Sexualethik(en) im Umbruch

"Ehe für alle" als apologetischer Stresstest

„Auch das lauteste Getöse großer Ideale darf uns nicht verwirren
und nicht hindern, den einen leisen Ton zu hören,
auf den alles ankommt.“

– Werner Heisenberg

Sehr geehrte Leser, liebe Freunde!

Es gehört wohl zu den elementaren Bedürfnissen des Menschen, zu wissen, wo er sich innerlich verorten kann und welchem Impuls er folgen soll. Je präziser er dazu imstande ist, umso besser ist es um ihn und die Beziehungen, in denen er lebt, bestellt.

Orts- und Impulsbestimmung

Der Physiker Werner Heisenberg machte die bahnbrechende Entdeckung, dass man nie gleichzeitig den Ort und den Impuls eines Elementarteilchens bestimmen kann. Ähnliches beobachten wir in der sexualethischen Debatte unserer Tage. Konnte man früher zumindest noch die eigene Standortbestimmung und Impulsbestimmung relativ präzise herleiten, scheint mit der rasanten Entwicklung des Diskurses beides – jeweils einzeln und gleichzeitig – kaum mehr möglich. Eine ideologisch gewollte Unschärfe dessen, worauf sich Identität gründet, eine politisch geförderte Dekonstruktion der Geschlechterdualität und die medial inszenierte Geschlechtervielfalt sind die Impulsbestimmer unserer Zeit.

Diskursgetöse

Der konservative sexualethische Konsens, der noch vor wenigen Jahren im evangelikalen und katholischen Milieu weitgehend verbürgt schien, bricht nun mit ungeahnter Wucht auf. Die Segnung homosexueller Paare in über 100 katholischen Gemeinden und die Kontroverse in der Evangelischen Allianz Deutschland markieren die Grenzverschiebung in der anthropologisch-theologischen Deutung von Identität und Sexualität. In dem Getöse der Ideale, die verwirren, gilt es auf die grundlegende Intonation zu hören, die diese Debatte bestimmt.

Umgepolte Ortsbestimmung

Das Buch Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama (Francke : Marburg 2020) des Psychiaters und Seelsorgers Dr. med. Martin Grabe schlug in der Evangelischen Allianz ein wie eine Bombe. Es zeitigt eine jähe Verschiebung der sexualethischen Ortsbestimmung, die die evangelische Kirche über viele Jahrzehnte und nur scheibchenweise vorgenommen hatte: Die Ehe für alle. Írisz Sipos analysiert unter kulturkritischer Fragestellung die vorder- und hintergründigen Denk- und Deutungsfiguren von Grabes Buch und den darin nachvollzogenen Paradigmenwechsel in der evangelikalen Welt. Pointiert formuliert sie die anthropologischen Fixpunkte des biblisch-christlichen Narrativs, auf die es bei einer der Zukunft der kommenden Generation verpflichteten Revision der sexualethischen Koordinaten ankommt.

Die Argumentationshilfe (Mai 2021) des Arbeitskreises Christliche Anthropologie unter der Federführung des katholischen Theologen und Publizisten Bernhard Meuser flankiert diese Gedanken auf der Grundlage einer Theologie des Leibes nach Papst Johannes Paul II., die in den Zerreißproben, in denen sich gegenwärtig auch der Katholizismus in Deutschland befindet, Orientierung bieten kann. Die Autoren bringen auf den Punkt, was Kirche tun kann und lieber lassen sollte. Meusers Appell zur Erneuerung seiner skandalgebeutelten Kirche, die er in dem Buch Freie Liebe (fontis : Basel 2020) autobiographisch ergründet und ethisch entfaltet, kommentiert – ganz im Sinne einer geistlichen Ökumene – sein reformierter Kollege, der Chrischona-Pastor Paul Bruderer.

Prägender Impulsgeber

Einer der wirkmächtigsten Impulsgeber der Nachkriegszeit in Fragen um Geschlecht, Identität und Macht war der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984). Die tiefen Spuren seines Denkens durchziehen sozialwissenschaftliche, politische und bildungspolitische Diskurse. Ungeachtet der Skandale um seine Person, die dieser Tage in den Medien thematisiert werden, ist die Prägekraft seiner Ideen ungebrochen und aus den queeren identitätspolitischen Setzungen unserer Tage nicht wegzudenken. Die Erziehungswissenschaftlerin Silke Edelmann fasst seine Thesen über Wahrheit und Diskurs zusammen und stellt sie in den Kontext aktueller Entwicklungen.

In eigener Sache

Die Funkstille aus dem DIJG hat einige Freunde und Unterstützer verunsichert. Sie ist der einfachen Tatsache geschuldet, dass sich das Institut personell und thematisch in einem Übergang befindet. Dr. med. Christl R. Vonholdt, die es mehrere Jahrzehnte leitete und prägte, ist in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Jeppe Rasmussen, der zeitweise die Leitung und Verantwortung des Institutes übernommen hatte, wechselte auf Anfrage der OJC, die als Träger des DIJG fungiert, in einen anderen Arbeitszweig in leitender Position. Die daraus resultierende Vakanz möchten wir u.a. mit diesem Heft überbrücken, in der Hoffnung, dem apologetischen Auftrag der OJC durch das Institut auch künftig nachkommen zu können. Als deren vormaliger wissenschaft licher Mitarbeiter ist es mir ein persönliches Anliegen, dass dieser unabhängige „Think-Tank“ seine Arbeit fortführen kann. Bleiben Sie mit uns verbunden!

Mit freundlichen Grüßen

Konstantin Mascher
Prior der Offensive Junger Christen
Reichelsheim, den 20. Mai 2021