand Gedanken machte. (Er ist ein bekannter Gelehrter und homosexuell. Er steht in einem Lernprozeß im Hinblick darauf, welche Dynamik seiner Homosexualität zugrunde liegt und wie er diese Kräfte unter Kontrolle bekommen kann.) Hier das ganze Zitat:

Doch der Mensch, der stolze,
angetan mit geringer,
nur kurz währender Autorität,
am unwissendsten dann,
wenn er sich am sichersten glaubt,
sein gläsernes Wesen wie ein zorniger Affe,
spielt solche eingebildeten Tricks
im Angesicht des Hohen Himmels,
die selbst die Engel weinen lassen.

Anmerkungen:

1 Siehe Sexual Politics and Scientific Logic: The Issue of Homosexuality, in: The Journal of Psychohistory 10, No. 3, New York - London 1992. Dort gebe ich eine ausführliche Beschreibung der gesellschaftlichen und politischen Kräfte innerhalb wie außerhalb der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA), die für diesen Schritt verantwortlich war. Ich untersuche kritisch die pseudowissenschaftlichen Scheingründe, die für die Entfernung der Diagnose „Homosexualität“ aus dem Diagnose-Register der APA angeführt wurden.

Textnachweis: Socarides Ch. W., The Erosion of Heterosexuality, aus: New Techniques in the Treatment of Homosexuality, Collected Papers from the NARTH Annual Spring Conference 1994, Copyright: NARTH

Kostenfreies Abonnement

Die Texte dieser Website sind fast alle in unserer Zeitschrift: „Bulletin. Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“ erschienen. Das Magazin schicken wir Ihnen gerne im kostenfreien Abonnement zu. Das Bulletin erscheint in der Regel ein- bis zweimal im Jahr.

Hier können Sie das Bulletin abonnieren »

Kostenloses E-Book

E-Book über trauma-therapeutisch orientieren Ansatz: Frühe, das Kern- und das männliche Selbst betreffende, emotionale Wunden führen zu Bindungsverletzungen und bahnen den Weg für eine homosexuelle Entwicklung.
E-Book: Scham & Bindungsverlust

Scham und Bindungsverlust. Die Reparativtherapie in der Praxis

Spenden

Unsere Dienste finanzieren sich fast ausschließlich durch Spenden. Mit Ihrem Beitrag helfen Sie uns, unseren Auftrag in Kirche und Gesellschaft auch weiterhin wahrzunehmen. Herzlichen Dank, dass Sie mit uns teilen!

Mit PayPal spenden »
Zur Bankverbindung »