Ohnmacht als Pression

Über Opferrhetorik

Leben ist auch Leiden. War immer so, wird immer so sein. Doch warum sollte man sich deshalb selber das Leben vergällen oder gar die Butter vom Brot nehmen lassen? Wirklichkeit ist Verhandlungssache, mal sehen, was morgen so kommt und wie das Glück sich wendet: „Shte widish!“

Mit diesen Strichen skizziert Thomas Frahm in einem schönen Aufsatz über Balkan-Mentalität (Merkur Nr. 649, 2003) den gewitzten Fatalismus der Bulgaren – und ihr Unverständnis gegenüber den konträren Haltungen der Deutschen. Und in der Tat: Wenn Deutsche leiden, sind sie grundsätzlich Opfer. Sie verwandeln Klage in Anklage und machen kognitiv kurzen Prozess. Nicht Ursachen, sondern Verursacher müssen dingfest gemacht werden, ohne handliche Schuldige hängt der Groll in der Luft. Die Allgegenwart des Verdachts mündet in eine Rhetorik des Prangers, die allen Beteiligten Zugzwänge zudiktiert, denen sie fortan kaum entrinnen können. Aber warum kann dies überhaupt funktionieren, woran liegt es, dass man als Opfer heutzutage immer schon in der Offensive ist?

Gewalt als Paradigma

Der erste und einfachste Grund ist das Schisma von Opfer und Täter. Wo es Opfer gibt, müssen Täter sein. Das Tun des einen ist die Qual und das Leiden des anderen. Der Täter ist ruchlos, heimtückisch und brutal, das Opfer wehrlos und unschuldig. Wo immer soziale Ereignisse, Entwicklungen und Beziehungen in Kategorien von Täter und Opfer gedeutet werden, ist diese fundamentale Asymmetrie von Initiative und Moral, die scharfe Dichotomie der Relevanzen des Tuns und der Schuld, von Anfang an vorausgesetzt.

Das Sinnzentrum dieses Paradigmas ist der Akt der Gewalt. Opfer sind im strengen Sinne immer Gewaltopfer. Gewalt, die als „schiere Aktionsmacht“ (Heinrich Popitz) auf die direkte Verletzung des anderen abzielt, ist ein Grundmuster aller Gesellschaftlichkeit, eine jederzeit aktivierbare menschliche Möglichkeit. Sie ist der Kern der Macht, die den eigenen Willen auch gegen das Widerstreben des anderen durchsetzt, und damit eine Qualität des Sozialen. Gewalt ist die Freiheit, andere zu verletzen und zu töten. Jeder kann Gewalt ausüben, niemand ist vor der Gewalt jemals ganz sicher.

Das Opfer trifft die Gewalt stets im existentiellen Zentrum des Selbst. Indem sie die physisch-leibliche Integrität des anderen zum bloßen Objekt eines übermächtigen Schädigungswillens macht, zerstört sie in der Überwältigung des Schmerzes und der akuten Gefährdung des Lebens auf einen Schlag jede „unproblematische“ Selbstsicherheit und Selbstgewissheit, die die Grundbedingung aller Normalität, allen unbeschwerten Alltagshandelns ist. Gewalt ist das Widerfahrnis par excellence: Sie ist etwas, das dem Opfer zustößt, die elementare Erfahrung fremder Allmacht und Willkür auf der einen, wehrlosem Ausgeliefertsein auf der anderen Seite. Deshalb ist das Opfer für immer gezeichnet. Nichts wird das Trauma je auslöschen können, denn was geschehen ist, ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.

Es ist dieses Gravitationsfeld von Erlebnissen und Bedeutungen, auf das die modernen Opfer-Diskurse auch dort referieren, wo es in der Sache um ganz andere Dinge geht. Sie sind im Grunde eine Teilströmung oder Ableger des in den letzten zwei/drei Jahrzehnten omnipräsent gewordenen Gewalt-Diskurses und der darin betriebenen Dämonisierung der Macht. Dabei oszilliert dieser Diskurs je nach politischen oder bewegungstypischen Präferenzen natürlich noch um eine Reihe weiterer Begriffe und Begriffslegierungen (Missbrauch, Gewalt gegen Frauen, ethnische Säuberung, Völkermord usw.), deren „Wallungswert“ (Gottfried Benn) sie in prototypischer Weise dazu geeignet macht, Konflikte affektiv aufzuladen und in quasi-religiöse Kulturkämpfe zu verwandeln. Ja, man könnte anhand der Karriere jedes dieser Begriffe und ihrer Verknotungen vermutlich eine ganze Kulturgeschichte der zivilisatorischen Turbulenzen und des Mentalitätswandels der westlichen Gesellschaften im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts schreiben.

Ausweitung und Maßverlust

Trotz der Verschlungenheit und des Syndromcharakters dieser Diskurse sind die symboli­schen Strategien, die ihnen zugrunde liegen, relativ simpel. Sie funktionieren im wesentlichen nach den Prinzipien Ausweitung und Zuspitzung. Der erste, noch geringfügig erscheinende Schritt ist die Ausdehnung des Gewaltbegriffs auch auf solche Handlungen, die keine unmittelbare Verletzungsabsicht verfolgen, gleichzeitig aber, wie etwa bei psychischen Machttechniken, zweifellos außerordentlich folgenreich sein können. Und in der Tat ergeben sich hier mitunter schwierige Abgrenzungsprobleme: Was ist mit der Mutter, die mit ihrem ungezogenen kleinen Kind drei Tage nicht spricht – sie ist sicher seelisch grausam, aber ist das, was sie ausübt, Gewalt?

Die Verschiebung des Verletzungskriteriums von der physischen zur psychischen Verwundung hat weitreichende Konsequenzen. Sie öffnet eine semantische Schleuse, weil sie den Akzent von der direkten Schädigungsabsicht und dem eindeutigen Handanlegen des Täters auf die Gefühlswirklichkeit und das subjektive Erleben des Opfers verlagert. Wo jedes durch Handlungen anderer verursachte Leiden bereits hinreichend die Verwendung des Gewaltbegriffs legitimiert, stehen seiner weiteren Ausdehnung kaum mehr Hindernisse im Weg. Opfer ist jetzt, wer sich als Opfer fühlt. Und schon das Mitfühlen mit dem Opfer rechtfertigt fortan die Übernahme der Pose des Anklägers.

Das Ergebnis ist eine gleichsam als Drift funktionierende Monopolisierung der Definitionsmacht. Das Paradebeispiel ist der berühmte, sogar als offizielle Vorschrift festgeschriebene „Hamburger“ Belästigungsbegriff: Belästigung ist, was frau als Belästigung empfindet.

Hier zeigt sich die Fungibilität der Verdichtungssymbole, ihre aggressionskanalisierende und entsachlichende Potenz. Wer Totschlagbegriffe kreiert, darf sich nicht wundern, wenn jeder, der sie brauchen kann, darauf zurückgreift, sie durch Kontextverschiebung umdeutet und in seinem Sinne verwendet. So ruft, wo erfolgreich „Missbrauch“ skandalisiert werden kann, heutzutage bereits ein Fall problematischen Sozialhilfebezugs im Ausland am Ende sogar den Gesetzgeber auf den Plan.

Weitere Ausweitungsstrategien setzen am „soziologisch amorphen“ Charakter des Machtbegriffs (Max Weber) an. So kann, wer „Verletzung“ stillschweigend durch „Nachteil“ und Tun durch Entscheidung ersetzt, den Opferbegriff mühelos auch auf solche Konstellationen anwenden, in denen einzelne oder Gruppen mit negativen Auswirkungen der Entschlüsse wirtschaftlicher oder politischer Machthaber konfrontiert werden. Arbeitslose werden auf diese Weise „Opfer“ von Missmanagement, Rentner und Patienten Opfer von Sparpolitik usw. Der Alltagsgebrauch des Wortes wird damit politisch aufgeladen und erfolgreich in propagandistische Bahnen gelenkt. Und in Fortführung dieser Linie lässt sich dieser Diskurs, etwa mit Hilfe des Patentbegriffs der „strukturellen Gewalt“, dann auch auf allgemeine Herrschaftsverhältnisse, institutionelle Vernetzungen und Systemstrukturen (wahlweise: Kapitalismus, Globalisierung, Patriarchat) übertragen und ideologisch radikalisieren.
Dennoch zieht jede Entsubjektivierung nicht unerhebliche Probleme nach sich. Der Grund dafür ist einfach: Märkte und Strukturen lassen sich schlecht hassen. Auf wen soll der Arbeitslose seine Wut richten, ohne klar konturierte Täter ist der affektive Vorteil der Selbstviktimisierung dahin. Als Ausweg bietet sich das Ressentiment gegen Politiker an: Diese sind gleichzeitig Systemrepräsentanten und Entscheider und können deshalb leicht als Charaktermasken und Übeltäter in einem vorgeführt werden. Außerdem haben sie den Vorzug, allen bekannt zu sein. Die forcierte Personalisierung der Politik hat so den Nebeneffekt, einem latent panischen Publikum immer schon geeignete Schuldkandidaten zu präsentieren.

Und noch eine letzte Verwendungsvariante muss erwähnt werden: Man kann offenbar nicht nur Leidtragender konkreter Handlungen, Entscheidungen oder anonymer Systemzwänge, sondern auch ganz allgemein „Opfer“ eines bestimmten Herkunftsmilieus oder diskriminierender Lebensumstände sein. Dies ist eine verbreitete Neutralisierungs- und Verteidigungsstrategie der Täter: Der Täter mutiert zum Opfer und reklamiert als solches mildernde Umstände. Es waren stets „die Verhältnisse“, die ihm angeblich keine Wahl gelassen haben.

Ergänzend zu diesen – häufig miteinander verquickten – Ausdehnungen und Verschleifungen des Opferbegriffs tritt als zweite Methode der rhetorischen Eskalation des Konflikts die Intensivierung der Schuldzuschreibung. Hier wird die Moralisierung vorangetrieben, indem die unmittelbare Konfrontation mit der Not und dem Leiden der Opfer die korrespondierende Unterstellung der Niedertracht und Verwerflichkeit der Täter noch einmal erhöht. Die Darstellungen der Gewalt dienen allein der Dämonisierung der Macht. Gleichzeitig werden die kognitiven Realitätskonstruktionen unangreifbar: Vor den übermächtigen Bildern des Leids versagt jedes Argument. Weil Leid Schuld sucht, muss besonders großes Leid immer schon auf eine besonders große Schuld verweisen.
Diesem Muster folgen auch die ständigen Vergleiche mit den nationalsozialistischen Massenverbrechen. Es gibt heute kaum eine Opfer-Agitation, in der sich höchst unterschiedliche Akteure – von der Deutschen Landjugend („Brüssel – Auschwitz für Bauern!“) über diverse Verbandsfunktionäre, die Vertreter ethnischer oder religiöser Minderheiten bis zu den militanten Tierschützern – nicht dieser Rhetorik und des darin gesetzten Assoziationsrahmens bedienten. Dass darin das schlechthin Nicht-Vergleichbare miteinander verglichen, der Völkermord instrumentalisiert wird, schert sie nicht. Ihr Zweck heiligt die Mittel und damit basta.

Die moralische Qualifizierung solcher Attitüden und Haltungen versteht sich von selbst. Nichts wird diese Übergewissheit je irritieren können. Es sind ja nicht nur Abgefeimtheit, ideologische Bornierung und Indolenz, die sich hinter diesem Maßverlust verbergen; es ist die spezifische, zu allem entschlossene Bigotterie dieses Moralismus, eine Doppelmoral, die von sich selbst nichts weiß, die ihn so gefährlich macht. Bigotterie ist, anders als Heuchelei, eine reine Beobachterkategorie: Sie kann nur „von außen“ durchschaut und festgestellt werden, während die Akteure selber, zumal in der selbstbespiegelnden Lebenswelt ihrer Kampfgemeinschaft, gegen jeden Zweifel immun sind.

Trotzdem hat die Intensivierung auch ihre Grenzen und Tücken. Sie kann nicht beliebig gesteigert werden und schleift sich am Ende rasch ab. Gerade ihr Erfolg konterkariert sie. So stehen soziale Bewegungen vom Typus der ethischen Prophetie, die die herrschenden Zustände als sündhaft und verderbt anprangern und die Massen für ihre Ziele mobilisieren wollen, nach ihren großen Anfangserfolgen regelmäßig vor der Situation, dass es für sie wesentlich einfacher war, auf die gesellschaftliche Tagesordnung zu kommen als nun darauf zu bleiben: Das Thema ist etabliert und die Aufmerksamkeit lässt nach. Die übliche Antwort auf dieses Problem ist die erneute Dramatisierung des Konflikts am Extremfall. Die Bilder müssen immer schockierender, die Taten immer ungeheuerlicher werden, um die drohende Gleichgültigkeit zu vertreiben. Und doch kann auch dies den Niedergang der Kampagne letztlich nicht aufhalten, weil der Extremfall, der die Massen erregt, gleichzeitig immer weniger verallgemeinerbar ist und kaum noch an die Alltagsrelevanzen anschließen kann.

Das Problem der Sinngebung

Menschen sind sinnstiftende Wesen. Sie können dem, was sie tun und ihnen widerfährt, nicht keinen Sinn geben. Deshalb sind die Opfer-Diskurse häufig mit Sinnbezügen durchsetzt, die das Geschehen in ein übergeordnetes Bedeutungssystem einordnen und dem Leiden nachträglich einen Sinn geben sollen. Dabei setzen viele Versuche beim zweiten, dem religiösen Opferbegriff an, wobei dies durch die Doppelbedeutung im Deutschen (anders als im Englischen, das klar zwischen victim und sacrifice unterscheidet) freilich besonders erleichtert wird. Während das Verbrechensopfer Opfer von jemandem ist, wird das religiöse Opfer für etwas dargebracht. Das heißt, es ist etwas, das im Rahmen einer kosmischen Weltdeutung von vornherein auf ein Drittes verweist und nur im Verhältnis zu diesem Dritten Bedeutung erlangt.

Die Klammer zwischen den beiden Kategorien von Opfer ist die Gewalt. Während jedoch im religiösen Kontext „die Opferung als schuldige Handlung wie auch als äußerst heilige Handlung, als illegitime Gewalt wie auch als legitime Gewalt“ erscheint (René Girard, Das Heilige und die Gewalt, 1992), weist die Gewalt des Verbrechers gerade keine derartige Ambivalenz auf. Das Leiden des Opfers ist hier ausschließlich Leiden, nichts sonst. Es ist das Abgründige der profanen, der „nackten“ Gewalt, dass alle Fragen und Erwägungen von Legitimität und Zweck, Schuld und Vergeltung sich immer nur auf den Täter beziehen können, ihr aber aus der Perspektive des Opfers keinerlei Sinn abzugewinnen ist. (…)

Das instrumentelle Kalkül

Die nationalsozialistischen und andere Massenverbrechen im Hintergrund haben sich die heutigen Opfer-Diskurse freilich vielfach von jedem Bezug auf tatsächliche Gewalt- und Opfersituationen gelöst. Sie schwelgen in der Rhetorik von Täter und Opfer auch dort, wo es in Wirklichkeit gar nicht um Gewalt, sondern um Herrschaft und Abhängigkeit, Vorteile und Einbußen, Dominanzgebaren und Ohnmacht­gefühle geht. Doch was macht diesen Deutungsrahmen so attraktiv, was gewinnt man dadurch, dass man sich selbst als Opfer stilisiert?

Wichtig sind hier vor allem zwei Basisunterstellungen: Unschuld und Wehrlosigkeit. Das Unschuldige ist das Reine, makellos Unbefleckte. Es verweist auf einen Zustand kindlicher Sorglosigkeit und Unbeschwertheit, eine Freiheit ohne einschnürende Verantwortung. Schuld „lastet“ und bedrückt, sie abzuwerfen und keine neue auf sich zu laden, ist daher ein starkes Motiv. Besonders in einem Land, in dem ungeheure Verbrechen ungeheure Schuld aufgetürmt haben, kann das Bedürfnis, sich von Schuld – womöglich schon präventiv – „reinzuwaschen“, ja von jeder Schuld frei zu sein, übermächtig werden.

Für dieses Um-keinen-Preis-schuldig-werden-Wollen ist die Täter/Opfer-Dichotomie ein passendes und plausibles Angebot. Wer selber Opfer ist oder sich mit Opfern identifiziert, kann offenbar keine Schuld haben. Das Opfer ist vor allem kein Täter: Weil das Opfer arglos und unschuldig ist, liegen alle Verwerflichkeit, niederen Beweggründe und Ruchlosigkeit beim anderen. Gut und böse, rein und befleckt, sind fortan klar geschieden und in festen Rollen verteilt. Die Möglichkeit dilemmatischer Handlungssituationen oder gar Tragik, der Umstand, dass auch wer nichts tut als Zuschauer oder Unterlassungstäter schuldig werden kann, ja dass Schuldbereitschaft ein Merkmal persönlicher Reife sein kann – all das wird kognitiv abgespalten und im nie versiegenden Wortschwall der Empörung zuverlässig ignoriert. Der Hauptzweck der Opfer-Rhetorik besteht unter diesem Aspekt darin, sich für sich selbst und andere als jemand darzustellen, der mit den Tätern nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

Dem moralischen Schisma dient auch die Vorstellung der Wehrlosigkeit. Diese referiert jedoch nicht auf Motive und Einstellungen, sondern auf die Verteilung von Ressourcen und Machtmitteln. Der Wehrlose ist der Ohnmächtige, hilflos dem Täter Ausgelieferte. Er hat keine Chance, weil er keine Waffen der Gegenwehr hat. Freilich bleibt auch hier die strikt dichotomische Grundstruktur erhalten: Der Täter ist immer schon übermächtig, das Opfer vollkommen wehrlos. Die Asymmetrie der Machtmittel ist total. Ebenso wie in der Frage der Schuld darf es auch in der Konstruktion der Machtverteilung keinerlei Unbestimmtheit, irritierende Einschränkungen oder Abstufungen geben.

Von solcher Klarheit und Eindeutigkeit sind die meisten Machtverhältnisse weit entfernt. Deshalb ist die Projizierung des Gewaltparadigmas auf alle Machtkonstellationen, die Gleichsetzung von Macht und Gewalt, kognitiv so verheerend. Abgesehen von Extremfällen absoluter Macht wie der Folter oder der Situation der Häftlinge in den Lagern, sind empirische Machtfigurationen in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass die verfügbaren Ressourcen und Machtquellen zwar ungleich verteilt, aber eben nur ungleich verteilt sind: Nicht einer hat alle und der andere gar keine Macht, sondern einer hat mehr und der andere weniger oder andere Mittel, um dem anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. (Auch die Gewalt ist normalerweise nur eine unter mehreren Optionen.)

Theodor Geiger hat deshalb vorgeschlagen, statt von Machthabern und Unterworfenen besser von Mächtigeren und „Mindermächtigen“ zu sprechen – ein weitreichender Gedanke. Wer nämlich dem anderen an materiellen Ressourcen und Machtmitteln klar unterlegen ist, muss, um seine Interessen zu wahren, mit den ihm verfügbaren geringeren Mitteln um so sorgsamer haushalten, er muss strategischer denken, langfristig kalkulieren und plötzlich auftauchende Chancen optimal nutzen. So kann fehlende Positionsmacht unter Umständen durch exklusive Informationen kompensiert, Benachteiligung durch Intriganz ausgeglichen werden. Gerade Mindermächtigkeit züchtet Machtriecher und Raffinement. Und diese richten sich keineswegs nur gegen oben, sondern ebenso zur Seite und weiter nach unten. Im Dschungel der Organisationen gedeiht die Gemeinheit oft unten. Dies ist eine allgemeine Erfahrung der Machtforschung: Will man die Arroganz, die Borniertheit und Selbstgefälligkeit der Macht untersuchen, so muss man sich an die Machthaber halten; um aber die Raffinesse, die Chuzpe und Hinterfotzigkeit der Macht zu erforschen, ist es sinnvoll, die Abhängigen und Unterlegenen, also die Mittel- und Mindermächtigen zu studieren.

Und eine weitere Beobachtung wird durch diesen Gedanken plausibel: dass nämlich gerade ein Abflachen des Machtgefälles, die Verringerung der Machtrate und ein höheres Maß an Gleichheit, die Intensität der Machtkämpfe steigert. Mindermächtige wittern Morgenluft, wenn sich ihre Situation verbessert hat, die ehedem unangefochten Mächtigeren sehen sich herausgefordert und verteidigen ihre Privilegien verbissen. Auch die Zugänglichkeit der Machtquellen und die Ressourcenverteilung selbst sind stets Gegenstand des Konflikts, und der Charakter der Kämpfe ändert sich mit den Bewegungen und Turbulenzen der Figuration. Dabei können Aufstiegshoffnungen und Abstiegsängste mitunter abrupt wechseln, ja es ist gerade die Grundsituation absteigender oder abstiegsbedrohter Aufsteiger, in der die Nerven blank liegen und lange gehegte oder auch kurzfristig dramatisierte Benachteiligungsgefühle ein Ventil suchen.

In einer solchen Atmosphäre forcierter Ungewissheit, ausufernder Ängste und Ressentimentgeladenheit spielen symbolische Trümpfe und Strategien eine große Rolle. Sie bestimmen die Tagesordnung und steuern die Zyklen der Erregung, deren geschicktes Ausnutzen die Voraussetzung für dauerhafte Erfolge in den Ressourcenkämpfen ist. Und hierfür ist die Deutung der Konflikte in Täter/Opfer-Kategorien natürlich ein hervorragendes Mittel: Indem sie den Mindermächtigen immer schon als Ohnmächtigen und den Mächtigeren als ruchlosen Täter vorführt, funktioniert sie gewissermaßen als ideologischer Nebelwerfer, der die eigenen Machttaktiken und Winkelzüge erfolgreich zu verschleiern vermag. Weil alle Macht und Schuld beim anderen liegen, ist man selbst aus dem Schneider. Opfer-Diskurse befinden sich daher stets in der Offensive: Sie zwingen die Mächtigeren, in der Erklärung von Handlungen und Entscheidungen ihrer grundsätzlichen Delegitimierung als Täter entgegenzutreten, und geben ihnen doch keine Chance, die apriorische Gleichsetzung von Macht und Gewalt zu durchbrechen.

Die Selbststilisierung als Opfer verwandelt Ohnmacht und Schwäche in ein Mittel der Pression. Sie referiert auf universalistische Werte, die als normative Interpretationsfolie immer schon mitlaufen, und konstruiert die Situation gleichzeitig so, dass es dem anderen nie gelingen kann, dem Pranger zu entgehen. Die Technik ist denkbar einfach: Man übersetzt das Ausstellen des Leids in unmittelbare Anklage und entwirft sich auf diese Weise indirekt als unbeugsamer Wächter der Norm, die der andere verletzt. Damit ist der Thron der Moralität immer schon besetzt. Extremer Partikularismus kann sich so als eine Art Hyperuniversalismus entwerfen und jeden Versuch der Delegitimierung durch flammende Wertappelle zurückweisen. Man muss die Dinge nur immer schon so einrichten, dass jede denkbare Entwicklung und Reaktion als Bestätigung der eigenen Realitätskonstruktion dargestellt werden kann. Egal was der andere sagt und tut, nichts wird mich darin hindern, am Bild der Verwerflichkeit weiterzumalen. Wenn ich jemandem unterstelle, er sei böse, hat er grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Verhält er sich mir gegenüber brüsk und abweisend, so bestätigt er mein negatives Fremdbild; ist er hingegen freundlich und zuvorkommend, so tarnt er sich nur, denn er ist ja in Wirklichkeit böse. Also muss ich ihn weiterhin als Bösen behandeln – bis er irgendwann wirklich böse wird und ich mich zufrieden zurücklehnen kann.

Verstörtheit und Propaganda

Opfer-Diskurse sind im Machtspiel der Politik eine probate Methode der moralischen Selbstermächtigung. Unabhängig davon, wie Gründe, Dilemmata und Schuld tatsächlich zu verorten sind (und worüber natürlich stets zu streiten ist), haben Angst und Leid immer Recht. Dennoch sind es keineswegs wirkliche Angst und das wirkliche Leid, um die es in diesen Symbolkämpfen geht. Für diejenigen, die um keinen Preis Schuld sein wollen, spielen die tatsächlichen Leiden der Opfer oft nur eine untergeordnete Rolle.
Man erkennt es am Tonfall und der Eloquenz der Entrüstung. Über das eigene Leiden zu reden, ist Gewaltopfern oft auch nach Jahren nahezu unmöglich. Im Augenblick der Gewalt ist das Opfer ein schreiendes Bündel aus Angst und Schmerz. Es ist reduziert auf seine pure Körperlichkeit und die physische Pein der Verwundung. Der Schmerz entzieht sich jeder Versprachlichung, er kann weder mitgeteilt noch verstanden werden. Die Erfahrung der Gewalt ist die Überwältigung schlechthin, die das Opfer in stumme Verzweiflung stürzt. Und auch wenn der Schock langsam nachlässt und die Erstarrung sich löst, findet es nur mühsam zur Sprache zurück.

Die traumatische Erinnerung kreist um Szenen und Bilder. Diese suchen das Opfer oft überfallartig heim und sofort kehrt alles zurück. Deshalb gibt es auch späterhin keine Unbefangenheit der Artikulation: Wann immer das frühere Geschehen zur Sprache kommt, schiebt sich das Nacherleben der Qualen unvermittelt ins Bewusstsein und blockiert jede freie Rede oder gar Diskussion über das Erlebte. Die Gewalt hinterlässt das Opfer auf Dauer verstört, nichts kann die Bilder der Erniedrigung und Ausgeliefertheit bannen. Es ist auch die Scham über die eigene Macht- und Wehrlosigkeit, die ihm jedes Auftrumpfen verwehrt und seine Stimme ins Stocken bringt.

Hiervon ist die politische Opfer­rhetorik völlig verschieden. Sie betreibt Propaganda und Agitation. Die Sprache der Propaganda ist eine Mechanik der Stereotypie: Sie muss sich stets wiederholen und gleichzeitig dafür sorgen, um keinen Preis irritiert zu werden. Ihre Voraussetzung ist nicht Selbstgewissheit, sondern Übergewissheit, eine spezifische Abwesenheit von Zweifel, die sich nicht zuletzt im Ton und einer charakteristischen Art des Redens ausdrückt und manifestiert. Propaganda argumentiert nicht, sie spult Sätze ab. Sie will nicht überzeugen, sondern überreden, redet sich selbst ihre Überzeugung ein. Dem anderen lässt sie keine Wahl: Entweder er übernimmt den vorgegebenen Deutungsrahmen oder er verfällt dem Verdikt, auf der Seite der Täter zu stehen. Eigene Ansichten hat er nicht zu vertreten, und wenn er sie äußert, wird er rasch unterbrochen. Was immer der andere sagt, es ist stets nur Anlass und Anknüpfungspunkt, im eigenen Wortschwall fortzufahren und den Oktroi der Ideologie nicht zuletzt für sich selbst zu erneuern. Agitation ist vor allem eine Methode, nicht zuzuhören, ein Wegreden und Übertönen des Zweifels, der die eigene Übergewissheit gefährden könnte.

Gewiss ist diese Entgegensetzung allzu schroff. Nicht nur, dass die Grenzen zwischen Argumentieren und Propagieren, den Attitüden des Überredens und Überzeugenwollens, empirisch natürlich fließend sind, auch in der Sache ist sicherlich zwischen einer ausschließlich instrumentellen Opfer-Rhetorik, die lediglich eigene Partikularinteressen maskiert, und solchen Diskussionshaltungen zu unterscheiden, denen eine tatsächliche Identifikation mit den Opfern zugrunde liegt und die deren Interessen in der Öffentlichkeit vertreten.

Wichtig ist hier der gleitende Übergang zwischen dem Eintreten für die Opfer und der Haltung des Protests. Protest ist, nach einer bekannten Formulierung von Klaus Heinrich, nicht nur eine konkrete sprachliche Demon­stration, sondern immer auch ein vehementer Einspruch gegen Sprachlosigkeit, eine Demon­stration „für“ Sprache. Der Protestierende steht auf und ergreift das Wort, damit sein Schweigen nicht länger als Zustimmung missdeutet wird. Und er spricht nicht nur für sich, sondern ergreift Partei für all jene, die sich nicht selber vertreten können. „Im Namen“ der Opfer zu sprechen und ihnen auf diesem Weg eine Stimme zu verleihen, ist sicher eines der stärksten Motive, das der radikale Protest für seine Selbstlegitimation aufbieten kann.

Einmal im Rampenlicht, steht der Protest jedoch sofort unter Zugzwang. Er muss sich nun legitimieren und in der Arena von Politik und Öffentlichkeit behaupten. Seine gesinnungsethische Emphase trifft auf ein Feld, in dem sich der Sachstreit um Ordnung und Werte, die Ämterrivalität von Politikern und das massenmedial vermittelte Aushandeln der Tagesordnung immer schon überlagern, die Fronten bereits gezogen und die meisten Positionen besetzt sind. Kein Wunder, dass er vor allem das Bündnis mit den Massenmedien sucht. Dort kann er sich als soziale Bewegung und Wertwächter profilieren und erreicht gleichzeitig das Publikum, das er für seine Ziele mobilisieren will. Parallel dazu verändert sich der Tonfall: Um in den Deutungskämpfen der Figuration zu bestehen und die Präsentationslogik der Massenmedien für sich nutzen zu können, müssen die affektiven Polaritäten verschärft, die Argumentationen holzschnittartiger, die Anklagen schriller werden. Mit anderen Worten: Betroffenheit mündet in Agitation und ist fortan in ihrer Mechanik gefangen.

Es sind also keineswegs nur die ideologischen Haltungen und Dispositionen, sondern ebenso die Funktionsimperative und Relevanzstaffelungen des politischen Feldes, die den Überhang an Moralpolemik (mitunter auch: als Moralpolemik gegen Moralpolemik) hervortreiben. Die Diskurse pflanzen sich fort, indem die Omnipräsenz der Erregungsbegriffe das Misstrauen totalisiert und die Rhetorik des Prangers die Sache schließlich verschwinden lässt. Die Perspektive der Opfer wird in diesen Kämpfen gerade nicht repräsentiert. Sie verfolgen den Streit, aber sie finden sich auch in der Sprache ihrer Interessenvertreter nicht wieder. Opfer werden gemieden. Die Geschichte ihres Leidens macht sie auch später zu Außenseitern, die allen die Erinnerung aufzwingen und denen deshalb kaum einer zuhören will. Ihr Problem ist nicht ein Mangel an öffentlicher Präsenz, sondern ein Mangel an Geöffnetheit und Bereitschaft zur Empathie. Aufmerksamkeit und Selbstgerechtigkeit schließen sich aus. Auch die Opfer-Diskurse, die in Wirklichkeit Täter-Diskurse sind, machen da keine Ausnahme.