Eva Maria Bachinger: Kind auf Bestellung

ein Plädoyer für klare Grenzen

Eva Maria Bachinger hat zur aktuellen Situation der Fortpflanzungsmedizin – ihrer Risiken und Nebenwirkungen bzw. Wirkungen – ein lesenswertes und erst recht bedenkenswertes Buch geschrieben. Viele Fragen der Ethik und der Anthropologie, der gesellschaftlichen, der wissenschaft- lichen und der persönlichen Verantwortung werden erörtert. Dabei treffen wir auf hoch brisante strategische Partnerschaften und Allianzen. Aktueller Anknüpfungspunkt ist das neue österreichische Fortpflanzungsmedizingesetz, das seit Beginn des Jahres 2015 in Kraft ist. Die Autorin wagt sich damit in ein Thema hinein – beim Lesen entdeckt man dies Schritt für Schritt –, das bei kritischer Wahrnehmung erheblich mehr mit Stacheldrahtverhauen öffentlicher Denkverbote und Tretminen politischer Korrektheit bewehrt ist, als man auf Anhieb vermutet.

Daher ist ihr Buch auch ein mutiges Projekt, weil sie sich besagten moralischen und politischen Linienführungen weder beugt, noch sich von ihnen abschrecken lässt. So schreibt sie im Vorwort (S. 13) programmatisch: „Beim Thema Reproduktions-medizin eine skeptische bis ablehnende Haltung einzunehmen, ist derzeit nicht opportun … Mein Anliegen ist es, einen Weg durch komplexes Gelände zu gehen und einen deutlichen Einspruch zu gängi-gen Darstellungen zu deponieren. Es ist eine Gratwanderung, aber Frau Bachinger ist engagierte Bergsteigerin, Anmerkung B. H. sie schreckt mich nicht.“

Nicht alles, was Recht ist, ist zu billigen

Eva Maria Bachinger entwickelt nun genau die Anstöße und Nachfragen zum Diskurs, deren bewusste oder unbewusste Unterschlagung sie bei der offiziellen ethischen Bewertung der Fortpflanzungsmedizin mit ihren individuellen und sozialen Folgen beklagt. Auch die Form des positiven Rechts kann ja nicht heißen, dass damit die ethische Reflexion ad acta gelegt werden kann. „Nicht alles, was legal ist, ist auch ethisch legitim. Es scheint aber so zu sein, dass die Debatte dann beendet sei. Anwalt Helmut Graupner österreichischer Aktivist der Homosexuellenlobby, >B. H. meint etwa, über die Samenspende für lesbische Paare müsse man nun nicht mehr diskutieren, weil sie legalisiert wurde. Doch es ist ethisch anspruchslos, wenn man meint, existenzielle Fragen allein durch Recht beantworten zu können. So viel Philosophie im Alltag und in der Politik ist wohl jedem zuzumuten, sich über Gesetze hinaus Gedanken zu machen.“ (S. 241).

Die Lektüre dieses Buches ist daher im besten Sinne des Wortes eine Zumutung. Die Autorin mutet ihren Lesern zu, sie auf der angekündigten Gratwanderung durch die Lebenswelten der Fortpflanzungsmedizin und ihrer Akteure zu begleiten. Dabei erhalten wir ganz bewusst auch Einblicke, erschütternde Einblicke, in die Erfahrungen derer, die bei diesem meist so strahlend daherkommenden Wunsch-Kind-Thema im Schatten stehen und anonym bleiben wollen.

Der Mythos vom Recht auf ein Kind

Das Buch ist in fünf Themen gegliedert, die sich, plausibel und anschaulich entfaltet, aufeinander beziehen. Auch ist die recherchierende Reportage, in der viele Gesprächspartner zu Wort kommen, spannend zu lesen. Im ersten Kapitel „Kinderwunsch und Wirklichkeit“ beleuchtet die Autorin die oft grotesk widersprüchliche Situation zwischen der gewollten Kinderlosigkeit einerseits und dem immer mächtiger werdenden Kinderwunsch andererseits, beides als konsequente Formen persönlicher Selbstverwirklichung. Daher passt die Annahme einer ungewollten Kinderlosigkeit und deren lebensgeschichtlich fruchtbare Bearbeitung nun gar nicht mehr in unsere Zeit. Diese „Schicksalsergebenheit“ ist vorbei, denn „die Reproduktionsmedizin hat ihr tabuisiertes Terrain verlassen und sich in der öffentlichen Debatte zur einzig propagierten Methode gegen Kinderlosigkeit gemausert.“ (S. 16). „Der Siegeszug der Technologie ist begleitet von liberalen Gesetzen und Machbarkeitsdenken … ‚Glaube an dich selbst, alles ist möglich, du kannst sein und werden, was du willst’, sind die Mantras dieser neuen Religion. Die Experten sind die neuen Gurus, Ratgeberbücher die neuen heiligen Schriften. Nicht nur die Religionen halten Heilsversprechen bereit, auch die Biomedizin. ‚Sie ist voll von Glaubensbekenntnissen, Verheißungen, verehrten Autoritäten und Ritualen’.“ (S. 22).

Wenn Kinderwunsch zur Obsession wird

Das „entgrenzte Können“ in seinen verschiedenen Spielarten aufzudecken, darin liegt die Stärke des ganzen Buches. Bachinger zeigt hervorragend, wie durch die Reproduktionsmedizin und ihr grandioses Machbarkeitsversprechen der Kinderwunsch eine regelrechte religiöse Aufladung erfährt. „Die Wunscherfüllung, die die Reproduktionsmedizin verspricht, ändert unser Denken. Kinder zu bekommen wird zur Obsession, zu einem tollkühnen Unterfangen, zu einer einzigen großartigen Aufgabe. Die Überfrachtung ist maßlos. Tauchen Trauer und Wehmut auf, hält das weder das betroffene Paar aus noch sein Umfeld. Quälend suchen viele die Schuld bei sich selbst, beim Körper, bei ‚falschen’ Entscheidungen, anstatt anzunehmen, dass bei aller Machbarkeit Grenzen existieren.“ (S. 23).

In dieser Ideologie der Machbarkeit, die pausenlose und konsequente Planung braucht, kommt nun dreierlei zusammen: Der entgrenzte Kinderwunsch zielt selbstverständlich auf das einzigartige Wunschkind und beides fördert den massiven gesellschaftlichen Mythos des Rechts auf ein Kind. „Folglich ist es ein Skandal, wenn man nicht jedem das ‚Recht auf ein Kind’ zugesteht“ (S. 40), alleine oder egal mit wem. So wird das designte Wunschkind, das die pränatale Selektion erfolgreich durchlaufen hat, zum absoluten Glücksträger, ein Anspruch, den es gar nicht einlösen kann. Dem entgegenzusteuern mit einer realistischen und auch kritischen Zuversicht ist die Absicht dieses Buches. In dieser Zuversicht bleibt die Autorin allerdings vage. Ich würde hier mit Dietrich Bonhoeffer sagen: „Es gibt erfülltes Leben auch angesichts unerfüllter Wünsche.“

Das skrupellose Geschäft mit der Fruchtbarkeit

Die Illusion der Machbarkeit, das Recht auf ein Kind, wird mit einem hohen Preis bezahlt. Diesen erschütternden Preis holt die Autorin aus dem Graubereich der Nichtinformation bzw. des bewussten Schweigens heraus. So werden verschiedene ‚Werkzeuge’ jener Biotechnik beschrieben: Die Leihmutter, meist aus osteuropäischen Ländern, die unter mafiösen Bedingungen zwischen Anwalt und Auftraggeber ihren Körper innerhalb eines „Flatrate-Programms“ verkauft. Die Eizellenspenderin, die mit massiver Hormongabe für diesen Eingriff stimuliert wird und so einem hohen gesundheitsgefährdenden Risiko ausgesetzt wird. Hier berichtet die Autorin bewegende Geschichten, die zu einem massiven öffentlichen Aufschrei führen müssten. Der allerdings bleibt aus, im Gegenteil!

Reproduktionsmedizin und Homosexuellenrechte

Nun hebt die Autorin erfreulich klar hervor, wie die strategische Allianz von Reproduktionsmedizin und politischer und rechtlicher Gleichstellung homosexueller Regenbogenfamilien entscheidend dazu beiträgt, die ganze Fortpflanzungsmedizin nicht nur für unbedenklich zu erklären, sondern sie als fortschrittliches Instrument der Realisierung homosexueller „Gleichstellungsrechte“ zu preisen mit so verklärenden Begriffen wie „reproduktive Gesundheit“ oder „reproduktive Autonomie“. Ja, sie treiben sich beide voran und liefern einander Begründungen, die Fortpflanzungsmedizin und die Gleichstellung der sexuellen Vielfalt! Sie ist voll und ganz in der Mitte der Gesellschaft angekommen, die sich als liberal und aufgeklärt und auf dem richtigen Weg befindlich versteht. Kritik an der Reproduktionsmedizin kommt nur noch aus dem rechten oder klerikalen „homophoben Schmuddel-eck“. Dorthin will die Autorin natürlich nicht gehören, der allerdings ihre Enttäuschung über Feministinnen, über Grüne und Linke abzuspüren ist. Doch wird sie es kaum vermeiden können, dass ihre Kritiker gerade aus den Reihen der Homosexuellenlobby sie in dieses „Eck“ schieben werden!

Noch einen wichtigen Bereich der Folgen der Reproduktionsmedizin, der bezeichnenderweise in den Hintergrund tritt, je mehr der Rechtsanspruch auf ein Wunschkind in den Vordergrund tritt, sind die Kinder selbst. So fragt Bachinger „Was tun wir den Kindern an?“ Denn die Kinder, die aus anonymen Eizellenspenden oder Samenspenden hervorgegangen sind, werden um ihr Recht betrogen, ihre leiblichen Eltern zu kennen. Gerade von Adoptionen her wissen wir, wie bedeutungsvoll und wichtig es ist, dass Kinder um ihre leib-lichen Eltern wissen und sie kennen lernen können. Von dem Recht eines Kindes auf Vater und Mutter ganz zu schweigen!

Das Recht des Kindes mit Füßen getreten

Dass Erwachsene bei der Durchsetzung ihres vermeintlichen Rechtsanspruchs auf ein Kind dieses Recht des Kindes mit den Füßen treten, ist zutiefst unverantwortlich; es wird allerdings von der Mitte unserer Gesellschaft billigend in Kauf genommen. „Auch bei den offiziellen Vertretern des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) wie der Psychologin Lisa Green scheint das nötige Bewusstsein zu fehlen. Sie sei gegenüber den verschiedenen Formen ‚neutral’, auch eine anonyme Spende sei eine legitime Option. Da es den Kindern in Regenbogenfamilien so gut gehe, sei das Wissen um den leiblichen Vater nicht nötig, meint sie.“ (S. 219). Ignoranz und Arroganz dieser Psychologin machen sprachlos und zeigen zugleich, wie sich ideologischer Aktivismus und Reproduktionsmedizin gegenseitig verstärken: Bei den einen geht es um die Ausweitung ihres Marktes und damit auch um viel Geld, bei den anderen geht es um die Eroberung der gesellschaftlichen Deutungshoheit und die Errichtung einer neuen moralischen Leitkultur.

Bachinger resümiert nachdenklich: „Würden wir uns mit den Folgen für die Kinder ernsthaft beschäftigen, wären wir vielleicht etwas nachdenklicher und zurückhaltender.“ (S. 235).

Freiheit und Grenzen gehören zusammen

Das letzte Kapitel des Buches trägt die Überschrift: „Die Bedeutung von Grenzen“ und nimmt damit Bezug auf den Untertitel des Buches: „Ein Plädoyer für klare Grenzen“. Aus meiner Sicht ist dieses letzte Kapitel vor allem ein Versuch, über die Notwendigkeit von Grenzen überhaupt ins Gespräch zu kommen und dafür nochmal Anstöße zu geben. „Wer Grenzen befürwortet, kommt schnell in den Geruch, Menschen dumm und fremdbestimmt halten zu wollen“. Ja, gewiss, Grenzen haben in unserer entgrenzten Zeit, in der die Freiheit grenzenlos sein muss, keinen guten Ruf. Doch, und hier spricht die Autorin ihr Anliegen aus: „Die errungene Freiheit muss mit einem Bewusstsein für Verantwortung und mit der Einsicht, dass Grenzen wichtig sind, verbunden werden.“ (S. 236).

Wie sich dieses Bewusstsein für Verantwortung und die Einsicht in die Sinnhaftigkeit von Grenzen entwickelt, dazu gibt die Autorin nur vorsichtige Anregungen. Jedoch ist es ihr wichtig, die Bedeutung der christlichen Prägung Europas nicht zu unterschlagen. „Hierzulande ist man sehr bemüht, das katholische Erbe abzustreifen, und schüttet dabei das Kind mit dem Bade aus, indem Grundlagen der christlichen Ethik keine Rolle mehr spielen dürfen, weil sie nicht mehr mehrheitsfähig sind.“ (S. 240).

So ist der Autorin und uns allen zu wünschen, dass das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird und ethische Werte in unserer Gesellschaft nicht einfach von ihrer vermeintlichen Mehrheitsfähigkeit abhängig gemacht werden. Solche Einstellung braucht Vertrauen – für uns als Christen ein Vertrauen, das sich an den menschgewordenen Gott bindet und in dieser Begegnung die Erkenntnis gewinnt, dass Freiheit und Verantwortung in allen Bereichen unseres Lebens untrennbar zusammengehören. In solcher Gotteserfahrung können die Quellen der Kraft und der Weisheit gefunden werden, der Ideologie der Machbarkeit und damit der falschen religiösen Aufladung menschlicher Wünsche zu wehren und eben diese Wünsche in guter, lebensdienlicher Weise zu begrenzen. So lässt es sich zu der realistischen und zuversichtlichen Lebensqualität gelangen, die Bonhoeffer so treffend beschreibt: dass erfülltes Leben nicht abhängig ist von der Erfüllung unserer Wünsche.