Kinsey, Money und mehr

Ein Beitrag zur Debatte über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen

Sehr geehrte Leser, liebe Freunde,

Täglich gab es neue Enthüllungen über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen: Im Januar 2010 war es das Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin, im März die hessische Odenwaldschule mit ihrem langjährigen Leiter, dem evangelischen Theologen Gerold Becker – und dann wurden immer mehr Einrichtungen, Schulen, Vorzeige-Internate und Heime, auch in der ehemaligen DDR, öffentlich angeklagt. Überall hatte es zumeist jahrelangen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen gegeben.

Die Republik war erschüttert – doch was ist davon geblieben? Wo gab es eine tiefergehende Analyse, Forschung nach den Ursachen von Pädophilie, auch im lebensgeschichtlichen Bereich, Forschung nach gesellschaftlichen Strömungen, die Pädophilie verharmlosen und in deren Windschatten Pädophilie als Variante einer „sexuellen Orientierung“ wuchern kann?1

Seit den 1980er Jahren wird sexueller Missbrauch an Mädchen und Frauen in unserem Land zumindest thematisiert. Jetzt waren es aber zu einem großen Teil Jungen, die betroffen sind, viele von ihnen prä-pubertär oder pubertär.2 An der „reformpädagogischen“ Odenwaldschule wurden Jungen zwischen 11 und 16 Jahren missbraucht.

Das vorliegende Heft beschäftigt sich deshalb vorwiegend, keineswegs ausschließlich, mit dem weniger bekannten und bisher auch weniger diskutierten Phänomen des sexuellen Missbrauchs an Jungen.

Verständigung über Pädophilie

Der Artikel Verständigung über Pädophilie des Soziologen Professor Dr. Gerhard Amendt setzt als Auftakt für dieses Heft zugleich den Rahmen für das Thema. Er ist eine grundlegende Verständnishilfe, weil er das Phänomen individuell-lebensgeschichtlich, ideologiekritisch (auch die Gewalt- und Inzestfrage) und in seinen gesellschaftlich-kulturellen Auswirkungen beleuchtet.

Amendt zeigt auch auf, dass die Empathieunfähigkeit, ein Charakteristikum gelebter Pädophilie, nur die Spitze des Eisbergs einer Gesellschaft ist, die insgesamt wenig Einfühlungsfähigkeit hat in das, was Kinder erleben. Sein Artikel ist ein Plädoyer, sexuelle Identitätsbildung allgemein (nicht nur die Bildung einer pädophilen Identität) wieder „familien- und kulturgeschichtlich“ zu verstehen. Pädophiles Verhalten ist für ihn „ein Beispiel… für die kulturzerstörerische Wirkung verfehlter psychischer Erwachsenheit“.

„Wegweisende“ Sexualwissenschaftler und gesellschaftspolitische Strömungen

Kaum wurde in der aktuellen Missbrauchsdebatte thematisiert, dass es seit etwa 50 Jahren eine wachsende Zahl von „wegweisenden“, anerkannten Sexualwissenschaftlern gibt, die eine gesellschaftliche „Normalisierung“ der Pädophilie vorantreiben wollen.

An erster Stelle ist hier Alfred C. Kinsey zu nennen, auf den sich bis heute fast alle gängigen Sexualerziehungsprogramme direkt oder indirekt beziehen.3 Eines der vorrangigen Ziele Kinseys war es zu zeigen, dass Sex zwischen Erwachsenen und Säuglingen oder Kindern völlig normal sei. Ein Teil seiner „Forschung“ ist auf Kinderopfern aufgebaut, deren Qualen Kinsey und seine pädophilen Helfer als normale „wissenschaftliche Daten“ ausgaben. Der Artikel Hört ihr die Kinder weinen? – Alfred C. Kinsey und seine pädokriminellen Helfer weist auf eine zentrale, bisher meist verschwiegene Seite in Kinseys Werk hin. Der Artikel stellt unbequeme Fragen, beispielsweise warum sich die gängige „Sexualaufklärung“ für Kinder und Jugendliche weiterhin an Kinsey orientiert und welche Folgen das für Kinder haben mag.4

Nach Kinsey zählt auch John Money, einst wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kinsey-Institut, zu den einflussreichsten Sexualwissenschaftlern unserer Zeit. Money gilt als Lichtgestalt der Gender Theorien, da er davon überzeugt war, dass Männlichkeit und Weiblichkeit nur soziale Konstruktionen seien. Money setzte sich für eine Akzeptanz sämtlicher sexueller Lebensformen, auch für pädophile, ein. Der spannend und informativ geschriebene Buchabschnitt John Money – ein aufklärerischer Forscher? ist dem Buch von John Colapinto „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“5 entnommen.

Beide Biografien – Moneys und Kinseys – sind Beispiele für das, was man das „erkenntnisleitende Interesse“ nennt: Wissenschaftliche Theorien entstehen nicht einfach im Elfenbeinturm abstrakter Ideen. Der Standort des Wissenschaftlers und seine Lebensgeschichte bilden sein Denken und seine Argumente maßgeblich mit.

Einzelne Personen wie Kinsey und Money können nur dann gesellschaftlich aufgenommen und akzeptiert werden, wenn sie dem Zeitgeist entsprechen, wenn sie Vorreiter und Spiegelung zugleich von gesellschaftlichen Strömungen sind.

Ganz im Sinne Kinseys formierte sich in der westlichen Welt ab den 1970er Jahren eine Homosexuellenbewegung in enger Verknüpfung mit der Pädophilenbewegung, deren beider Ziel eine gleichberechtigte gesellschaftliche Akzeptanz sämtlicher sexueller Lebensformen war. Der Artikel Pädophile Allianzen des Soziologen Konstantin Mascher beschreibt die historischen Allianzen zwischen beiden Bewegungen in Deutschland. Mascher zeigt auf, dass sich Homosexuellengruppen in vielen Fällen nur auf öffentlichen Druck hin von pädophilen Gruppen distanzierten.

Auch heute noch gibt es solche Allianzen, weniger in Gruppierungen als in Personen.

Mascher beschreibt die Positionen von einflussreichen Sexualwissenschaftlern aus dem deutschsprachigen Raum, die pro-pädophile Positionen vertreten und sich für die Akzeptanz sogenannter „einvernehmlicher sexueller Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern“ stark machen. Rüdiger Lautmann, Helmut Kentler6 und Helmut Graupner sind Wissenschaftler, die in der Öffentlichkeit zunächst durch ihr politisches Engagement innerhalb der „schwul-lesbischen-Bewegung“ bekannt wurden. Graupner war im Frühjahr 2010 einer der offiziellen Gutachter vor dem Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages, als es um das Thema „sexuelle Identität“ ging.

Die Verständnisbegriffe der Pädophilenbewegung und die Würde des Kindes

In zentralen Verständnisbegriffen der Pädophilenbewegung und ihrer wissenschaftlichen Vertreter wird unsere Sprache umgedeutet. Angeblich gibt es „gute“ und „böse“ Pädophilie. Nur die „böse“ sei abzulehnen. Die „gute“ wird oft als „intergenerationale sexuelle Beziehung“ bezeichnet. Sie sei „gewaltfrei“, „einvernehmlich“, „schade nicht“, und das Kind könne „autonom“ bestimmen, ob es den sexuellen Kontakt will.

Tatsächlich zeigt diese Beschreibung aber nur die verzerrte Wahrnehmung von Pädophilen. Auch pädophile Handlungen, die auf körperliche Gewalt verzichten, sind strukturelle Gewalt. Sexueller Kontakt eines Erwachsenen zu einem Kind ist immer Missbrauch, d.h. eine Form von Gewalt: Ausbeutung der natürlichen Stärke und Überlegenheit des Erwachsenen gegenüber dem (immer!) schwächeren Kind, und Ausbeutung des für ein Kind lebensnotwendigen Bedürfnisses nach Zuneigung und Zuwendung. Gerade weil das Kind – anders als ein Erwachsener – auf Bindung und Zuwendung existentiell angewiesen ist, ist die Vorstellung, ein Kind könne „autonom“ nein sagen, irrig. Und „einvernehmlich“ können die Kontakte auch nicht sein, denn sie übergehen die entwicklungspsychologisch bedingte Unfähigkeit des Kindes zu einer gleichberechtigten Einwilligung. Sie kann nicht „gleichberechtigt“ sein, denn es gehört zum Kind, dass es die Erwachsenen-Bedeutung von Sexualität in all seinen Zusammenhängen weder verstehen noch einordnen kann.7

Und: sexueller Missbrauch „schade nicht“?

Wer sich mit Einzelschicksalen missbrauchter Kinder oder Jugendlicher befasst hat, ist meist erschüttert über oft lebenslange, manchmal versteckte Folgen von sexuellem Missbrauch.8 David Finkelhor9, Professor für Soziologie und Experte auf dem Gebiet des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, nennt einige der häufigeren Folgen: Verwirrung über die eigene sexuelle Identität; Unfähigkeit, liebevolle Zuwendung von Sex zu unterscheiden; Verwirrung über das, was Geben und Nehmen in einer Beziehung ist; Schuld- und Schamgefühle; Ängste; geringes Selbstwertgefühl; Depressionen; erhöhte Gefährdung für Drogen-, Medikamenten- oder Alkoholabhängigkeit; Unfähigkeit, die Vertrauenswürdigkeit anderer angemessen einzuschätzen; zwanghaftes sexuelles Verhalten.10

Auch wenn Einzelne vielleicht sagen, der Missbrauch habe ihnen nicht geschadet, so ist das Verbot von Pädophilie doch mehr als gerechtfertigt, meint Finkelhor. Und zwar aus grundsätzlichen moralischen Überlegungen, die mit unserem Menschenbild und der Unantastbarkeit der menschlichen Würde zu tun haben. Es habe vielleicht auch Sklaven gegeben, so Finkelhor, die sagten, ihnen sei es gut gegangen. Dennoch: Aufgrund unseres Menschenbildes lehnen wir Sklaverei nicht nur meistens, sondern immer ab.11 Ebenso ist es mit der Pädophilie: Sexuelle „Erwachsenen-Kind-Kontakte“ sind immer Unrecht, denn sie stellen grundsätzlich einen Angriff auf die Integrität des Kindes und damit auf seine unantastbare Würde dar.

Pädophilie, Ephebophilie und Päderastie

Ausgangspunkt des Artikels Homosexuelle Pädophilie, Ephebophilie, Androphilie und Päderastie von Dr. Gerard van den Aardweg ist der in den letzten Jahren aus der katholischen Kirche der USA bekannt gewordene Missbrauchsskandal. Die dort umfangreich und systematisch erhobenen Daten ergaben, dass 81% der Missbrauchsopfer minderjährige Jungen waren; und von ihnen wiederum der allergrößte Teil zwischen 11-17 Jahren. Obwohl in den Medien meist nur von „Pädophilie“ die Rede war, ging es, was die Jungen anbetrifft, in den meisten Fällen um Ephebophilie. Unter Ephebophilie versteht man eine Variante der Homosexualität: die erotisch-sexuelle Neigung von erwachsenen Männern zu Jungen in der Pubertät/Adoleszenz.

Van den Aardweg, langjährig-erfahrener Psychoanalytiker und Psychotherapeut, geht in seinem Artikel insbesondere auf die psychische Struktur von Ephebophilen und homosexuellen Pädophilen ein. Er zeigt Unterschiede, vor allem aber lebensgeschichtliche Gemeinsamkeiten auf. Begründet warnt er vor jeder Aufweichung des bestehenden Schutzalters von 14 (bzw. 16) Jahren.

Kulturelle Entwicklung und das Leitbild der Ehe

Der letzte Artikel Das Geschenk des Judentums an unsere Kultur des jüdischen Autors Dennis Prager geht auf die normative Frage der Sexualität ein: Sexualität ist nicht nur etwas Privates, sie „spielt eine Rolle im Aufbau oder in der Aushöhlung“12 einer Kultur. Deshalb ist die Frage nach Ehe und Familie und nach ihrer kulturellen Bedeutung so entscheidend.

Die Ehe, so sagte der jüdisch-christliche Denker Eugen Rosenstock-Huessy, ist nichts Natürliches, sie ist der (faktischen) Natur des Menschen abgetrotzt. Genau dies zeigt Prager historisch auf: Wenn Zukunft entstehen soll, braucht es diese kulturelle Leistung des „Abtrotzens“. Ehe und Familie gelingen kulturell nicht einfach „neben“ zahlreichen anderen sexuellen Lebensformen, sondern nur da, wo auf anderes auch verzichtet wird.

Verschiedene „sexuelle Identitäten“ und auch Pädophilie sind nicht einfach „gegeben“ und angeboren. Umso mehr braucht es die Ehe als kulturelles Leitbild, damit (oft verunsicherte13) Kinder und Jugendliche Orientierung finden und sich danach ausstrecken können.

Wie keine andere Gemeinschaft trägt die Ehe zum Zusammenhalt, zur Stabilität, zum Frieden und damit zur kulturellen Entwicklung einer Gesellschaft bei.

Die Opfer nicht vergessen

Die Berichte aus jüngster Zeit zeigen: Es hat Jahre bis Jahrzehnte gedauert, bis einige Missbrauchsopfer endlich wagten, über das ihnen Angetane zu sprechen. Jetzt kam wenigstens ein kleiner Teil ihrer Leiden an die Öffentlichkeit. Eine humane Gesellschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie die Opfer nicht wieder aus dem Auge verliert, sie schützt und unterstützt und eine Atmosphäre schafft, in der die Opfer und ihr reales Leid ernster genommen werden als bisher.


  1. Zwei aktuelle Beispiele für letzteres: Auf der Website für Jugendliche „Du bist nicht allein“ (www.dbna.de), die für ein homosexuelles und bisexuelles Coming out von Jugendlichen wirbt, sind in der Rubrik „Neue Jungs“ nicht nur 14jährige zu finden, sondern immer wieder auch 13jährige Jungen. mein.dbna.de/index.php Zugriff 20.08.2010. 2003 veranstaltete die Amerikanische Psychiatervereinigung (APA) in San Francisco ein Symposium, auf dem erwogen wurde, ob nun nicht auch Pädophilie von der Liste psychischer Störungen zu streichen sei. Die Wissenschaftler, die dies befürworteten, argumentierten, dass Pädophilie einfach eine weitere sexuelle Orientierung sei und Pädophile nicht krank seien. 

  2. Laut Kriminalstatistiken über Pädophilie sind 75% der Missbrauchsopfer Mädchen, 25% Jungen. www.sexmedpedia.com/artikel/paedophilie-ursachen-formen-behandlung 

  3. Eine bedeutsame Ausnahme ist beispielsweise Teenstar: www.teen-star.de 

  4. Ein Internetforum für Jugendliche, schreibt über Bisexualität „Im Jahre 1948 veröffentlichte der US-amerikanische Zoologe und Sexualforscher Dr. Alfred Charles Kinsey eine Studie über die menschliche Sexualität. Sie brachte Überraschendes zu Tage: Demnach seien 90-95% der Menschen zu einem gewissen Grad bisexuell, die wenigsten würden nur über eine oder gar keine sexuelle Neigung verfügen. In späteren Studien sank dieser Anteil aber stetig.“ www.dbna.de/lieben/sex/070105-bisexualitaet.php Zugriff 20.08.2010. Siehe Fußnote 1 und 13. 

  5. Colapinto, J., Der Junge, der als Mädchen aufwuchs, München 2002 (englisch: As Nature Made Him, HarperCollins, New York 2000). 

  6. Helmut Kentler verstarb 2008. 

  7. Siehe dazu: Finkelhor, D., Child Sexual Abuse, Chapter 2: Sexual Abuse as a Moral Problem. www.ipce.info/library_3/files/fink_csa_ch2.htm 

  8. Zu den Folgen beim Missbrauch von Jungen ist informativ: Küssel, M. et al., „Ich hab auch nie etwas gesagt“ – Eine retrospektiv-biografische Untersuchung zum sexuellen Missbrauch an Jungen.“ Prax. Kinderpsycholog. Kinderpsychiat. 42, 1993, S. 278-284. Dort heißt es u.a.: „Der sexuelle Missbrauch kann für betroffene Jungen unter anderem eine erhebliche Bedrohung ihrer männlichen Geschlechtsidentität bedeuten.“ Es geht um „Konfusion der sexuellen Identität“ aber auch um Verwirrung der Geschlechtsidentität: „‚Himmel, ich habe keine Männlichkeit mehr (…) er hat aus mir eine Frau gemacht.‘“ Bei der Therapie sind vor allem „zwei Punkte“ zu berücksichtigen: „a) die mögliche Konfusion der Geschlechtsidentität und b) die (unter Umständen) brüchige Stabilisierung durch Verdrängungs- Verleugnungs- und Bagatellisierungsprozesse.“ 

  9. http://www.unh.edu/ccrc/researchers/finkelhor-david.html 

  10. Aus: Finkelhor, D., A Sourcebook on Child Sexual Abuse, Sage Publ., Newbury Park 1986. Zit. nach: NARTH: The Problem of Pedophilia. www.narth.com/docs/pedophNEW.html 

  11. Siehe Fußnote 7. 

  12. Prager, D. Judaism’s Sexual Revolution, siehe letzter Absatz. www.catholiceducation.org/articles/homosexuality/ho0003.html 

  13. Ein Beispiel für eine gezielte Verunsicherung aus einem Internet Jugendforum: „Leider ist es ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, bisexuelle Menschen könnten sich einfach für kein Geschlecht entscheiden. Wer sich nach der Pubertät zu Männern und Frauen hingezogen fühlt, der hat seine sexuelle Lebensweise bereits gefunden. Denn bisexuell zu sein ist genauso normal wie homo- oder heterosexuell zu sein. Trotzdem fördert unsere Kultur vor allem die Heterosexualität. (…) Daher gibt es in unseren Breitengraden auch mehr Heterosexuelle als Homo- oder Bisexuelle Menschen. Bei einer ganzen Reihe so genannter Naturvölker sieht es da teilweise ganz anders aus. Dort ist es üblich, alle Varianten der Sexualität zu kultivieren und zu leben.“ www.dbna.de/lieben/sex/bisexualitaet.php Zugriff 20.08.2010. Siehe Fußnote 1 und 4.