Die Flucht vor dem Weiblichen

Eine Pathologie des Zeitgeistes

Eine Zusammenfassung seines Buches - Teil I

Das Folgende ist ein zusammenfassendes Nachzeichnen (Teil I) des Buches von Karl Stern: „The Flight from Woman“, New York 1965 (deutsch: „Die Flucht vor dem Weib“, Salzburg 1968). Die Zusammenfassung erfolgt ohne Kommentierung aus heutiger Sicht, zur besseren Lesbarkeit wurden lediglich Zwischenüberschriften hinzugefügt. Sowohl das englische Original als auch die deutsche Übersetzung sind zur Zeit vergriffen. (crv)

Einführung

Die neurotische Angst vor dem Empfangen

Ein bestimmter Aktivismus ist typisch für unsere Zeit. Er beruht auf einem fehlenden Ausgleich zwischen Tun und Kontemplation. Menschen, die davon betroffen sind, arbeiten meist hart und viel, stellen hohe Anforderungen an sich selbst und andere, weichen aber zugleich der Freude des einfachen Empfangens und jeder Form gesunder, passiver Aufnahmebereitschaft aus. Es ist, als könnten sie sich nicht öffnen. Wenn der Arzt diese Menschen zu Gesicht bekommt, leiden sie überdurchschnittlich häufig an Magengeschwüren. Äußerlich wehren sie sich zwar energisch gegen jedes „Gepäppeltwerden“, Autonomie und Selbständigkeit sind ihr Motto. In der Tiefe ihrer Seele aber, bis ins Leibliche hinein, hält sich ein außerordentlich großes Bedürfnis nach Bemutterung und Versorgung. Ihr Magen rebelliert gerade deshalb, weil er nicht „gefüttert“ wird. Dabei geht es aber nicht nur um Nahrungsaufnahme, sondern um Aufnahme in einem viel umfassenderen Sinn, letztlich um die Aufnahmebereitschaft für die Liebe, um die Fähigkeit, sich in einer kindlichen Haltung des Vertrauens öffnen und anvertrauen zu können. Wenn der Therapeut diesen Menschen begegnet, findet er auf dem tiefsten Grund ihrer psychischen Struktur einen ungelösten Mutterkonflikt, eine Abwehr des Weiblichen.

Oft gehört zum übersteigerten Aktivismus auch ein übersteigerter Rationalismus. Anstelle von Gefühlen ist ein kühler Intellekt entwickelt. Der Menschen manipulierende „Manager“, der Menschen ansieht, als handele es sich um eine Art Maschinen, der sich verhält, als habe er sich vor allem vor dem eigenen Herzen in acht zu nehmen, ist der Mensch der Macht. Oft scheut er vor allen mehr innerlichen Mitteln des Kommunizierens zurück und neigt auch in menschlichen Beziehungen dazu, nur dem zu vertrauen, was kontrollierbar ist. Diese übertriebene Betonung des Technischen und Rationalen in Verbindung mit einer Ablehnung dessen, was wir mangels eines besseren Ausdrucks „Gefühl“ nennen, geht typischerweise mit einer neurotischen Angst vor dem „Empfangen“ einher, mit der Furcht vor gesunder Passivität und Geborgenheit, letztlich mit der Furcht vor dem Geliebtwerden - und ist immer mit einem Mutterkonflikt verbunden.

Wenn wir davon ausgehen, daß diese Störung, gemessen an früheren Zeiten, heute viel verbreiteter ist, hat das weitreichende Bedeutung.
Rationalismus und Positivismus haben die westliche Gesellschaft in den letzten hundert Jahren erstaunlich vorangebracht. Doch die Wohltaten der Technik sind jetzt Anlaß zu einem weltweiten Warnruf geworden, daß mehr und mehr verplant werde, was des Menschen Eigenstes ist. Die einseitige Betonung des Rationalen läßt vor uns das gespenstische Wesen einer Welt aufsteigen, die arm geworden ist an weiblichen Werten.

Die Polarität der Geschlechter

Alle Auffassungen über Mann und Frau folgen zwei Grundrichtungen: Entweder sie gehen von einer grundlegenden Dualität, Polarität und Komplementarität der Geschlechter aus oder sie folgen der Annahme, daß Geschlecht eine rein kulturelle und gesellschaftliche Größe ist.

Im Biologischen scheint es noch einfach zu sein: Spermatozoon und Eizelle zeigen Komplementarität und Polarität. In der sexuellen Vereinigung ist die männliche Spermazelle konvex und vordringend, die weibliche Eizelle konkav und empfangend. Das Spermatozoon hat Torpedoform, die Eizelle ist eine Kugel, die sich dem Eindringen bereithält. Natürlich ist keine Frau nur „weiblich“, kein Mann nur „männlich“. Jeder trägt auch gegengeschlechtliche Anteile in sich, das wissen wir nicht nur von Biologie und Endokrinologie. Jede Frau muß ihre männlichen Anteile integrieren, um ganz Frau sein zu können, ebenso wie der Mann seine weiblichen Anteile gerade nicht abspalten darf, wenn er ganz Mann sein will. Aber die Frage ist hier zunächst, ob die Komplementarität der Geschlechter sich auf die Bio-logie beschränkt, oder ob sie sich nicht vielmehr im ganzen Wesen von Mann und Frau widerspiegelt.

Seit Menschengedenken findet sich in den Religionen und der Philosophie die Überlieferung, daß Polarität nicht nur die Geschlechtlichkeit des Menschen bestimmt, sondern Ausdruck eines alle Seinsbereiche durchdringenden Schöpfungsprinzips ist. Abend und Morgen, Tag und Nacht, Saat und Ernte, Mann und Frau: im Herzen aller Dinge gibt es eine Antithese, die unaufhörlich nach Synthese strebt. Einheit ergibt sich erst aus Polarität und diese Einheit ist Ausdruck der Fülle allen Seins.

So sieht es der Taoismus, die Upanischaden, die jüdische Mystik, das Christentum. Nach jüdisch-christlicher Tradition ist der ganze Mensch nach Gottes Ebenbild erst männlich und weiblich gemeinsam, kommt der Mensch erst im ehelichen Akt zur Fülle und Vollendung.

Simone de Beauvoir: Die Bereitschaft zum Empfangen als Demütigung

Für die Menschen früherer Zeiten war es selbstverständlich, daß der geschlechtlichen Polarität ein metaphysischer Sinn innewohnt. Heute dagegen gehen viele anthropologische und soziologische Arbeiten davon aus, daß ein „höherer“ Sinn nur Überbleibsel vorwissenschaftlichen Aberglaubens sei, in Wirklichkeit erwachse der Unterschied der Geschlechter lediglich sozio-kulturellen Zwängen, die zumeist zu Lasten der Frau gingen. Schon vor mehr als hundert Jahren hat George Sand1 in einem Brief an Flaubert geschrieben, man neige zur Überbewertung der geschlechtlichen Unterschiede, und das nur wegen der biologischen Verschiedenheiten. Simone de Beauvoirs Denken geht in dieselbe Richtung. Bei ihr wird die Polarität von männlich und weiblich durch eine konstruierte Androgynität ersetzt. In einer Analyse verschiedener Texte2 – angefangen von pathologisch frauenfeindlichen Texten einiger Kirchenväter bis hin zu wundervollen Zeilen von Breton oder Claudel - deutet sie jedes Wort so, als genüge schon der Blick eines Mannes, um weibliche Würde herabzusetzen. Weibliches „Anderssein“ bedeutet aus ihrem androzentrischen Blickwinkel schon „Wertverlust“. Man gewinnt aus ihrer Sicht heraus den Eindruck, irgendein Teufel habe die Menschheit nach Lust und Laune in zwei Lager gespalten. Die Vorstellung, die konvex-penetrative Hälfte der Menschheit könne mit der konkav-rezeptiven in einem Gleichgewicht stehen, ist für sie schon Demütigung an sich: Bereitschaft zu Offenheit und Empfangen ist gleichbedeutend mit Sklaverei.

Der unverwechselbare Mensch als Mann und Frau oder die Maschine mit auswechselbaren Teilen

Es ist unbestritten: Durch Jahrtausende haben Frauen unsagbares Unrecht und Unterdrückung erlitten. Aber heute hat sich der Ruf nach Gleichheit in den Ruf nach Unterschiedslosigkeit gewandelt. Jede Betrachtung der Unterschiedlichkeit wird sofort der Ungerechtigkeit verdächtigt. Es ist charakteristisch für unsere Zeit, daß das Wort „Diskriminierung“, das ursprünglich „sondern“, „unterscheiden“ bedeutete, heute fast nur noch die Bedeutung von Haß hat. Jeder Versuch, eine Unterscheidung zu treffen, wird als „Diskriminierung“ gebrandmarkt.

Wie eine Ironie mutet es an, daß ausgerechnet mit einer Bewegung, die von der Erklärung der Menschenrechte ausging, sich eine cartesianische Sicht vom Menschen durchgesetzt hat. Die „Gleichheit“ von Frau und Mann, die sich aus dieser cartesianischen Sicht ergibt, ist die Auswechselbarkeit einer Maschine. Und de Beauvoirs Auffassung, die anatomischen Unterschiede seien nichts weiter als zufällige, auswechselbare Apparate, ist ein cartesianischer Zug, der bei scheinbarer Niederlegung von Schranken eine Vorbereitung zu potentieller Versklavung in sich birgt.

Für Simone de Beauvoir und andere Gleichgesinnte sind weibliche oder männliche „Besonderheiten“ nichts weiter als Produkte der jeweiligen Kultur. Solches Denken führt in eine Welt, in der die Menschen auf Chiffren reduziert sind, auf bloße Schriftzeichen im Alphabet einer sozialen Struktur. Achilles könnte dann ebensogut Antigone heißen und Markus auch Martha. Ja, weil alles austauschbar ist, gibt es in einer solchen Welt zuletzt weder Markus noch Martha, weder Antigone noch Achilles. Das Geheimnis menschlicher Freiheit wäre den Tiefen männlicher und weiblicher Existenz entrissen und durch die Hohlheit antlitzloser, beliebig aus männlichen und weiblichen Teilen zusammengesetzter Entitäten ersetzt. Die leninistische Doktrin von der Gleichheit der Geschlechter ist weniger von der Befreiung der Frau her motiviert als vielmehr vom Ziel der Entpersönlichung. Doch auch die Soziologie des Westens hat das jahrtausendealte Leitbild von der menschlichen Person - geschaffen als Mann und als Frau - durch das Konzept eines Modells mit auswechselbaren Teilen ersetzt. Was aber wie eine Maschine zusammengesetzt ist und auseinandergenommen werden kann, wo Biologie, Psychologie und Ontologie keine unverwechselbare Einheit mehr bilden, ist manipulierbar.

Die Wahrheit über das Weibliche

Leo Tolstoj meinte einmal, die Wahrheit über die Frau könne man nur sagen, wenn man schon mit einem Fuß im Grabe stehe. Was meinte er damit? Doch wohl dies: daß die Wahrheit über das Weibliche das Unsagbare sei, daß diese Wahrheit mit einem Geheimnis verbunden sei. Gertrud von le Fort schrieb, das Bild des Unsichtbaren, Anonymen, Verschleierten sei Teil des ewigen Bildes der Frau.

Im Folgenden soll versucht werden, zumindest die Psychologie dieses Geheimnisses zu erhellen.

Die frühe Mutter-Kind-Beziehung

Die Frau, und zwar in Gestalt unserer Mutter, ist das erste Wesen, mit dem wir in Beziehung treten. „Beziehung“ sagt zu wenig. Nirgends sonst gibt es ein so inniges Einssein und Verschmolzensein zweier Wesen wie zwischen Mutter und Kind, solange diese das Kind noch in ihrem schützenden und nährenden Leib trägt. Aber auch nach der Geburt dauert die Einheit und Kommunikation noch an. Der Säugling ist völlig von der Mutter abhängig. Aus der Psychoanalyse wissen wir, daß für den Säugling die Gesamtheit seiner psychischen Erfahrungen mit der Vorstellung seines Leibes identisch ist. Und diese Welt seines Leibes fließt ohne klare Grenze in die Mutter über. Es ist eine participation mystique, ein seelisches Fluten von der Mutter zum Kind und umgekehrt. Erst allmählich beginnt der Prozeß des Loslösens, im physischen wie im geistigen Bereich. Das Kind muß den Blick von der Mutter fort lenken und in die Welt richten. Nur die neurotische Mutter hält ihr Kind in Abhängigkeit.

Nach Auffassung der Psychoanalyse besteht eine Kommunikation zwischen Mutter und Kind, die allem Verstehen vorausgeht. Auch nachdem die Nabelschnur längst durchschnitten ist, besteht noch ein unsichtbares Band zwischen beiden, eine tiefe Beziehung, ein Wissen, das der Entwicklung der Vernunft vorgeordnet ist und sie in gewissem Sinn übersteigt.

Berührung und Wärme als Beziehungsband

Berührung und Wärme sind entscheidend für die Entwicklung des Kindes. Biologisch gesehen entspricht die Wachstumskurve des Kindes auch nach der Geburt noch eine Zeitlang einer fötalen Wachstumskurve. Kein Tier ist nach der Geburt so hilflos und abhängig von der mütterlichen Fürsorge wie der Mensch. Und doch hat man schon bei neugeborenen Rhesusaffen im Versuch folgende Beobachtungen gemacht: Die Neugeborenen wurden durch einen Milchautomaten gefüttert, der für die eine Gruppe mit weichen Lappen umhüllt, für die andere auf Draht angebracht war. Obwohl der Fütterungsmechanismus in beiden Gruppen derselbe war, wurden die „Drahtbabys“ in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt. Die männlichen „Drahtbabys“ wiesen noch als Erwachsene Hemmungen im emotionalen Verhalten auf.

René Spitz und das Thema der Trennung

Der Säuglingsforscher René Spitz konnte nachweisen, daß eine frühe Trennung des Kindes von der Mutter schwere emotionale und intellektuelle Störungen bewirkt. Kinder, die in dieser Phase ihre Mutter entbehren müssen, Ablehnung fühlen oder auch nur eine konflikthafte Beziehung zur Mutter erleben, zeigen eine außergewöhnlich schwere Trauer-Reaktion. Selbst unter den besten Bedingungen von Fürsorge, Ernährung und Hygiene fallen sie in ihrer geistigen Entwicklung zurück, verlieren an Gewicht und werden schnell krank. Im späteren Leben sind unerklärbare Depressionen und bestimmte Formen der Melancholie oft eine Wiederholung dieses frühen Trauerns. Freud machte die wichtige Entdeckung, daß die Art und Weise, wie Erwachsene lieben, sich aus einer vorbegrifflichen, vorrationalen und vorverbalen Welt, in der Mutter und Kind zusammengehören, entwickelt.

Mehr als alle spätere Erfahrung ist also der Verlauf dieses frühen Dramas zwischen Mutter und Kind, die Einheit und die allmähliche Ablösung, entscheidend für die Bildung unseres Charakters. Dabei geht das, was da geschieht, allem bewußten Verhalten voraus. Es scheint paradox: Unsere allererste Liebesgeschichte ereignet sich lange vor der Entwicklung der Vernunft, und doch ist sie tiefer als alle später erfahrene Liebesgeschichte; und sie ist seltsam vermischt mit einer Geschichte des Lösens, des Abschieds. Sie ist nicht nur unsere Geschichte, sie ist zugleich Muster für alle zukünftige Geschichte. Unser menschliches Schicksal ist von Anfang an durch diese erste Beziehung gezeichnet.

Gibt es die „Natur“ der Frau?

Das alles macht es psychologisch verständlicher, warum uns das Weibliche mit dem Gefühl des Geheimnisvollen erfüllt. Doch es kommt noch etwas hinzu:

Rolle und Stand der Frau waren im Lauf der Geschichte immer wieder einem beträchtlichen Wandel unterworfen. Was wir „weiblich“ nennen, hängt wirklich zu einem großen Teil von kulturellen und gesellschaftlichen Umständen ab. Um nun das Unveränderliche zu finden, müssen wir auf die biologischen Besonderheiten der Frau eingehen, auf ihre „Natur“. Wir tun dies in der Überzeugung, daß diese Natur nicht abgespaltene Biologie ist, sondern eine Entsprechung im ganzen Wesen der Frau hat.

Aus der Physiologie wissen wir, daß das weibliche Prinzip das des Empfangens, des Tragens und Nährens ist. Die spezifisch weibliche Gestalt des Schöpferischen liegt deshalb in der Mutterschaft. Es ist eine Schöpferkraft, die - im Gegensatz zur männlichen Schöpferkraft - dem Leben der Natur mit einem zunächst unreflektierten Bios verbunden ist. Der vierwöchige Zyklus der Ovulation, die rhythmisch einander ablösenden Zeiten von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, die neun Monate der Schwangerschaft, die sich weder verlängern noch beschleunigen lassen - all dies verbindet die Frau aufs Tiefste mit dem Leben, mit der Natur. Der Zeitsinn reicht bis tief in das körperliche Empfinden der Frau. Bezeichnenderweise sind Mutter, mater und materia, Materie, in vielen Sprachen etymologisch miteinander verwandt.

Betrachten wir demgegenüber das männliche Prinzip. Wie sich das Spermatozoon zur Eizelle verhält, so ist das Verhalten des Mannes zur Natur von Angriff und Durchdringung bestimmt. Die matriarchalischen Phasen der Geschichte waren jene mit wenig Bevölkerungsbewegungen und einer bewahrenden, aufmerksamen Hinwendung zu allem, was wächst. Die männlichen Qualitäten rückten in den Vordergrund, wenn es klimatische oder andere Bedingungen gab, die Expansion, Aggressivität und Mobilität nahelegten. Ob Felsen gesprengt, Dämme gebaut oder das Atom gespalten wurde: Die Aktivität des Mannes ist immer in einem gewissen Sinn gegen die Natur gerichtet.

„Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht“

Nach Helene Deutsch setzt uns das männliche Prinzip zur rationalen Lösung unserer Probleme instand, während die Frau - wo sie vom Mann verschieden ist - „agiert und reagiert aus der dunklen Tiefe ihres Unbewußten, also affektiv, intuitiv, rätselhaft.“3 Kants berühmten Spruch „Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht“ kommentierte sie dahin, daß die Frauen es deshalb nicht verraten, „weil sie es selbst nicht kennen.“ „Je männlicher ein Mann ist, umso rationaler ist er. Was immer er tut und erreicht, das tut und erreicht er aus Vernunftgründen, vor allem aus Gründen der Nützlichkeit. Die Liebe einer Frau aber, jenes göttliche Verschenken der letzten Intimität ihrer Persönlichkeit durch die Liebende, ist vielleicht das einzige in der Welt, dem sich mit Gründen der Vernunft nicht beikommen läßt. So intelligent die Frau auch sein mag, im Mittelpunkt ihrer Seele waltet eine irrationale Macht.“4 Das Wort „irrational“ paßt hier eigentlich nicht, gemeint ist „trans-rational“, denn es geht um ein Wissen, das nicht allein vom analytischen Verstand abhängt, sondern über ihn hinausreicht. Die allem Sein sich verbunden wissende Intelligenz des Weiblichen ist stärker als die analytische, zerteilende Intelligenz des Männlichen der Liebe verbunden.

Sigmund Freuds einseitiger Androzentrismus

Das Un-Faßbare, Über-Rationale im „Herzen“ der Frau, daß nämlich zum Schöpferischen weiblich-mütterlicher Liebe, zur Macht der Mutterschaft, ein Element der Verborgenheit und Anonymität gehört, das jeder geometrischen Definition widersteht; daß die Frau nicht umrissen ist wie der Mann, da ihre Linien sich geheimnisvoll dem Chtonischen verbinden, - dies alles mag die Merkwürdigkeit erklären, daß die Frau in Freuds Werk nur eine negative Definition gefunden hat. Freud betrachtete die Libido als wesentlich männlich, wohl wegen des drängenden und stürmischen Elements. Gehört aber die Zärtlichkeit des Empfangens, das Stillhalten nicht ebenso dazu? Aus der klinischen Erfahrung wissen wir, wo der Lust nach orgastischer Erfüllung keinerlei Sehnen nach Halten und Umhüllen entspricht, ist diese Lust Ausdruck einer psychischen Störung, eine Form männlicher oder weiblicher Frigidität. Der „konkave“ Aspekt der Libido, das Verlangen zu empfangen, zu tragen, zu nähren, ist ebenso unverzichtbar wie der phallische Aspekt.

Ursprünglich hatte das Wort „Libido“ eine zweifache Bedeutung: Lust und Erfüllung5. So bezeugt die Phänomenologie sexuellen Erlebens in seiner natürlichen Fülle die zweigeschlechtliche Polarität des Menschen als Mann und Frau. Freuds Auffassung verrät seinen einseitigen Androzentrismus.

Das Genie - Die männliche Gestalt des Schöpferischen

Es gibt einen analogen Aspekt zur weiblichen Schöpferkraft beim Mann: den schöpferischen Akt des Genies. Der Genius schöpft etwas, was die unableitbare Qualität des „so muß es sein“ hat. Eine Sonate Mozarts, ein Gemälde Giottos, entbehren jeder Willkür, nichts von voulu6 ist dabei. Je größer das Genie, desto stärker ist die Macht des Unbewußten. Wenn Helene Deutsch über die Psychologie schwangerer Frauen sagt, daß die intuitivste und introspektivste Frau eine Scheu habe, ihre seelischen Vorgänge während der Schwangerschaft zu beobachten, ja man könne beinahe sagen, sie bemühe sich, von ihnen wegzuschauen, dann gilt dasselbe für den männlichen Genius. Man stelle sich vor, Bach wäre über die psychischen Prozesse befragt worden, die in der Schöpfung seiner Kantaten wirksam waren. Vielleicht hätte er nur sagen können, er habe einen Auftrag und müsse in einer Woche fertig sein. Bei Mozarts umfangreichen Werken hat man ausgerechnet, daß die Zeit von fünfunddreißig Jahren kaum ausreichen würde, seine Werke alle auch nur einmal abzuschreiben. Und doch trägt jedes dieser Werke ein Siegel der Vollendung, das selbst jahrelange Berechnung nicht erreichen würde. „Die große und zentrale Schöpfung Shakespeares wurde nicht durch Denken erzielt, denn Denken kann keine Welt schaffen.“7

Dies alles weist darauf hin, daß das Werk des Genius „durch ihn hindurch“ zu uns kommt, nicht gemacht, sondern „geboren“ wird. Das gilt auch für die großen Werke der Mathematik. Männer wie Helmholtz und Poincare sprachen bezüglich ihrer Werke von „Geburt“ und „Inkubationszeit“. Das Wort „Wurf“ bedeutet eine Geburt im Tierreich. In der Tat: Je größer das Kunstwerk, desto größer ist das Element der „Geworfenheit“, der Anonymität und Naivität des schöpferischen Aktes, der dem Akt von Empfangen und Gebären sehr ähnlich ist. Nur auf dem Gipfel künstlerischen Schaffens nähert sich der Mann der Ebene weiblicher Schöpferkraft, der Mutterschaft.

Wissenschaftliche und poetische Erkenntnis

Von Dante bis zu den Psychoanalytikern unserer Tage finden wir eine bemerkenswerte Übereinstimmung darin, daß die Polarität der Geschlechter sich auch in einer Polarität der menschlichen Intelligenz widerspiegelt. Es ist dies die Dualität von diskursivem Verstand und Intuition. Auf den ersten Blick erscheint das ein wenig hilfreiches Stereotyp zu sein. Aber die Polarität von weiblich und männlich widersteht nun einmal - sehen wir von der Anatomie ab - jedem Versuch einer euklidischen Definition. Und dem widerstehen auch die Begriffe „diskursiver Verstand“ und „Intuition“. Es geht auch nicht darum, einseitig den diskursiven Verstand dem Mann zuzuordnen und die Intuition der Frau. Erstens wäre es falsch und außerdem würden wir nur wieder beim Klischee landen.

Die Bedeutung von Intuition

Wir müssen uns aber die Bedeutung von „Intuition“ klarmachen, unabhängig davon, wie sie beim Mann oder der Frau vorkommt. Neuere Forschung unterscheidet sieben verschiedene Bedeutungen für „Intuition“ (wobei wir zwei davon, - „Ahnung“ und „außersinnliche Erfahrung“ - gleich ausschließen müssen). Alle anderen Bedeutungen für „intuitives Wissen“ haben eines gemeinsam: Es ist ein Wissen durch Kommunikation, durch Verbundenheit, im Gegensatz zum Wissen durch Analyse. Vielleicht sind die Begriffe „Analyse“, „wissenschaftliches Wissen“, „diskursiver Verstand“ einerseits und „Intuition“, „dichterische Erkenntnis“ und „Wissen durch connaturalis“, „Wissen aus Verbundenheit“ nicht ganz synonym, sie bezeichnen aber die grundlegende Dualität und Polarität hinsichtlich der Art und Weise menschlicher Erkenntnis.

Das eine Wissen kann man als „Externalisation“ bezeichnen: Das Wißbare wird als Objekt, als Gegen-Stand, der mir gegenübersteht, erfahren. Das andere kann man als „Internalisation“ bezeichnen: Es ist eine Form des Wissens, die durch Einfühlung und Kommunikation, durch Verbundenheit mit dem, was man wissen kann, erfahren wird.

Ein Beispiel aus der Praxis: Zwei Forscher sind mit der Untersuchung einer Neurose bei einer Frau befaßt, die gerade entbunden hat. Der eine ist Psychoanalytiker und beschäftigt sich mit der Lebensgeschichte der Frau, ihrer Beziehung zu ihrer eigenen Mutter usw. Der andere ist Biochemiker und untersucht Hormonspiegel, Alkaliwerte des Blutes und anderes. Jeder fragt sein „Warum“ und findet sein „Deshalb“. Wenn der erste herausfindet, daß die Frau eine Neurose hat, weil sie für ihre Mutter selbst ein unerwünschtes Kind war, dann versteht er die Neurose im Sinne einer geistigen Einfühlung. Findet der andere, daß im Blut ein bestimmtes Ion fehlt, dann erklärt er den Zustand der Frau in einer Weise, bei der Einfühlung keine Rolle spielt.

Die „männliche“ und die „weibliche“ Gestalt der Erkenntnis

Henri Bergson beginnt seine Einführung in die Metaphysik mit der Aussage: „Wenn man die Definitionen der Metaphysik oder die Auffassungen des Absoluten untereinander vergleicht, so bemerkt man, daß die Philosophen trotz ihrer augenfälligen Divergenzen darin übereinstimmen, daß sie zwei im tiefsten verschiedene Weisen, einen Gegenstand zu erkennen, unterscheiden. Die erste setzt voraus, daß man um den Gegenstand herumgeht, die zweite, daß man in ihn eindringt... . Von der ersten Erkenntnis wird man sagen, daß sie beim Relativen halt macht, von der zweiten, - da, wo sie möglich ist - daß sie das Absolute erreicht.“8 „Hieraus folgt, daß ein Absolutes nur in einer Intuition gegeben werden kann, während alles übrige von der Analyse abhängig ist. Intuition heißt jene Art von intellektueller Einfühlung, kraft deren man sich in das Innere eines Gegenstandes versetzt, um auf das zu treffen, was er an Einzigem und Unausdrückbarem besitzt. Die Analyse dagegen ist das Verfahren, das den Gegenstand auf schon bekannte, also diesem und anderen Gegenständen gemeinsame Elemente zurückführt.“9

Was Bergson „um den Gegenstand herumgehen“ und „in ihn eindringen“ nennt, heißt bei Karl Jaspers „Kausalität von außen“ und „Kausalität von innen“. Edmund Husserl10 bezeichnet die „Wesensschau“ als eine Einsicht, die sich vom diskursiven Verstand wesentlich unterscheidet und fordert, beide Formen des Wissens müßten in einem Gleichgewicht miteinander stehen.

Tatsächlich scheint menschliches Wissen der Wahrheit da am nächsten zu kommen, wo beide Erkenntnisweisen, diskursiver Verstand und poetische Erkenntnis, in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, wobei die nichtanalytische Erkenntnisweise schwieriger zu bestimmen ist. Sie ist es vor allem, die in der Metaphysik, im Verstehen dessen, was der Mensch ist, im Reich ethischer und ästhetischer Wahrheiten ihr Gewicht hat.

Zur Frage des Gleichgewichts beider Erkenntnisweisen schreibt Dilthey: „Es war der Grundfehler der abstrakten Schule, die Beziehung des abstrahierten Teilinhaltes auf das lebendige Ganze außer acht zu lassen und schließlich diese Abstraktionen als Realitäten zu behandeln. Es war der komplementäre, aber nicht minder verhängnisvolle Irrtum der historischen Schule, aus der Welt der Abstraktionen zu fliehen in das tiefe Gefühl einer lebendigen, irrational gewaltigen Welt, dabei aber den axiomatischen Satz von der wirksamen Ursache völlig beiseite zu schieben.“11 Francis Bacon, dem allgemein die Definition experimenteller Kriterien für die Wissenschaft zugeschrieben wird, nennt die Poesie einen anderen Weg zur Wahrheit.

Vom Wissen aus Verbundenheit mit allem Sein

Die früheste und unbestreitbarste Konzeption intuitiven Erkennens ist die der Erkenntnis durch „connaturalis“, durch Verbundenheit, weil wir von „gleicher Natur“ sind. Dionysius Areopagita12 lehrte, daß wir neben dem Wissen von den Dingen der Außenwelt, ein Wissen menschlicher Dinge - Tugenden, Laster usw. - hätten, da wir „von gleicher Natur“ wie alle anderen Menschen seien. In der Tat gründet alle nichtwissenschaftliche Psychologie wie die Dichter sie uns in Gestalten wie Ödipus, Macbeth oder Othello vermitteln, in dieser Fähigkeit der Verbundenheit mit der Natur des Menschlichen.

Doch kann solche dichterische Erkenntnis auch auf nichtmenschliche Dinge übertragen werden? Gibt es eine „Verbundenheit mit allem Sein“?

Als Beispiel möge das bekannte Bild von Albrecht Dürer „Der Hase“ dienen. Vergleichen wir einmal das aus diesem Bild kommende Wissen mit jenem, das uns eine anatomische, biochemische oder embryologische Abhandlung über den Hasen vermittelt. In geistiger Einfühlung hat Dürer das Einzigartige und daher „Unausprechliche“ des Hasen dargestellt. Der Wissenschaftler dagegen reduziert den Hasen auf bereits bekannte Elemente, auf das, was der Hase mit anderen Objekten gemeinsam hat. Das künstlerische Erfassen des Hasen entsteht nicht durch Ableitung, es ist deshalb dem Erfassen eines Kindes sehr nah. Diese Form des Erfassens schließt einen Sinn für Kreatürlichkeit ein. Auch wenn positivistische Philosophen das zurückweisen mögen: Es gibt Anzeichen dafür, daß das Wissen des Künstlers einer Liebe verbunden ist, die in einer inneren Verwandtschaft mit allem Sein gründet.

Das Wissen aus Verbundenheit und die Mutter-Kind-Beziehung

Dichterische Schau und Intuition haben dies gemeinsam: Sie stehen dem Ursprünglichen, der Welt des Kindes, nahe, während das wissenschaftliche Denken der Welt des Erwachsenen und dem „Fortschritt“ zugehört. Nach Piaget erreicht das Kind das volle cogito rationalen Denkens erst im Alter von 12 Jahren. Und einer der Gründe, warum wir alles vor-rationale Denken mit dem Weiblichen verbinden, ist der, daß alles Wissen aus Konnaturalität letztlich aus der Mutter-Kind-Beziehung kommt. Alles Wissen aus Vereinigung, aus Einverleibung (Einverleiben und Einverleibtwerden) und Verbundenheit - und damit alles Wissen aus Liebe - hat seinen natürlichen Grund in der ursprünglichen Verbundenheit mit der Mutter. Auch Weisheit gehört zu dieser Form von Erkenntnis. Sapientia, das lateinische Wort für Weisheit, kommt von sapere, „schmecken“ und das ihr entsprechende griechische Wort Sophia steht besonders in der östlichen Christenheit für das Ewig-Weibliche.

Eine möglichst unverzerrte Schau der Wirklichkeit

Ontogenetisch und phylogenetisch kommt das rationalistische cogito erst viel später im Leben auf als die Weisheit. Bedeutet das nun, daß frühere Formen des Wissens „überholt“ und Gerümpel sind? Viele zeitgenössische Philosophien - Positivismus, Naturalismus, Empirismus - leben von der Voraussetzung, nichtwissenschaftliches Denken sei archaisch, habe sich überlebt aufgrund des Triumphes der diskursiven Wissenschaften. Doch das Gegenteil gilt: „Das unverbildete Denken unserer frühesten Jahre muß dem Denken des reifen Mannes gegenwärtig sein. Mein Wissen um die Aufrichtung objektiver Wahrheit würde mir niemals mehr als eine objektive Wahrheit für mich bieten, und mein intensivstes Verlangen nach Objektivität würde mich niemals über meine Subjektivität hinauskommen lassen (wie es Descartes in der Hypothese vom deus malignus zum Ausdruck bringt), hätte ich nicht am Grund aller meiner Urteile die Gewißheit, im Kontakt mit dem Sein zu sein; wenn ich vor jeder freiwilligen Annahme des Positivismus nicht einer intersubjektiven Welt einwohnte; wenn nicht auch die Wissenschaft auf dieser Basis ruhte. Mit dem cogito beginnt jener Kampf der „Bewußtseine“, in dem nach Hegel jedes den Tod aller übrigen sucht. Damit aber solcher Kampf überhaupt beginnen kann, damit jedes einzelne der Verdächtigung aller fremden, von ihm negierten Präsenzen fähig ist, müssen sie notwendigerweise alle einen gemeinsamen Grund und die Erinnerung an ein friedliches Zusammenleben in der Welt der Kindheit haben.“13

Eine spätere Ebene des Denkens ist also nicht höher als eine frühere, vielmehr sind beide im Leben zu verbinden. Analytisches, sezierendes, aufbrechendes Wissen und Wissen aus Verbundenheit mit allem Sein müssen in einer Balance miteinander stehen, damit es zu einer unverzerrten Schau der Wirklichkeit kommen kann.

Der ver-sach-lichte Mensch

Wir dürfen annehmen, daß vor-logisches Denken zweifach auftritt: Einmal in der frühen Kindheit, in der Gestalt des „primären Prozesses“ (S. Freud), in der Vorstellungskraft und Gefühl noch unstrukturiert sind, und später in Verbindung mit dem diskursiven Verstand. Wo immer Phantasie und Affekt nicht vom Verstand begleitet sind und andererseits Rationalität nicht dem Herzen verbunden ist, kommt es zu Störungen.

Insbesondere bei Goethe und Blake finden wir immer wieder die Sorge um das Schicksal der Weisheit angesichts des wachsenden wissenschaftlichen Rationalismus. Mit dem Triumph der Technik sieht der Mensch sein ureigenstes Land bedroht. Sollte nämlich die wissenschaftlich-technische Versachlichung von Mensch und Gemeinschaft so weiter fortschreiten wie bisher, würde der Mensch aufhören, Mensch zu sein und zu etwas werden, wofür es noch keinen Namen gibt. Der Mensch, der Nur-Objekt ist, der völlig ver-sach-lichte Mensch, dieser Mensch hätte aufgehört zu sein. Das war der Grund, warum Kierkegaard, der nicht gegen Wissenschaft als solche war, sagen konnte: „Am Ende wird sich aller Verfall als Konsequenz der Naturwissenschaften herausstellen.“14 Wo die wissenschaftliche Methode den Menschen erklären will und zur allumfassenden Zugangsweise zur Welt, auch zur Mit-Welt des anderen Menschen wird, beginnt die entmenschlichte Welt.

Wissenschaft macht es möglich, mehr zu haben, Dichtung, mehr zu sein. Am Ende wird das Kleid wissenschaftlicher Beziehungen, von dem Husserl spricht, zu einer Zwangsjacke. Genau hier ist der universale Warnruf eines Kafka, Huxley und Orwell zu hören: Während du und ich ehrfürchtig vor einer großartigen Maschinerie stehen, ergreift uns plötzlich das unheimliche Gefühl, wir könnten selbst Teile dieser Maschinerie sein, Teile eines Dinges, das manipulierbar ist.

Descartes und der Cartesianismus

An der Schwelle des neuzeitlichen Denkens steht René Descartes. Wie die Kirche eine Zeit der Väter kennt, so auch die universale Nicht-Kirche, und unter ihren Vätern ist Descartes der Erste. In seiner Philosophie stoßen wir auf ein Paradox: Auf dem Grund ihrer kristallenen Klarheit, ihrer „hervorragend ästhetischen Befriedigung“ (Thomas Mann) verbirgt sich eine dunkle Welt persönlicher Konflikte.

Das cartesianische System als wissenschaftliche Methode

Bei der Betrachtung des cartesianischen Systems müssen wir uns auf einen Aspekt beschränken: den sogenannten cartesianischen Dualismus. Danach ist das Universum in zwei Bereiche gegliedert: eine res cogitans, ein denkendes Etwas ohne räumliche Ausdehnung, und eine res extensa, ein räumliches Etwas ohne psychische Qualitäten. Diese Aufsplitterung ist Grundvoraussetzung allen wissenschaftlichen Forschens. Erst die klare Scheidung von Subjekt und Objekt hat die Entwicklung der exakten Naturwissenschaften möglich gemacht. Ohne diese Descartes’sche Dichotomie wäre der großartige Aufbruch menschlicher Schöpferkraft, wie er uns in der modernen Technik vor Augen tritt, nicht möglich gewesen. Als methodische Basis der exakten Wissenschaften ist er unerläßlich. Wo er jedoch mehr sein will als Methode, führt er zu einer furchtbaren Entfremdung. Die Natur — und zuletzt auch der Mensch - wird zur seelenlosen Maschine, die sich experimentell auseinandernehmen und analysieren läßt. Damit aber läßt sie sich auch manipulieren. Die innere Verbundenheit zu ihr ist verloren gegangen.

Der verhängnisvolle Irrtum der Neuzeit

Der Cartesianismus ist das erste Beispiel eines Irrtums, der für die gesamte Neuzeit charakteristisch ist: das für einen fest umrissenen Fragebereich entwickelte methodische Prinzip wird zur Philosophie schlechthin, zum geistigen Klima, in dem wir leben. Das Problem der Neuzeit ist, daß aus Methoden Mentalitäten wurden. So war es bei Descartes, bei Darwin, bei Freud.

Die cartesianische Lebenseinstellung - für die Descartes nur teilweise verantwortlich gemacht werden kann - besteht darin zu meinen, es gäbe nur ein Kriterium für Wahrheit: das der Wissenschaftlichkeit. Die Entwertung poetischer Einsicht geht ganz wesentlich auf Descartes zurück. Und von da aus ist es nicht mehr weit zur Behauptung moderner Positivisten (z. B. Carnap), dichterische Aussage habe keine kognitive, sondern nur emotive Bedeutung.

an vereinfacht die Dinge zu sehr, wenn man meint, die Zeit vor Galilei sei unwissenschaftlich gewesen. In Babylonien, Ägypten, Griechenland, immer schon hat es Versuche gegeben, die Welt wissenschaftlich zu erkennen. Aber vor Beginn der Neuzeit hat der Mensch die Natur doch vorwiegend „poetisch“, also durch innere Schau, durch „Wissen aus Verbundenheit“ gesehen. Wenn Dichtung und Kontemplation etwas vom Mysterium in sich tragen, vom Eingebettetsein in ein Umfassendes, von einer personalen Beziehung der Vertrautheit mit Schutz und Schrecken, dann ist das nicht einfach Animismus oder Sentimentalität, die sich durch Wissenschaftlichkeit verdrängen ließe. Im Gegenteil: Wenn der cartesianische Zugang zur Welt je einmal völlig realisiert würde, d. h. die Natur sich ganz in dem erschöpfte, was sich mathematisch ausdrücken läßt, würden wir die Welt mit jenem furchtbaren Empfinden der Entfremdung ansehen, mit dem Gefühl äußersten Wirklichkeitsverlustes, mit dem ein künftig schizophrenes Kind auf seine Mutter schaut. Eine Maschine kann kein Leben spenden.

Der Wendepunkt des Denkens: 10. November 1619

Descartes, das mathematische Genie, konzipierte sein System nicht etwa, wie man vielleicht erwarten würde, als reines Kalkül, sondern in einem Erlebnis von Ahnung und Ekstase, in der Atmosphäre eines spukhaften, persönlichen Dramas. Descartes selbst hielt den 10. November 1619 für den Wendepunkt in seinem Leben. In dieser Nacht fand die Inkubationsperiode seiner Methode ein Ende. Am Tag davor war er wie in einem Rausch gewesen. Die scientia mirabilis schien in greifbarer Nähe. Es muß eine Phase vorausgegangen sein ähnlich der Schwangerschaft, wie wir es von den Selbstbeobachtungen großer Mathematiker, Komponisten und Maler her kennen. Und Descartes war sich des universellen Charakters seiner Entdeckung sehr wohl bewußt. Doch seine Erleuchtung, das „Pfingsten des Rationalismus“ (Maritain15) kam in der Verkleidung des Dunklen. Die Tür zur Burg des Verstandes wurde mit dem Gefühl des Bedrückenden, Schattenhaften aufgestoßen. Der Sieg der Abstraktion wurde durch ein Phänomen eingeleitet, das ins Reich der Bilder gehört. Hätte sich ein vor-freudianischer Denker vorgenommen, die Zufälligkeit und Sinnlosigkeit von Träumen zu belegen, hätte er nichts Besseres finden können als jene Träume Descartes in dieser Nacht. Doch Descartes selbst maß ihnen größte Bedeutung zu und gelobte im Erwachen, als wolle er etwas Schreckliches bannen, eine Wallfahrt zu „Unserer Lieben Frau von Loretto“.

Descartes war 23 Jahre alt und befand sich in Ulm im Winterquartier der bayrischen Armee. In diesen feuchtkalten Monaten kuschelte er sich, wie er sagte, „in einem Ofen“ zusammen und machte einige der bedeutsamsten mathematischen Entdeckungen. Hier gewann der Umriß seines philosophischen Systems Gestalt und hier träumte er seine drei berühmten Träume. Da das Winterquartier alles andere als heiter war, und Descartes sowieso zur Melancholie neigte, ist es umso bemerkenswerter, daß er ausdrücklich davon spricht, am Tag vor seinen Träumen voller Begeisterung über die Entdeckung seiner scientia mirabilis gewesen zu sein. Seine Träume hat er bis ins einzelne beschrieben. Da das Original verloren gegangen ist, müssen wir uns auf die Angaben seines ersten Biographen stützen.

Die Bedeutung seiner Träume

Im ersten Traum sieht sich Descartes durch die Straßen gehen, er wird dabei durch erscheinende Phantome so erschreckt, daß er sich auf die linke Seite niederwerfen muß. Auf seiner rechten Seite fühlt er eine große Schwäche, er kann sich nicht aufrechthalten. Beschämt, sich auf diese Weise fortbewegen zu müssen, will er sich aufrichten, was ihm aber wegen eines heftigen Windes nicht gelingt. Vielmehr dreht er sich auf dem linken Fuß im Kreis. Bei jedem Schritt glaubt er hinzufallen. Endlich bemerkt er ein Priesterseminar, das offen steht und versucht, in der Kirche des Seminars Zuflucht und Hilfe zu finden, wird aber von dem starken Wind zurückgehalten. Merkwürdigerweise sieht er auf dem Schulhof andere Leute, die dort plaudern und völlig aufrecht stehen, während er selbst weiter gekrümmt gehen muß.

Der erste Traum birgt die Vorstellung eines Konflikts zwischen zwei Bereichen. Der in Träumen und psychotischen Symptomen weit verbreitete Symbolismus von rechts und links spielt dabei eine große Rolle. In vielen Sprachen bedeutet rechts auch richtig und gerecht, während links (lateinisch: sinister) zugleich unheimlich und finster heißt. Der rechts-links-Symbolismus bezieht sich auch auf die Polarität der Geschlechter - wie dies übrigens auch bei den illusorischen Asymmetrien des Rohrschachtests gezeigt werden kann. Rechts: Gerechtigkeit, Korrektheit, das Rationale, sie stehen für den Vater. Das Dunkle links ist die Welt des Unbewußten und Vor-Rationalen, in der wir noch eins sind mit der Mutter. Die Kirche des Seminars, in der der Träumer Zuflucht sucht - darin sind sich alle Interpreten einig - steht für die Mutter.

Die verhängnisvolle Entwertung poetischer Einsicht als Zugang zur Wahrheit

Der zweite Traum dreht sich um Feuerfunken in Descartes Zimmer und im dritten Traum spielt ein Lexikon und ein Gedichtband mit dem Titel „Corpus Poetarum“ eine große Rolle. Descartes interpretierte selbst, daß das Lexikon für die Gesamtheit der Wissenschaften stehe und die Gedichtsammlung auf die innige Verbindung zwischen Philosophie und Weisheit hindeute. Ein Gedicht aus dem Gedichtband über die Ungewißheit, welche Art des Lebens man wählen solle, hielt Descartes für die Moraltheologie oder für den Rat einer weisen Person. Und noch bevor Descartes ganz aus dem Traum erwachte, machte er eine scheinbar nebensächliche Bemerkung über die Rolle der Dichter, die einzig „einem dummen Zeitvertreib sich hinzugeben scheinen“, deren Einsichten aber gewichtiger seien als die der Philosophen. Diese letzte Bemerkung erscheint wie eine Vorwegnahme und ein Ahnen dessen, was Descartes noch nicht wissen konnte: daß seine scientia mirabilis zu einer verhängnisvollen Entwertung dichterischer Einsicht führen würde.

Dies war die schlimmste Folge des cartesianischen Klimas: die Entwertung dichterischer Einsicht als ein Zugang zur Wahrheit. In der Zeit nach Descartes stehen die beiden menschlichen Erkenntnisweisen, analytisch-sezierende Erkenntnis und poetisch-ganzheitliche Erkenntnis, „männliche“ und „weibliche“ Erkenntnis nicht mehr in einer Balance. Das von der Philosophie Descartes ausgehende geistige Klima, das das Denken und die Weltanschauung der „gewöhnlichen Leute“ geprägt hat, heißt: Alle Wahrheit kann durch wissenschaftliche Erforschung gefunden werden.

Der Totalitätsanspruch der wissenschaftlichen Wahrheit

Die Begründer des wissenschaftlichen Weltbildes selbst haben nicht so eindimensional gedacht. Wenn Bacon und Descartes von Poesie sprachen, meinten sie nicht verbale Stickarbeiten, mit denen man die notwendigen Möbel der Welt entweder behängen oder es ebensogut lassen kann. Von der Tradition der Alten her kannten und verstanden sie Dichtung als eine Weise der Einsicht. Die dichterische Einsicht hatte den gleichen Status des Wahren wie die wissenschaftliche Einsicht, wenn sie auch nicht auf dieselben Probleme anwendbar war. Doch die Zersplitterung, die mit Descartes begann, setzte sich mit dem Fortschritt der industriellen Revolution immer weiter durch: Wahrheit und Schönheit wurden mehr und mehr voneinander getrennt. Und wenn heute die Menschen etwas „unwissenschaftlich“ nennen, wollen sie damit sagen, daß es nicht wahr ist.

Das dichterische Wissen wird zuerst erworben in Einheit mit und in Hingabe an den „Gegenstand“, im Sich-einlassen auf den Gegenstand, der eben gerade nicht Gegen-Stand ist. Die dichterische Beziehung zur Natur ist eine des Eingebettetseins, die wissenschaftliche eine der Konfrontation. Der wissenschaftliche Erkenntnisvorgang ist deshalb dem Sezieren einer Leiche ähnlich. Es ist ein Akt des Durchbrechens. Der Dichter dagegen kennt die Wirklichkeit durch einen Akt der Fusion, einen Akt, der sich auf nichts Ursprünglicheres zurückführen ließe. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, daß für Descartes die „Empfängnis“ seiner Methode wie eine Art magischer Beschwörung war. Was dabei herauskam, war das Primat des Wissenschaftlichen über das Ästhetische, ein in der Ferne aufscheinendes Ideal der „Mathematisierung“ allen Wissens mit einer vollständigen Entseelung dessen, was wir wissen können. In der Folge sollte dies über unserer Welt wie ein Fluch brüten und die ersten dunklen Bemerkungen Descartes im Erwachen klingen wie ein Plädoyer auf „nicht schuldig“.

Descartes als Mit-Mensch

Im Umgang mit Menschen und in seinen Briefen zeigte Descartes eine große Feinfühligkeit und Weisheit und eine sein ganzes Leben durchziehende ästhetisch-affektive Lebensanschauung. Diese ästhetisch-affektive Beziehung zur Natur bei einem Philosophen, der überzeugt war, daß Lebewesen Maschinen sind, bricht bei ganz unerwarteten Gelegenheiten immer wieder durch. Als Prinzessin Elisabeth16 ihn z. B. fragte, wie eine Seele, die nichts weiter als Denken sei, auf den Körper einzuwirken vermöge, der doch nichts weiter als Materie sei, antwortete ihr Descartes, sie solle auf solche Fragen nicht allzuviel Zeit verwenden, den „Geist von jeglicher Art trauriger Gedanken fernhalten und auch von jeglicher Art ernsthafter Überlegungen über die Wissenschaften und nur die Frische eines Gebüsches, die Farben einer Blume, den Flug eines Vogels betrachten“.16

Wie sich ein Kamel mit Wasser füllt, um einen langen Wüstenmarsch zu überstehen, so trug Descartes selbst noch ein supplément d’âme17 in sich, um den trockenen Pfad einer mathesis universalis wenigstens eine zeitlang überstehen zu können. Erst die Wissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts brachten es fertig, ihre Sonntagsseele von ihrer Laboratoriumsseele völlig abzutrennen. Und erst im Cartesianismus wurde die Entfremdung, die Descartes eingeleitet hatte, zum immer stärker dominierenden Prinzip. Bei Descartes selbst weist alles noch auf ein Spannungsfeld dunkler Konflikte hin.

Descartes und seine Beziehungen zu Frauen

Descartes Mutter starb als er etwas mehr als ein Jahr alt war. Sein Leben lang blieb er ruhelos, ein Fliehender auf der Suche nach einem Zuhause. Er lebte in Bayern, Italien, Holland und Schweden. In Holland, das als die seßhafteste Periode seines Lebens gilt, wechselte er ohne erkennbaren äußeren Grund dreiundzwanzigmal seine Wohnung. Wegen seiner schwachen Gesundheit durfte er schon als Schüler bei den Jesuiten morgens länger schlafen, gelegentlich bis 11 Uhr. Und wegen seiner melancholischen Grundstimmung nannten ihn die anderen Schüler chambriste. Der frühe Verlust der Mutter und die Trauer seiner Kindheit zeichneten sein Leben mit einem unauslöschlichen Siegel. In seinen Briefen an Prinzessin Elisabeth schrieb Descartes, daß er seine kränkliche Disposition von der Mutter geerbt habe. Heute wissen wir aber, daß solche Weitergabe weniger durch Chromosomen bedingt ist als durch das Erlebnis des Verlustes in einem Alter, in dem das Kind fast ausschließlich mit dem Körper trauert.

Descartes berühmte Frauenfreundschaften waren erhaben, intellektuell, platonisch. Die einzige Frau, von der man weiß, daß er mit ihr ein Verhältnis hatte, war eine Hausgehilfin. Descartes hatte von ihr eine Tochter, die früh starb. Ähnlich wie Goethe litt auch Descartes in seinen Beziehungen zu Frauen an der Kluft zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen im Bild der Frau, allerdings fand er - im Gegensatz zu Goethe - für sich keinen Kompromiß, mit dem er hätte leben können.

Das Auseinanderbrechen des Frauenbildes in zwei gegensätzliche Bilder ist eine der möglichen Auswirkungen des frühen Verlustes der Mutter. Und es ist gut möglich, daß jene fernen, erhabenen, un-fleischlichen Frauen, mit denen er Austausch zu haben pflegte, die verschwundene Mutter repräsentierten, die ihn in der Verlassenheit und Kälte zurückgelassen hatte. Die Beziehungen der Frauen zu Des-cartes waren alle ambivalent. Am deutlich-sten wird dies bei Anne-Marie de Schurmann und Königin Christina von Schweden. Zu dieser Art von Frau fühlte sich Descartes wie zu seinem Verderben magisch hingezogen. Für Descartes lauerte die Gefahr nicht in einem sexuellen Abenteuer, sondern in der frigiden Freundschaft mit Christina von Schweden, der „kalten Göttin“, mit der er die Fragen der Metaphysik und Geometrie diskutierte. Sie wurde seine femme fatale im buchstäblichen Sinn des Wortes.

Schicksalsbegegnung mit Christina von Schweden

Christina von Schweden war eine der ersten großen phallischen Frauen der Neuzeit. Nach dem Wunsch ihres Vaters hätte sie ein Junge werden sollen und wuchs auch wie ein Junge auf. Sie war männlich in all ihren Ambitionen. Die einzige Art, wie sie in Beziehung zu einem Mann treten konnte, war durch Konkurrenz oder Besitzanspruch. Descartes zögerte lange, ob er ihrer Einladung nach Schweden folgen sollte, aber schließlich schickte sie einen Admiral und ein Schiff, ihn zu holen. In den ersten Wochen erließ sie ihm alle höfischen Verpflichtungen, doch bald wurde sein Tagesablauf immer mühsamer. Christina veranlaßte den armen chambriste, dem langer Schlaf ein vitales Bedürfnis war, ihr regelmäßig morgens um 5 Uhr Vorträge über Probleme der Philosophie und Mathematik zu halten. Wie viele Menschen, die in früher Kindheit ein Trauma gekennzeichnet hat, hatte er besondere Essensrituale und eine sehr vorsichtige Diät. Doch nun mußte er in endlosen Hofmahlzeiten zahlreiche Fleischspeisen schlucken, die er verabscheute. Weniger als fünf Monate nach seiner Ankunft erkrankte er und starb an einer einfachen Erkältung.

Was in der klinischen Einsicht als Schicksalsneurose erscheint, wird spukhafte Wirklichkeit: der mutterlose, heimatlose, umherschweifende Geist schaffte es, sich unwiderruflich in die Hände der Anti-Mutter zu begeben. Christina brachte ihn - in der Sprache der Psychoanalyse - um die „mütterliche Dreiheit“: Wärme, Schlaf und angemessene Nahrung. Und so, mit der unheimlichen Sicherheit ihres eigenen Unbewußten, brachte sie ihm den Tod. Es kann dabei kaum Zweifel daran bestehen, daß Christina von Schweden ihn wirklich unbewußt sterben machte. Ihre enormen sadistischen Impulse gegenüber männlichen Neidobjekten werden in anderen Episoden ihres tragischen Lebens überdeutlich.

Der Zweifel als Abwehr gegen das Leibliche

Descartes sieht sich selbst als den Philosophen mit der Maske. Für den Psychologen genügt das wenige, das wir wissen, um von einer Schicksalsneurose zu sprechen. Daß Descartes - psychologisch gesprochen - sein mathematisches Präzisionssystem verwendet haben mag, um die Welt der Gefühle zu überdecken, reicht aus, das unheimliche, undurchsichtige Element zu erklären, von dem Jaspers in bezug auf die Persönlichkeit Descartes spricht.

Durch Descartes ganzes Werk lassen sich die Linien eines persönlichen Konflikts verfolgen. Betrachten wir den Weg seines Denkens außerhalb seines philosophischen Systems, betreten wir eine Welt, an deren Anfang der Verlust steht und deren Wirklichkeit sich auf Ungewißheit gründet. In seinen Meditationen grübelt er über das Rätsel der Beziehung zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen der Gewißheit der Wahnidee und der des Verstandes. Dieses Grübeln erinnert an die Welt von Geisteskranken. Betrachtet man es außerhalb des Rahmens seiner Philosophie, ist man in einer Welt, die dem Kliniker nur zu vertraut ist. Es ist die Welt jener, denen die Seinsgewißheit durch den Tod der Mutter im frühen Kindesalter für immer erschüttert wurde. Die Gewißheit körperlicher Nähe ist für jeden - vor aller Erkenntnis - am Anfang des Lebens Herz und Inhalt aller Wirklichkeit. Der erwachsene Descartes fordert, an allen Fakten sinnlicher Erkenntnis zu zweifeln, „weil sie uns getäuscht haben.“ Das hier gebrauchte französische „déçu“ bedeutet sowohl „betrogen“ als auch „enttäuscht“. Die Sicherheit des Leiblichen, die den Urgrund aller Sicherheit bedeutet, mußte Descartes verleugnen, denn hier lauerte der Schmerz der Verlassenheit. In dem Mann, der den Zweifel zur Grundlage allen Forschens gemacht hat, hatte der Zweifel das Vertrauen schon zu einem Zeitpunkt überwuchert, als bei ihm das begriffliche Denken noch gar nicht entwickelt war, und „wenn man entschlossen ist, an allem zu zweifeln, so ermangelt man jedes Zeichens, woran man den Traum vom Wachen unterscheiden könnte.“18 Die primär durch das Körperliche begriffene Wirklichkeit vermittelte sich ihm als Schrecken, und darum wurde der Vernunftschluß, das reine cogito für ihn der undurchdringliche Schutz-Panzer gegen die Macht dieser Gefühle.

Psychologisch gesehen bedeutete das cogito der mathesis universalis für Descartes eine Verneinung, einen Widerstand gegen das Leibliche, weil dieses für ihn nicht gleichbedeutend war mit Wohlfühlen, sondern mit Qual. Die Spaltung zwischen Leib und Geist ist eine „Isolierung“, ein Abspalten und Verharmlosen all dessen, was Schrecken und Schmerz bedeutet. Mit dem Problem der Wahrheit hat das ursprünglich nichts zu tun. Es zeigt nur, auf welche Weise das klinische Element, der Rohstoff des Leidens sozusagen, vom Genie assimiliert wird.

Descartes Vermächtnis: Der Zweifel als Grundlage aller Erkenntnis

Worin besteht nun Descartes Vermächtnis? Dazu müssen wir von den schillernden Doppeldeutigkeiten seiner Schriften absehen, von der Faszination seines Charakters, dem Reichtum und der Farbenfülle seines Menschseins. Sein Vermächtnis ist die moderne Wissenschaftsgläubigkeit; der naive und gefahrvolle Glaube an die totale Machbarkeit; der Absolutismus der wissenschaftlichen Methode, verbunden mit der Entwertung der sophia, der Weisheit, die aus anderen Quellen lebt; der optimistische Glaube an die Lösbarkeit aller Probleme verbunden mit dem ehrfurchtslosen Verhalten dem Mysterium gegenüber; der Geschmack am Organisatorischen, der das Organische überwuchert. Die Göttin der Vernunft in der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, der Absolutismus des Denkens bei Hegel und seinem „Abkömmling“, der marxistischen Dialektik, der moderne Positivismus und die Religion des Fortschritts - dies alles wäre so nicht möglich ohne das cogito von Descartes.

Descartes machte einen Akt des Zweifelns zur Grundlage aller Erkenntnis. Als Sprungbrett für wissenschaftliche Objektivität ist er notwendig und legitim. Doch die Methode wurde zur Mentalität. Der Zweifel als Werkzeug wissenschaftlicher Forschung wurde bald zum „Zweifel an sich“, zu einem Ur-Zweifel, der auch den Ort des Glaubens einnahm. „Der Zweifel bedroht die Seele und ist ihr Feind, weil er die eigentliche Grundkraft, die Kraft des Glaubens, mit der sie sich mit Gott verbindet, abschwächt und untergräbt. Wer ihm nachgibt, wird in sich unstet und haltlos. Für Descartes dagegen, der keine Belehrung des Geistes von außen her, keine rein passive ‚illuminatio‘ und ‚informatio‘ kennt und anerkennt, steht es fest, daß gerade der Radikalismus des Zweifels die einzige und echte Quelle der Erkenntnis ist.“19

Descartes glaubte noch an Gott. Aber in der cartesianischen Philosophie ist Gott zu einem Zierrat in der guten Stube geworden.

Das Geschichtsverständnis des Cartesianismus und die Folgen für die Theologie

Verschiedene Autoren haben die Aufmerksamkeit auf die unhistorische Natur der Philosophie Descartes gelenkt. In der Tat kennt der wissenschaftliche Optimismus keine Geschichte, nur eine Zukunft, die mit unendlichen Möglichkeiten winkt. Henry Ford, einer der Großen in der Welt der Technik, hat einmal gesagt: „Geschichte ist Quatsch.“ In mehr verhüllter Form ist diese Behauptung bereits in der cartesianischen Philosophie enthalten. In der Welt des Cartesianismus existiert ein riesiger Raum für Durchdringung und Erforschung, aber kein Erdreich, in dem man verwurzelt wäre. Vor diesem Hintergrund erscheint Hegels Idee der Geschichte als einer Art materialisierten Gedankens wie ein Versuch, die Geschichte vor jener Leere zu retten, in die sie mit dem Triumph des Rationalismus gefallen ist. In Descartes linearem Weltbild hat Geschichte als Drama der Offenbarung keinen Platz mehr. Mit der Möglichkeit einer mathesis universalis wird das Ich zum euklidischen Punkt, schrumpft die Wirklichkeit zu einer Formel. Der Mensch wird de-incarniert und das Geheimnis der Inkarnation als Angelpunkt der Weltgeschichte zum sinnlosen Mythos. Diese Welle cartesianischen Stromes hat ihre Spuren überall hinterlassen, auch und gerade im Christentum.

In der modernen Theologie gibt es Bestrebungen, den wissenschaftlichen Positivismus auch in die Welt des Glaubens einzuführen. Nicht nur, daß damit die Heilige Schrift des Wunderbaren beraubt wird, auch der zum Beten nach oben gerichtete Blick des Menschen wird sinnlos, denn in einem bloß mathematisch aufgefaßten Raum gibt es kein Oben. Und man vergißt leicht, daß es in einem solchen Weltbild auch keine geschichtliche Zeit gibt. Da gibt es weder ein Hören auf eine Botschaft, noch ein Warten auf Erfüllung. Wenn die mathematisch-wissenschaftliche Wahrheit alle Wahrheit erschöpft, gibt es kein Oben und Unten, keine Himmelfahrt und kein Hinabsteigen, keine prophetische und keine apokalyptische Zeit. Für die momentane Klarheit des Modells zahlen wir mit dem Preis des inneren Chaos.

Die lautlose Gewalttätigkeit des Rationalismus und ein Ausweg

Der Cartesianismus ist zu einer primordialen Einstellung geworden, so wie es der Glaube in den vergangenen Zeiten war. Der moderne Rationalismus vollbringt dabei seine Arbeit gegen den Glauben mit lautloser Gewalttätigkeit wie ein geruchloses Gas. Aber einer Seele den Zweifel einsäen, sagt das Evangelium, ist schlimmer als Mord. Nie, sagt Jaspers, habe es in der Menschheitsgeschichte eine solche „Öde der Glaubenslosigkeit“ gegeben wie heute. Im cartesianischen Rationalismus finden wir eine Vermännlichung des Denkens. Im Blick des Menschen bleibt nichts Kindliches mehr - das Evangelium besteht aber darauf, daß wir kindlich seien.

Die Hand der Weisheit, die mütterliche sophia, wird zurückgewiesen, ein stolzer Intellekt fordert Omnipotenz. Goethe hat als erster den Wahnsinn und das Zerstörische darin erkannt: Der neuzeitliche Mensch, der geschichtslose, wurzellose, selbstsichere Eroberer ist in Wahrheit ein Flüchtling, ein Unbehauster. Sein Siegeszug ist zugleich endlose Flucht, für die es nur einen Ruheort und Hafen der Rettung gibt - das Ewig-Weibliche.

Zu Descartes immer wieder geäußerter Hypothese, daß die Wirklichkeit eine bloße Spiegelung sei, die uns nur ein Dämon vormache, bemerkt Jaspers: „Wer die versuchsweise Annahme zu seiner Überzeugung macht - wobei die Gestalt des schaffenden Lügengeistes fallen kann, wenn seine grenzenlos vieldeutige und täuschende Schöpfung, die Welt, als einzige Wirklichkeit erhalten bleibt, wie etwa in gewissen Gedanken Nietzsches -, hat nicht nur das Vertrauen zur Vernunft verloren, sondern versinkt in der Bodenlosigkeit, wenn kein anderer Boden als die Vernunft ihn aufnimmt.“20 Genau dies geschieht im zeitgenössischen Nihilismus.

Descartes alleine war es nicht, aber an seinen Namen hat sich der -ismus gehängt. Goethe hat Descartes rationalistische Irrlehre ein Leben lang bekämpft. Und doch gibt es Anzeichen dafür, daß Descartes selbst in den Tiefen seiner Persönlichkeit unbewußt jene geheimnisvolle Antithese barg, die sich Goethes dichterischer Schau vom Ewig-Weiblichen erschloß. Als Descartes aus seinem berühmten Traum erwachte, gelobte er - vielleicht erschauernd vor der Weltraumkälte des cartesianischen Systems - eine Wallfahrt nach Loretto, jenem Sinnbild und Inbegriff alles Mütterlich-Weiblichen. Man würde es sich zu leicht machen, wollte man darin nur ein Zeichen infantiler Regression sehen. Wahrscheinlicher ist, daß der faustische Pilger nach Loretto nicht nur der Antipode Goethes, sondern auch sein Bruder auf der Suche nach dem Weiblichen ist.

Die Fußnoten sind aus der deutschen Übersetzung „Die Flucht vor dem Weib“ übernommen. Einige wenige Worterklärungen und Angaben zu Personen wurden als Fußnoten hinzugefügt.


  1. Deutsch, Helene, Ein Frauenschicksal: George Sand. Imago XIV, 1928, 334-357. 

  2. Beauvoir, Simone de, Das andere Geschlecht - Sitte und Sexus der Frau, Hamburg 1951. 

  3. Deutsch, H., a.a.O., 334f. 

  4. Gasset, Ortega y, Landschaft mit einem Reh im Hintergrund. Ges. Werke IV, Stuttgart 1956. 

  5. Sterba, R. Introduction to the Psychoanalytic Theory of the Libido. Nerv. And Ment. Dis. Monograph Series, New York 1942. 

  6. Voulu: das Gewollte, mit Absicht Geplantes. 

  7. Doren, Mark van, Shakespeare, Holt 1939. 

  8. Bergson, Henri, Einführung in die Metaphysik, Jena 1929. 

  9. Bergson, H., a. a. O. 

  10. Husserl, Edmund, Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur Genealogie der Logik, Hamburg 1948. 

  11. Dilthey, Wilhelm, Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte, I, Leipzig 1883, S. 373. 

  12. Dionysius Areopagita, Pseudonym eines christlichen Neuplatonikers, um 500 n. Chr., galt in der Scholastik als wichtigste Autorität nach Augustinus. 

  13. Merleau-Ponty, M., Phenomenology of Perception, London 1962, zit. nach der engl. Ausgabe, (deutsche. Übersetzung: Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966). 

  14. Kierkegaard, Sören, Concluding Unscientific Postscript, Princeton 1944. 

  15. Jacques Maritain, französischer Philosoph, 1882 - 1973. 

  16. Descartes, René, Briefe, 1629-1650, Köln und Krefeld 1949, S. 293. 

  17. Supplément d’âme: ein Mehr an Seelenleben. 

  18. Descartes, R., Die Prinzipien der Philosophie. Phil. Werke, Bd. 2, Leipzig 1922. 

  19. Cassirer, Ernst, Descartes: Leere - Persönlichkeit - Wirkung, Stockholm 1939, S. 28f. 

  20. Jaspers, K., Descartes und die Philosophie, Berlin 2. Aufl. 1948, S. 29.