Wie Pornos die Jugend beeinflussen

Lange Zeit wurden überzeugte Christen, die vor den Gefahren des Pornokonsums warnten, von Alt-68ern und anderen vermeintlich besser aufgeklärten Leuten für ihre Ansichten verlacht: Prüde und verklemmt sei man, wenn man Pornos ablehne. Doch das Buch des Leiters der Berliner Arche, Bernd Siggelkow, und des Journalisten und Pressesprechers des Kinder- und Jugendhilfswerks, Wolfgang Büscher (beide Berlin), hat die Gesellschaft aufgerüttelt. In „Deutschlands sexuelle Tragödie“ schildern sie zwölf Einzelfälle, wie Kinder und Jugendliche nach dem Konsum von Pornografie in jungen Jahren sehr früh sexuelle Erfahrungen gesammelt haben. Immer härter, dauernd wechselnde Partner und immer abartiger scheint dabei die Devise zu sein. Die Eltern lassen dabei ihren Kindern oft freien Lauf. Ist das ein Massenphänomen oder nur einige wenige Extremfälle aus der deutschen Hauptstadt? Tobias-Benjamin Ottmar ging dieser Frage nach.
Zehn Kinder befinden sich im kleinen Örtchen Neukirchen-Vluyn westlich des Ruhrgebiets derzeit in Betreuung von Kirsten Borgwardt und ihren Mitarbeitern. Sie leben in einer Therapiegruppe des Kinder- und Jugenddorfs des Neukirchener Erziehungsvereins. Das diakonische Werk am Niederrhein hat seinen Schwerpunkt in der Kinder- und Jugendhilfe. Die jungen Leute haben alle eins gemeinsam: Bereits im Kindesalter haben sie sich an anderen Kindern sexuell vergriffen. Der Grund: Die meisten wurden selber missbraucht und haben schon vor ihrem zehnten Geburtstag „massiv Pornos konsumiert“, erklärt Borgwardt. In Neukirchen-Vluyn erhalten sie ein einjähriges Therapieprogramm, in der Hoffnung, dass sie nicht wieder rückfällig werden. Seit dem Start des Angebots vor vier Jahren haben 18 Kinder das Programm durchlaufen. Einmal gab es nach der Therapie einen Rückfall.

Verwahrlosung gefährdet Sexualentwicklung

Die Lebensgeschichten der meisten Betroffenen ähneln sich: Oft leiden die Eltern unter Eheproblemen und nehmen sich wenig Zeit, um sich um den Nachwuchs zu kümmern. Meist stammen sie aus einem sozial schwachen Milieu, aber auch „die gestandene Mittelschicht“ ist von der Problematik frühkindlicher Sexualdelikte betroffen. „Die Kinder haben einen unbegrenzten Zugang zu Medien: Manche verbringen acht bis zehn Stunden täglich vor dem Computer.“ Sie sind vernachlässigt, verwahrlost und demzufolge bindungsgestört.

Eltern haben laxe Sexualmoral

Die Anfragen an das Neukirchener Angebot nehmen kontinuierlich zu: Derzeit liegen insgesamt 70 aus ganz Deutschland vor. Ob das bedeutet, dass es immer mehr betroffene Kinder gibt, vermag Borgwardt nicht zu sagen. „Vielleicht wird das Angebot auch einfach bekannter.“ Allerdings stellt sie fest: Die Einstellung zum Thema Sex sei vielfach auch bei den Eltern der betroffenen Kindern gestört. „Es gibt Mütter, die sehen kein Problem darin, wenn sie ihren Nachwuchs nackt filmen und die Aufnahmen weiterverbreitet werden.“

Kinder wollen Pornos nachspielen

Die Fälle aus Neukirchen-Vluyn sind sicher Extreme. Aber die Tatsache, dass junge Leute immer früher Pornos konsumieren, ist statistisch belegt. Ebenso gilt es als sicher, dass das Angucken von Schmuddelfilmen nicht folgenlos bleibt. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sexualwissenschaftliche Sozialforschung mit Sitz in Düsseldorf, Prof. Jakob Pastötter, hat jüngst gemeinsam mit Kollegen von der City University London eine repräsentative Internetstudie durchgeführt, an der knapp 56.000 Frauen und Männer teilgenommen haben. Das Ergebnis eines ersten Teils (26.032 Befragte) der Umfrage: Von den Männern schauen sich knapp 60 % täglich oder wöchentlich einen Porno an, bei den Frauen sind es weniger als 12 %. Das Erschreckende aus Sicht von Pastötter: Mehr als jeder Zehnte von den 16- bis 19-Jährigen gab an, schon im Alter von zehn Jahren Sexfilme angeschaut zu haben. Das seien mehr als doppelt so viele aller befragten Teilnehmer. „Der Zugang zu Pornografie ist wesentlich einfacher geworden und man beginnt deutlich früher, Pornos zu konsumieren“, so Pastötters Fazit. Während Erwachsene die Bilder besser verarbeiten könnten – was nicht heißt, dass der Pornokonsum für sie unproblematisch ist – seien für Kinder solche Filme „keine Frage der Sexualität, sondern eine Frage des Nachspielens.“ Das heißt im Klartext: Wer in jungen Jahren bereits damit konfrontiert ist, neigt dazu, die dort gezeigten Praktiken auszuprobieren – mit dramatischen Folgen. Schließlich wird die Sexualität in pornografischen Filmen laut Pastötter „völlig losgelöst von menschlichen Beziehungen gezeigt. Neben sexueller Lust ist vor allem der Machtaspekt zwischen den Geschlechtern der entscheidende Faktor: Frauen machen willenlos das, was ihnen die Männer vorgeben. Die Männer sind völlig der sexuellen Anziehung der Frau ausgeliefert. Wollen wir ein solches Geschlechterverhältnis wirklich schon den Jüngsten zumuten?“

Neue ethische Standards gefordert

Angesichts dieser Entwicklung fordert er neue ethische Maßstäbe für den Umgang mit Pornografie. Viele Eltern sähen kein Problem darin, wenn ihr Nachwuchs sich die Sex-DVDs anguckt. Da das Zugänglichmachen von solchen Filmen de facto der Entscheidungsfreiheit der Erziehungsberechtigten unterliege, werde von den Strafverfolgungsbehörden selbst bei Anzeigen gegen die Betroffenen nicht dagegen vorgegangen. Deshalb nimmt der Sexualwissenschaftler auch die Medien und Kirchen in die Pflicht. Letztere hätten das Thema Pornografie in den vergangenen Jahren völlig ignoriert – aus Angst, altbacken zu wirken. „Man hat sich hinter die bequemen Aussagen von liberalen Sexualpädagogen versteckt, nach dem Motto: Lasst die Kinder doch ausprobieren.“ Er selbst ist zwar auch gegen eine repressive Erziehung, spricht sich aber für klare Richtlinien aus. Nicht umsonst hat auch der Gesetzgeber ein eindeutiges Verbot formuliert, das verhindern soll, dass Minderjährige sich Pornos anschauen. Die Gefahren und Auswirkungen für die Entwicklung einer jungen Person sind angesichts der Erkenntnisse von Pastötter und seinen Kollegen offensichtlich.

Pornos erzeugen Druck

Ähnlich wie der Sexualwissenschaftler sieht es auch die Kölner Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf, die bereits zahlreiche Bücher zum Thema Sexualaufklärung veröffentlicht hat. Kinder und Jugendliche könnten das, was sie in den Pornos sehen, schlecht einordnen. „Sie denken: ,So ist das Leben’.“ Daraus entständen „fatale Fehlschlüsse, die furchtbaren Druck erzeugen“. Wenn sie dann noch von ihren Eltern vernachlässigt würden, ein mangelndes Selbstwertgefühl oder Probleme im Freundeskreis haben, sei die Wahrscheinlichkeit höher als bei anderen Gleichaltrigen, dass sie früher und mehr sexuelle Erfahrungen sammeln. Ob die Zahl solcher Fälle steigt, kann sie aber nicht sagen. „Dazu gibt es keine aussagekräftigen Studien“, meint sie. Man solle angesichts der nun veröffentlichen Einzelfälle „nicht generalisieren, aber wachsam sein“.

Schon Drittklässler haben Sexbilder auf dem Handy

Für den Leiter Fachstelle für Lebensschutz, Sexualethik und Beziehungsfragen „Schweiz. Weißes Kreuz“,, Ruedi Mösch (Dürrenäsch bei Aarau), steht fest: Wer früher Pornos guckt, wird auch früher sexuell aktiv. Dass bereits Zehnjährige solche Filme und Bilder anschauen, hält er ebenso wie Pastötter nicht für eine Randerscheinung. „Erst kürzlich berichtete mir eine Grundschullehrerin, dass in einer von ihr betreuten dritten Klasse alle Jungs bereits Sexbilder auf ihren Handys hatten.“ Gleichzeitig stelle er fest, dass die 14- bis 17-Jährigen sexuell aktiver sind als noch vor zehn Jahren. Seien es Ende der 90er rund ein Drittel gewesen, habe heute schätzungsweise jeder zweite in diesem Alter bereits sexuelle Erfahrungen gemacht. Die frühe Sexualisierung der Jugend, der Gruppendruck und fehlende Geborgenheit im Elternhaus verstärkten eine solche Entwicklung. Die Folge: Wer früher in die Kiste springt, hat es schwerer sich dauerhaft an einen Partner zu binden. „Es wird auf Impuls gehandelt: Man ist verliebt, geht eine sexuelle Beziehung ein und trennt sich nach einigen Wochen wieder.“

Sind die Eltern Schuld?

„Die meisten Eltern, die zu uns kommen, sind erschrocken darüber, was ihre Kinder schon alles sehen bzw. machen“, sagt Mösch. Nur ein kleiner Teil von ihnen sehe es nicht als tragisch an, wenn die Kinder Pornofilme angucken. Das Problem seitens der Eltern bestehe eher in einer Ahnungslosigkeit als in einer Gleichgültigkeit. „Viele denken, dass Sexualität für einen Zehnjährigen noch kein Thema ist“, sagt Mösch. Doch das sei im heutigen Internet-Zeitalter eine Fehleinschätzung. Er plädiert daher dafür, mit Kindern früher über das Thema Sex zu sprechen und aufmerksam über den Medienumgang des Nachwuchses zu wachen.

Sex zum Thema in der Gemeinde machen

Fazit: Es ist schwer zu sagen, ob Sexpartys von Jugendlichen und gemeinsame „Sex-Abenteuer“ mit anderen Familienmitgliedern – wie sie in Siggelkows/Büschers Buch geschildert werden - ein weit verbreitetes Phänomen sind. Doch Fakt ist, dass immer mehr Personen immer häufiger und immer früher mit Pornos in Berührung kommen. Gleichzeitig nimmt die Zahl von Scheidungskindern stetig zu, die dann mitunter miterleben müssen, wie der Vater oder die Mutter mit wechselnden Partnern verkehrt. Diese Erlebnisse beeinflussen auch die sexuelle Entwicklung von Kindern, darin sind sich alle Befragten einig. Deshalb gilt es, diese Probleme auch im gemeindlichen Umfeld stärker zu thematisieren und nicht wegzugucken, wenn Kinder von ihren Eltern allein gelassen werden und medial verwahrlosen. Die Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendarbeit müssen sensibel dafür sein, wenn beispielsweise die Sprache der Kinder von sexuellen Begrifflichkeiten geprägt ist. Dies kann ein Anzeichen dafür sein, dass die Kinder zuhause mit Pornografie konfrontiert sind. Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs einen verantwortungsvollen Umgang mit den Medien einüben und sie ggf. durch PC-Filterprogramme vor Pornografie aus dem Netz schützen.

Pornos erzeugen Druck

Ähnlich wie der Sexualwissenschaftler sieht es auch die Kölner Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf, die bereits zahlreiche Bücher zum Thema Sexualaufklärung veröffentlicht hat. Kinder und Jugendliche könnten das, was sie in den Pornos sehen, schlecht einordnen. „Sie denken: ,So ist das Leben’.“ Daraus entständen „fatale Fehlschlüsse, die furchtbaren Druck erzeugen“. Wenn sie dann noch von ihren Eltern vernachlässigt würden, ein mangelndes Selbstwertgefühl oder Probleme im Freundeskreis haben, sei die Wahrscheinlichkeit höher als bei anderen Gleichaltrigen, dass sie früher und mehr sexuelle Erfahrungen sammeln. Ob die Zahl solcher Fälle steigt, kann sie aber nicht sagen. „Dazu gibt es keine aussagekräftigen Studien“, meint sie. Man solle angesichts der nun veröffentlichen Einzelfälle „nicht generalisieren, aber wachsam sein“.

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung aus ideaSpektrum 40/2008